Politik

Jod-131: Rätselhafte Erhöhung der Radioaktivität in Europa

Lesezeit: 3 min
21.02.2017 00:19
Das Bundesamts für Strahlenschutz gibt an, dass an verschiedenen Spurenmessstellen in Europa, darunter auch an der des BfS in Freiburg, Nachweise von Jod-131 in der bodennahen Luft festgestellt worden seien. Eine Gefahr für die Gesundheit bestehe nicht.
Jod-131: Rätselhafte Erhöhung der Radioaktivität in Europa

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..

In Finnland und Norwegen wurde im Januar eine viermal höhere Zunahme von radioaktivem Jod-131 gemessen. Es ist unklar, woher die erhöhte Radioaktivität kommt. Die Luftfilterstation im norwegischen Svanhovd war die erste Station, die in der zweiten Januarwoche Jod-131 gemessen hatte. Die Station befindet sich wenige hundert Meter von der norwegischen Grenze zur russischen Kola-Halbinsel im Norden. Kurz darauf wurde auch im finnischen Rovaniemi/Lappland Jod-131 gemessen. In den darauffolgenden zwei Wochen wurden auch in Deutschland, Frankreich und Spanien Spuren von Radioaktivität in kleinen Mengen gemessen. Während Norwegen das erste Land war, das einen Anstieg der Radioaktivität gemessen hatte, war Frankreich das erste Land, das die Öffentlichkeit über sein Institute de Radioprotection et de Süreté Nucléaire (IRSN) informierte.

Eine Sprecherin des Bundesamts für Strahlenschutz sagte den Deutschen Wirtschafts Nachrichten: „An verschiedenen Spurenmessstellen in Europa, darunter auch an der des BfS in Freiburg, wurden Nachweise von Jod-131 in der bodennahen Luft festgestellt. Die Aktivitätskonzentrationen lagen/liegen im Bereich von millionstel Becquerel pro Kubikmeter und darunter. Nachweise von Jod-131 gab es zunächst in der 2. Kalenderwoche 2017 in Nord-Norwegen, und Finnland, sowie der Republik Tschechien und in den folgenden Wochen auch in Deutschland, Frankreich und Spanien. Allerdings ist eine Rekonstruktion eines möglichen Ursprungsortes kaum möglich. Eine mögliche Quelle ist zurzeit nicht bekannt. Es handelt sich um extrem niedrige Werte, die nur von hochempfindlichen Detektoren überhaupt registriert werden und die keinerlei Anlass zur Besorgnis geben. Derartige Nachweise sind nichts Ungewöhnliches und wurden auch in der Vergangenheit schon beobachtet, meistens im Winter bei stabilen Hochdruckwetterlagen mit geringen Windgeschwindigkeiten und Inversion.“

Die Leiterin der Abteilung für Notfallvorsorge bei der Norwegischen Strahlenschutzbehörde, Astrid Liland, sagte dem Barents Observer, dass die gemessenen Werte keine gesundheitlichen Probleme hervorrufen würden. „Wir messen von Zeit zu Zeit kleine Mengen an Radioaktivität in der Luft, da wir sehr empfindliche Messgeräte haben. Die Messungen bei Svanhovd im Januar waren sehr, sehr niedrig. So war es auch bei den Messungen in Finnland. Die Messniveaus sind für Mensch und Umwelt nicht besorgniserregend“, zitiert der Barents Observer Liland, die einen Überblick über 33 norwegische Messstationen hat. In Svanhovd zeigen die Messungen im Zeitraum vom 9. bis 16. Januar ein Niveau von 0,5 Mikro Becquerel pro Kubikmeter Luft (μBq / m3). In Frankreich war die Radioaktivität wesentlich niedriger und lag bei 0,1 bis 0,31 pro Kubikmeter Luft (μBq / m3). Ebenso waren die in Finnland gemessenen Werte mit 0,27 μBq / m3 in Rovaniemi und 0,3 μBq / m3 in Kotka niedriger als in Nord-Norwegen. Finnlands Strahlen- und Nukleare Sicherheitsbehörde (STUK) beschloss, dem französischen Beispiel zu folgen und eine Pressemitteilung über die erhöhte Radioaktivität zu veröffentlichen.

Astrid Liland konnte bisher keine Aussagen über den Ursprung der Radioaktivität treffen. Zum Zeitpunkt der Messungen habe ein raues Wetter vorgelegen, so dass es nicht möglich ist, die Messungen rückwirkend zu lokalisieren.

„Messungen aus mehreren Orten in Europa könnten darauf hindeuten, dass es aus Osteuropa kommt (…). Im nördlichen Norwegen, Nordfinnland und Polen wurden in der zweiten Woche erhöhte radioaktive Jodwerte in der Luft – und in anderen europäischen Staaten in den folgenden zwei Wochen“, so Liland. Jod-131 in der Luft könnte von einem Vorfall in einem Kernreaktor stammen. Das Isotop wird auch in der Medizin genutzt und mehrere Länder produzieren Jod-131.

Alle Betreiber von Kernreaktoren oder Institutionen, die Jod-131 für medizinische Zwecke verwenden, haben Detektoren für externe Freisetzungen von Radioaktivität.

Nukleare Anlagen, in denen die Radioaktivität erstmals entdeckt wurde, umfassen Finnland, Schweden und Russland – zusätzlich zu Schiffen auf der russischen Kola-Halbinsel und dem Weißen Meer.

Ein Sprecher des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit sagte den Deutschen Wirtschafts Nachrichten: „Die Sicherheit der Reaktoren in Deutschland wird entsprechend den Anforderung an Wissenschaft und Technik sehr gut gewährleistet und unterliegt der regelmäßigen Überprüfung durch die zuständigen Behörden in Bund und Ländern. Für die nukleare Sicherheit im jeweiligen Hoheitsgebiet ist jeder Staat eigenverantwortlich. Zur Qualität der Atomaufsicht anderer Länder äußern wir uns nicht. Mit allen Nachbarstaaten, die auf ihrem Gebiet Kernkraftwerke betreiben, unterhält das Bundesumweltministerium bilaterale Beziehungen für den gegenseitigen Informationsaustausch und für Belange des Notfallschutzes.“

Währenddessen ist in Großbritannien am 17. Februar das US-Flugzeug WC-135 „Constant Phoenix“. Dabei handelt es sich um ein Spezialflugzeug der U.S. Airforce zur Messung von Radioaktivität und zur Identifizierung von Nuklearexplosionen, berichtet The Aviationist.

Das Flugzeug wird in die Arktis-Region weiterfliegen. Obwohl sie den europäischen Luftraum ab und zu durchqueren, ist ihr aktueller Einsatz in Europa seltsam. Bisher gab es keine offizielle Erklärung des US-Militärs über die Gründe, warum solche Atomforschungsflugzeuge derzeit eingesetzt werden. Allerdings deuten viele Quellen darauf hin, dass das Flugzeug mit der Untersuchung der Jod-131-Befunde in Nordeuropa, die Anfang Januar festgestellt wurden, beauftragt wurde, so The Aviationist. Zuvor wurde die WC-135 nach dem Tschernobyl-Unglück im Jahr 1986 und nach der Atomkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 eingesetzt.


Mehr zum Thema:  

DWN
Politik
Politik DWN-Interview mit Fabio De Masi: „Die Sanktionen schaden uns mehr als Russland.“
27.05.2024

Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten im Gespräch mit Fabio De Masi, Spitzenkandidat des BSW für die Europawahl, über die Cum-Ex-Affäre,...

DWN
Politik
Politik Habecks Wasserstoff-Strategie: dumm, dümmer, deutsche Energiewende
27.05.2024

Die Wasserstoff-Ziele der Bundesregierung rücken in weite Ferne. Bislang wurde nur ein winziger Bruchteil der geplanten Kapazitäten...

DWN
Immobilien
Immobilien Welche Bau-Krise? Frankfurt will Skyline verdoppeln und 14 neue Türme bauen
27.05.2024

Keine andere Stadt hat so sehr vom Brexit profitiert wie Frankfurt am Main. Über Nacht ist die Bankenmetropole mit dem EU-Austritt der...

DWN
Politik
Politik WHO startet Jahrestreffen ohne Einigung auf Pandemie-Abkommen
27.05.2024

Der Auftakt war alles andere als erfolgreich. In Genf treffen sich 194 Nationen zur 77. Welthauptversammlung der WHO. Die...

DWN
Politik
Politik Entfremdet: Warum Trump gerade auf dem Land so viel Erfolg hat
27.05.2024

Trotz teils wenig konstruktiver Politikvorschläge ist Donald Trump besonders in ländlichen Regionen der USA sehr beliebt. Das allein mit...

DWN
Technologie
Technologie Klimasatellit „Earthcare“ scannt Atmosphäre - „Das hat sonst keiner“
27.05.2024

Das Wissen über die Erdatmosphäre ist lückenhaft. Ein neuer Esa-Satellit soll die Lücken schließen. Nun steht „Earthcare“ vor dem...

DWN
Politik
Politik Kurze Sätze, einfache Wörter: Leichte Sprache hilft Millionen Menschen
27.05.2024

Amtsdeutsch, kaum Verständliches aus Medizin oder Politik, Schachtelsätze: Es geht einfacher, sagen viele - und fordern mehr Leichte...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Kurzfristige Stromausfälle schädigen die deutsche Wirtschaft
27.05.2024

Auch kurze Stromausfälle können in Unternehmen schwere Schäden anrichten. Eine neue Studie der DIHK zeigt, dass 70 Prozent der deutschen...