Saudi-Arabien: Brutaler Machtkampf um Nachfolge des Königs

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
 
Lesezeit: 3 min
01.11.2018 14:40
Der Bruder von König Salman, Prinz Ahmad, ist von Großbritannien nach Saudi-Arabien zurückgekehrt. Er soll offenbar gegen den Kronprinzen MBS vorgehen.
Saudi-Arabien: Brutaler Machtkampf um Nachfolge des Königs

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Prinz Ahmad bin Abdulaziz, der jüngere Bruder von König Salman, ist nach längerer Abwesenheit in London nach Saudi-Arabien zurückgekehrt, um Kronprinz Mohammed bin Salman (MBS) herauszufordern. Das berichtet das Middle East Eye (MEE).

Der Prinz, ein offener Kritiker von MBS, reiste mit Sicherheitsgarantien von amerikanischen und britischen Behörden nach Saudi-Arabien.

„Er und andere in der Familie haben erkannt, dass MBS schädlich geworden ist. Der Prinz möchte bei diesen Änderungen (Machtwechsel in Saudi-Arabien, Anm. d. Red.) eine Rolle spielen, das heißt, er wird entweder bei jeder neuen Vereinbarung eine wichtige Rolle spielen oder bei der Wahl einer Alternative zu MBS helfen“, sagte eine saudische Quelle aus dem Umfeld von Prinz Ahmad gegenüber Middle East Eye.

Abgesehen von den westlichen Garantien ist Ahmad auch durch seinen Rang geschützt.

Im vergangenen November führte MBS eine umfassende Säuberung von Dissidenten durch, doch er konnte nicht gegen die Söhne von König Abdulaziz, dem Gründer des saudischen Staates, vorgehen, da sie in der Hierarchie des Königshauses zu weit oben stehen.

MBS geriet nach dem Verschwinden und der angeblichen Ermordung des saudischen Staatsbürgers Jamal Khashoggi am 2. Oktober international unter Druck. Die Zeitung Le Figaro berichtete, dass MBS ersetzt werden soll. Prinz Ahmad hatte kurz vor seiner Abreise nach Saudi-Arabien mit anderen Mitgliedern der saudischen Königsfamilie Gespräche geführt, die derzeit außerhalb des Königreichs leben.

Die ehemalige US-amerikanische Sicherheitsberaterin der Obama-Regierung und US-Botschafterin bei der UN, Susan Rice, sagte der New York Times: „Wenn wir nach vorne schauen, muss Washington handeln, um die Risiken für unsere eigenen Interessen zu mindern. Wir sollten unsere wichtige Beziehung zum Königreich nicht abbrechen, aber wir müssen klarstellen, dass dies nicht wie üblich laufen kann, solange Prinz Mohammed weiterhin uneingeschränkte Macht ausübt. Es sollte die Politik der USA sein, gemeinsam mit unseren Verbündeten, den Kronprinzen kaltzustellen, um den Druck auf die königliche Familie zu erhöhen und einen stabileren Ersatz zu finden“, fügte sie hinzu.

Die Rückkehr von Prinz Ahmad wird den Druck auf bin Salman, der sich im Zentrum einer Auseinandersetzung zwischen Saudi-Arabien und der Türkei befindet, nur erhöhen, nachdem Khashoggi im Konsulat seines Landes in Istanbul ermordet wurde. Die türkischen Behörden fordern, dass die Saudis ihnen sagen, wo sich Khashoggis Leiche befindet, und die Saudis bestehen darauf, dass die Türkei die Tonbänder der Hinrichtung übergibt.

Der saudische Chefankläger Saud al-Mujeb hat in den vergangenen Tagen zweimal den Istanbuler Staatsanwalt Irfan Fidan getroffen. Es wurden jedoch keine Fortschritte gemeldet. Die Saudis verweigern den türkischen Ermittlern weiterhin den Zugang zum Brunnen auf dem Grundstück des Generalkonsuls, der 500 Meter vom Konsulat entfernt ist.

Nachdem sie zuvor bestritten hatten, dass Khashoggi im Konsulat ermordet worden war, sagen die Saudis, sie hätten 18 Verdächtige festgenommen, von denen 15 Mitglieder eines Todeskommandos sind. Am vergangenen Montag bot Mujeb Fidan die Aussage der Verdächtigen an. Die Türkei fordert jedoch ihre Auslieferung, damit sie vor ein türkisches Gericht kommen. Riad lehnt dies ab.

Vor der Khashoggi-Affäre war der Widerstand von Prinz Ahmad gegen MBS eine öffentliche Angelegenheit. Er hat ihn dreimal öffentlich herausgefordert:

Erstens, im Sommer 2017, als Prinz Ahmad Mitglied der Treuhänderkommission, die für die Thronfolge in Saudi-Arabien verantwortlich ist, war. Prinz Ahmad war gegen die Ernennung von MBS zum Kronprinzen.

Zweitens, als Prinz Ahmad und König Salmans Bruder Abdelrahman bin Abdulaziz im vergangenen Jahr starb. Beim Empfang von Prinz Ahmad wurden nur zwei Bilder gehängt: die von König Abdulaziz und dem derzeitigen Monarchen. Das Porträt des Kronprinzen MBS fehlte.

Drittens, im vergangenen Monat, als Prinz Ahmad vor seinem Londoner Haus jemenitische und bahrainische Demonstranten, die die al-Sauds als kriminelle Familie bezeichneten, kontaktierte und ansprach.

Er sagte ihnen, dass die Familie als Ganzes keine Verantwortung für den Krieg im Jemen trägt, sondern nur der König und der Kronprinz.

„Sie sind für Verbrechen im Jemen verantwortlich. Sagen Sie Mohammed bin Salman, dass er den Krieg beenden soll", sagte Prinz Ahmad.

Die Rückkehr von Prinz Ahmad nach Riad könnte mit Risiken behaftet sein. Es wird vermutet, dass er die Unterstützung bedeutender Persönlichkeiten der Familie hat, die nach der Khashoggi-Affäre davon überzeugt sind, dass der Kronprinz im Westen dauerhaft „befleckt“ ist und den Ruf der Familie insgesamt schädigt.

Ein saudischer Dissident, Prinz Khaled bin Farhan, sagte im Mai gegenüber MEE, die beiden Prinzen Ahmad und Muqrin bin Abdulaziz könnten das Ansehen der Familie wiederherstellen, das durch die „irrationale, unberechenbare und dumme“ Regierung von König Salman zerstört wurde.

Unter anderen saudischen Exilanten in London und Istanbul unterscheiden sich die Meinungen. Einige nennen Prinz Ahmad eine zu schwache Figur, um im Königreich eine Veränderung herbeizuführen. Andere sagen, er habe persönliche Motive.

Die entscheidende Frage ist, ob er die gleiche Rolle spielen kann wie König Faisal, der 1964 seinen einzigen Bruder Saoud beim einzigen Familienputsch verdrängt hatte.


Mehr zum Thema:  

DWN
Deutschland
Deutschland Unser Angebot für Sie: DWN testen und alle Artikel frei lesen für nur 1€!

Überzeugen Sie sich und bekommen Sie unbegrenzten Zugriff für nur 1€!

DWN
Politik
Politik Trump bricht Beziehungen zur Weltgesundheits-Organisation ab

US-Präsident Trump bricht alle Beziehungen zur Weltgesundheitsorganisation ab.

DWN
Politik
Politik Solidaritäts-Welle auf Twitter nach Drohbrief gegen Söder

Beim bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder ist ein Corona-Drohbrief eingegangen. Der Vorfall führte dazu, dass zahlreiche...

DWN
Deutschland
Deutschland Andrea Nahles wird als Behörden-Chefin 180.000 Euro verdienen

Als Präsidentin der Bundesanstalt für Post und Telekommunikation wird die Ex-SPD-Chefin Andrea Nahles 180.000 Euro pro Jahr verdienen.

DWN
Politik
Politik Minneapolis brennt: Regierung schickt Nationalgarde zur Unterdrückung von Gewalt und Plünderungen

Nach der Tötung eines unbewaffneten Afroamerikaners durch einen Polizisten eskaliert die Lage in Minneapolis und anderen Städten der USA....

DWN
Finanzen
Finanzen Insider: Wenn die Notenbanker abdanken und die Politiker wieder übernehmen, wird es brandgefährlich

Die Zentralbanken der Welt unter Führung der Federal Reserve haben immer größere Mühe, einen Zusammenbruch des Weltfinanzsystems zu...

DWN
Politik
Politik Geopolitik: Die Türkei ist die dominante Macht in Libyen

Tarek Megerisi, Analyst am European Council on Foreign Relations, sagt, dass die Türkei von nun an die dominante Macht in Libyen ist. Die...

DWN
Finanzen
Finanzen Deutsche Bank unsicher: Soll sie Venezuelas Gold der Regierung übergeben oder der Opposition?

Der Rechtsstreit darüber, wem das venezolanische Staatsgold gehört, das von der Bank of England verwahrt wird, nimmt eine neue Wende.

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Prioritäten in der Corona-Krise: Schweiz erlaubt Bordell-Besuche wieder, Kontaktsport bleibt verboten

Die Schweizer Regierung erlaubt es Prostituierten ab dem 6. Juni wieder, ihrer Arbeit nachzugehen. Kontaktsportarten wie Judo bleiben aber...

DWN
Technologie
Technologie Mitarbeiter schreiben Brandbrief, Software ist Schrott: Volkswagen fährt mit Elektro-Hype frontal gegen die Wand

Bei Volkswagen brennt die Hütte. Die übertriebene Digitalisierung der Autos hat dazu geführt, dass der Golf 8 und der...

DWN
Politik
Politik USA entsenden Zerstörer ins Südchinesische Meer, Peking ist aufgebracht

Die USA haben einen Lenkwaffen-Zerstörer in das Südchinesische Meer entsandt. China empfindet dies als Provokation. Die Gewässer stellen...

DWN
Politik
Politik Malta und Libyen gründen Einheiten zur Eindämmung der Migration nach Europa

Malta und Libyen haben sich darauf verständigt, „Koordinierungseinheiten“ zu gründen, um die Migration über Libyen nach Europa...

DWN
Politik
Politik Mittelstand: Warum von der Leyens Corona-Konjunkturprogramm gefährlich ist

Der Mittelstand kritisiert das Corona-Wiederaufbauprogramm der EU-Kommission scharf. „Geplant ist eine massive Schuldenaufnahme über den...

DWN
Finanzen
Finanzen Corona-Ticker: Dutzende arme Staaten bitten um Stundung ihrer Schulden

Lesen Sie die aktuellen Meldungen zur Corona-Pandemie im Liveticker.

DWN
Finanzen
Finanzen Millionen neue Arbeitslose: Die konsumsüchtige US-Wirtschaft bekommt ein Konsumproblem

In den USA steigt die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosigkeit weiter an. Die Abhängigkeit der größten Volkswirtschaft der Welt vom...

celtra_fin_Interscroller