Frankreich: Konservative wollen ihren Kandidaten Fillon stürzen

Lesezeit: 2 min
05.03.2017 18:14
Francois Fillon hat schlechte Karten für die Präsidentschaftswahl: Obwohl es ihm gelang, am Sonntag einige zehntausend Anhänger zu mobilisieren, planen führende Konservative bereits konkret seinen Sturz.
Frankreich: Konservative wollen ihren Kandidaten Fillon stürzen

In Frankreich wollen führende Politiker der Konservativen mit dem Sturz des angeschlagenen Kandidaten Francois Fillon in letzter Minute die Chancen auf das Präsidentenamt retten. Statt Fillon soll den Plänen einflussreicher Politiker der Partei der Zweitplatzierte der Vorwahl, Ex-Regierungschef Alain Juppé, ins Rennen gehen. Bis zu einem Krisentreffen der Partei am Montagmorgen werde man einen "alternativen Weg zu Fillon" vorschlagen, sagte der Bürgermeister von Nizza, Christian Estrosi, am Sonntag. Das einfachste sei, wenn Juppé übernehme.

Fillon legte sich bei einer Rede vor Tausenden Anhängern in Paris nicht konkret dazu, ob er den Wahlkampf bis zum Ende fortsetze oder nicht. Bei der Großkundgebung im Zentrum von Paris sagte Fillon, sein Schicksal liege in den Händen der Partei und seiner Anhänger. Zu der Kundgebung waren immerhin einige zehntausend Anhänger Fillons gekommen. Fillon sagte, das Establishment dürfte die Stimme der Bürger nicht überhören. Seine Ausführungen waren zwar kämpferisch, klangen aber auch resignativ. In den vergangenen Tagen hatten sich zahlreiche Konservative von Fillon abgesetzt. Für Sonntagabend kündigte Fillon auf Twitter einen Auftritt im französischen Fernsehen an. "Er will zu den Franzosen sprechen", sagte ein Vertreter von Fillons Partei.

"Wir haben keine Zeit für Debatten darüber, wer der Talentierteste ist", sagte dagegen Fillons Widersacher Estrosi, ein enger Verbündeter des Ex-Präsidenten Nicolas Sarkozy, im TV-Sender BFM. Sarkozy und Juppé hätten Samstagnacht in einem langen Gespräch die Situation diskutiert, sagte Republikaner-Politiker Jean Leonetti zu Reuters. Zu Juppés Bedingungen gehöre, dass Fillon ihn unterstütze und er breiten Rückhalt habe.

Die Zeit drängt: Am 17. März läuft die Frist ab, bis zu der alle Präsidentschaftskandidaten formell bestätigt sein müssen. Estrosi kündigte für die kommenden Stunden eine Initiative an, die von ihm und weiteren Parteischwergewichten unterstützt werde. Estrosi ist Abgeordneter in der Nationalversammlung und einflussreicher Politiker der Republikaner.

Der in der Vorwahl gegen Fillon unterlegene Ex-Regierungschef Juppé hatte signalisiert, als Ersatzkandidat bereitzustehen, sollte Fillon verzichten. Ihm werden anders als Fillon in Umfragen gute Chancen eingeräumt, in die Stichwahl um das höchste Staatsamt zu kommen. In der zweiten Runde hätte er ebenfalls gute Aussichten - gleich, ob er dort gegen die Rechtsaußen-Kandidatin Marine Le Pen oder gegen den linksliberalen Kandidaten Emmanuel Macron antreten würde. Fillon wurden dagegen in neueren Umfragen nur geringe Chancen auch nur auf einen Einzug in die zweite Runde gegeben.

Die Parteispitze der Republikaner hat für Montag ein Krisentreffen anberaumt, bei dem das weitere Vorgehen beraten werden soll. Am Samstag hatte Fillon bei einem Wahlkampfauftritt abermals beteuert, er werde nicht zurücktreten. Fillon wird vorgeworfen, seine Frau Penelope jahrelang nur zum Schein als Assistentin angestellt und dafür Hunderttausende Euro aus der Staatskasse kassiert zu haben. In ihren ersten öffentlichen Äußerungen zu den Vorwürfen, gab Penelope Fillon in einem Interview an, für das Geld wirklich gearbeitet zu haben.

In den vergangenen Tagen sagten sich mehrere wichtige Gefolgsleute von ihm los. Fillon hat die Anschuldigungen stets zurückgewiesen. Allerdings räumte er am Sonntag vor seinen Anhängern Fehler in der Kommunikation ein.

Fillon hatte stets betont, gegen ihn laufe eine Hetzkampagne, die in einem "politischen Mord" gipfele. Insbesondere seine Angriffe auf das Justizsystem kostete den 63-Jährigen Rückhalt. Einer am Samstag veröffentlichten Umfrage zufolge sind mehr als 70 Prozent der Wähler für seinen Rückzug. Im eigenen Lager sank die Zustimmung auf 53 Prozent von 70 Prozent vor zwei Wochen. Der Chef der mit den Republikanern verbündeten Mitte-Rechts-Partei UDI, Jean-Christophe Lagarde, forderte Fillon am Sonntag auf, aus dem Wahlkampf auszusteigen und Juppé den Vortritt zu lassen.

In der jetzigen Konstellation würde die Präsidentschaftswahl Umfragen zufolge zwischen dem parteiunabhängigen Kandidaten, Emmanuel Macron, und der Kandidatin der Rechtsextremen, Marine Le Pen, ausgemacht. In der zweiten Runde am 7. Mai würde Le Pen den Vorhersagen zufolge jedoch klar unterliegen. Ein anderes Bild ergebe sich dagegen, wenn Fillon durch Juppé, den Bürgermeister von Bordeaux, früheren Außenminister und Regierungschef, abgelöst würde. Dann hätte Juppé die größten Chancen. "Wenn der Goldmedaillen-Gewinner bei den Olympischen Spielen disqualifiziert wird, dann übernimmt auch der Besitzer der Silber-Medaille", betonte Lagarde.


Mehr zum Thema:  

DWN
Termine
Wichtige Termine Unser Geschenk für Sie im Advent: Heute 34% sparen!

Seien Sie schnell & erhalten Sie 34% Rabatt auf das Jahresabo der DWN.

DWN
Politik
Politik Der späte Sieg des Sozialismus: Von der Leyens „Green Deal“ führt die EU zur zentral gelenkten Planwirtschaft

Der gute Wille, welcher dem wirtschafts- und energiepolitischen Entwurf des „Green Deal“ zu Grunde liegt, droht in einem totalitär...

DWN
Finanzen
Finanzen Federal Reserve pumpt zum Jahresende eine halbe Billion Dollar in den Geldmarkt

Um die erwarteten Liquiditätsengpässe zum Jahresende abzumildern, hat die Fed angekündigt, dem Repo-Markt auf der Schwelle zum neuen...

DWN
Finanzen
Finanzen JPMorgan und Goldman Sachs uneinig über Zukunft von Gold

Die beiden größten Investmentbanken der Welt, Goldman Sachs und JPMorgan Chase, haben Analysen mit entgegen gesetzten Erwartungen an die...

DWN
Deutschland
Deutschland Die Integration östlicher EU-Länder bleibt eine Erfolgsgeschichte

Westliche Kritiker mahnen ständig, dass Tschechien, Polen, Ungarn und die Slowakei immer nur Subventionen aus Brüssel nehmen und den...

DWN
Deutschland
Deutschland Anschlag am Breitscheidplatz: Einer lügt – entweder BKA-Beamter oder LKA-Beamter

Im Untersuchungsausschuss des Bundestages zum Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt verhärten sich die Fronten zwischen dem LKA aus...

DWN
Finanzen
Finanzen Lagardes Einstand bei der EZB: Nullzinsen bleiben bis zum Sankt Nimmerleinstag

Christine Lagarde bestätigt als neue Präsidentin die Geldpolitik ihres Vorgängers: die Leitzinsen bleiben auf unabsehbare Zeit bei null,...

DWN
Deutschland
Deutschland Bundesregierung verstärkt weltweite Rekrutierung von Fachkräften

Die Bundesregierung hat die Welt als Reservoir potenzieller Fachkräfte identifiziert und will dieses mit viel Aufwand ausbeuten. Niemand...

DWN
Politik
Politik Pentagon-Dokumente: Obama und Bush täuschten Öffentlichkeit systematisch über Afghanistan-Krieg

Bislang unveröffentlichten Dokumenten zufolge sollen die US-Regierungen seit 2001 die Öffentlichkeit über die Lage in Afghanistan...

DWN
Finanzen
Finanzen Repo-Guru: Liquiditätskrise zum Jahresende wird Fed zu massiven Anleihekäufen zwingen

Jener Analyst, welcher einen Monat vor Ausbruch der Liquiditätskrise am US-Geldmarkt genau diese Krise korrekt vorhergesagt hatte, warnt...

DWN
Finanzen
Finanzen Renditen steigen: Investoren verlieren das Vertrauen in Zombie-Unternehmen

Auf dem US-Markt geraten riskantere Unternehmensanleihen zunehmend unter Druck. Die Zahl der besonders gefährdeten Anleihen, der...

DWN
Politik
Politik Bosch: Von der Leyens „Green Deal“ bricht der deutschen Autobranche das Genick

Der Bosch-Vorstandsvorsitzende Volkmar Denner warnt vor den überzogenen CO2-Vorgaben der neuen EU-Kommission. Diese bedeuteten faktisch...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Droht das Aus? Traditionsreicher Zulieferer Leoni braucht plötzlich 200 Millionen Euro

Die Lage bei Leoni ist ernst: Der Konzern schreibt Verluste in zweistelliger Millionen-Höhe. Und das, obwohl der Hersteller zwölf Monate...

DWN
Politik
Politik In der EU hausen 120.000 Migranten unter ärmsten Lebensbedingungen

In Griechenland sind derzeit über 40.000 und auf der Balkanroute über 80.000 Flüchtlinge und Migranten gestrandet. Sie leben unter den...

DWN
Politik
Politik Anhörung eskaliert: „Das Soros-Orchester“ und die ernste Entfremdung zwischen EU-Kommission und Ungarn

Eine Anhörung zu Vorwürfen der EU-Kommission gegen die ungarische Regierung ist aus dem Ruder gelaufen. Die beiden Seiten scheinen sich...

celtra_fin_Interscroller