Politik

Deutsche Bank: Rekord-Strafe - und kein Manager übernimmt Verantwortung

Lesezeit: 5 min
18.01.2017 16:01
Die Schelte der US-Justizministerin an den Machenschaffen der Deutschen Bank lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Allerdings übernimmt kein Manager Verantwortung. Die Mitarbeiter in den Filialen bekommen dagegen die Folgen zu spüren.
Deutsche Bank: Rekord-Strafe - und kein Manager übernimmt Verantwortung

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Das US-Justizministerium teilte in der Nacht zum Mittwoch mit, dass der Vergleich der Deutschen Bank über betrügerische Geschäfte auf dem amerikanischen Immobilienmarkt unter Dach und Fach ist. Die skrupellosen Methoden kosten die Frankfurter 7,2 Milliarden Dollar. Das ist zwar nur halb so viel wie ursprünglich befürchtet, aber mehr, als andere Banken wegen ähnlicher Verstöße gezahlt haben. In der Bilanz wird das deutliche Spuren hinterlassen, 2016 bahnt sich ein weiterer Milliarden-Verlust an.

Justizministerin Loretta Lynch fand deutliche Worte: "Die Deutsche Bank hat nicht nur Investoren getäuscht. Sie hat direkt zu einer internationalen Finanzkrise beigetragen." Auf 71 Seiten listet ihre Behörde detailliert auf, wie die Deutsche Bank im Boom 2006 und 2007 das ganz große Rad auf dem US-Markt drehte: Sie kaufte faule Hypotheken auf, bündelte diese in hochkomplexe Wertpapiere und verkaufte sie an Anleger auf der ganzen Welt. Als die Bonds mit dem Einbruch auf dem Häusermarkt auf einen Schlag wertlos wurden, verloren viele Investoren ihr Geld.

Das Brisante dabei: Während die Deutsche Bank die Papiere nach außen als sicheres Investment verkaufte, wettete sie intern längst auf den großen Crash, wie 2011 aus einem vernichtenden Untersuchungsbericht des US-Senats hervorgegangen war - so schreibt die Nachrichtenagentur Reuters in ungewöhnlich deutlichen Worten.

Allerdings wird keiner der Bank-Manager, die die betrügerischen Geschäfte betrieben haben, zur Verantwortung gezogen. Die Bank begnügt sich mit einer Entschuldigung - für den Schaden, den die Manager angerichtet haben, muss sich keiner vor Gericht verantworten. Auch von den früheren Vorständen befinden sich alle Manager im wohlverdienten Ruhestand.

Der frühere Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain geht als Präsident zum US-Finanzhaus Cantor Fitzgerald LP. "Anshu ist eine Weltklasse-Führungskraft in der Finanzbranche", sagte Cantor-Chef Howard Lutnick laut Reuters. Mit seiner Verpflichtung wolle das Unternehmen seine "Produktpalette ausbauen". Das klingt vor dem Hintergrund der Leistungen von Jain wie eine gefährliche Drohung.

Jain hatte die Deutsche Bank als Co-Chef neben Jürgen Fitschen geleitet und war im Sommer 2015 nach nur drei Jahren im Amt abgetreten. Jain leitete jahrelang das Investment-Banking der Bank - seit 1995 war Jain für die Deutsche Bank tätig. Auch Josef Ackermann, der sich in der Banken-Krise noch rühmte, dass die Deutsche Bank kein Geld vom deutschen Steuerzahler benötige, genießt den Ruhestand.

Zu spüren bekommen die Folgen der Machenschaften die Mitarbeiter in den Filialen in Deutschland: Denn die Bank muss sparen, in den vergangenen Monaten wurden zahlreiche Filial-Schließungen in die Wege geleitet. Mitarbeiter wurden nach Informationen der Deutschen Wirtschafts Nachrichten mehr oder weniger planlos hin- und hergeschoben, um Lücken zu füllen. Von einem Konzept kann, so ist aus den Filialen zu hören, keine Rede sein.

Statt einer Bestrafung für den angerichteten Schaden nimmt die Deutsche Bank alle Führungskräfte in die Verantwortung - auch, wenn sie mit den Betrügereien nichts zu tun hatten: Die meisten Führungskräfte der Deutschen Bank gehen in diesem Jahr bei der Verteilung der Boni laut Unternehmenskreisen ebenso leer aus wie der Vorstand. Banker mit den Positionen Vice President, Director und Managing Director erhielten in diesem Jahr keine individuellen Bonuszahlungen, sagten Banker, die an Informationsveranstaltungen am Mittwoch dazu teilgenommen haben. Nur pauschale Sonderzahlungen, die von den Geschäftszahlen der Bank und einzelner Sparten abhingen, würden ausbezahlt. Darüber hinaus sollen einzelne, für die Deutsche Bank besonders wichtige Mitarbeiter finanzielle Anreize erhalten, etwa in Form von Aktien, die aber erst nach mehreren Jahren tatsächlich verteilt werden. Der Vorstand der Bank habe auf seine Boni für 2016 ganz verzichtet, sagten die Banker.

Vorstandschef John Cryan, vor anderthalb Jahren mit dem Versprechen angetreten, konsequent auszumisten, sagte. "Unser Verhalten in dieser Angelegenheit in den Jahren 2005 bis 2007 entspricht nicht unseren Standards und ist nicht akzeptabel", schrieb Cryan nun in einem Brief an die rund 100.000 Mitarbeiter. "Wir entschuldigen uns uneingeschränkt dafür." Aus vielen der kritisierten Geschäfte habe sich die Bank bereits zurückgezogen.

Auch wenn der Rechtsstreit beigelegt ist - mehr als eine Atempause ist das für die Bank mit ihrer vergleichsweise dünnen Kapitaldecke nicht. Weitere potenziell sehr teure Fälle schwelen noch: der Geldwäsche-Skandal in Russland, mutmaßliche Sanktionsverstöße bei Iran-Geschäften und Tricksereien auf dem billionenschweren Devisenmarkt. Von einem Schlussstrich könne daher keine Rede sein, betonte Cryan. "Aber wir kommen unserem Ziel näher, uns vor allem auf die Zukunft konzentrieren zu können, anstatt immer wieder in den Rückspiegel schauen zu müssen."

An der Börse wurde der finale Vergleich ohne Aufregung zur Kenntnis genommen, denn die Grundsatzeinigung mit den Behörden war bereits kurz vor Weihnachten bekannt geworden. Die Deutsche-Bank-Aktie lag am Mittwoch leicht im Minus bei 17,42 Euro. Im Herbst, als noch eine Hypothekenstrafe von 14 Milliarden Dollar im Raum gestanden hatte, war das Papier auf unter zehn Euro abgerutscht. Viele Anleger fürchteten damals, eine solche Summe könne das Institut überfordern und gar eine Rettung durch den Staat nötig machen. Kunden zogen Gelder im Milliardenvolumen ab.

Inzwischen sind sich die meisten Branchenkenner einig, dass die Deutsche Bank das Thema ohne frisches Kapital stemmen kann. Denn als Geldbuße werden unmittelbar nur 3,1 Milliarden Dollar fällig. Der große Rest entfällt auf finanzielle Zugeständnisse an Kunden in den USA in den nächsten fünf Jahren. Wie genau das passieren soll, ist offen. Die Belastung dürfte sich allerdings in Grenzen halten - bei Konkurrenten schlugen solche Aktionen nur zu 20 Prozent auf die Bilanz durch. Fest steht aber auch: Selbst für die reine Strafzahlung reichen die Rückstellungen der Bank nicht aus, daher wird das Schlussquartal noch einmal mit 1,2 Milliarden Dollar vor Steuern belastet. Im Schnitt erwarten Analysten für 2016 einen Nettoverlust von fast einer Milliarde Euro, nachdem das Geldhaus bereits 2015 einen Rekordverlust von fast sieben Milliarden Euro ausgewiesen hatte.

Sparen wird also weiter die Devise sein. Cryan selbst machte daraus im Mitarbeiterbrief kein Hehl: "Wir sind noch lange nicht am Ziel, wir werden weitere schwierige Entscheidungen treffen müssen." Die nächste dürfte in Kürze anstehen. Laut "Spiegel" will das Geldhaus die Bonuszahlungen für führende Mitarbeiter drastisch kappen. So sollten bei außertariflichen Mitarbeitern rund 90 Prozent der Prämien für 2016 gestrichen werden. Die Bank wollte sich dazu zunächst nicht äußern.

Für die einflussreichen Großinvestoren dürfte das eher eine Fußnote sein. Laut Finanzkreisen dringen sie hinter den Kulissen darauf, dass Cryan die Strategie nochmals überarbeitet. Denn die Regulierung wird noch strenger, das Kapitalmarktgeschäft bleibt gerade in Europa schwierig. Nachjustierungen werden spätestens zur Hauptversammlung im Mai erwartet. Im Fokus wird dabei auch die Postbank stehen, die sich als unverkäuflich erwiesen hat.

Mit Credit Suisse hatten sich die USA im Hypothekenstreit auf rund 5,3 Milliarden Dollar geeinigt, davon 2,5 Milliarden in bar. Zum Stand der Dinge mit den Schweizern äußerte sich die US-Justizministerin zunächst nicht. Die parallel geführten Verhandlungen mit der britischen Bank Barclays waren geplatzt. Der Streit geht nun wohl vor Gericht.

***

Die kritische und unabhängige Berichterstattung der DWN ist auf die Unterstützung der Leser angewiesen. Die aktuellen Versuche, unabhängige Medien zu diskreditieren und ihnen das Geschäftsmodell zu entziehen, verfolgen wir mit Sorge.

Für PR, Gefälligkeitsartikel oder politische Hofberichterstattung stehen wir nicht zur Verfügung. Wir folgen streng der journalistischen Distanz, wie sie in unserem Impressum veröffentlicht ist. Anders als Facebook (Daten) oder staatliche Medien (Steuern, Gebühren) müssen sich die DWN täglich ausschließlich vor den Lesern beweisen. Das gibt uns die absolute Freiheit in der Berichterstattung. Die einzige Finanzierung, die uns diese Freiheit garantiert, ist die Unterstützung unserer Leser.

Daher bitte wir Sie, liebe Leserin und Leser, um Ihre

Unterstützung:

Hier können Sie sich für einen kostenlosen Gratismonat registrieren. Wenn dieser abgelaufen ist, erhalten Sie automatisch eine Nachricht vom System und können dann das Abo auswählen, dass am besten Ihren Bedürfnissen entspricht. Einen Überblick über die verfügbaren Abonnements bekommen Sie hier.

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  

DWN
Finanzen
Finanzen Vermögenserhalt trotz zweiter Welle und deren wirtschaftlichen Folgen

Unser Partner "Money Transfer System" informiert: Die zweite Welle im Zusammenhang mit dem Coronavirus ist bereits eingetroffen und...

DWN
Deutschland
Deutschland Bund und Länder verhängen massive neue Corona-Einschränkungen

Bund und Länder haben sich bei ihrem Corona-Krisengespräch am Mittwoch auf vorübergehende massive Beschränkungen des öffentlichen...

DWN
Deutschland
Deutschland Psychotherapeuten-Vereinigung: "Die Bundesregierung muss umfangreich und differenziert aufklären und die Menschen beteiligen"

Die ständig schlechten Nachrichten sind eine massive Bedrohung für die psychische Gesundheit. Der Bundesvorsitzende der Deutschen...

DWN
Deutschland
Deutschland Risiko einer zweiten Rezession in Deutschland steigt

Ökonomen schließen wegen der stark steigenden Corona-Positivtests und wegen der drohenden Gegenmaßnahmen einen Rückfall der deutschen...

DWN
Deutschland
Deutschland So verrückt sind manche Corona-Regelungen in Deutschland

Karneval ohne Schunkeln, Fußball ohne Fangesänge, Sex nur mit einem Partner: Eine Auswahl von interessanten Corona-Regelungen in den 16...

DWN
Finanzen
Finanzen Ende des Börsenbooms? Was der drohende Lockdown für Anleger bedeutet

Freitag letzter Woche veröffentlichten wir einen Artikel von Andreas Kubin. Angesichts der Ereignisse, die in den vergangenen drei Tagen...

DWN
Deutschland
Deutschland Ärzte-Verbände fordern Strategiewechsel in Corona-Politik

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung und Dutzende weitere Mediziner-Fachverbände fordern von Bund und Ländern einen Strategiewechsel in...

DWN
Deutschland
Deutschland Labor liefert reihenweise falsch positive Corona-Ergebnisse

Täglich werden in den deutschen Laboratorien abertausende Corona-Tests ausgewertet. Mitunter wird den Patienten ein falsch positives...

DWN
Politik
Politik Will die italienische Regierung das Militär gegen Anti-Corona-Demonstranten einsetzen?

In Italien droht offenbar ein Einsatz des Militärs im Inland, um die Anti-Corona-Proteste einzudämmen. Ein renommierter...

DWN
Deutschland
Deutschland Einzelhandel fürchtet Einbruch bei wichtigem Weihnachtsgeschäft

Wegen des drohenden zweiten Lockdowns droht den deutschen Einzelhändlern nach einem schlechten Jahr nun auch ein schlechtes...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Londoner Airport Heathrow verliert europäischen Spitzenplatz

Die Corona-Pandemie kostet den Londoner Flughafen seinen europäischen Spitzenplatz. Das Management kürzte für das kommende Jahr seine...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Krisen-Profiteur Delivery Hero liefert jetzt mehr als nur Essen

Nachdem der Essenslieferdienst seinen Umsatz im dritten Quartal verdoppeln konnte, will er nun weitere Märkte erschließen. An der Börse...

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin klettert auf höchsten Stand seit Anfang 2018

Die starken Kursgewinne des Bitcoin setzen sich fort. Erreicht die größte Kryptowährung noch vor Weihnachten ein neues Allzeithoch?

DWN
Marktbericht
Marktbericht Steigende Infektionszahlen drücken Dax unter psychologisch wichtige Marke von 12.000 Punkten

Die deutschen Börsen werden weiter von der Pandemie belastet. Da konnten auch positive Nachrichten der Deutschen Bank nur wenig helfen,...

DWN
Deutschland
Deutschland Deutsche Exporteure fürchten verstärkte Corona-Maßnahmen

Die deutschen Exporteure blicken mit Sorge in die Zukunft, wie das Ifo-Institut am Dienstag mitteilte. Denn wichtige Handelspartner drohen...