Politik
Ausgerechnet im Musterland des Sozialstaates

Schweden: Erste Stadt verkauft Lizenzen an Bettler

Betteln ist in vielen Großstädten in Europa ein Problem. Eine schwedische Stadt verlangt jetzt dafür eine Lizenz von umgerechnet 23 Euro.
07.08.2019 17:19
Lesezeit: 2 min

Eigentlich gilt Schweden als ein Musterland für den sozialen Wohlfahrtsstaat, der versucht, immer die Schwachen zu unterstützen. Seinen Höhepunkt hatte das System in den Siebziger Jahren: In dieser Zeit wurden alle davon erfasst – vom Kleinkind bis zum Rentner. Spitzensteuersätze von 100 Prozent waren keine Seltenheit, um zahlreiche soziale Leistungen zu finanzieren. Wohlhabende hatten dort nicht viel zu lachen.

Beispielsweise hat der IKEA-Gründer Ingvar Kamprad, der als Vorzeige-Geschäftsmann der schwedischen Wirtschaft gilt, 1973 zuhause seinen steuerlichen Sitz aufgegeben, damit er dort keine Steuer mehr zahlen musste. So sehr hat der schwedische Staat seinen reichen Bürgern ins Portemonnaie gelangt, um damit das Vermögen an Ärmere zu verteilen.

Doch jetzt macht eine Nachricht aus dem skandinavischen Land die Runde, die zumindest irritiert, weil sie überhaupt nicht zum Bild dieses Landes passt: Die zentralschwedische Stadt Eskilstuna, die 100 Kilometer südlich von Stockholm liegt, hat eine Lizenz zum Betteln eingeführt. Wer dort die Hand aufhalten will, braucht eine sogenannte Sammelgenehmigung, die 250 schwedische Kronen (23  Euro) kostet. Wenn keine Lizenz vorweisen kann, muss mit Konsequenzen rechnen.

Strafen von 370 Euro drohen

„Wir können sie auffordern, zu gehen oder sogar vorläufig festnehmen,“ erklärte Thomas Bergquist, der Sprecher der schwedischen Polizei. „Das alles geschieht natürlich auf der Grundlage des Gesetzes“, fügte der Vertreter der Ordnungshüter im Gespräch mit dem schwedischen Rundfunk hinzu und wies darauf hin, dass dann sogar eine Strafe von 4.000 Kronen droht – also 370 Euro.

Hintergrund: Schätzungen zufolge gibt es in Schweden etwa 4.500 Bettler. Und das bei einer Einwohnerzahl von etwa zehn Millionen. Damit scheint das Problem in dem skandinavischen Land nicht sehr groß zu sein. Trotzdem hat die Stadt Eskilstuna bereits seit geraumer Zeit versucht, das Betteln zu unterbinden.

Bereits im Mai 2018 gab es die ersten Überlegungen, hier einzugreifen. Doch wurden die Pläne zunächst in der Verwaltung verworfen, so dass die Stadt sogar ein Gericht anrufen musste, das ihr schließlich Recht gab.

In Deutschland hingegen ist es grundsätzlich schwierig, das Betteln zu erfassen. „Denn es ist nicht strafbar“, sagte ein Sprecher der Berliner Polizei den Deutschen Wirtschafts Nachrichten. „Deswegen gibt es auch keine Statistiken, wie viele Bettler es denn gibt“, so der Vertreter der Polizei.

„Wer sich nur still auf die Straße setzt, dort einen Hut hinlegt und wartet, bis jemand Geld hineinlegt, verletzt keine Strafgesetze“, meinte der Sprecher. „Etwas anderes ist es, wenn er dann einen Passanten bedrängt“, erklärte er. „Das kann dann unter Umständen eine Nötigung sein, die dann aber in Kriminalstatistik in einer anderen Rubrik auftaucht“, sagte der Polizei-Vertreter.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Gestiegene Betriebskosten: Wachsender Druck auf Produktionsbetriebe

Die deutsche Wirtschaft steht im Jahr 2026 vor enormen Herausforderungen, welche die Gewinnspannen der Betriebe spürbar verringern. Laut...

DWN
Finanzen
Finanzen Kfz-Finanzierungen: Konsum auf Pump treibt Wachstum der Kreditbanken
24.09.2026

Mehr neue Kredite für den privaten Konsum, weniger für betriebliche Investitionen. Die Halbjahresbilanz der Kreditbanken hat zwei Seiten....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Pontes: So will die EZB den Finanzmarkt beschleunigen
24.09.2026

Die EZB macht ernst mit der Digitalisierung des Finanzmarkts. Mit Pontes können Wertpapiergeschäfte auf digitalen Plattformen erstmals...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: US-Aktien schließen nach Tech-Rücksetzer im Minus
23.09.2026

Welche geopolitischen und wirtschaftlichen Faktoren die Wall Street zur Wochenmitte aus der Bahn warfen.

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis aktuell unter Druck: Starker Dollar und Zinssorgen belasten Goldkurs
23.09.2026

Der Goldpreis fällt am Mittwoch deutlich. Ein stärkerer US-Dollar und die Aussicht auf weitere Zinserhöhungen der US-Notenbank Fed...

DWN
Politik
Politik Spritpreise: Deutschland plant den Deckel, Kroatien begrenzt schon heute
23.09.2026

Die Spritpreise steigen, und Europas Regierungen greifen immer stärker in den Markt ein. Deutschland senkt die Energiesteuer und plant...

DWN
Politik
Politik Protest gegen EU-Bürokratie: 13 EU-Staaten wollen Brüssel einbremsen
23.09.2026

Österreich macht gemeinsam mit zwölf weiteren EU-Staaten Druck auf Brüssel: Ein Jahr lang soll bei neuen EU-Gesetzen weitgehend auf die...

DWN
Politik
Politik Regierungsbildung in Sachsen-Anhalt – BSW als Zünglein an der Waage?
23.09.2026

Die Atmosphäre sei gut, die Gespräche konstruktiv: In Sachsen-Anhalt tasten sich AfD und BSW langsam heran. Ein Patt im Landtag könnte...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Henkel-Aktie unbeeindruckt: Grünes Licht für Stahl Parent-Übernahme
23.09.2026

Der Konsumgüterkonzern Henkel darf den niederländischen Spezialbeschichtungshersteller Stahl Parent für 2,1 Milliarden Euro übernehmen....