EZB stemmt sich vehement gegen Crash im Bond-Markt

An den Kapitalmärkten wächst vor den wichtigen Wahlen in Frankreich und den Niederlanden die Skepsis. Ausdruck des Unbehagens ist die unterschiedliche Entwicklung der Staatsanleihen in Europa.

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An den Kapitalmärkten wächst offenbar das Misstrauen bezüglich der Situation in der Eurozone. Abzulesen ist dies an der unterschiedlich verlaufenden Entwicklung der Anleihe-Renditen. Diese spiegeln die Einschätzung der Geldgeber bezüglich einer möglichen Zahlungsunfähigkeit des Schuldnerlandes wieder – je höher die Renditen sind, desto schlechter steht es um die Bonität des Staates.

In den vergangenen Monaten hatten sich die Renditen von französischen, italienischen und spanischen Papieren deutlich von der Renditeentwicklung als sicherer geltender Staaten wie Deutschland, Österreich oder den Niederlanden abgekoppelt.

Bei Anleihen mit zehn Jahren Laufzeit beträgt der Unterschied zwischen den Renditen („Spreads“) zwischen deutschen und französischen Papieren derzeit etwa 0,63 Prozentpunkte, nachdem dieser zu Jahresbeginn bei etwa 40 Prozentpunkten lag. Anfang 2016 lagen die Renditen noch etwa gleichauf.

Dem Anlagestrategen Robert Tipp zufolge ist der Abstand zwischen den Renditen deutscher und französischer Anleihen derzeit so groß wie seit Anfang der 1990er Jahre nicht mehr, sieht man vom Jahr 2012 einmal ab. „Der Markt nimmt einen Sieg von Le Pen sehr ernst und preist eine kleine aber signifikante Wahrscheinlichkeit sehr hoher Verluste ein. Die Politik, die sie vorgeschlagen hat, könnte für den Anleihemarkt verheerend sein“, zitiert ihn Pensions & Investments. Die Vorsitzende des Front National, Marine Le Pen, hatte einen Austritt aus dem Euro sowie aus der Europäischen Union im Falle eines Wahlsieges in Aussicht gestellt.

Der Abstand zwischen italienischen und deutschen Renditen zehnjähriger Anleihen liegt derzeit bei 1,8 Prozentpunkten, nachdem er Ende Februar auf über 2 Prozentpunkte angestiegen war. Zu Jahresbeginn waren es noch etwa 1,6 Prozentpunkte. Auch der Abstand zu amerikanischen und britischen Papieren hat sich beträchtlich ausgeweitet. „Verglichen mit Bundesanleihen rentieren US-Staatsanleihen mit 1,95 Prozentpunkten mehr, so viel wie zuletzt zur Zeit der deutschen Wiedervereinigung. Verglichen mit britischen Anleihen beträgt der Abstand 1,25 Prozentpunkte und damit so viel wie noch nie, schreibt die Financial Times.

„Die Politik hat im vergangenen Quartal die Finanzmärkte wieder in ihren Bann gezogen und ihre Dominanz über die Wirtschaft gesichert“, schreibt die Weltbank in einem am Montag erschienenen Bericht. Zwischen einzelnen Anlageklassen, Regionen und Sektoren gäbe es nun deutlich mehr Unterschiede als in den vom „Herdentrieb“ gekennzeichneten zurückliegenden Jahren. Die Einflussmöglichkeit der Zentralbanken, darauf zu reagieren, nehme ab.

Der Zufluss von Kapital in deutsche Anleihen bewirkt, dass das Schuldenmachen für die Regierung in Berlin immer lukrativer wird. Wertpapierhändlern und Zinsexperten zufolge tragen dazu auch die angepassten Regeln der Europäischen Zentralbank bei, die es der EZB erlauben, im Zuge ihres Anleihe-Kaufprogramms kurzlaufende Anleihen mit einer stark negativen Verzinsung zu erwerben. Die Folge: Erstmals wurde bei der Auktion einer zweijährigen Bundesanleihe eine Negativ-Rendite von minus 0,92 Prozent erzielt. Das bedeutet, dass Investoren Deutschland fast ein Prozent dafür bezahlen, dem Staat Geld leihen zu dürfen. „Jeder Händler will diese Papiere erwerben, weil er sie der Zentralbank weiterverkaufen will“, erklärt DZ-Bank-Analyst Rene Albrecht. Die Euro-Wächter hatten im Dezember beschlossen, auch Bonds mit einer Laufzeit von einem Jahr zu erwerben und nicht nur solche mit Laufzeiten zwischen zwei und 30 Jahren. Auch für Käufe von Anleihen mit Renditen unter dem sogenannten Einlagenzins von aktuell minus 0,4 Prozent gab der EZB-Rat den Weg frei. Damit hat die Notenbank eine breitere Auswahl. Drohende Engpässe am Markt sollen so verhindert werden. Im Januar wurden dann auch erstmals Bundesanleihen mit Renditen unterhalb des Einlagensatzes in die Bücher genommen. In der vergangenen Woche hatten solche Titel am Markt mit minus 0,964 Prozent bereits so niedrig rentiert wie noch nie. Viele Banken gehen davon aus, dass die Währungshüter bald an das von ihr selbstgesetzte Limit stoßen, das es ihnen verbietet, mehr als 33 Prozent der Anleiheschulden eines Euro-Landes zu halten.

„Das Fazit lautet, dass der EZB die zu kaufenden deutschen Anleihen ausgehen und dass das Programm an seine Grenze stößt“, so Kim Liu vom Bankhaus ABN Amro. Sollte die Bundesbank in dem Umfang weiterkaufen wie bisher, könnten die Grenzen bereits im Juni erreicht werden. Allerdings hat der Bund signalisiert, bei Bedarf zusätzliche Anleihen auszugeben, um Verwerfungen an der Börse zu verhindern. Die EZB kauft seit März 2015 Staatsanleihen der Euro-Länder. Zuletzt wurde das Programm im Dezember verlängert und soll jetzt bis Ende 2017 laufen. Dadurch steigt das Gesamtvolumen inklusive anderer Wertpapiere wie Regionalbonds oder Firmenanleihen um 540 Milliarden auf 2,28 Billionen Euro.

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