Ifo sieht negativen Trend für deutsche Konjunktur

 

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26.11.2018 11:34
Eine Mehrheit der deutschen Unternehmen erwartet mit Blick auf die kommenden Monate einen Rückgang der Wirtschaftsleistung.
Ifo sieht negativen Trend für deutsche Konjunktur

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Die deutsche Wirtschaft hat nach Einschätzung des Ifo-Instituts ihre Hochphase wahrscheinlich hinter sich. "Die Anzeichen verdichten sich, dass es eine Trendwende geben könnte", sagte Ifo-Konjunkturexperte Klaus Wohlrabe der Nachrichtenagentur Reuters am Montag. Darauf deute der abermalige Rückgang des Geschäftsklimas hin. "Wir sehen eine deutliche Abkühlung der deutschen Konjunktur."

Die Wachstumsprognosen der Bundesregierung sind nach Ansicht des Ifo-Instituts für das laufende Jahr zu hoch gegriffen und für das kommende Jahr möglicherweise auch. Die Regierung erwartet für beide Jahre einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 1,8 Prozent. Wohlrabe bekräftigte nun die abweichenden Einschätzungen, die das Ifo-Institut Mitte November geäußert hatte. "Die deutsche Wirtschaft wird im Gesamtjahr mit Sicherheit nur um 1,5 Prozent wachsen", sagte der Ökonom. Für 2019 sei eine Wachstumsprognose von 1,8 Prozent "eine sehr optimistische Einschätzung".

Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich im November den dritten Monat in Folge eingetrübt. Das Barometer für das Geschäftsklima sank um 0,9 auf 102,0 Punkte, wie das Münchner Ifo-Institut am Montag zu seiner monatlichen Umfrage unter rund 9000 Managern mitteilte. Von Reuters befragte Ökonomen hatten ein Absinken auf 102,3 Zähler erwartet. Drei Rückgänge hintereinander signalisieren in der Regel eine Wende zum Schlechteren. „Die deutsche Konjunktur kühlt ab“, betonte Ifo-Präsident Clemens Fuest. Die Führungskräfte beurteilten sowohl ihre Geschäftslage schlechter als auch die Aussichten für die kommenden sechs Monate.

Der erneute Rückgang des wichtigsten Frühindikators der deutschen Wirtschaft säht Zweifel an einem starken Comeback am Jahresende. Dies deute auf ein Wirtschaftswachstum „von allenfalls 0,3 Prozent im vierten Quartal hin“, sagte Fuest. „Eine schnelle Trendwende der Konjunktur ist damit unwahrscheinlicher geworden“, sagte auch LBBW-Chefvolkswirt Uwe Burkert. „Die Hoffnungen werden sich ins Auftaktquartal 2019 verschieben.“

Wegen der Produktionsprobleme der Autobauer im Zuge eines neuen Abgastests war das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im dritten Quartal um 0,2 Prozent geschrumpft. Das war der erste Rückgang seit dreieinhalb Jahren. Sollte die Wirtschaftsleistung im vierten Quartal ebenfalls zurückgehen, würden die meisten Ökonomen von einer Rezession sprechen.

Die Stimmung trübte sich im November sowohl in der Industrie als auch bei den Dienstleistern, im Handel und in der Baubranche ein. „Nur noch wenige Industriefirmen erwarten eine Verbesserung in den kommenden sechs Monaten“, sagte Fuest. Der exportabhängige Sektor leidet unter zahlreichen Risiken. „Es macht derzeit einfach keine Freude nach vorne zu blicken: Es droht eine Eskalation der Handelsstreitigkeiten zwischen den USA und China beziehungsweise der EU, es droht ein Haushaltsstreit mit Italien im Vorfeld der Wahlen zum EU-Parlament und es droht der Brexit“, sagte DekaBank-Ökonom Andreas Scheuerle. „So ganz nebenbei kriselt es in einigen Schwellenländern, und härtere Sanktionen gegenüber Saudi-Arabien mit möglichen Gegenreaktionen sind nicht vom Tisch.“

Angesichts widriger Bedingungen für die Konjunktur sieht sich die EZB weiter in der Pflicht, ihre Geldpolitik weiter expansiv zu halten. In einem Umfeld von Protektionismus, Schwankungen an den Finanzmärkten und anfälliger Schwellenländer mache sich „zusehends Gegenwind bemerkbar", sagte EZB-Chefökonom Peter Praet am Montag in Frankfurt. Jüngste Entwicklungen deuteten daraufhin, dass das Wachstum etwas an Fahrt verliere. Die Notenbank sehe daher weiterhin Bedarf, für einen erheblichen geldpolitischen Impuls zu sorgen. Wenn nötig, könnten alle ihr zur Verfügung stehenden Instrumente angepasst werden.

Die Europäische Zentralbank hat in Aussicht gestellt, ihre billionenschweren Anleihenkäufe zum Jahresende einzustellen. Ab nächstem Jahr will sie keine Zukäufe mehr tätigen, sondern nur noch auslaufende Papiere ersetzen. Sie hat angekündigt, diese Politik geraume Zeit beizubehalten. Praet sagte, dies müsse präzisiert werden - womöglich bereits auf der Dezember-Sitzung. Die Leitzinsen, die seit März 2016 bei 0,0 Prozent liegen, will sie noch bis mindestens über den Sommer 2019 hinaus nicht antasten.



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