Politik

Ressourcenimperialismus im 21. Jahrhundert: USA gegen Europa

Der Wettlauf um seltene Erden, Öl und digitale Vorherrschaft bestimmt längst globale Machtspiele. Wer strategische Ressourcen kontrolliert, entscheidet über Wirtschaft, Militär und internationale Positionen. Deutschland und Europa müssen handeln, sonst riskieren sie wirtschaftliche und geopolitische Marginalisierung.
03.03.2026 10:32
Aktualisiert: 01.01.2030 11:21
Lesezeit: 8 min
Ressourcenimperialismus im 21. Jahrhundert: USA gegen Europa
Meister der symbolträchtigen Inszenierung: US-Präsident Donald Trump, Schöpfer der "Donroe Doktrin") auf einem KI-generierten Bild, das er Ende Januar auf "Truth Social" postete. (Bild: @realDonaldTrump/Truth Social)

Bye, bye, Idealismus und hallo Materialismus

Die Welt dreht sich zwar nicht schneller als früher (1.670 km/h), aber gelegentlich fühlt es sich so an. Viele beschreien den Niedergang der stabilen Zeit nach dem Kalten Krieg und warnen vor dem Untergang. Ein unheilvoller Dreiklang aus Klimakatastrophe, KI-Revolution und Dauerkrise beschwört düster dräuend die kommende Apokalypse, und zwar im Sekundentakt der Push-Nachrichten. Darauf sollte man nicht zu sehr hören, sonst kann man sich gleich die Kugel geben. Allerdings hilft es auch nicht, so zu tun, als gäbe es keine fundamentalen Umwälzungen in der heutigen Zeit - allen voran der immer klarer zutage tretende globale Verteilungskampf um Macht und Rohstoffe, der sich selbst verstärkt.

Die Donroe-Doktrin festigt US-Macht

Man kann dabei von Trump halten, was man will – er nimmt wenigstens kein Blatt vor den Mund. Seine Donroe-Doktrin ("Donald plus Monroe") zementiert die US-Vorherrschaft in der westlichen Hemisphäre, von Hawaii bis im Prinzip auch Großbritannien. Grönland gehört auch dazu, und dürfte Teil der USA werden, ob es will, oder nicht. Ob es dabei um Bodenschätze, um strategische Positionen in der Arktis, um die vermeintliche Größe dank Mercator-Projektion oder einfach ums Prinzip geht, ist letztendlich ohne Belang. Und Lateinamerika bleibt der Hinterhof der USA, der billige Rohstoffe und Arbeitskräfte liefern darf (allerdings nicht zu viele!). Jetzt mehr denn je. Wie sehr das amerikanische Imperium sich noch ausdehnen kann, ohne sich zu übernehmen, wie in der Antike das römische Reich, bleibt abzuwarten.

Rückkehr des starken Mannes

Jedenfalls geht es nicht mehr um hehre Ideen, so sinnvoll und praktisch sie auch sein mögen. Der starke Mann, eine angestaubte Figur der Geschichte, kehrt zurück, voller symbolischer Worte und Gesten, die ironischerweise umso nötiger scheinen, je weniger Idealismus in Form multilateraler Abkommen und Institutionen übrig ist. Und dieser unverblümte, brutale Materialismus könnte den Ton angeben für das 21. Jahrhundert. So, wie der größte und dickste Elefant trompetet, trötet auch der Rest.

Ressourcen und Vorbereitung auf Konflikte

Für die Menschheit heißt das: Es geht nicht darum, das sechste große Massenaussterben zu verhindern, Klimaziele und damit ein nachhaltig menschenwürdiges Leben für möglichst viele zu erreichen, oder gar durch KI endlich die von Keynes vorhergesagte Utopie des Drei-Stunden-Arbeitstags für alle wahr zu machen. Sondern es geht darum, sich zu wappnen und zu rüsten für die sich vermutlich weiter verstärkenden Verteilungskämpfe um jene Ressourcen, die Wirtschaft und Militär und damit auch innen- und außenpolitische Machtpositionen am Laufen halten.

Diplomatie allein reicht nicht

In einer multipolaren Weltordnung gilt vielleicht nicht immer und überall ausschließlich das Recht des Stärkeren – man kann sich bestimmt auch einigermaßen durchschlawinern mittels Diplomatie und kluger Bündnispolitik. Aber stark zu sein, und sich Dinge mit Gewalt nehmen zu können, das festigt die eigene Verhandlungsposition dann doch mehr, als die gute, alte Kooperation. Vor allem, wenn der stärkste Spieler auf dem Feld fast nur noch auf Einschüchterung und Zwang setzt. Der Politologe Herfried Münkler sagt dazu: "Wir leben nicht mehr in einer regelbasierten, sondern in einer machtbasierten Ordnung. Man kann sich nicht darauf verlassen, dass Völkerrecht gilt, dass internationale Institutionen von der UNO bis zur OSZE in der Lage sind, Konflikte zu handhaben."

Kampf um Ressourcen wird sichtbar

Das heißt auch, dass der Kampf um die Ressourcen nun weitaus klarer zutage tritt, als er dies früher tat. Nicht, dass er da keine Rolle gespielt hätte. Aber die Masken sind gefallen, sie sind nicht mehr nötig. Was also braucht man als Supermacht, die sich gegen andere Supermächte behaupten möchte? Zum einen Treibstoff für Militärgerät, für Panzer, Schiffe, U-Boote, Flugzeuge, Raketen und mehr. Also, in irgendeiner Form Zugriff auf Öl. Denn noch gibt es keinen Flugzeugträger, der nur mit Sonne und Wind die Weltmeere durchkreuzt.

Öl als geopolitisches Machtinstrument

Öl fungiert darüber hinaus auch noch als geopolitisches Machtinstrument. Die Kontrolle über Vorkommen verschafft Ländern Einfluss auf globale Märkte, Handelsströme und Finanzsysteme. Historisch haben Ölkrisen, Embargos und Produktionsbegrenzungen gezeigt, dass Ölpreisbewegungen ganze Volkswirtschaften destabilisieren können – von der Inflation bis zu Lieferengpässen. Das macht Öl zu einem zentralen Hebel jeder außenpolitischen Strategie.

Seltene Erden für digitale Kriegsführung

Neben Öl benötigt jede militärische Macht mittlerweile immer mehr seltene Erden, für digitale Kommunikation, für Chips und Drohnen, die eine immer bedeutendere Rolle spielen. Und natürlich auch für die großen Rechenzentren, die die digitale Vorherrschaft sichern – und damit indirekt ebenfalls eine mächtige Waffe darstellen, von der algorithmisierten Propaganda auf Social Media über Datenzugriff und Datensperren via Cloud und Spionage à la NSA bis hin zu Cyberangriffen auf die Infrastruktur möglicher Feinde oder unkooperativer Freunde.

KI als neue Geheimwaffe

Und natürlich braucht man diese Erden und die daraus hergestellten Chips für KI, die nicht mehr ganz so geheime Geheimwaffe. Und immer größere Mengen an Energie für deren Betrieb, wo wieder Öl, Kohle, Gas und Atomkraft ins Spiel kommen. Denn darum dreht sich das Kopf-an-Kopf-Rennen von China und den USA: Wer wird die erste generative KI entwickeln, die sich dann exponentiell selbst verbessert, die schon bekannte Waffensysteme wie die bereits erwähnten Drohnen mit größtmöglicher Effizienz steuert und vermutlich auch neue Waffensysteme entwickelt? Wer hier die digitale Nase vorne hat, startet mit großem Vorsprung in das drohende Kräftemessen.

Machtlogik und der globale "Kuchen"

Das Spiel, das nun gespielt wird, geht also so: Hol dir das größte Stück vom Kuchen, verwende besagtes Stück Kuchen, um alle anderen damit in Schach zu halten, und sichere dir so noch mehr Kuchen, a.k.a. Rohstoffe. Sollte das Ganze wider Erwarten nicht in eine dreckige Essensschlacht ausarten, hast du am Ende vielleicht den ganzen Kuchen. Und zwar leider niemanden mehr, mit dem du ihn teilen kannst, aber hey, Kuchen! Die Rechnung ist im Prinzip sehr einfach: jeden aktuell (noch) vorhandenen Vorteil nutzen, um den eigenen Vorsprung auszubauen. Das spricht nicht für eine Nation, die auf Frieden und Stabilität setzt. Das spricht für ein Land, das sich auf einen Krieg vorbereitet – egal, wie heiß oder kalt der serviert wird.

Münkler über die US-Hegemonie

Münkler kommentiert dies in der "Süddeutschen Zeitung" so: "Die USA ziehen sich aus der Rolle des Hegemons einer werte- und regelbasierten Weltordnung zurück, die sie lange Zeit, wenn auch mehr schlecht als recht, gespielt haben. Europa wird in diesem Projekt der Ordnung von Großräumen im Sinne Carl Schmitts für sie keine besondere Rolle mehr spielen, wie man das ja auch in der am Ende des vergangenen Jahres veröffentlichten neuen Sicherheitsstrategie der USA nachlesen kann. Vermutlich präferiert Trump dabei auch den Zerfall der EU, weil er mit den europäischen Einzelstaaten dann ein wirtschafts- wie sicherheitspolitisch leichtes Spiel haben wird. Was Trump anstrebt, ist eine machtbasierte Weltordnung der drei Imperien. Russland, China und die USA sollen in dieser nach Einflussgebieten geordneten Welt das Sagen haben, wobei die USA die Hauptrolle spielen sollen."

Venezuela als Exempel

Ist es die Angst vor einer Instabilität der internationalen Ordnung, also der (einst) westlichen Vorherrschaft auf dem Globus, welche die Amerikaner treibt, ebenjene Ordnung hinter sich zu lassen, sie sogar zu sprengen? Oder einfach kühle Berechnung – ohne nervige, pedantische Europäer stehen die Chancen besser, noch etwas länger an der globalen Spitze der Nahrungskette zu stehen, als Spitzenprädator? Der Überfall und die Entführung des venezolanischen Ex-Chefs Maduro sind ein statuiertes Exempel für den Rest der Welt. Weder die Russen, noch die Chinesen, noch die Kubaner, noch die Iraner, noch andere Verbündete Venezuelas konnten ihn vor dem Zugriff der USA schützen. Bringt das Trump etwas, außer handfeste Symbolik und eventuell Ablenkung von innenpolitischen Schwierigkeiten? Na klar, Öl. Wobei das vielleicht nicht ganz einfach wird.

Ölreserven Venezuelas und Trumps Prahlerei

Der "Economist" schreibt hierzu: "Trump hat Anspruch auf die unerschlossenen Ölreserven Venezuelas erhoben – die größten der Welt – und sagt, dass die Vereinigten Staaten sofort 30 bis 50 Millionen Barrel erhalten werden. Die venezolanische Ölindustrie wurde so schlecht geführt, dass es mit amerikanischer Hilfe möglich sein dürfte, die Produktion ein wenig zu steigern. Dennoch ist Trumps Prahlerei, er könne die Produktion schnell und profitabel wieder auf das frühere Niveau bringen, illusorisch. Die Nachfrage ist schwach, und dem Land mangelt es an Fachkräften und Kapital. Und die Ölkonzerne zögern, kostspielige, jahrzehntelange und milliardenschwere Wetten darauf einzugehen, dass Venezuela sicher sein wird."

Europas Rohstoffabhängigkeit

Und Europa? Europa muss sich umschauen. Und dann schnell zusammenreißen, um neben den USA, China, Russland und Indien bestehen und vielleicht sogar prosperieren zu können. Im Wettlauf um Rohstoffe gelten zunehmend die Regeln des 19. Jahrhunderts – Ressourcenimperialismus durch militärische Macht. Die europäische Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen übertrifft bereits heute die einstige Abhängigkeit von russischem Öl und Gas. Bei seltenen Erden stammen über 90 Prozent des EU-Bedarfs aus China.

Deutschlands Abhängigkeit von seltenen Erden

Deutschland importierte 2024 rund 5.200 Tonnen seltene Erden, davon 65,5 Prozent direkt aus China. Bei Neodym, Praseodym und Samarium – unverzichtbar für Dauermagnete in Elektromotoren und Windkraftanlagen – liegt die Abhängigkeit sogar bei nahezu 100 Prozent. Diese Rohstoffe sind für Deutschlands Kernbranchen existenziell: Die Automobilindustrie benötigt sie für Elektrofahrzeuge, die Energiewirtschaft für Windturbinen, die Elektronikindustrie für Smartphones und Halbleiter, die Verteidigungsindustrie für militärische Systeme. Deutschland und Europa müssen Rohstoffpolitik als Sicherheitspolitik begreifen, Partnerschaften diversifizieren, Recycling massiv ausbauen und strategische Reserven anlegen. Zudem braucht es Forschung in Substitute – etwa Elektromotoren ohne seltene Erden, die bereits entwickelt werden, aber noch nicht marktreif sind.

Münkler empfiehlt europäische Selbstermächtigung

Angesichts der wachsenden Entfremdung von den USA und der Bedrohung durch Russland befürwortet Münkler in seinem Buch "Macht im Umbruch" (2025) die Selbstermächtigung Europas zu einer eigenständigen strategischen Kraft. Hierzu sei jedoch nicht nur eine tiefgreifende Reorganisation der EU mit dem Ziel einer Entbürokratisierung und Stärkung der politischen Handlungsfähigkeit nötig, sondern auch eine grundsätzliche "Neubestimmung des geostrategischen Verhältnisses zum globalen Süden", aus dem Europa künftig die Rohstoffe und Energieträger beziehen müsse, auf die es angewiesen sei. Das Handelsabkommen zwischen dem südamerikanische Staatenbund Mercosur und der EU nach mehr als 25 Jahre langen Verhandlungen wäre so ein Schritt. Zugleich zeigt die Verzögerung durch den EuGH das Problem der Langsamkeit der EU in mancherlei essentiellen Angelegenheiten.

Europa zwischen Risiko und Notwendigkeit

Kann die EU sich diese Langsamkeit leisten? Ist das eine Schwäche gegenüber autoritären Staaten, die schneller Entscheidungen treffen und forcieren können, oder langfristig, wie gerne behauptet, eine Stärke? Venezuela jedenfalls ist nur ein kleiner, symbolischer Vorgeschmack auf jenen beinharten Wettbewerb um Einfluss und um Rohstoffe, in dem Europa ohne eigene Strategie und geopolitisches Gewicht zwischen die Fronten gerät. Die Kontrolle über seltene Erden, Lithium und andere kritische Materialien wird zur neuen Währung globaler Macht. Europa muss jetzt handeln – oder riskiert, in der kommenden Dekade sowohl wirtschaftlich als auch strategisch weiter an Bedeutung, Wohlstand und Einfluss zu verlieren.

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Maximilian Modler

                                                                            ***

Maximilian Modler berichtet über spannende Entwicklungen aus den Bereichen Energie, Technologie - und über alles, was sonst noch für die deutsche Wirtschaft relevant ist. Er hat BWL, Soziologie und Germanistik in Freiburg, London und Göteborg studiert. Als freier Journalist war er u.a. für die Deutsche Welle, den RBB, die Stiftung Warentest, Spiegel Online und Verbraucherblick tätig.

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