Bestes Rezept gegen Krise: Wirtschaft muss sich neu erfinden

 

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19.11.2018 00:44
Eine neue Krise der Weltwirtschaft wird vor allem Unternehmen und Staaten treffen, die sich der digitalen Revolution verweigern.
Bestes Rezept gegen Krise: Wirtschaft muss sich neu erfinden

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Die derzeit stattfindende Abschwächung der Konjunktur hat viele offensichtliche Ursachen: Der Handelskrieg zwischen den USA und China schadet beiden Großmächten, der Brexit schadet Großbritannien und der EU, der Dominanz von nationalen Interessen treiben die Wirtschaft in Richtung Protektionismus, die Regulierungswut vor allem der EU bremst die Dynamik der Unternehmen. Außer diesen Faktoren wirken allerdings weniger beachtete psychische Reaktionen, die gravierende, ökonomische Auswirkungen haben. Die „Digitalisierung“ wird dämonisiert, die ständige Verwendung des Worts erinnert an das alte „Weiche, Satan!“

Die Finanzkrise hatte eine sehr lange, psychisch bedingte Bremswirkung

Schon der gefeierte und nun abebbende Aufschwung der vergangenen zwei Jahre hatte psychische Ursachen. Lange wirkte der Schock der Finanzkrise 2008 nach und löste in den meisten Firmen und Privathaushalten ein extrem vorsichtiges Verhalten aus. Jede Anschaffung wurde genau überlegt und in vielen Fällen hinausgeschoben, laufende Ausgaben genau kontrolliert, um den schlechten Zeiten gewachsen zu sein. Dieses Verhalten führte zu einem Investitionsstau, der letztlich korrigiert werden musste und den Konjunkturschub auslöste. Dieser Stau ist nun in etwa abgebaut und so lässt die Konjunktur nach, die verschiedenen, eingangs genannten, negativen Signale mahnen wieder zur Vorsicht.

Die Wechselwirkung von politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen und den Reaktionen der Menschen ist ein ständig wirkender Faktor, der die Ökonomie immer bestimmt. Nur befindet sich die Weltwirtschaft jetzt in einer Phase grundlegender Veränderungen, die über einen längeren Zeitraum bestimmend sind. Diese Umstände werden von aktuellen Ereignissen überdeckt, sind aber längerfristig entscheidender als momentane Aktionen, weil sie das Verhalten der Menschen bestimmen.

Die Status-Symbole schaffen die Illusion, man könne sich zurücklehnen

Der Umgang und die Bewältigung von Veränderungen werden durch ein gesellschaftliches Grundmuster behindert: Entscheidend ist das Erreichen bestimmter Status-Merkmale, die die Illusion vermitteln, man hätte nicht ein, sondern das Ziel erreicht und könne sich nun zurücklehnen.

  • Die Basis wird bereits in der Jugend gelegt. Das Aufsteigen in die nächste Schulstufe, das Ablegen des Abiturs, der Meisterprüfung, der Abschluss als Magister, als Ingenieur, als Doktor oder gar als Professor ergeben alle den scheinbaren Beweis, man habe es geschafft. Später sind es dann die Ehren als Abteilungsleiter oder Direktor die diesen Effekt auslösen oder verstärken.
  • Dieser vermeintliche Beweis ist eine gefährliche Illusion, die zur Trägheit und zum Bewahren des Bestehenden verleitet. Dies mag in Perioden gesicherter, funktionierender Umstände in Wirtschaft, Gesellschaft und Technik keine Rolle spielen. In der gegenwärtigen Zeit des Wandels ist aber die Bereitschaft zur Annahme des Neuen entscheidend.

Das geniale Chaos sorgt für Verunsicherung und Angst

Zudem ist das Neue nicht einfach fassbar. Die Technik ist in allen Bereichen derzeit in der aufregenden Phase des Experimentierens. Jeden Augenblick wird eine neue Entdeckung gemacht und wenn keine fundamentale Innovation zustande kommt, so werden die bestehenden Techniken verbessert und die Computer-Programme ausgebaut, sodass die Benutzer möglichst täglich ein Up-Date berücksichtigen sollten.

  • In diesem Chaos der genialen Neuerungen werden sämtliche Studienabschlüsse anscheinend zu Makulatur. Ständig ändert sich der Wissensstand und wer nicht die letzten Erkenntnisse berücksichtigt, gilt schon als unbrauchbar auf dem Arbeitsmarkt.
  • Dieses Bild des Berufstätigen von heute ist in allen Unternehmen und Institutionen angekommen. Nur: Unter diesen Umständen ist ein produktives Arbeiten unmöglich. Die Führungskräfte müssen wissen, welche Anweisungen sie zu geben haben, welche Ergebnisse sie kontrollieren können. Die Mitarbeiter müssen geschult werden und können nicht jede Woche Tätigkeiten und Abläufe andern.
  • Es kommt laufend zur grotesken Situation, dass die technische Ausrüstung einer Firma an einem Tag noch funktioniert und prompt durch eine vermeintlich grandiose Änderung in einem Teilbereich zum Erliegen gebracht wird. Es wurde vergessen, dass die Neuerung mit den bestehenden und unveränderten Teilen des Systems nicht kompatibel ist.
  • Unter diesen Umständen wird die ohnehin bestehende Skepsis gegenüber Veränderungen zur Ablehnung, die sich in der Arbeitshaltung, aber auch im politischen und gesellschaftlichen Verhalten der Menschen niederschlägt.
  • Aus der Verunsicherung angesichts der dauernden Änderungen resultiert nicht nur der Ärger über die offenkundig überforderten Unternehmensleitungen, sondern auch über die traditionellen Parteien, die doch immer versprochen haben, die Bürger vor Ärger zu bewahren. Die wachsende Zahl der Protestwähler erklärt sich nicht zuletzt aus dem Frust in den Unternehmen.

Die heikle Periode einer technischen Revolution in der Entwicklungsphase

Die Neuerungen können schon aufgrund ihres Charakters als zumeist unfertige, in ständiger Verbesserung befindliche Techniken nur beschränkt für eine nachhaltig, selbsttragende Konjunktur sorgen. Hier kann ein Blick in die Zwischenkriegszeit zwischen 1918 und 1938 und in die Periode nach 1945 lehrreich sein.

  • Am 8. März 1929 fand die erste Fernseh-Versuchssendung in Deutschland statt. 1953 gab es in der Bundesrepublik erst 10.000 Fernseher.
  • 1935 wurde Nylon entwickelt, nach 1945 stieg der Verbrauch rasch auf mehrere Millionen Tonnen Polyamid an.
  • 1929 war die erste, noch stehende oder von Tieren oder Maschinen zum Arbeitsplatz gebrachte Dreschmaschine in Ganzstahlbauweise eine Sensation. Erst ab den fünfziger Jahren begann der Siegeszug der modernen Mähdrescher, die auf dem Feld mähen und dreschen.

Die wenigen Beispiele seien stellvertretend für viele genannt und zeigen die Situation in der Aufbruchsphase einer technologischen Entwicklung. Nach 1945 kam es rasch zur Perfektionierung aller Geräte vom Auto bis zu den Küchengeräten und mit diesen Produkten konnte über eine längere Zeit eine relativ stabile Konjunktur erzielt werden.

Der Versuch, die vorhandenen Strukturen zu erhalten, ist eine Wirtschaftsbremse

Jetzt befindet sich die Weltwirtschaft wieder in einer Übergangsphase mit ähnlichen Reaktionen wie in den dreißiger Jahren.

  • Wieder kommt es zu den Kassandrarufen, die eine Massenarbeitslosigkeit vorhersagen. In den dreißiger Jahren fürchtete man sich vor dem Diktat der Techniker. Jetzt wird die Herrschaft der denkenden und sich selbst reparierenden Computer prophezeit. Die Realität: Im Gefolge der technischen Revolution der Zwischen- und Nachkriegszeit wurden in den vergangenen Jahrzehnten Millionen Arbeitsplätze geschaffen und eine historisch einmalige Wertschöpfung erreicht. Dies wird auch die Folge nach der aktuellen technischen Revolution sein.
  • Nur: Technische Neuerungen lösen zwangsweise zuerst Arbeitslosigkeit aus, wenn, um bei dem Beispiel zu bleiben, die Mähdrescher die Landarbeiter ersetzen und nur mehr der Lenker des Geräts erforderlich ist. Erst in der Folge sorgen die Innovationen für neue, für mehr und für ertragreichere Arbeitsplätze. Allerdings für Arbeitsplätze mit anderen Herausforderungen.
  • Diese Übergangsphase versucht die Politik meist zu vermeiden, behindert die Umstellung der Unternehmen, löst also Verluste aus und bremst die Wirtschaft. Dies geschieht mit einer Reihe von Maßnahmen, die als gesetzlicher Kündigungsschutz wirken. Die Erfahrungen in allen Ländern mit Kündigungsschutz zeigen, dass die Modernisierung der Wirtschaft verzögert wird und trotzdem oder eher deswegen doch hohe Arbeitslosenraten zustande kommen.

Die Dämonisierung der Digitalisierung ist entlarvend

Verunsicherung löst Angst aus und Angst sorgt für „Angst vor“, Angst vor einer konkreten, tatsächlichen oder vermeintlichen, diffusen Gefahr. Die Neigung, die Angst zu personalisieren, ist traditionell sehr stark, vor allem, wenn keine definierte Bedrohung anzusprechen ist, wie etwa die Angst vor einem Angriff, einem Gewitter oder einer erkennbaren Katastrophe. Dann kommt es zur Angst vor dem Teufel, da wird gleichsam „Weiche, Satan!“ gerufen. Diese Verhaltensweise hat seine moderne Erscheinungsform in der ständigen und millionenfach angesprochenen „Digitalisierung“ gefunden. Nachdem aber der moderne Mensch möglichst alles versachlicht und intellektualisiert, wird gerne über die Digitalisierung mit vermeintlich logischen Ausführungen reflektiert, die die Angst verdecken sollen.

  • Das Wort „Digitalisierung“ ist zur Beschwörungsformel geworden. Kaum ein Politiker, kaum ein Generaldirektor, kaum ein Interessenvertreter hält noch eine Rede, in der das Wort nicht vorkommt, in der nicht erklärt wird, man müsse die Firma, die Gesellschaft, den Staat digitalisieren. Wer nicht die Digitalisierung anspricht, glaubt hoffnungslos veraltet zu sein.
  • Das Gegenteil ist der Fall. Wer heute die Digitalisierung entdeckt, hat offenbar die Entwicklung der vergangenen Jahre nicht mitbekommen und merkt nicht, dass die Gesellschaft gefordert ist, mit der modernen Technologie selbstverständlich umzugehen.
  • Mehr noch: Wer Digitalisierung als satanisches und gefährliches Wunderwerk betrachtet, trägt zur Konjunkturbremse bei,

Notwendig ist ein professionelles Management der Digitalisierung

Als vor etwa zwanzig Jahren die Computer-Buchhaltungen auch für die kleinen und mittleren Unternehmen leicht finanzierbar wurden, kam es in diesen Bereichen zu einer Revolution. Fakturieren, Buchen, Bilanzieren wurden, wenn man die Möglichkeiten nutzte, zu Fingerübungen. Nur: Kaum jemand sprach von Digitalisierung oder einer Revolution. Als vor zwanzig Jahren das Internet allgemein zugänglich wurde und rasant expandierte, sprach ebenfalls kaum jemand von Digitalisierung. Als vor zwanzig Jahren die 3D-Drucker entwickelt wurden, nahm diese Sensation kaum jemand zur Kenntnis.

  • Heute geht es längst um ein professionelles Management der Digitalisierung: Betriebe und andere Organisationen sind unter Anwendung aktuell verfügbarer Programme und Maschinen zu organisieren - wie wir im Tech-Report der DWN fortlaufend zeigen. Dieser Prozess ist jeweils bis zu einer Erneuerung zu belassen und nicht ständig zu ändern.
  • Gleichzeitig sind aber alle Verantwortlichen gefordert, die laufend entstehenden Innovationen zu registrieren und ihre Anwendung im eigenen Bereich zu überprüfen. Bei Erreichen eines angemessenen Reifegrads ist eine umfassende, integrierte Umstellung vorzunehmen. Derzeit herrscht vielfach die Neigung vor,

    • entweder in den lebendigen, funktionierenden Betrieb laufend einzugreifen, hektisch und überstürzt zu „digitalisieren“,
    • oder die neueste Entwicklung zu übersehen,
    • oder sich an vertrauten Praktiken festzuklammern, bestehende Strukturen zu erhalten und mit Hilfe von Einsparungen den Wettlauf gegen die Digitalisierung anzutreten.

  • In der Mystifizierung des Begriffs „Digitalisierung“ hat sich die Übung breitgemacht, naserümpfend „analog“ zu verachten und „digital“ als modern zu preisen. Es geht nicht um Mode, es geht darum, bestehende und neue, noch unbekannte Produktionen und Prozesse optimal zu bewältigen. Eine klug formulierte Abfolge von Schritten auf einem altmodischen Blatt Papier, mit einem altmodischen Bleistift geschrieben, ist die Voraussetzung auch für die Programmierung des vermutlich die Zukunft bestimmenden, aber kaum noch eingesetzten Quantencomputers.
  • Die Politik wäre gefordert, diese Entwicklung zu fördern und zu hoffen, dass die Unternehmen in Europa rasch und vor allem rascher als bisher die Digitalisierung nützen und den Rückstand gegenüber den USA und Asien abbauen. Diesen Prozess sollte man steuerlich fördern. Stattdessen arbeitet man auf EU-Ebene an der Einführung einer Digitalisierungssteuer. Diese kontraproduktive Initiative ist entstanden, weil die Finanzminister nicht in der Lage sind, die Gewinne von Google, Amazon und Co in Europa zu besteuern. Das wird nicht gelingen, solange es keine gemeinsame Steuerpolitik aller EU-Mitgliedstaaten gibt, aber die Digitalisierungssteuer wird als Innovationsbremse die europäischen Unternehmen treffen.

Fazit: Die aktuelle Abschwächung der Konjunktur ist ohne Zweifel durch die weltweit stattfindenden, wirtschaftspolitischen Fehler beschleunigt. Nur sei daran erinnert, dass auch in den vergangenen Jahrzehnten viele, politische Missgriffe die Entwicklung gebremst haben. Die Prosperität konnte aber trotzdem kontinuierlich gesteigert werden, weil die Wirtschaft eine sehr weit gereifte Technologie in vielen Produkten nutzen konnte, für die eine Massennachfrage bestand. Diese Erfolgsgeschichte wäre zu wiederholen, würde man die moderne Technologie annehmen und nicht die „Digitalisierung“ zu einem drohenden Gespenst machen.

***

Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.

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Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.



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