Absturz der Lira wird zur Gefahr für die türkische Wirtschaft

Der Abverkauf bei der türkischen Lira gefährdet die Konjunktur des Landes.

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Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan leidet unter dem Absturz der Lira. (Foto: dpa)

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. (Foto: dpa)

Die türkische Lira steht am Devisenmarkt unter schwerem Druck. Bis zum jetzigen Zeitpunkt scheint die Zentralbank in Ankara keine Maßnahmen gegen diese Entwicklung vorzubereiten. Eine Möglichkeit wäre, die Leitzinsen zu erhöhen, um Anlegern Investitionen in die Lira schmackhafter zu machen. Das könnte jedoch nur gegen den Willen von Präsident Recep Tayyip Erdogan geschehen – der seit längerem niedrigere Leitzinsen fordert – ist also zumindest kurzfristig beinahe ausgeschlossen. Mit dem Abverkauf bei der Lira steht auch die weitere Entwicklung der türkischen Wirtschaft auf dem Spiel.

Für einen Euro müssen aktuell 4,67 Lira gezahlt werden. Vor einem Jahr lag der Kurs noch bei etwa 3,50 Lira. Gegenüber dem Euro hat die Lira in diesem Zweitraum knapp 30 Prozent abgewertet, zum Dollar um etwa 14 Prozent von etwa 3,40 Lira auf aktuell etwa 3,94 Lira.

Nach Meinung von Beobachtern gibt es zahlreiche Ursachen für die Schwäche der Lira. Allerdings steht im Mittelpunkt der Turbulenzen um die Währung die eigene Zentralbank, die wohl nicht bereit oder in der Lage ist, über eine Leitzinserhöhung auch nur nachzudenken. Trotz des Abwertungstrends hält Zentralbankchef ‎Murat Cetinkaya an seiner gelassen abwartenden Haltung fest. Abseits aller sich abzeichnenden Probleme für die heimische Konjunktur verweist er lediglich auf den mutmaßlich zu erwartenden Rückgang der Inflation in den kommenden Monaten.

Auf diese Weise beweisen die Währungshüter aus Ankara zwar Loyalität ihrem Präsidenten gegenüber und unterstützen seine geldpolitische Sichtweise, ihr Handlungsspielraum ist jedoch stark eingeschränkt – mit möglicherweise fatalen Folgen. Bereits seit längerer Zeit gilt Recep Tayyip Erdogan als Gegner von Zinserhöhungen zur Bekämpfung der Teuerung. Er will die Konjunktur des Landes ankurbeln. Daher besteht er auf niedrigeren Zinsen, um mit billigen Darlehen Investitionen und privaten Konsum zu fördern. Derzeit findet in der Türkei ein immenser Ausbau der Infrastruktur statt: Straßen, Flughäfen oder andere öffentliche Bauten schießen wie Pilze aus dem Boden.

Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass die Kalkulation des eigenwilligen Präsidenten nicht aufgehen könnte. Ein Indiz: Internationale Anleihe-Investoren ziehen sich aus der Türkei zurück. Denn während das Inflationsziel der türkischen Zentralbank bei fünf Prozent liegt, kletterte die Teuerungsrate des Landes in der jüngeren Vergangenheit auf 11,9 Prozent. Demnach werfen türkische Staatsanleihen (mit einer aktuellen Verzinsung von ca. zwölf Prozent) unter Berücksichtigung des Kaufkraftverlustes so gut wie keine Zinsen mehr ab – der Realzins ist praktisch aufgezehrt. Und damit gerät die Türkei ins Hintertreffen, denn auf internationaler Ebene steigen die Anleiherenditen.

Die Folge ist: Anleger schichten ihr Kapital aus der Türkei in Anleihen anderer Staaten um. So werfen Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit in den USA inzwischen wieder 2,4 Prozent Zinsen ab. Somit befindet sich das Renditelevel über dem der Inflationsrate. Und das bedeutet: Auch nach Abzug der Teuerung machen Investoren mit US-Staatsanleihen wieder Gewinn. Dagegen können sie dies bei türkischen Staatsanleihen nicht erwarten – zumal die Inflationsraten derzeit steigen. Und weil im kommenden Jahr zwei bis drei Leitzinserhöhungen durch die US-Notenbank Fed erwartet werden, wird sich dieser Effekt weiter verstärken.

Dadurch droht der Türkei erhebliches Ungemach. Wenn sich mehr und mehr internationale Investoren verabschieden, steht weniger Kapital für die ehrgeizigen Regierungsprogramme zur Verfügung. Ganz zu schweigen von den Investitionen durch die Privatwirtschaft. Ob Siemens, BASF, Daimler oder E.ON: Für deutsche Unternehmen ist die Türkei ein wichtiger Wirtschaftspartner und -standort. Rund 6.800 deutsche Firmen sind mit Investitionen im Gesamtwert von neun Milliarden Euro im Land vertreten.

Der Absturz der türkischen Lira ist aber möglicherweise nur die Spitze des Eisbergs. Es gibt wohl berechtigte Zweifel an den von der türkischen Regierung publizierten Konjunkturdaten. Denn das türkische Wirtschaftswachstum von mehr als fünf Prozent im ersten Halbjahr, das von der amtlichen Statistikbehörde ermittelt wurde, wird von Volkswirtschaftlern angezweifelt. Wenn man Analyst Sören Hettler von der DZ Bank Glauben schenken darf, hängt das Vertrauen von Investoren und eine stabile Lira von einem robusten Wirtschaftswachstum und der Glaubwürdigkeit der türkischen Zentralbank ab.