Roland Berger: Die Autozulieferer stehen vor ganz schwierigen Zeiten

31.08.2019 15:00
Lesezeit: 2 min

Für die weltweite Automobilzuliefererindustrie stehen schwierige Zeiten an: Im ersten Halbjahr 2019 ist die Pkw-Produktion im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 5 Prozent zurückgegangen. Außerdem wird für das laufende Jahr eine durchschnittliche EBIT-Marge von etwa 6 Prozent erwartet, der niedrigste Wert seit 2012. Das sind die zentralen Ergebnisse der neuen "Global Automotive Supplier Study 2019" von Roland Berger und Lazard. Für die Studie wurden Kennzahlen von über 600 Zulieferern weltweit ausgewertet.

"Grund für diese negative Entwicklung sind vor allem der schwache Pkw-Absatz in China und die allgemeine konjunkturelle Abkühlung. Hinzu kommen strukturelle Veränderungen im Rahmen des Wandels hin zur Elektromobilität", erklärt Felix Mogge, Partner bei Roland Berger. "Internationale Handelskonflikte und die laufenden Sparprogramme der Hersteller verstärken den Trend."

Überkapazitäten durch Wachstumsrückgang in China

China war in den vergangenen Jahren der Wachstumsmotor der globalen Automobilindustrie. Der Handelskonflikt mit den USA hat die Rahmenbedingungen inzwischen deutlich verändert. So sanken die Automobilverkäufe in China im ersten Halbjahr 2019 zweistellig gegenüber der Vorjahresperiode. "Die Wachstumsprognosen waren gut und viele Zulieferer haben weitere Kapazitäten aufgebaut", sagt Felix Mogge. "Jetzt bleiben bei manchen Zulieferern 60 bis 70 Prozent der neuen Kapazitäten ungenutzt."

Zugang zu Kapital schwieriger

Die Zulieferer sollten sich jetzt einen ausreichenden finanziellen Spielraum sichern, der auf lange Sicht trägt. Denn auch der Zugang zu Kapital könnte durch die negative Marktlage schwieriger werden. "Viele Equity-Investoren bevorzugen andere Sektoren als die zyklische Automobilindustrie. Gleichzeitig werden Banken restriktiver mit der Vergabe von Kreditfinanzierung - dies trifft insbesondere kleinere

Zulieferer in Produktbereichen, die künftig strukturell unter Druck kommen werden" sagt Christof Söndermann, Managing Director bei Lazard. Daneben ist die Zahl der M&A-Transaktionen im Zuliefersektor im laufenden Jahr rückläufig. Gerade chinesische Unternehmen, die in den vergangenen Jahren eine wichtige Käufergruppe darstellten, seien mittlerweile deutlich weniger aktiv.

Investitionsdruck durch neue Trends

Finanziellen Spielraum benötigen Zulieferer auch aufgrund der sich weiter verstärkenden Trends in der Automobilindustrie: Digitalisierung, neue Mobilitätskonzepte, autonomes Fahren und E-Mobilität setzen die gesamte Branche unter Investitionsdruck - von den OEMs bis zu den Zulieferern. Bei vielen dieser Projekte ist es schwierig zu prognostizieren, wann und ob die Investitionen Profit abwerfen. Gleichzeitig versuchen Autohersteller ihre Kosten zu senken, unter anderem mit Sparprogrammen im Einkauf, die wiederum die Zulieferer treffen.

Das sorgt für einen schwierigen Spagat bei den etablierten Zulieferern. Sie müssen das angestammte Geschäft weiter profitabel führen und dürfen gleichzeitig keine Wachstumstrends verpassen. In diesem Kontext haben große und finanziell solide aufgestellte Unternehmen eine tendenziell bessere Ausgangsposition. Für viele kleinere Unternehmen wird der Wandel hingegen sehr anspruchsvoll.

Zulieferer brauchen individuelle Strategie

Der Studie zufolge gibt es jedoch kein allgemeingültiges Patentrezept, für die Zulieferer. Jedes Unternehmen muss auf Basis der eigenen Situation und Marktposition die passende strategische Herangehensweise finden. Generell müssen viele Zulieferer flexibler werden, um mit den schnellen technologischen Entwicklungen Schritt zu halten. "Sie brauchen vor allem agile Strukturen und Vorgehensweisen in ihrer Organisation - und sollten auch verstärkt Kooperationen prüfen", rät Roland Berger-Partner Mogge.

Ebenso wichtig ist konsequentes und aktives Portfoliomanagement. "Zulieferer müssen entscheiden, ob sie in langfristig stagnierenden Bereichen die Marktführerschaft erlangen bzw. verteidigen können. Wenn dem so ist, sollte das Geschäft ausgebaut sowie konsequent auf Ertragssteigerung und Cash-Flow-Maximierung ausgerichtet werden; Andernfalls sollte der Exit in Betracht gezogen werden" meint Christof Söndermann von Lazard. "Das freigesetze Kapital sollte in Bereiche investiert werden, in denen profitables Wachstum realistisch ist."

Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Gold als strategischer Anker: Warum physische Substanz zählt

Wo sich die wirtschaftlichen Gewichte grundlegend verschieben, suchen Unternehmen sowie Privatanlegerinnen und Privatanleger nach...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Bahn, Kredite, Weihnachtsmarkt – was sich im November ändert
01.11.2026

Für Familien wird eine ICE-Fahrt mit der Bahn zum Pauschalpreis dauerhaft angeboten. Was sich im neuen Monat außerdem bei kleinen...

DWN
Finanzen
Finanzen Wölfe der Wall Street: Halten Sie in Europa Ausschau nach Finanz-, Infrastruktur- und Industrietiteln
01.11.2026

Der Gewinner der letzten Monate ist nicht die Technologiebranche, sondern das Gesundheitswesen. US-Gesundheitsaktien haben den S&P 500 in...

DWN
Finanzen
Finanzen Jetzt juckt es mich beim Anthropics-IPO in den Fingern
01.11.2026

Als ich vor einem Monat darüber schrieb, warum ich derzeit nicht in Anthropic investieren möchte, waren meine wichtigsten Argumente der...

DWN
Politik
Politik Robert Habeck warnt vor Putins nächster Falle: „Wir dürfen nicht wieder wegsehen“
01.11.2026

Europa hat die Gefahr durch Putin lange unterschätzt. Der frühere Wirtschaftsminister Robert Habeck fürchtet, dass sich dieser Fehler in...

DWN
Unternehmen
Unternehmen US-Logistikkonzern C.H. Robinson verblüfft mit KI-gestütztem Gewinnsprung: So ist das gelungen!
01.11.2026

28 Prozent weniger Mitarbeiter, über 60 Prozent mehr Produktivität und Frachtangebote in nur 31 Sekunden: Der US-Logistikkonzern C.H....

DWN
Technologie
Technologie Millionen Hackerangriffe wegen PHP-Sicherheitslücke: Wie sicher sind Websites noch und was ist zu tun?
01.11.2026

Millionen Hackerangriffe innerhalb weniger Stunden, abgeschaltete Regierungswebsites und eine PHP-Sicherheitslücke, die seit mehr als...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Quantum-Systems-Chef in Litauen: Drohnen kann man nicht im Lager anhäufen, Bedrohungen verändern sich
01.11.2026

Quantum Systems baut seine Präsenz in Litauen aus und wird dort die Bundeswehr-Brigade unterstützen. Produktionspläne hängen jedoch von...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kupferpreise auf Rekordhoch: Warum das Kupfermetall knapp wird
01.11.2026

Das Industriemetall ist nicht nur bei Diebesbanden gefragt. Kaum eine Zukunftsbranche kommt ohne den Leiter zurecht. Nach Bewertung der IEA...