Deutschland

Niedrige Zinsen: Die große Enteignung der Sparer hat begonnen

Lesezeit: 4 min
28.05.2013 00:30
Die Deka Bank hat in einer Analyse dokumentiert, was die niedrigen Zinsen eigentlich bedeuten. Das Ergebnis ist ernüchternd: Die hochverschuldeten Staaten bauen ihre Schulden auf Kosten der Sparer ab. Setzt die EZB ihren Kurs über mehrere Jahre fort, sind die Staaten saniert. Die Sparer werden so um einen signifikanten Teil ihres Vermögens erleichtert.
Niedrige Zinsen: Die große Enteignung der Sparer hat begonnen

Benachrichtigung über neue Artikel:  

Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten dokumentieren im Folgenden die interessanten Berechnungen der Deka Bank Research im Wortlaut.

Die deutschen Anleger haben ein unterschätztes Problem.

Derzeit sind die Zinsen für Anlagen in sichere, fest verzinsliche Produkte wie Termingelder, Spareinlagen oder auch Bundesanleihen deutlich niedriger als die Inflationsrate. Damit ist die reale Verzinsung, d.h. Zinsen minus Inflation, negativ. Der Sparer tappt in die so genannte „Realzinsfalle“. Das angelegte Geld verliert also stetig an Kaufkraft. Ursache ist die so genannte finanzielle Repression, in der Staaten versuchen, über Regulierung finanzielle Mittel von den Privaten zum Staat umzuleiten, um dessen Entschuldung zu erleichtern. Sichtbar wird dies u.a. in ungewöhnlich niedrigen Zinsen.

Wie hoch sind die Effekte der finanziellen Repression?

Die Quantifizierung der Effekte finanzieller Repression ist sehr umstritten, weil die Effekte der finanziellen Repression äußerst vielfältig sind. Die niedrigen Zinsen vernichten Vermögen nicht nominal, sondern es wird lediglich die Kaufkraft geringer. Das ist ein feiner Unterschied, der zwar am Ergebnis nichts ändert (das Vermögen wird weniger wert), aber dennoch bewirkt, dass diese Folgen nicht jedem sofort (manchen überhaupt nicht) bewusst werden: 1000 Euro Termineinlage am Jahresanfang bleiben 1000 Euro am Jahresende. Nominal ist nichts verloren, aber dass der Preisindex für die Lebenshaltung in der gleichen Zeit etwa um 1,5 bis 2 % gestiegen ist, bekommt man gedanklich nicht unbedingt sofort zusammen. Die Ökonomen sagen dazu: Geldillusion. Es ist vom Ergebnis her gleich ärgerlich wie ein nominaler Rückgang der Einlage, etwa durch Schuldenschnitt oder Besteuerung, aber weniger fühlbar und damit politisch wesentlich leichter durchsetzbar.

Die Fakten:

Es ist sehr schwierig, konkrete Zahlen für die „Realwertverluste“ zu nennen. Für Deutschland können einige zahlenmäßige Illustrationen hilfreich sein:

Das Geldvermögen der privaten Haushalte in Deutschland betrug Ende 2012 laut Deutscher Bundesbank 4,94 Bill. EUR. Davon waren 21,4 % (1,06 Bill. EUR) Bargeld und Sichteinlagen.

19,4 % (958 Mrd. EUR) waren Termin- und Spareinlagen sowie Sparbriefe.

22,5 % (1,11 Bill. EUR) waren Wertpapiere, davon grob geschätzt etwa die Hälfte Staatsanleihen und Pfandbriefe. Ansprüche gegenüber Versicherungen und aus Pensionsrückstellungen (einschl. „Sonstige“) beliefen sich auf 1,81 Bill. EUR (36,7 %).

Die exakte Verzinsung des deutschen Geldvermögens direkt aus den Beständen zu errechnen, ist nicht möglich, da die Daten (erwirtschaftete Renditen) fehlen: Die Verzinsung der Bestände müsste nach Anlagejahrgängen aufgeteilt werden, die Wertpapierbestände müssten zusätzlich nach Laufzeiten sortiert, die Versicherungsbestände bekannt sein usw.

Da dies kaum zu leisten ist, muss mit Annahmen gearbeitet werden (alternativ können die Zins- und Dividendenzahlungen der Deutschen durch den Wert des Geldvermögens geteilt werden, um eine Durchschnittsverzinsung zu erhalten, allerdings sind hier Daten und Abgrenzungen aus der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung mit Daten aus der Finanzierungsrechnung nicht unbedingt kompatibel).

Bei Bargeld und Sichteinlagen liegt die durchschnittliche Verzinsung nahe Null, ein Durchschnittszinssatz von 0,25 Prozent dürfte hier – in Anlehnung an Bundesbankdaten – realistisch sein.

Die Bundesbank kommt bei Einlagen bis zwei Jahren noch zu einem Effektivsatz von 1,43 % (Stand März 2013), bei Einlagen über 2 Jahre auf 2,10 %. Damit wären auf Termin- und Spareinlagen bei der jetzigen Inflationsrate von 1,6 % (unsere Erwartung für Deutschland 2013) lediglich geringe reale Verluste zu verzeichnen.

Die Wertpapiere der Deutschen beziehen sich etwa zur Hälfte auf Staatsanleihen und Pfandbriefe (Direktbestand und über Investmentfonds). Die andere Hälfte besteht aus Aktien (direkt oder über Fonds) und sonstige Beteiligungen (beispielsweise geschlossene Fonds). Hier eine exakte Durchschnittsverzinsung zu ermitteln, ist unmöglich, es erscheint bei Rentenpapieren allerdings (wg. Altbeständen) eine Verzinsung von noch etwa 3 % einigermaßen realistisch; bei Aktien als laufende Dividendenerträge ebenso. Dazu kommen die Kurssteigerungen: Da die Inflation derzeit bei den Vermögenswerten stattfindet, ist das eine ganz gute Absicherung gegen finanzielle Repression – zumindest solange solche Kurssteigerungen nachhaltig sind.

Versicherungen haben als Gegenwert für die Ansprüche ihrer Kunden (meistens Lebensversicherungen) ebenfalls hauptsächlich Anleihen (etwa zu 90 %). Da hier wenigstens ein Teil der Ansprüche fristenkongruent (also langfristig, also mit höheren Kupons aus der Vergangenheit) angelegt ist, liegt die gegenwärtige Durchschnittsverzinsung wohl noch in der Größenordnung von 3 ¾ Prozent, nachdem die Versicherungswirtschaft im Jahr 2011 noch gut 4 % Durchschnittsverzinsung ausgewiesen hatte.

Dagegen müsste man jetzt noch die Entlastungseffekte setzen, die sich dadurch ergeben, dass sich auch für die Verschuldung der privaten Haushalten Zinsvorteile ergeben (diese Verschuldung der privaten Haushalte liegt immerhin bei 1,55 Bill. EUR). Und dann müsste man auch noch den Unternehmenssektor berücksichtigen. Aber dann wird es endgültig unübersichtlich.

Das Ausmaß der Vermögensvernichtung:

Es ist nicht ganz leicht, das Ausmaß der Vermögensvernichtung durch Finanzrepression zu bestimmen, auch weil dieses Phänomen sich nicht auf negative Realzinsen beschränkt (bspw. die Frage, wie viele sinnvolle und vermögens- stiftende Investitionen durch die neuen Bankenregulierungen verhindert werden).

Die wesentliche Aussage lautet demnach, dass die absolute Brutto-Vermögensminderung sich noch in den Grenzen weniger Anlageklassen hält. Lediglich bei Bargeld und Sichteinlagen haben wir in diesem Jahr bei den privaten Haushalten in Deutschland jährliche reale Verluste in der Größenordnung von (bei einem negativen Realzins von - 1,35 % (0,25 % Verzinsung minus 1,6 % (unsere Inflationserwartung für Deutschland 2013)): 1,35 % mal 1,06 Bill EUR) = 14,3 Mrd EUR, das sind etwa 0,5 Prozent des BIP pro Jahr.

Berücksichtigt man zudem, dass auch in normalen Zeiten Bargeld (etwa 250 Mrd) eine negative Rendite in Höhe der Inflationsrate erbringt, zieht man diese Komponente wieder ab, bleiben 10,9 Mrd EUR (0,4 Prozent des BIP) – nicht wenig, aber im Vergleich zu manchen gemalten Horrorszenarien noch moderat, vor allem wenn man die Gegeneffekte von steigenden Wertpapierkursen und niedrigen Kreditzinsen mit berücksichtigt.

Aber: Mit jedem Jahr der weiteren Extrem-Niedrigverzinsung laufen alte höhere Zinsbindungen aus und werden durch den Fast-Nullzins ersetzt. Nach zehn Jahren Nullzinspolitik kann man sich im Extremfall vorstellen, dass fast das gesamte Geldvermögen der privaten Haushalte in Deutschland hiervon erfasst wird, wenn sich dessen Struktur nicht hin zu mehr Sachanlagen ändert, die weiterhin von den Folgen der Niedrigzinsphase ausgenommen blieben. Das wären dann auf die heutigen Bestände und Zinsverhältnisse gerechnet: 4,3 Bill EUR (Geldvermögen ohne Aktien, Aktienfonds und sonstige Beteiligungen) mal 1,35 % (negativer Realzins) = 58,1 Mrd. EUR p.a. (2,2 % des BIP).

Vielleicht sollte man auch mit der Vorstellung von „Vermögensvernichtung“ etwas vorsichtiger sein. Denn das, was der Gläubiger (real) verliert, gewinnt der Schuldner. Es handelt sich also eher um eine Umverteilung. Im Fall des deutschen Geldvermögens ist der Gewinner der Staat als größter Schuldner. Daher erwarten wir, dass die Schuldenstandsquote Deutschlands in den nächsten Jahren schneller zurückgehrt, als gegenwärtig allgemein erwartet.

Für die Banken findet hier allerdings keine Entschuldung statt, weil sie von niedrigen Zinsen auf der Aktiv- und Passivseite gleichzeitig betroffen sind (im Gegenteil: da der Abstand zwischen Aktiv- und Passivsätzen im Niedrigzinsumfeld tendenziell sinkt, verschlechtert sich die Ertragslage). Diese Umverteilung vom Gläubiger zum Schuldner findet im Konjunkturzyklus in moderatem Umfang bei jedem Zinstief (beim Zinshoch umgekehrt vom Schuldner zum Gläubiger) statt. Das gegenwärtige extreme Zinstief und dessen zu erwartende lange Dauer führen hier allerdings zu extremen Auswüchsen.

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..



DWN
Unternehmen
Unternehmen Elektromobilität: In jedem Wandel stecken Chancen

Emissionen verringern, Kosten sparen und Imagegewinne erzielen – die Gründe für Unternehmen, in der Flotte auf Fahrzeuge mit...

DWN
Deutschland
Deutschland Bund und Länder verhängen massive neue Corona-Einschränkungen

Bund und Länder haben sich bei ihrem Corona-Krisengespräch am Mittwoch auf vorübergehende massive Beschränkungen des öffentlichen...

DWN
Deutschland
Deutschland Psychotherapeuten-Vereinigung: "Die Bundesregierung muss umfangreich und differenziert aufklären und die Menschen beteiligen"

Die ständig schlechten Nachrichten sind eine massive Bedrohung für die psychische Gesundheit. Der Bundesvorsitzende der Deutschen...

DWN
Deutschland
Deutschland Risiko einer zweiten Rezession in Deutschland steigt

Ökonomen schließen wegen der stark steigenden Corona-Positivtests und wegen der drohenden Gegenmaßnahmen einen Rückfall der deutschen...

DWN
Deutschland
Deutschland So verrückt sind manche Corona-Regelungen in Deutschland

Karneval ohne Schunkeln, Fußball ohne Fangesänge, Sex nur mit einem Partner: Eine Auswahl von interessanten Corona-Regelungen in den 16...

DWN
Finanzen
Finanzen Ende des Börsenbooms? Was der drohende Lockdown für Anleger bedeutet

Freitag letzter Woche veröffentlichten wir einen Artikel von Andreas Kubin. Angesichts der Ereignisse, die in den vergangenen drei Tagen...

DWN
Deutschland
Deutschland Ärzte-Verbände fordern Strategiewechsel in Corona-Politik

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung und Dutzende weitere Mediziner-Fachverbände fordern von Bund und Ländern einen Strategiewechsel in...

DWN
Deutschland
Deutschland Labor liefert reihenweise falsch positive Corona-Ergebnisse

Täglich werden in den deutschen Laboratorien abertausende Corona-Tests ausgewertet. Mitunter wird den Patienten ein falsch positives...

DWN
Politik
Politik Will die italienische Regierung das Militär gegen Anti-Corona-Demonstranten einsetzen?

In Italien droht offenbar ein Einsatz des Militärs im Inland, um die Anti-Corona-Proteste einzudämmen. Ein renommierter...

DWN
Deutschland
Deutschland Einzelhandel fürchtet Einbruch bei wichtigem Weihnachtsgeschäft

Wegen des drohenden zweiten Lockdowns droht den deutschen Einzelhändlern nach einem schlechten Jahr nun auch ein schlechtes...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Londoner Airport Heathrow verliert europäischen Spitzenplatz

Die Corona-Pandemie kostet den Londoner Flughafen seinen europäischen Spitzenplatz. Das Management kürzte für das kommende Jahr seine...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Krisen-Profiteur Delivery Hero liefert jetzt mehr als nur Essen

Nachdem der Essenslieferdienst seinen Umsatz im dritten Quartal verdoppeln konnte, will er nun weitere Märkte erschließen. An der Börse...

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin klettert auf höchsten Stand seit Anfang 2018

Die starken Kursgewinne des Bitcoin setzen sich fort. Erreicht die größte Kryptowährung noch vor Weihnachten ein neues Allzeithoch?

DWN
Marktbericht
Marktbericht Steigende Infektionszahlen drücken Dax unter psychologisch wichtige Marke von 12.000 Punkten

Die deutschen Börsen werden weiter von der Pandemie belastet. Da konnten auch positive Nachrichten der Deutschen Bank nur wenig helfen,...

DWN
Deutschland
Deutschland Deutsche Exporteure fürchten verstärkte Corona-Maßnahmen

Die deutschen Exporteure blicken mit Sorge in die Zukunft, wie das Ifo-Institut am Dienstag mitteilte. Denn wichtige Handelspartner drohen...