USA nervös wegen neuer Allianz zwischen Russland und der Türkei

Lesezeit: 3 min
10.01.2017 01:07
Die US-Regierung ist wegen der neuen Partnerschaft zwischen Russland und der Türkei nervös. Präsident Erdogan hofft, dass unter Präsident Trump wieder ein normales Verhältnis zu den USA möglich wird.
USA nervös wegen neuer Allianz zwischen Russland und der Türkei

Russische Kampfflugzeuge führen seit geraumer Zeit Luftangriffe zur Unterstützung der türkischen Offensive im Norden Syriens gegen die Terror-Miliz ISIS aus, was als eine wichtige Entwicklung in der Entwicklung der türkisch-russischen Beziehungen einzustufen ist, berichtet die New York Times.

Die sich zwischen der Türkei und Russland vertiefenden Bindungen drohen, die USA bei der Mitbestimmung der Zukunft Syriens auszuschließen.

Die russischen Luftmissionen, die etwa eine Woche lang in der Nähe der strategisch wichtigen Stadt Al Bab stattfanden, repräsentieren den ersten Einsatz Russlands, um die Türken auch militärisch zu unterstützen. Russland ergriff diese Möglichkeit, nachdem die USA der Türkei ihre Luftunterstützung beim Kampf der Türken gegen ISIS verweigert hatten. Russland und die Türkei waren bereits an gemeinsamen Bemühungen beteiligt, einen Waffenstillstand in Syrien zu schaffen, ohne die USA miteinzubeziehen. Gleichzeitig sind die Beziehungen zwischen den USA und der Türkei unter eine wachsende Belastung geraten, da die Türkei und die Kurden-Milizen der YPG verfeindet sind, die USA hingegen die YPG aufrüsten und anführen.

Nach Angaben von einigen Sicherheitsanalysten, so das Blatt, sind Russland und die Türkei offenbar zu einer Übereinkunft gekommen, wonach die Türkei im Norden Syriens eine Sicherheitszone gründen wird, um die Kurden-Milizen der YPG daran zu hindern, eine autonome Region zu gründen. Im Gegenzug scheinen die Türken von ihren Bemühungen zurückzutreten, Präsident Baschar al-Assad, zu stürzen. „Die türkisch-russische Annäherung ist weitgehend taktisch. Russland kann jetzt mit einer türkischen Enklave im Norden Syriens leben, wenn es das Assad-Regime nicht bedroht. Und es erlaubt Russland, die US-Annäherung an den türkischen Konkurrenten – die YPG – auszunutzen, indem den Türken Luftunterstützung gegen ISIS zur Verfügung gestellt wird, die die USA unerklärlicherweise nicht zur Verfügung stellen wollten“, so James F. Jeffrey, ein ehemaliger Botschafter der USA in der Türkei.

Die Türkei begann die Operation in Al Bab, östlich von Aleppo, ohne Koordinierung mit den USA und ohne den Vorteil der  US-Luftangriffe. „Das ist etwas, wofür sie sich selbst entschieden haben, um unabhängig zu handeln“, sagte US-Oberst John Dorrian, Sprecher der Anti-ISIS-Koalition, im November 2015. Die Türkei ging zunächst davon aus, dass die Befreiung von Al Bab relativ schnell laufe würde. Doch bisher ist es dem türkischen Militär nicht gelungen, Al Bab zu befreien. Im Rahmen der Militäroperation gegen ISIS in Nordsyrien sind bisher 47 türkische Soldaten und pro-türkische Söldner ums Leben gekommen, berichtet Habertürk.

Die USA betrachten die Kurden-Milizen als einige der effektivsten Kämpfer im Kampf gegen ISIS in Syrien. Der türkische US-Außenminister Mevlüt Cavusoglu hatte Ende Dezember 2015 gesagt, dass die USA die YPG direkt bewaffnen würden, während die Türkei sich im Konflikt mit der YPG befinde, berichtet die Hürriyet. Auch dies war eines der Gründe dafür, warum sich die Türkei in Richtung Russland orientierte, um in Syrien zu operieren. Die Zusammenarbeit zwischen Russland und der Türkei ist allein schon deshalb bemerkenswert, weil im September 2015 – als die ersten russischen Kampfflugzeuge nach Syrien kamen, um Assad zu unterstützen – die Türkei noch sowohl den russischen Einsatz in Syrien kritisierte als auch am Sturz Assads festhielt.

Die Beziehungen zwischen beiden Staaten wurden gestört, nachdem ein türkisches Kampfflugzeug einen russischen Su-24-Jet abgeschossen hatte und der russische Pilot von syrischen Söldnern getötet wurde. Putin verurteilte den Abschuss als „Dolch in den Rücken“. Als Reaktion entsendete Russland ein S-400-Raketensystem zum Schutz des syrischen Luftraums und verhängte Wirtschaftssanktionen gegen die Türkei.

Aber im vergangenen Jahr haben sich die Berechnungen der beiden Länder geändert. Während Präsident Obama davor warnte, Syrien zu einem russischen militärischen „Sumpf“ zu machen, arbeiteten die Russen mit dem Iran und dem syrischen Militär zusammen, um Aleppo ohne bedeutsame russische Verluste zu befreien.

Dennoch muss Russland mit der Tatsache rechnen, dass dem syrischen Militär die Truppen fehlen, um das ganze Land zu kontrollieren, so die New York Times.

Gleichzeitig haben sich die unmittelbaren Ziele der Türkei verschoben. Besorgt über die Möglichkeit, dass kurdische Kämpfer getrennte Kantone verbinden könnten, um eine autonome Enklave über den Norden Syriens sowie über die Präsenz von ISIS-Kämpfern in der Nähe ihrer Grenzen, schickte die Türkei im August ihre eigenen Truppen nach Nordsyrien.

Der türkischen Offensive, die die Unterstützung der syrischen Söldner erforderte, gelang es, die Stadt Dscharabulus zu befreien. Doch die Offensive ist offenbar in der ISIS-Hochburg Al Bab steckengeblieben. Die Russen informieren die USA über ihre Luftschläge, die sie zur Unterstützung der Türkei in Al Bab ausführen. Das Ziel ist es, eine Konfliktvermeidung im syrischen Luftraum zu verhindern, da sowohl die russische Koalition als auch die US-geführte Anti-ISIS-Koalition Luftschläge in Syrien ausführen. Eine Abstimmung zwischen der Türkei und den USA findet offenbar nicht statt.

Obwohl sich die türkisch-amerikanischen Beziehungen aktuell an einem Tiefpunkt befinden, hofft der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan auf eine Verbesserung der Beziehungen unter US-Präsident Donald Trump.

Die Hürriyet zitiert Erdogan: „Wir gehen durch eine sehr sensible Phase in unseren Beziehungen. Wir wollen das US-Außenministerium gemeinsam mit uns in einer starken gewidmeten Weise im Kampf gegen den Terrorismus sehen. Ich denke, wir werden dies nach dem 20. Januar durch einen Dialog mit der Trump-Administration klären. Ich bin sicher, dass wir schnelle Fortschritte machen werden. Ich glaube, dass wir eine Einheit des Verständnisses mit Herrn Trump erreichen werden, vor allem in regionalen Fragen.“



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