Finanzen

JPMorgan erwartet Ende des Dollars als Weltreservewährung

Lesezeit: 4 min
27.07.2019 16:15
Die US-Investmentbank JPMorgan sieht verstärkte Anzeichen dafür, dass die Ära des Dollars als Weltreservewährung zu Ende geht, und mahnt Investoren zum Umlenken.
JPMorgan erwartet Ende des Dollars als Weltreservewährung
Der Status des US-Dollars als Weltreservewährung wackelt. (Foto: dpa)

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..

Seit fast einem Jahrhundert ist der US-Dollar die führende Weltreservewährung. Der Dollar macht nicht nur einen hohen Anteil in den Währungsreserven der Zentralbanken aus, sondern auch in den Portfolios vieler Anleger. Doch nun warnt die größte Bank der USA, dass der Dollar seine privilegierte Stellung verlieren könnte.

"Wir gehen davon aus, dass der Dollar aufgrund struktureller Gründe sowie konjunktureller Hindernisse seinen Status als dominante Währung der Welt verlieren könnte", heißt es in einer aktuellen Analyse von JPMorgan. Dieser Statusverlust könnte "mittelfristig" zu einer Abwertung führen.

JPMorgan: Weniger Dollar, mehr andere Währungen und mehr Gold

Die Analysten von JPMorgan halten daher eine Änderung im Währungsmix für sinnvoll. Sie empfehlen Investoren, den Dollaranteil in ihren Portfolios zu verringern und stattdessen in Euro und andere Währungen der entwickelten Märkte sowie in Edelmetalle zu diversifizieren.

Bei JPMorgan untersucht man schon seit vielen Jahren, wie und wann der Dollar seinen Status als Weltreservewährung verlieren könnte und welche Auswirkungen dies für Investoren hätte. Die Grafik des Analysten Michael Cembalest vom Dezember 2011, die ein Ende der Dollar-Dominanz nahelegt, ist seither zu einem Klassiker geworden.

"Der Aufstieg des Dollars zu internationaler Bedeutung wurde durch die Errichtung des Federal Reserve System vor etwas mehr als einem Jahrhundert und die wirtschaftliche Entwicklung der USA nach dem Ersten Weltkrieg vorangetrieben", schreibt JPMorgan-Analyst Craig Cohen. Denn die Fed habe die Einrichtung reiferer Kapitalmärkte und einer landesweit koordinierten Geldpolitik unterstützt.

Dass der Dollar zur Rechnungseinheit der Welt wurde, hat den USA ein "exorbitantes Privileg" verschafft, wie es der ehemalige französische Finanzminister Valery d'Estaing einst beschrieb. Denn die weltweite Nachfrage nach Dollars führte dazu, dass die USA hohe Handelsdefizite eingehen und massive Staatsschulden anhäufen konnten, ohne dass dies negative Folgen zu haben schien.

China wird globale Supermacht

"Es spricht nichts dafür, dass die Dollar-Dominanz auf Dauer bestehen bleiben sollte", schreibt JPMorgan-Analyst Craig Cohen. Und historisch habe sich die dominierende internationale Währung im Laufe der Jahrtausende immer wieder verändert, "wenn sich das Wirtschaftszentrum der Welt verschoben hat".

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs machten die USA mit mehr als 25 Prozent den größten Anteil an der globalen Wirtschaftskraft aus. Doch seitdem ist die Wirtschaft in den USA und im Westens insgesamt weniger gewachsen als in Asien. Im Zentrum dieses wirtschaftlichen Wandels steht China.

In den letzten 70 Jahren hat China seinen Anteil am globalen BIP auf rund 20 Prozent vervierfacht. Damit hat das Land heute ungefähr den gleichen Anteil wie die USA - und dieser Anteil dürfte in den kommenden Jahren weiter steigen.

Asiens Aufstieg schwächt den Dollar als Weltreservewährung

"China ist nicht mehr nur ein Hersteller von Billigprodukten, da dort ein wachsender Anteil der Unternehmensgewinne aus Sektoren mit hoher Wertschöpfung stammt, wie dem Technologiesektor", schreibt JPMorgan.

Und weiter: "Neben China verfügen auch die anderen Volkswirtschaften Südostasiens, darunter Indien, über einen starken säkularen Rückenwind, der von einer jüngeren Demografie und einem zunehmenden technologischen Know-how getragen wird."

Insbesondere die asiatische Wirtschaftszone von der Arabischen Halbinsel und der Türkei im Westen über Japan und Neuseeland im Osten bis hin zu Russland im Norden und Australien im Süden mache heute 50 Prozent des globalen BIP und zwei Drittel des globalen Wirtschaftswachstums aus.

"Von den geschätzten 30 Billionen Dollar für das Konsumwachstum der Mittelschicht zwischen 2015 und 2030 werden voraussichtlich nur 1 Billion Dollar aus den heutigen westlichen Volkswirtschaften kommen. Mit zunehmendem Wachstum dieser Region wird der Anteil der Nicht-USD-Transaktionen unweigerlich zunehmen", so JPMorgan. Dies werde die Rolle des Dollars als Weltreservewährung wahrscheinlich schwächen.

JPMorgan erwartet, dass die Weltwirtschaft in den kommenden Jahrzehnten von der Dominanz der USA und des Dollars zu einem System übergehen wird, in dem Asien mehr Macht besitzt. "Im Währungsraum bedeutet dies, dass der Dollar wahrscheinlich an Wert verlieren wird, verglichen mit einem Korb anderer Währungen, einschließlich kostbarer Rohstoffe wie Gold."

Anzeichen für die schwindende Rolle des Dollars

Jüngste Daten über die Währungsreservebestände der globalen Zentralbanken deuten darauf hin, dass die Verschiebung weg vom Dollar bereits im Gange sein könnte. Als Anteil an den gesamten Zentralbankreserven hat die Rolle des Dollars bereits seit der Finanzkrise abgenommen. Aktuelle Daten zeigen, dass die Zentralbanken erstmals seit Einführung des Euro im Jahr 1999 Dollar verkauft und Euro gekauft haben.

Zudem erhöhen die Zentralbanken auf der ganzen Welt ihre Goldreserven. Im vergangenen Jahr kauften die Zentralbanken so viel Gold wie zuletzt 1971. Und die Goldkäufe der Zentralbanken in den vier Quartalen einschließlich des ersten Quartals 2019 waren so hoch wie nie zuvor. JPMorgan hält diese Entwicklung für "sinnvoll". Denn Gold sei eine "stabile Wertquelle mit tausenden Jahren Vertrauen".

Auch der Euro will dem Dollar Konkurrenz machen

Derzeit sind 85 Prozent aller Währungstransaktionen mit dem Dollar verbunden, obwohl die USA nur rund 25 Prozent des globalen BIP ausmachen. Doch überall auf der Welt entwickelt man derzeit Zahlungsmechanismen, die den Dollar umgehen sollen. "Diese Systeme sind klein und entwickeln sich noch, aber dies ist wahrscheinlich eine strukturelle Entwicklung, die über eine bestimmte Regierung hinausgeht", schreibt JPMorgan.

In einer kürzlich gehaltenen Rede über die internationale Rolle des Euro sagte der Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, Claudio Borio: "Der Handel und die Abrechnung von Öl in Euro würden die Zahlungen von Dollar auf Euro verschieben und damit die endgültige Abwicklung auf das TARGET2-System des Euro verlagern. Dies könnte die Reichweite der US-Außenpolitik einschränken, wo diese den Dollar-Zahlungsverkehr als Hebel einsetzt."

Auch die Europäische Zentralbank sagt in einem kürzlich erschienenen Bericht, dass "wachsende Besorgnis im Hinblick auf die Auswirkungen der Spannungen im internationalen Handel und die Herausforderungen für den Multilateralismus, einschließlich der Verhängung einseitiger Sanktionen, die globale Stellung des Euro offenbar unterstützt haben".

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  

DWN
Finanzen
Finanzen Die derzeitigen Währungen sind weich wie Schnee - Gold bleibt bestehen!

Passend zur Jahreszeit schmelzen die bestehenden Währungen durch die Inflation wie Schnee. Setzen auch Sie auf nachhaltigen Werterhalt...

DWN
Politik
Politik Ukraine-Konflikt: Das Agieren der Nato ist eine einzige Blamage

DWN-Kolumnist Ronald Barazon wirft der Nato in der Ukraine-Krise krasses Versagen in jeder Beziehung vor.

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Comeback: Weltweite Investitionen in die Atomenergie nehmen deutlich zu

Die Investitionen in die Atomenergie nehmen weltweit zu. Eine Untersuchung zeigt, dass bis Ende des kommenden Jahres 91 Milliarden...

DWN
Deutschland
Deutschland Bundesregierung erwartet 2022 noch höhere Inflation

Die Inflation in Deutschland wird 2022 im Schnitt bei 3,3 Prozent liegen, schätzt die Bundesregierung. Eine höhere Jahresrate gab es...

DWN
Finanzen
Finanzen Immobilien-Gutachter: Party geht trotz steigenden Bauzinsen weiter

Die Pandemie hat es Immobilienkäufern nicht leichter gemacht. Viele brauchen mehr Platz, doch die Preise in den Städten steigen weiter...

DWN
Deutschland
Deutschland Mittelstandsverband: Lohnfortzahlung nur noch mit Booster

Eskalation am Arbeitsmarkt: Der Mittelstandsverband BVMW will nur noch für Mitarbeiter, die sich eine Booster-Impfung holen,...

DWN
Politik
Politik Droht der Ukraine eine Teilung entlang des Dnepr-Flusses?

Für den Osten der Ukraine sind zwei militärische Szenarien denkbar. Während das eine Szenario wahrscheinlich nicht eintreten wird, ist...

DWN
Deutschland
Deutschland Mindestlohn soll auf 12 Euro steigen

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil will den gesetzlichen Mindestlohn zum 1. Oktober auf 12 Euro anheben. Derzeit beträgt der Mindestlohn...

DWN
Politik
Politik IS greift Gefängnis in Syrien an, mehr als 40 Tote

In Syrien gab es bei einem der schwersten IS-Angriffe seit Jahren mehr als 40 Tote. Der Angriff galt einem Gefängnis im Nordosten des...