Finanzen
Ganz normale "konjunkturelle Abkühlung"

Ökonom gibt Entwarnung: Deutschland steckt nicht in der Rezession

Deutschland steckt nicht in der Rezession, sondern in der Abbauphase einer überhitzten Konjunktur. Das sagt ein führender Forscher des Kieler „Institut für Weltwirtschaft“.
27.08.2019 16:53
Lesezeit: 2 min

Die Zahlen des Statistischen Bundesamts sprechen für sich - Wachstum sieht anders aus: Das Brutto-Inlandsprodukt ist im zweiten Quartal dieses Jahres im Vergleich zum ersten Quartal um 0,1 Prozent gesunken. Verglichen mit dem Vergleichsquartal des Vorjahrs gibt es zwar keinen Rückgang, aber auch kein Plus: 0,0 Prozent stehen zu Buche. Besonders die große Stütze der deutschen Wirtschaft, der Export, lahmt: Im Vergleich zum Vergleichsquartal des Vorjahrs ergibt sich ein Minus von 1,8 Prozent, wie das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) in einer Pressemitteilung berichtet. Weiter heißt es: „Die Unternehmen gehen laut den ifo-Exporterwartungen, die im Juli auf den niedrigsten Stand seit der Finanzkrise gefallen sind, auch für die kommenden Monate von keinem Exportzuwachs aus.“ Auch vom Verarbeitenden Gewerbe gibt es laut BMWi keine guten Nachrichten: „Das Geschäftsklima trübte sich im Juli noch weiter ein.“ Und was die Beschäftigtenzahlen angeht: Zwar gingen diese weiter nach oben, aber, so das BMWi: „Einen geringeren Zuwachs gab es zuletzt vor drei Jahren.“

Grund zur Sorge? Nicht für den Leiter des Prognosezentrums des „Institut für Weltwirtschaft“ (IfW Kiel), Stefan Kooths. Anders als der Großteil der Experten, für die der Beginn des Konjunktureinbruch in diesem Jahr stattfand, glaubt der Kieler Forscher, dass „die Konjunktur den Wendepunkt bereits Anfang 2018 überschritten hatte, so dass die deutsche Wirtschaft nunmehr seit mehr als einem Jahr im Abschwung ist.“ Den Begriff „Rezession“ vermeidet der Wissenschaftler, und zwar ganz bewusst. Er spricht stattdessen von einer „konjunkturelle Abkühlung“, die „angesichts der vorangegangenen Überhitzung noch kein Grund zur Sorge ist“. Die Überhitzung habe sich unter anderem in einer „Überauslastung der Produktionskapazitäten“ gezeigt; derzeit gehe die Entwicklung der Industrie hin zu einer Normalauslastung. Kooths Fazit: „Anlass zu konjunkturpolitischem Aktionismus besteht damit nicht.“

Im Gespräch mit den Deutschen Wirtschaftsnachrichten sprach sich Kooths dagegen aus, jetzt staatliche Investitionsprogramme zu initiieren, weil diese vor allem der Bauwirtschaft zugutekämen: „Und der geht es gut - zusätzliche Aufträge vom Staat würden eher zu einer Überhitzung der Branche führen.“ Der Exportwirtschaft unter die Arme zu greifen, sei unnötig, so der Volkswirt: „Die schafft es aus eigener Kraft.“ Selbst wenn in der ersten Jahreshälfte 2020 der Dienstleistungs-Sektor schwächeln und es tatsächlich zur Rezession kommen sollte, bedürfe es keines staatlichen Eingreifens - ein gewisses konjunkturelles Auf und Ab sei vollkommen natürlich und inhärenter Bestandteil des wirtschaftlichen Geschehens, so der Ökonom.

Kooths sagte den DWN, dass die als Antwort auf die Finanzkrise aufgelegten Konjunkturprogramme der Jahre 2008 und 2009 viel zu spät angefangen hätten, zu wirken: „Im Grunde erst dann, als die Krise schon lange vorbei war.“ Viel wirkungsvoller als solcher von der Krise und von aufkommender Panik getriebener Aktionismus sei deshalb „stetiges staatliches Handeln“, und zwar in guten Zeiten als Vorbereitung auf schlechte Zeiten, und in schlechten Zeiten als Stütze der Konjunktur.

Insgesamt stellt Kooths sowohl der Politik als auch den Wählern kein gutes Zeugnis in wirtschaftspolitischer Hinsicht aus. Beide würden viel zu kurzfristig denken. Die Politiker, weil sie ihr Handeln primär an den nächsten Wahlen ausrichten würden; die Bürger, weil sie kurzfristig dächten. Der Ökonom: „An Investitionen, die langfristig wirken, haben deshalb beide nur wenig Interesse. Oder anders ausgedrückt: Mehrheiten für eine langfristig ausgerichtete Politik sind kaum zu bekommen.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Digitaler Impuls versus reale Werte

Am Montag hat ein einzelner Social-Media-Beitrag von Donald Trump die Finanzmärkte um 1,7 Billionen US-Dollar bewegt – und zwar nicht...

DWN
Politik
Politik Nach Angriff auf Diego Garcia: Könnten iranische Raketen inzwischen Europa erreichen?
29.03.2026

Der mutmaßliche Angriff iranischer Raketen auf Diego Garcia wirft neue Fragen zur militärischen Reichweite Teherans auf. Während...

DWN
Finanzen
Finanzen Novo Nordisk-Aktie: Warum die Führung zurücktrat und welche Rolle die Stiftung spielte
29.03.2026

Ein Machtkampf in der Führungsebene von Novo Nordisk hat das Unternehmen und die Novo Nordisk-Aktie in eine tiefe Governance-Krise...

DWN
Panorama
Panorama Spanien im Wandel: Vom Klischee zum Vorreiter beim Frauenschutz
29.03.2026

Spanien steht oft im Ruf eines klassischen Macho-Landes. Doch aktuelle Zahlen und konsequente Maßnahmen zeichnen ein anderes Bild....

DWN
Immobilien
Immobilien Mieter verstorben: Was passiert mit dem Mietvertrag nach einem Todesfall?
29.03.2026

Der Tod eines Mieters wirft für Hinterbliebene oft viele Fragen auf: Darf man in der Wohnung bleiben, wenn der Vertrag nur auf den...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europas Wettbewerbsfähigkeit: Hinter verschlossenen Türen wächst die Angst
29.03.2026

Europa galt lange als stabiler Wirtschaftsraum mit klaren Regeln und berechenbaren Märkten. Doch hinter den Kulissen wächst die Sorge,...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Iran-Krieg verschiebt Kräfteverhältnisse am Himmel: Europäische Airlines profitieren – wie lange noch?
29.03.2026

Stillgelegte Flughäfen, steigende Ticketpreise und neue Flugrouten: Der Iran-Krieg verändert die Dynamik im globalen Luftverkehr...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Biotech-Strategie: Warum Gubra bewusst auf spätere Deals setzt
29.03.2026

Ein Biotech-Unternehmen stellt seine Strategie radikal um und geht bewusst höhere Risiken ein. Gubra will Wirkstoffe länger selbst...

DWN
Politik
Politik Ehegattensplitting vorm Aus? Die Institution Ehe soll tiefgreifend verändert werden
28.03.2026

Beim Ehegattensplitting wird das Einkommen beider Ehe- oder Lebenspartner gemeinsam versteuert, was sich lohnt, wenn einer deutlich weniger...