Politik

Nach Brand mit Toten: Ausschreitungen im überfüllten Flüchtlingslager Moria

Nach einem Brand mit mindestens einer Toten kam es am Sonntag in dem überfüllten Flüchtlingslager Moria auf Lesbos zu Ausschreitungen.
30.09.2019 15:40
Aktualisiert: 30.09.2019 15:42
Lesezeit: 2 min

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..

Nach dem Tod einer Frau und möglicherweise auch ihren zwei Kindern im Migrantenlager von Moria auf der griechischen Insel Lesbos bleibt die Lage im Camp äußerst angespannt. Zuvor war es nach dem Bekanntwerden des Todes in dem überfüllten Auffanglager zu schweren Unruhen gekommen. «Es kann jeden Moment wieder losgehen», sagte der Bürgermeister der Inselhauptstadt Mytilini, Stratos Kytelis, im griechischen Fernsehen. Ausschreitungen gab es aber am Montag nicht mehr. Im Lager harren mehr als 13 000 Migranten aus - bei einer angepeilten Kapazität von nur 3000 Menschen.

Bei der Zahl der Opfer herrschte Unklarheit: Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Athen war bei dem Brand am Sonntag in einer Containerwohnung eine Frau ums Leben gekommen. Der Vertreter der humanitären Organisation Ärzte der Welt, Dimitris Patetsos, sagte dagegen griechischen Medien, die tote Frau habe zwei Kinder gehabt. «Ich glaube nicht, dass man etwas (von den Kindern) finden wird. Von den Containern sind nur noch die Skelette übrig geblieben», sagte er dem Nachrichtenportal Protothema.

Zuvor hatte das Staatsfernsehen und der Gouverneur der Region, Kostas Moutzouris, von zwei Toten - der Frau und eines Kindes - berichtet. Zudem seien nach Angaben des Rettungsdienstes 16 Menschen verletzt worden. Alle sind laut Gesundheitsministerium außer Lebensgefahr.

Das Feuer war nach ersten Erkenntnissen der Feuerwehr in der Küche oder nach einem Kurzschluss in einem Wohncontainer ausgebrochen. «Brandstiftung schließe ich aus», sagte ein Sprecher des Bürgerschutzministeriums im Staatsfernsehen (ERT).

Wie ERT weiter berichtete, will Athen die Asylverfahren beschleunigen, damit mehr Migranten zurück in die Türkei geschickt werden. Dies sei beschlossen worden bei einer Sitzung des Ministerrates unter Vorsitz des Regierungschefs Kyriakos Mitsotakis. Bereits vergangene Woche hatte Athen beschlossen, mehr als 10 000 Migranten von den Inseln zum Festland zu bringen.

Angesichts der katastrophalen Zustände in Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln pocht die Bundesregierung auf mehr und schnellere Rückführungen von dort in die Türkei. Dies sei ein Teil der Lösung, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. Die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl forderte die sofortige Evakuierung der Flüchtlinge von den Inseln. Andere EU-Staaten und Deutschland sollten sie aufnehmen.

Eine Sprecherin der EU-Kommission sprach mit Blick auf das Feuer von einem «wirklich tragischen Vorfall», den man tief bedauere. Zugleich verwies sie am Montag darauf, dass die EU-Kommission die griechischen Behörden unterstütze und Notfallmaßnahmen getroffen worden seien.

Nachdem am Vortag der Tod der Frau bekannt wurde, gingen Hunderte aufgebrachte Migranten - meist Jugendliche - auf die Polizei und die Beamten los, die im Lager arbeiteten. «Kill the Police» (Tötet die Polizei) skandierten sie, sagte der Sprecher der Gewerkschaft der Polizisten von Lesbos, Wasilis Rodopoulos, dem Nachrichtensender Protothema. Sie hätten Steine und andere Gegenstände geschleudert und legten Feuer, hieß es. Die Polizei setzte massiv Tränengas ein, um die ausgebrachten Migranten zurückzudrängen, berichteten Reporter.

Auf den der Türkei vorgelagerten Inseln Lesbos, Chios, Samos, Leros und Kos sind derzeit rund 30 000 Flüchtlinge unter teils prekären Umständen untergebracht, weil der Zustrom von Migranten aus der Türkei in den vergangenen Wochen zugenommen hat. Es ist die höchste Zahl an Migranten, die seit Inkrafttreten des EU-Türkei-Flüchtlingspaktes im März 2016 auf diesen Inseln lebt. Im April war die Zahl der auf den Inseln lebenden Migranten auf 14 000 zurückgegangen.

Der Flüchtlingspakt zwischen der EU und der Türkei sieht vor, dass die EU alle Flüchtlinge und Migranten, die illegal über die Türkei auf die griechischen Inseln kommen, zurückschicken kann. Die Bearbeitung der Asylanträge kommt wegen Personalmangels jedoch auf den griechischen Inseln nur mühsam voran.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: S&P 500 erreicht Rekordhoch – Aktien steigen wegen Verlängerung der Iran-Waffenruhe und starken Quartalszahlen
22.04.2026

Spannende Entwicklungen an der Wall Street: Erfahren Sie, welche Dynamiken den Markt aktuell beherrschen und warum Investoren jetzt genau...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Wirtschaftswende abgesagt: Deutschland erwartet Mini-Wachstum und halbiert Konjunkturprognose
22.04.2026

Nicht nur die Folgen des Iran-Kriegs bremsen die Konjunktur in Deutschland weiter aus. Die Bundesregierung rechnet nur noch mit einem...

DWN
Politik
Politik Kein Öl mehr aus Kasachstan: Russland stoppt Lieferung nach Deutschland
22.04.2026

Ab kommender Woche wird kein Öl aus Kasachstan mehr durch die Pipeline Druschba nach Deutschland und zur PCK-Raffinerie in Schwedt...

DWN
Politik
Politik Ungarn gibt Ukraine-Blockade auf: EU-Milliarden und neue Sanktionen gegen Russland kommen
22.04.2026

Der Weg für den 90 Milliarden schweren EU-Kredit sowie für weitere Russland-Sanktionen ist frei. Die Hälfte des Geldes soll bereits in...

DWN
Immobilien
Immobilien Bund als Wohnungsbauer? Regierung plant Bundesbaugesellschaft
22.04.2026

Wenn Wohnraum knapp wird, steigen die Preise: In Deutschland fehlen 1,4 Millionen Wohnungen zugleich verteuern sich die Mieten vor allen in...

DWN
Politik
Politik Zwischen Datenschutz und Kontrolle: EU-App zur Altersprüfung im Internet kommt
22.04.2026

Um den Jugendschutz im Internet zu verbessern, hat die EU eine App zur Altersverifizierung entwickelt. Die Lösung, die Ursula von der...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Flugstreichungen: Lufthansa streicht 20.000 Flüge bis Oktober
22.04.2026

Die Schließung der Cityline reißt Lücken ins Lufthansa-Netz. Was heißt das konkret für die nächsten Monate und ihre Urlaubspläne?

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Übernahme durch UniCredit: Welche Rolle spielt die Commerzbank-Aktie?
22.04.2026

Im Ringen um die Commerzbank-Übernahme verschärfen sich die Fronten, während UniCredit auf Kontrolle drängt und die mBank für den...