Aufruf zum Boykott: Katalanische Unternehmen unter Druck

Im Streit um die Unabhängigkeit Kataloniens boykottieren Verbraucher Firmen mit Sitz in der Region. Der wirtschaftliche Schaden ist noch nicht absehbar.

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Menschen nehmen am 11.11.2017 in Barcelona (Spanien) an einer Demonstration teil und fordern auf Bannern «Freiheit für politische Gefangene». (Foto: dpa)

Menschen nehmen am 11.11.2017 in Barcelona (Spanien) an einer Demonstration teil und fordern auf Bannern «Freiheit für politische Gefangene». (Foto: dpa)

Auch Sektkellereien wie Freixenet und Rosell i Formosa sind vom Boykott betroffen. (Foto: dpa)

Auch Sektkellereien wie Freixenet und Rosell i Formosa sind betroffen. (Foto: dpa)

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Im Streit um eine Unabhängigkeit Kataloniens ergreifen auch viele Konsumenten Partei, meldet die AFP. Spanische Konsumenten boykottieren seit Wochen schon katalanische Produkte – und katalanische Gruppen haben wiederum dazu aufgerufen, Unternehmen abzustrafen, die ihren Sitz aus Katalonien abgezogen haben. Appelle zur ökonomischen Vernunft verhallen weitgehend.

Betroffen sind etwa die Sektmarken Freixenet oder Rosell i Formosa. Einige Kunden hätten „sehr deutlich gemacht“, dass sie ihren Sekt aus politischen Gründen nicht mehr bei Rosell i Formosa kaufen, wie Managerin Rosa Rebula der Nachrichtenagentur AFP sagte. Wie stark sich solche Boykott-Aktionen tatsächlich auswirken, kann die Sektkellerei aber erst im November angeben, dem umsatzstärksten Monat vor dem Weihnachtsfest.

Schon 2004 hatten viele Spanier zum Boykott katalanischer Produkte aufgerufen, weil ein katalanischer Politiker sich damals gegen die Ausrichtung der Olympischen Spiele 2012 in Madrid ausgesprochen hatte. Diese Kampagne sei „sehr hart“ gewesen, erzählte Rebula – die Firma habe viele Kunden, die sie damals verlor, niemals zurückgewinnen können. „Auch diesmal können die Folgen erheblich sein.“

Zu den Produkten auf den Boykottlisten spanischer Verbraucher stehen auch die Trinkwassermarke Font Vella, die Biermarke Estrella Damm oder die Volkswagentochter Seat mit Sitz in der Nähe Barcelonas. Auch multinationale Konzerne wie Nestlé oder Unilever mit Werken in Katalonien stehen auf den Listen, die den Verbrauchern per Smartphone-App zur Verfügung stehen.

Schon warnten erste Unternehmensvertreter vor den Folgen: „Jedes Mal, wenn wir ein katalanisches Produkt boykottieren, dann schießen wir uns selbst ins Knie“, sagte vor wenigen Tagen Francisco Javier Peinado vom Unternehmerverband Extremadura, einer Region an der Grenze zu Portugal. Das Glas für die Sektflaschen aus Katalonien komme aus der nordspanischen Provinz León und die Korken aus Extremadura.

Auch die spanische Gewerkschaft CCOO nannte den Boykott „lächerlich und kontraproduktiv“. Er könne Arbeitsplätze vernichten. Und der ehemalige Europa-Abgeordnete Josep Borrell erklärte vor einigen Tagen: „Die Leute, die ruiniert sein werden, werden noch stärker gegen Spanien sein.“

Hunderttausende Menschen haben in Barcelona die Freilassung der inhaftierten katalanischen Politiker gefordert. Nach Polizeiangaben versammelten sich am Samstag rund 750.000 Demonstranten in der Nähe des Regionalparlaments. Auf Bannern forderten sie „Freiheit für die politischen Gefangenen“, andere Schilder trugen die Aufschrift „SOS Demokratie“. Angehörige der inhaftierten Politiker führten den Demonstrationszug an.

Am Freitag war die abgesetzte Parlamentspräsidentin Carme Forcadell nach Hinterlegung einer Kaution von 150.000 Euro aus der Untersuchungshaft freigekommen. Forcadell war mit fünf weiteren Abgeordneten ihres Parlaments wegen ihrer Rolle bei den Unabhängigkeitsbestrebungen der spanischen Region vor Gericht angehört worden. Die spanische Justiz wirft den katalanischen Politikern Aufwiegelung, Rebellion und Veruntreuung öffentlicher Gelder vor. Ihnen drohen bis zu 30 Jahre Haft.

Die meisten der früheren Minister der abgesetzten katalanischen Regionalregierung sitzen noch in Untersuchungshaft, ebenso die beiden Anführer großer katalanischer Unabhängigkeitsorganisationen. Die beiden Organisationen organisierten auch die Demonstration am Samstag.

Barcelonas Bürgermeisterin Ada Colau warf der abgesetzten katalanischen Führung unterdessen vor, die Region in ein „Desaster“ getrieben zu haben. „Sie haben Spannungen provoziert und einseitig die Unabhängigkeit erklärt, was die Mehrheit gar nicht will“, sagte Colau bei einem Treffen mit Parteimitgliedern, bevor sie bei dem Protestmarsch ebenfalls die Freilassung der Gefangenen forderte. Colau hatte sich bereits vor dem Unabhängigkeitsreferendum Anfang Oktober gegen eine Abspaltung von Spanien ausgesprochen.

Der von Madrid abgesetzte Regionalpräsident Carles Puigdemont und vier seiner Minister hatten sich vergangene Woche nach Belgien abgesetzt, um sich ihrer Verhaftung in Spanien zu entziehen. Spanien beantragte daraufhin über einen europäischen Haftbefehl die Auslieferung, der Antrag wird derzeit von der belgischen Justiz geprüft. Puigdemont forderte die Bevölkerung im Vorfeld der Demonstration dazu auf, „laut und deutlich“ den Wunsch nach „Freiheit und Demokratie“ auszudrücken.

Am Sonntag will der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy erstmals seit Beginn der Krise die Region besuchen, um seine Volkspartei (PP) im Wahlkampf zu unterstützen. Am 21. Dezember sollen Neuwahlen in Katalonien abgehalten werden.

Trotz eines Verbots durch das Oberste Gericht Spaniens hatte die katalanische Regierung am 1. Oktober ein Referendum über eine Abspaltung von Spanien abgehalten. Dabei sprachen sich rund 90 Prozent der Wähler für die Unabhängigkeit aus, die Beteiligung lag aber bei nur 43 Prozent.

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