Finanzen

Studie: Großkonzerne zahlen nirgendwo die offiziellen Steuersätze

Lesezeit: 2 min
22.01.2019 10:17
Einer Studie zufolge, welche die Grünen in Auftrag gegeben haben, zahlen Unternehmen praktisch nirgendwo in der EU den vorgesehenen Steuersatz.

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Großkonzerne zahlen nach einer Studie der Grünen im Europaparlament fast nirgendwo in der EU den gesetzlich vorgeschriebenen Steuersatz. Es gebe deutliche Unterschiede zwischen den offiziell geltenden Steuern und der tatsächlich gezahlten Abgabenlast multinationaler Konzerne, teilten die Grünen am Dienstag mit. Kleinere Firmen würden "in den meisten Ländern spürbar benachteiligt gegenüber grenzüberschreitend tätigen Konzernen: Je größer das Unternehmen, desto geringer der effektive Steuersatz".

Der gesetzliche Unternehmenssteuersatz in der EU betrage durchschnittlich 23 Prozent, doch die Firmen zahlten im Schnitt nur 15 Prozent, heißt es in der Studie. Luxemburg zeigt demnach die stärkste Abweichung: Offiziell lag der Wert in den Jahren 2011 bis 2015 bei 29 Prozent; tatsächlich hätten Unternehmen durchschnittlich aber nur gut zwei Prozent gezahlt.

In Deutschland liegt die Abgabenlast laut Studie eigentlich bei 29,5 Prozent; der Untersuchung zufolge führten Unternehmen aber tatsächlich nur 19,6 Prozent an den Fiskus ab. Lediglich in Bulgarien wurde keine Abweichung festgestellt.

Die Studie bestätige die Einschätzung, "dass es multinationale Unternehmen gibt, die – teilweise mit rechtlichen Tricks – ihre Gewinne weltweit so verschieben, dass sie am Ende nur geringe oder gar keine Steuerzahlungen leisten müssen", erklärte das Bundesfinanzministerium. Dies sei "nicht akzeptabel, denn so verweigern sie ihren fairen Beitrag zur Finanzierung der Staatsaufgaben."

Die teils große Lücke zwischen nominalem und effektivem Steuersatz entstehe einerseits durch "Sonderabsprachen einzelner EU-Mitgliedstaaten mit multinationalen Unternehmen", erklärten die Grünen. Hinzu kämen Steuerschlupflöcher und "die doppelte Nichtbesteuerung von Gewinnen durch unvollkommene Doppelbesteuerungsabkommen".

Die Studie zeige, dass beim Kampf gegen unfaire Steuerpraktiken in der Europäischen Union "noch viele Hürden zu nehmen sind", erklärte der finanzpolitische Sprecher der Grünen im Europaparlament, Sven Giegold. "Steuerschlupflöcher kosten die europäischen Steuerzahler jedes Jahr Milliarden."

Die Grünen fordern von deshalb mehr Steuertransparenz in der EU. Ein erster Schritt wären demnach öffentliche "Berichte über die Steuerzahlungen globaler Konzerne in allen Mitgliedsländern wie Starbucks, Volkswagen und Apple", erklärten sie. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) müsse "seine Blockade gegen verpflichtende länderbezogene Steuertransparenz aufgeben".

Das Bundesfinanzministerium wies die Kritik zurück. Deutschland habe dieses sogenannte Country-by-Country-Reporting 2016 in der EU durchgesetzt, erklärte das Ministerium. In Deutschland gelte damit schon seit 2017, dass internationale Konzerne verpflichtet seien, ihre Steuerangelegenheiten den örtlichen Finanzbehörden zu melden.

Die Kritik der Grünen entzündet sich daran, dass diese Unternehmensangaben nicht öffentlich gemacht werden müssen. Das Ministerium verweist dazu darauf, dass die Beteiligung von Ländern von außerhalb der EU auf freiwilliger Basis erfolge. Eine Veröffentlichungspflicht in Europa könnte demnach dazu führen, dass den dortigen Steuerbehörden "weniger Daten aus Nicht-EU-Staaten übermittelt werden".

Die Untersuchung wurde für die Grünen vom Wissenschaftler Petr Janský von der Karlsuniversität Prag erstellt. Er wertete dazu die Datenbank Orbis zu weltweiten Unternehmensinformationen aus. Im Falle Deutschlands wurden gut 10.300 Firmen einbezogen.

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..

 


Mehr zum Thema:  

DWN
Unternehmen
Unternehmen Weniger Administration, mehr Innovation: Digitale bAV-Verwaltung schafft Raum für Neues

Was macht einen Arbeitsplatz attraktiver als andere. Sicherlich mehr als nur das monatliche Gehalt. Langfristiges Denken kann sich für...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Energie-Krise und Lieferengpässe: Wer sind die Profiteure?

Mittelstand und Verbraucher zahlen die Zeche für Energie- und Lieferkrise. Doch es gibt auch Profiteure.

DWN
Finanzen
Finanzen Ist Bitcoin digitales Gold?

Das Weltwährungssystem gerät zunehmend in Bedrängnis – selbst Gold ist in Verruf geraten. Bitcoin springt in die Bresche und zeigt –...

DWN
Politik
Politik DWN-INTERVIEW: Polnischer Vize-Außenminister: "Lukaschenko will uns alle in Europa gegeneinander ausspielen"

Polen sieht sich einem Flüchtlingsstrom gegenüber, gleichzeitig verschlechtert sich das Verhältnis zur EU massiv - mittlerweile...

DWN
Finanzen
Finanzen So schützen sich Hauskäufer vor dem Platzen der Immobilienblase

Die Wohnimmobilienpreise steigen derzeit so kräftig wie nie. Doch damit könnte bald Schluss sein. Experten mahnen zur Vorsicht beim...

DWN
Politik
Politik Merkel Abschiedsbesuch bei Erdogan: Die Staats-Chefs necken sich - und finden warme Worte füreinander

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat voraussichtlich zum letzten Mal den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan besucht.

DWN
Deutschland
Deutschland Antifa-Kämpfer greifen Corona-Demonstranten an, schlagen 65-Jährigen fast tot: Mehrjährige Haftstrafen

Das Stuttgarter Landgericht hat zwei Antifa-Kämpfer zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

DWN
Technologie
Technologie Ein merkwürdiges Gespann: Was bahnt sich zwischen VW und Tesla an?

VW in Person von Vorstands-Chef Herbert Diess und Tesla in Person von CEO Elon Musk loben sich gegenseitig überschwenglich - um sich fast...

DWN
Politik
Politik CORONA-TICKER: Wissenschaftliche Gesellschaft empfiehlt Impfung für Kinder und Jugendliche "allgemein und uneingeschränkt"

Im Folgenden lesen Sie den Corona-Ticker für Sonnabend, den 16. Oktober, den wir selbstverständlich laufend für Sie aktualisieren.