Politik

Deutsche haben wenig Angst vor Terror, zweifeln aber an Integration

Lesezeit: 2 min
03.01.2017 00:23
Die Deutschen sind überraschend wenig von Terror-Angst verunsichert. Allerdings glaubt nur eine Minderheit, dass die Integration der Flüchtlinge und Migranten gelingen wird.
Deutsche haben wenig Angst vor Terror, zweifeln aber an Integration

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Bernhard Sprengel von der dpa hat einen interessanten Blick auf die Stimmungslage der Deutschen geworfen:

Von Zukunftsoptimismus weit entfernt - so beschreibt der Hamburger Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski die Stimmung in Deutschland mit Blick auf das neue Jahr. Immerhin seien die Bundesbürger nicht ganz so pessimistisch wie noch Ende 2015, ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos im Auftrag von Opaschowski. 36 Prozent der Befragten sagten, sie sähen dem kommenden Jahr mit großer Skepsis und gemischten Gefühlen entgegen. Vor einem Jahr hatten sich noch 50 Prozent so geäußert. Der Anteil der Optimisten, die von sich sagen «Ich erwarte bessere Zeiten», blieb mit 18 Prozent auf einem unverändert niedrigen Niveau.

Opaschowski glaubt, dass ein Ende der vor einem Jahr wiederaufgekommenen «German Angst» in Sicht ist. «Die Krisenstimmung normalisiert sich langsam wieder», sagt er. Auch die Terroranschläge in München oder Ansbach änderten die Einstellung der Bevölkerung nicht. Die Umfrage fand Ende November, also noch vor dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt statt.

Nur 20 Prozent der Befragten - 21 Prozent der West- und 17 Prozent der Ostdeutschen - gaben an, dass die Terrordrohungen in Deutschland ihre Art zu leben nennenswert einschränken würden. Die überwiegende Mehrheit (80 Prozent) will demnach so weiterleben wie bisher. «Beim Gedanken an das Jahr 2017 beweisen die Deutschen durchaus Krisenresistenz gegenüber Terrordrohungen», lautet das Fazit von Opaschowski. Dabei hält die große Mehrheit weitere Anschläge für wahrscheinlich. Das Meinungsforschungsinstitut GfK ermittelte im Auftrag der Hamburger BAT-Stiftung für Zukunftsfragen, dass 76 Prozent dieser Ansicht sind. Auch diese repräsentative Studie wurde vor dem Anschlag von Berlin durchgeführt.

Vor einem Jahr hatte sich die Zahl der Pessimisten in der Ipsos-Umfrage beinahe verdoppelt. Die Deutschen hätten geradezu hektisch auf die Flüchtlingskrise reagiert, stellt Opaschowski fest. Doch die Erwartungen auf ein gutes Zusammenleben von Deutschen und Flüchtlingen hätten sich bislang nicht erfüllt. Erwartete Ende 2015 jeder fünfte Bundesbürger (21 Prozent), dass der Gesellschaft ein solcher Integrationsprozess gelinge, sei es jetzt nur noch jeder siebte (15 Prozent). «Die überwiegende Mehrheit gibt sich desillusioniert - quer durch alle sozialen Schichten», erklärt Opaschowski.

Der Leiter der BAT-Stiftung, Ulrich Reinhardt, sieht das ähnlich. «Das Thema Flüchtlinge wird Deutschland und Europa in den kommenden Jahren prägen», sagt er. In der von ihm in Auftrag gegebenen Studie äußerten nur 16 Prozent die Ansicht, dass die Integration von Ausländern 2017 einfacher wird.

Nach Angaben von Ipsos gehen 40 Prozent davon aus, dass im Jahr 2017 die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland zunehmen wird. Bei den Ostdeutschen vertreten 46 Prozent diese Ansicht, bei den Westdeutschen nur 39 Prozent. Hinzu kommt die Sorge vor einer zunehmenden Bereitschaft zu Hass und Gewalt. 44 Prozent der Befragten äußerten diese Befürchtung. Die Ostdeutschen sind auch in diesem Punkt mit 61 Prozent deutlich besorgter als die Westdeutschen mit 41 Prozent.

Opaschowski selbst konstatiert eine größere Aggressivität in der öffentlichen Auseinandersetzung. «Die Bevölkerung pöbelt, und die Politiker pöbeln zurück.» Als Beispiel nennt er die Feier zum Tag der Deutschen Einheit in Dresden, bei der hunderte Demonstranten Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundespräsident Joachim Gauck und andere Spitzenpolitiker beschimpften. Minister wiederum hätten von «Pack», «Schande» und «Dumpfbacken» gesprochen.

Die Fremdenfeindlichkeit sei zu einem Risikofaktor für das soziale Zusammenleben in Deutschland geworden, sagt Opaschowski. Er rät Städten und Kommunen, gemeinsam mit der Wirtschaft gegenzusteuern und für die Integration als Standortfaktor zu werben. «Der neue Standortfaktor muss die Toleranz gegenüber Minderheiten und die Förderung der Gemeinsamkeiten zum Ziel haben.»

Als größten Unsicherheitsfaktor mit Blick auf das neue Jahr empfinden die Bundesbürger jedoch die soziale Ungleichheit. 61 Prozent der Ostdeutschen und 53 Prozent der Westdeutschen kritisieren die Kluft zwischen Arm und Reich. Dahinter stecke die Angst vor spürbaren Wohlstandsverlusten, erklärt Opaschowski. Dabei gehe es Deutschland so gut wie lange nicht mehr. «Wir haben die niedrigste Arbeitslosigkeit und die niedrigste Armutsquote seit mehr als zehn Jahren», betont der Forscher. Doch die Mitte habe Angst, nach unten abzurutschen. Die Sorge vor sozialem Unfrieden sei in Deutschland größer als die Angst vor Terror.

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