China versucht Aufstechen der Schulden-Blase ohne Crash

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
 
Lesezeit: 3 min
28.03.2017 23:48
China kämpft mit der ungebremst weiter steigenden Verschuldung seiner Banken. Erste Maßnahmen der Zentralbank, die Finanzierungsbedingungen zu erschweren, haben bereits beinahe zu einer Insolvenzwelle geführt.
China versucht Aufstechen der Schulden-Blase ohne Crash

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

[vzaar id="9709383" width="600" height="338"]

Der Bankensektor der Volksrepublik China zeichnet sich durch eine hohe und weiter ansteigende Verschuldung aus. Weil die Chinesische Volksbank seit Mitte des vergangenen Jahres die Finanzierungsbedingungen für Geschäftsbanken erschwert, droht eine Insolvenzwelle in der Schulden-Blase bei den kleineren, häufig stark verschuldeten Banken.

Erst vor wenigen Tagen musste die Zentralbank in einer nächtlichen Intervention in großem Umfang Kapital in den Markt pumpen, um eine Reihe kleinerer Institute vor dem Zahlungsausfall zu bewahren. Diese waren in Folge der Leitzinserhöhungen der Notenbank in Rückzahlungsschwierigkeiten für Kredite geraten, die sei bei anderen Banken am Markt aufgenommen hatten.

Analysten der Deutschen Bank haben die Situation chinesischer Banken nun in einem kürzlich erschienenen Bericht umfangreich untersucht und illustriert. Sie rechnen damit, dass die Zentralbank die Finanzierungsbedingungen auf absehbare Zeit weiter verschärfen wird, weil sie sich den Risiken der hohen Verschuldung vieler Banken bewusst geworden ist. Zu den Gründen für die steigenden Leitzinsen gehört auch der Kampf gegen die seit Jahren zu beobachtende Kapitalflucht.

„Es scheint darauf abzuzielen, eine Blase am Immobilienmarkt zu kontrollieren. Es könnte sich auch um eine Maßnahme handeln, die Abwertung des Yuan zu stoppen, aber das bleibt abzuwarten. Alles in allem kommt es als ein Schachzug herüber, das Leitzinsniveau zu erhöhen, um einen breit gefassten Umschwung bei der Geldpolitik zu begleiten“, wird Naoto Saito vom Daiwa Institute of Research in Tokio von Reuters zitiert.

Abzuwarten bleibt, wie sich die Verschärfung der Geldpolitik auf die hochgradig verschuldeten Banken des Landes auswirken wird. „Die chinesische Geldpolitik wandelte sich seit dem zweiten Halbjahr 2016 schrittweise zu einem restriktiveren Kurs. Mit verschiedenen Zinserhöhungen wirkte die Volksbank auf die Verbindlichkeiten der Banken ein und zog nach dem Chinesischen Neujahr Liquidität aus den Märkten ab. Zugleich wirkte sie auch auf die Forderungsseite der Bilanzen der Kreditinstitute ein, indem sie strengere Liquiditätsvorschriften und Strafen einführte“, heißt es in dem Bericht.

Als Folge davon sind die Leitzinsen gestiegen, zu denen sich Banken in China gegenseitig Geld leihen. Die Repo-Rate für Kreditgeschäfte mit 7 Tagen Laufzeit – dem Finanzblog Zerohedge zufolge ein wichtiger Indikator für die Liquidität im Markt – ist im laufenden Jahr mehrfach über die Obergrenze von 3,45 Prozent gestiegen. Der Kurs für Depositenzertifikate – Einlagenpapiere, die von Banken zur kurzfristigen Finanzierung ausgegeben werden – ist auf 4,6 Prozent gestiegen und liegt damit bereits 1,8 Prozentpunkte über dem Tiefstwert aus dem Vorjahr.

„Seit der Einführung von Interbank-Depositenzertifikaten im Jahr 2014 hat es in diesem Bereich ein starkes Wachstum gegeben und alleine zwischen Februar 2016 und Februar 2017 stieg das Volumen um 89 Prozent auf 7,3 Billionen Yuan (etwa 980 Milliarden Euro), was etwa 3,4 Prozent aller Verbindlichkeiten von Banken in China repräsentiert. Diese Entwicklung dürfte sich auch im laufenden Jahr fortsetzen. Derzeit haben etwa 400 meist kleinere Banken angekündigt, im laufenden Jahr Depositenzertifikate im Gesamtwert von etwa 17,6 Billionen Yuan (fast 2 Billionen Euro) zur Finanzierung herauszugeben.

Von der Verschuldung besonders stark betroffen sind kleinere und mittelgroße Institute. Diese weisen die größten Differenzen zwischen den verwalteten Einlagen und den ausgegebenen Krediten auf. Je höher die Differenz zwischen Kreditvolumen und Einlagen ist, desto anfälliger ist eine Bank für eine finanzielle Schieflage. Die Kredit-Einlagenrate ist bei kleinen Banken seit dem Jahr 2010 um durchschnittlich 30 Prozentpunkte angestiegen im Gegensatz zu 14 Prozentpunkten bei den vier großen Banken Chinas.

Das Problem besteht aus Sicht der Deutschen Bank darin, dass insbesondere die Depositenzertifikate unmittelbar von Leitzinserhöhungen der Zentralbank betroffen sind und die Finanzierungsbedingungen erschweren. Weitere Zahlungsschwierigkeiten im Sektor der kleineren Banken seien deshalb möglich. „Das Magazin Caixin hat kürzlich berichtet, dass Depositenzertifikate wahrscheinlich als Interbank-Verbindlichkeiten re-klassifiziert werden und 33 Prozent aller Verbindlichkeiten dann nicht mehr übersteigen dürfen. Diese potentielle Regulierung könnte den Druck zur Refinanzierung von Banken erhöhen, die stark von Interbank-Krediten abhängig sind. Weil zwischen März und Juni Depositenzertifikate im Gesamtumfang von etwa etwa 4 Billionen Yuan (530 Milliarden Euro) fällig werden und die Interbank-Kredite in den Bilanzen bald die kritische Marke von 33 Prozent erreichen, könnte es zu Schwierigkeiten für kleinere Banken kommen“, analysiert die Deutsche Bank.

Auf absehbare Zeit erwarten die Analysten der Deutschen Bank keinen massiven Schock in Chinas Bankenbranche, weil die Zentralbank notfalls große Mengen an Liquidität bereitstellen würde. Weil etwa 90 Prozent aller Finanzinstitutionen im Land direkt oder indirekt von der Regierung kontrolliert werden, hätten diese Maßnahmen aller Vorrausicht nach eine große Wirkung. Riskant sind aus Sicht der Bank jedoch die langfristigen Implikationen. „Permanente Liquiditätszuschüsse haben jedoch ihren Preis. Eine noch größere Blase bei den Anlagenpreisen, fortgesetzter Druck durch die Kapitalflucht und eine tiefere Yield-Kurve sind auf lange Sicht Nebeneffekte, die China ertragen muss.“


Mehr zum Thema:  

DWN
Marktbericht
DWN
Finanzen
Finanzen Irren die Lehrbücher? Zentralbanken pumpen Milliarden ins System - aber die Inflation bleibt aus

Seit über zehn Jahren überschwemmen die Zentralbanken die Welt mit Geld, aber die Inflation scheint auszubleiben. "Scheint", betont...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Statistiken werden in großem Stil gefälscht: In Wahrheit sind ein Drittel aller Amerikaner arbeitslos

In den offiziellen US-Statistiken werden Abermillionen von Arbeitslosen aufgrund von gezielten Tricksereien und Statistik-Fälschungen...

DWN
Politik
Politik Neue globale Verantwortung: Deutschlands Marine muss die Freiheit der Seewege schützen

Was bedeutet der Abzug von 9.500 amerikanischen Soldaten aus Deutschland? Wie soll unser Land in Zukunft sicherheitspolitisch agieren?...

DWN
Finanzen
Finanzen Corona-Insolvenzwelle, Teil 5: Die erste deutsche Universität steuert auf die Pleite zu

Die durch die Corona-Pandemie ausgelösten Finanzprobleme machen auch vor dem deutschen Bildungssektor nicht Halt. Nun kämpft die erste...

DWN
Politik
Politik Funkstille zwischen China und den USA: Das Risiko einer militärischen Eskalation im Pazifik ist so hoch wie nie zuvor

Im Südchinesischen Meer verschärfen sich die bestehenden Spannungen. Das Risiko ernster Zwischenfälle ist Experten zufolge so hoch wie...

DWN
Deutschland
Deutschland US-Höchstgericht urteilt im Besitz-Streit um den Welfenschatz der Preußen-Stiftung

Der höchste Gerichtshof der USA soll klären, ob die Stiftung Preußischer Kulturbesitz rechtmäßiger Eigentümer des Welfenschatzes ist....

DWN
Politik
Politik Aufruhr in der Karibik: Niederlande aktivieren Soldaten zur Eindämmung schwerer Unruhen auf Curacao

Auf der zu den Niederlanden gehörenden Karibikinsel Curacao sind Unruhen ausgebrochen. Den Haag aktiviert seine dort stationierten...

DWN
Deutschland
Deutschland Konjunktur-Prognose des ifo-Instituts zu optimistisch? Fehlt auch nur ein Baustein, bricht das Kartenhaus zusammen

DWN-Gastautor Michael Bernegger und DWN-Chefredakteur Hauke Rudolph liefern eine Einschätzung der ifo-Prognose, der zufolge die deutsche...

DWN
Politik
Politik Neue Festnahme im Epstein-Skandal: Für Prinz Andrew wird die Lage zunehmend brenzlig

Die Festnahme der ehemaligen Freundin des Sexualverbrechers Jeffrey Epstein könnte für Prinz Andrew gefährlich werden. Die Dame kennt...

DWN
Politik
Politik Einbruch-Serie erschüttert Europaparlament: Dutzende Büros aufgebrochen, Akten und Computer gestohlen

Wie erst jetzt bekannt wurde, wurden im Europaparlament in Brüssel in den vergangenen Wochen dutzende Abgeordneten-Büros aufgebrochen und...

DWN
Politik
Politik Frankreichs Regierung tritt komplett zurück

Nach dem Debakel bei der Kommunalwahl muss sich Frankreichs Regierung komplett neu aufstellen.

DWN
Finanzen
Finanzen EZB warnt: Das Gespenst der Deflation ist zurück

Die Europäische Zentralbank warnt vor deflationären Tendenzen in Europa. Viele Branchen dürften in Wahrheit aber weit von sinkenden...

DWN
Politik
Politik Britisches Höchstgericht: Venezuelas Goldschatz in London steht selbsternanntem Präsidenten Guaido zur Verfügung

Im Streit um die in London lagernden Goldvorräte Venezuelas hat der britische High Court ein Urteil gefällt. Demnach kann der...

DWN
Technologie
Technologie Wasserstoff: Die Lösung aller Antriebs-Probleme beim Auto?

Der Experte Timm Koch plädiert im großen DWN-Interview für das Auto mit Brennstoffzellen-Antrieb, der auf Wasserstoff basiert.

celtra_fin_Interscroller