Keine Inflation: EZB schafft Ausstieg aus den Nullzinsen nicht

Die EZB dürfte wegen der überraschend gesunkenen Inflation weiter billiges Geld in den Markt pumpen.

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EZB-Chef Mario Draghi. (Foto: dpa)

EZB-Chef Mario Draghi. (Foto: dpa)

Die Inflation im Euro-Raum, von Januar 2008 bis Februar 2018. (Grafik: Eurostat)

Die Inflation im Euro-Raum, von Januar 2008 bis Februar 2018. (Grafik: Eurostat)

Die Nachricht, dass die Inflationsrate sinke, kam am Freitag überraschend. Kurz zuvor hatte der Chefökonom der Europäischen Zentralbank (EZB), Peter Praet, Anlegern gegenüber das Gegenteil prognostiziert. Seiner Einschätzung nach werde die Inflationsrate auf einem gleichbleibende Niveau verharren.

Für Anleger war das ein Grund, auf eine zügige Anhebung der Zinsanpassung durch die EZB zu hoffen. Bereits im Januar hatte Praet gesagt, die Euro-Notenbank werde die Anleihekäufe erst beenden, wenn sie noch stärker von einem Anziehen der Inflation überzeugt sei. Dann sei eine Normalisierung der Geldpolitik möglich. Aktuell würden die Kriterien dafür noch nicht alle erfüllt. Einen ersten Zinsschritt der Notenbank prognostizierte Praet zwischen dem ersten und zweiten Quartal 2019.

Damit ist zu erwarten, dass die europäischen Sparer auf absehbare keine Zinsen auf ihre Ersparnisse sehen werden. In den USA ist die Lage anders: US-Präsident Donald Trump sprach bei einer Diskussion mit Wirtschaftsvertretern in Missouri in dieser Woche davon, dass die US-Regierung positiv bemerke, dass die kleinen Sparer wegen der Zinswende der Federal Reserve nun wieder Erträge auf ihre Ersparnisse sehen. In Europa bleibt den Sparern lediglich die Alternative, in risikoreiche Anlageformen auszuweichen.

Die neuesten Auswertungen der EZB haben nämlich ergeben, dass die Inflation in der Euro-Zone ist im Februar stärker gefallen als zunächst geschätzt. Die Teuerungsrate sank auf 1,1 Prozent. Damit korrigierte das Statistikamt Eurostat am Freitag eine frühere Schätzung nach unten, die 1,2 Prozent ergeben hatte. Im Januar lag die Inflation bei 1,3 Prozent. Mit dem dritten Rückgang in Folge ist die Teuerungsrate so niedrig wie seit über einem Jahr nicht mehr und entfernt sich damit weiter vom Ziel der EZB. Diese strebt als optimalen Wert für die Wirtschaft knapp zwei Prozent an.

Energie verteuerte sich im Februar nur noch um 2,1 Prozent, nachdem es ein Jahr zuvor noch um mehr als neun Prozent nach oben gegangen war. Unverarbeitete Lebensmittel verbilligten sich sogar, und zwar um 0,9 Prozent.

Die EZB sieht sich wegen der niedrigen Inflation mit ihrer ultra-lockeren Geldpolitik noch nicht am Ziel. EZB-Chef Mario Draghi sagte jüngst, er sei zwar zuversichtlicher, dass man sich mit der Zeit dem Zielwert von knapp zwei Prozent annähern werde. Es brauche aber weitere Hinweise, dass die Entwicklung in die richtige Richtung gehe. Die Währungshüter wagten vergangene Woche lediglich einen Mini-Schritt in Richtung einer weniger expansiven Geldpolitik. Sie strichen aus ihrem Ausblick die Option, das auf 2,55 Billionen Euro angelegte Anleihen-Kaufprogramm nötigenfalls erneut auszuweiten. Volkswirte gehen davon aus, dass die EZB die umstrittenen Transaktionen Ende 2018 auslaufen lassen wird.

Die Berechnungsmethode der EZB zur Bestimmung der Inflationsrate ist bei Anlegern und Finanzwissenschaftlern umstritten. Der Finanz-Analyst Michael Bernegger kritisiert den von der EZB verwendeten hicp-Index zur Berchnung der Inflationsrate als einen von seiner Konstruktion und Methodologie schwacher, unpräziser Inflationsmaßstab. Als Grund gibt er an, dass ein wesentlicher Berechnungsfaktor, die Wohnungskosten für selbst bewohntes Wohneigentum, von der EZB nicht berücksichtigt werde. Die Kosten für Wohneigentum seien die mit Abstand größte Position in den Budgets der Haushalte. Dieser Ausgabenposten repräsentiere zwischen 15 und 20 Prozent der Gesamtausgaben der Haushalte in der Eurozone. Auch werde das Gewicht der Energiepreise im hicp durch das Fehlen beziehungsweise die nicht korrekte Erfassung anderer zentraler Komponenten weit überhöht. Im Ergebnis führten diese Fehlbewertungen zu einem falschen Ergebnis in der Inflationsratenberechnung.

Das Anleihenprogramm hatte die EZB im März 2015 gestartet, um eine Deflation zu verhindern. Ziel ist es, durch den Ankauf von Wertpapieren europäischer Versicherungen und Banken frisches Geld in die europäischen Märkte zu pumpen. Insgesamt flossen seitdem 1,1 Billionen Euro in die Volkswirtschaften der Mitgliedsstaaten. Ziel war es, die Inflationsrate langfristig auf ein stabiles Niveau zu bringen. Seit dem Start des Anleiheprogramms ist die Inflationsrate in der EU nicht wesentlich gestiegen. Der Grund: Die Geschäftsbanken geben die Gelder aus den Wertpapierverkäufen nicht als Konsum- und Investitionskredite in ausreichendem Maß an Haushalte und Unternehmen weiter. Die von der EZB beabsichtigte Reinvestierung der gegebenen Gelder in die Märkte unterbleibt.

Das EZB-Programm ist bei europäischen Anlegern umstritten: Für die Dauer des Programms hat die EZB festgelegt, die Zinsen nicht erhöhen zu wollen. Neben Gewinneinbußen durch wegbrechende Zinskapitalerträge befürchteten Kritiker aufgrund der niedrigen Zinsen eine Schuldenzunahme in der EU. Um europäische Investoren und Anleger zu beruhigen und im Binnenmarkt zu halten, entschied sich die EZB im vergangenen September, das Anleiheprogramm zurückzufahren und im kommenden September zu beenden.