S-400 und F-35: Zwei fragliche Waffensysteme der Großmächte

 

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23.06.2019 11:29
Das russische Luftabwehrsystem S-400 stellt angeblich keine Gefahr für den US-Kampfjet F-35 dar. Die Leistungsfähigkeit beider Waffensysteme ist ohnehin fraglich. Doch die USA und Russland suchen zahlungswillige Kunden.
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S400-Raketenabwehrsystem bei einer Parade auf dem Roten Platz in Moskau. (Foto: dpa)

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Wegen des geplanten Kaufs eines russischen Raketenabwehrsystems durch die Türkei leiten die USA Schritte zum Ausschluss des Nato-Partners aus dem F-35-Kampfjetprogramm ein.

In einem am vergangenen Freitag veröffentlichten Schreiben informierte der geschäftsführende US-Verteidigungsministers Patrick Shanahan seinen türkischen Kollegen Hulusi Akar über die geplanten Maßnahmen, um die türkische Teilnahme an dem Programm ab Ende Juli auszusetzen. Akar hatte zuvor gesagt, dass die Türkei das Geld für die Lieferung der F-35-Jets bereits gezahlt habe. Im Vertrag gebe es keine Klausel, die einen Ausschluss aus dem F-35-Kampfjetprogramm rechtfertigt, falls die Türkei das russische Luftabwehrsystem S-400 kaufen sollte. “Wenn die USA sich vertragswidrig verhalten, gründen wir unsere eigene Welt”, zitiert Habertürk Akar.

Die S-400 verfügt über die Fähigkeit, radartechnische Hinweise vom Ort eines Kampfjets der Klasse F-35 an den Nutzer der S-400 zu übermitteln. Allerdings verfügt das russische Luftabwehrsystem nicht über die Möglichkeit, eine F-35 zu verfolgen und abzuschießen. Auch die Ortung kann nur dann erfolgen, wenn der Radarquerschnitt (RCS) des betroffenen F-35-Jets groß genug ist, berichtet das türkische Rüstungsportal Savunmasanayist.com.

Das US-Verteidigungsministerium stellt die Wirksamkeit russischer Luftverteidigungssysteme ebenfalls in Frage. Dana W. White, Sprecherin des US-Verteidigungsministeriums, sagt, dass die US-Raketen, die beim Angriff gegen Syrien am 13. April 2018 eingesetzt wurden, allesamt ihre Ziele erreicht hätten. “Nach unseren Operationen hat Russland fälschlicherweise behauptet, die Luftverteidigung in Syrien habe eine erhebliche Anzahl von Raketen abgeschossen, obwohl wir tatsächlich alle unsere Ziele getroffen haben. Die in Russland hergestellten Luftverteidigungssysteme waren völlig ineffektiv. Russland und das Regime zeigten zwei Tage später erneut die Ineffizienz ihrer Systeme, als sich diese versehentlich einschalteten”, zitiert der englischsprachige Dienst von Reuters White. In Syrien befinden sich Luftabwehrsysteme der Klassen S-300 und S-400.

Im April 2019 sagte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg während einer Pressekonferenz: “Es ist eine nationale Entscheidung für jeden Nato-Verbündeten, über die Beschaffung von Fähigkeiten zu entscheiden. Gleichzeitig stellen wir jedoch fest, dass dies ein Problem ist, das zu Meinungsverschiedenheiten zwischen den Alliierten geführt hat. Und die Nato bietet den Alliierten eine Plattform, um solche Probleme anzugehen. Die Nato unterstützt die Türkei. Wir verstärken die Luftverteidigung der Türkei durch den Einsatz von Nato-Patriot-Batterien. Spanien hat im Auftrag der Nato Patriot-Batterien in die Türkei entsandt. Und auch Italien hat in der Türkei ein sogenanntes SAMP / T-Luftverteidigungssystem eingesetzt.”

Es geht bei der Frage um russische Luftabwehrsysteme auch um die Interoperabilität. Die russischen Luftabwehr-Raketen können nicht in die Militärstruktur der westlichen Militärallianz integriert werden, behauptet die US-Regierung. Doch diese Argumentation scheitert an der Tatsache, dass Griechenland über das russische Luftabwehrsystem S-300 verfügt, das in die Militärstruktur der Nato eingebettet ist. Griechenland ist ein Mitglied der Nato und der EU. Weitere Nato-Staaten, die russische Luftabwehrsysteme der Klasse S-300 nutzen, sind Bulgarien und die Slowakei.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hatte am 12. Juli 2019 gesagt, dass die Türkei am Kauf der S-400-Systeme festhalten wird. “Ich sage nicht, die Türkei möchte die S-400 erwerben. Ich sage, die Türkei hat die S-400 bereits erworben. Wir haben diese Sache abgeschlossen”, zitiert der türkischsprachige Dienst von Bloomberg den türkischen Präsidenten.

Die türkischen Militärs scheinen von den Fähigkeiten des F35-Kampfjets jedenfalls nicht überzeugt zu sein - und bevorzugen das S-400-System. In einem Interview mit der Zeitung Hürriyet sagte der Nachrichtendienstchef des türkischen Generalstabs, Generalleutnant a.D. İsmail Hakkı Pekin: “Die Performance der F-35 liegt faktisch bei nur 60 Prozent. Die F-35 ist ein klotziger, aber sehr teurer Jet. Die gesamte (elektronische, Anm. d. Red.) Kontrolle über die F-35 liegt in den Händen der Amerikaner. Sie ist somit anfällig für Manipulationen. Die Wartung und der Betrieb sind sehr problematisch. Außerdem ist die Fähigkeit der F-35 Raketen und klassische Bomben zu tragen, gering. Ich habe mit Vertretern der türkischen Luftwaffe gesprochen. Sie sind derselben Meinung.”

Offenbar ist auch die Führung der Bundeswehr nicht überzeugt vom F-35-Jet, weshalb sie sich vor wenigen Monaten gegen den Kauf entschieden hat. Die Türkei benötigt hingegen vor allem ein Luftabwehrsystem, weil der türkische Luftraum derzeit national nur durch den Einsatz von türkischen F-16-Jets geschützt werden kann. Deshalb beharrt Ankara auf dem russischen Luftabwehrsystem.

Technische Daten zum Luftabwehrsystem S-400

Die S-400 ist ein Mittel- und Langstrecken-Luftverteidigungssystem der neuen Generation, das alle modernen Luftwaffen, einschließlich taktischer und strategischer Flugzeuge, ballistischer Flugkörper und Überschallziele, zerstören soll. Das Luftverteidigungssystem S-400 wird voraussichtlich bis 2020 den Eckpfeiler der russischen Luft- und Raketenabwehr bilden. Die von Almaz-Antey hergestellte S-400 kann bis zu 36 Flugzeuge anvisieren  - bei einer Reichweite von 150 Kilometern. Sie kann nicht nur Flugzeuge, sondern auch ballistische Flugkörper abschießen, berichtet Global Security.

Das System wurde als Upgrade der S300-Serie von Boden-Luft-Raketensystemen entwickelt. Es wurde im April 2007 in Dienst gestellt und die erste S-400 wurde im August 2007 im Kampf eingesetzt. Russland richtete vier S-400-Regimenter zur Verteidigung des nationalen Luftraums in der Moskauer Region, der baltischen Exklave Kaliningrad und des östlichen Militärbezirks ein.

Anfang September 2014 trafen S-400-Systeme im südlichen Militärbezirk in der Nähe der russischen Stadt Krasnodar auf dem Ashuluk-Testgelände in der Region Astrachan ein, nachdem sie Live-Übungen durchgeführt hatten. Drei S-400-Regimenter sind in der Nähe von Moskau in den Städten Dmitrov, Zvenigorod und Elektrostal im Einsatz. Drei weitere Regimenter werden im Ostseeraum, in der Hafenstadt Nachodka und im südlichen Militärbezirk eingesetzt.

Da die stärkste Langstreckenrakete für die S-400 noch nicht einsatzbereit ist, verwendet das derzeit im Einsatz befindliche System die gleiche halbaktive Langstreckenrakete wie die Versionen des älteren S-300-Systems, wodurch die Reichweite und Leistung aller Ziele eingeschränkt wird. Bis die starke 40N6-Rakete tatsächlich eingesetzt wird, sind die wichtigsten neuen Merkmale des S-400-Systems, dass das modernere Radar in der Lage ist, eine größere Anzahl von Zielen gleichzeitig zu identifizieren.

Letztendlich befinden sich die USA und Russland im Wettbewerb um den weltweiten Rüstungsmarkt. Zum aktuellen Zeitpunkt bleibt unklar, wer sich auf dem türkischen Markt durchsetzt. Allerdings sieht es so aus, als ob die Türkei sowohl das Luftabwehrsystem S-400 als auch den Kampfjet F-35 erhalten wird, wovon sowohl Washington als auch Moskau profitieren würden. Ein europäischer Rüstungskonzern ist nicht mit im Rennen.


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