Wirtschaft

Der Krieg um die Riesenmuscheln

Das südchinesische Meer mag zwar fast 10.000 Kilometer Luftlinie von Deutschland entfernt sein. Doch ist das Gewässer weltweit aufgrund seiner Wirtschaftskraft, die einem Drittel der Wirtschaftsleistung der EU entspricht, von spürbarer Bedeutung. Hier werden knapp zwölf Prozent aller Fische gefangen, die global den Produzenten in die Netze gehen. China beansprucht 90 Prozent des Meeres für sich.
26.10.2019 11:40
Aktualisiert: 26.10.2019 11:47
Lesezeit: 6 min
Der Krieg um die Riesenmuscheln
Die jährliche Weltproduktion an Fisch beträgt 95 Millionen Tonnen mit einem Umsatz von 70 Milliarden Euro. (Foto: dpa) Foto: Petr Sk

„Es war sehr stürmisch und regnerisch, so dass ich nicht so weit hinausfahren konnte“, sagte Johnny Sonny Geruela, ein philippinischer Fischer. „Doch selbst wenn es nicht geregnet hätte, dann hätten ich das auch nicht machen können“, fügte der Mann aus Masinloc, einer 50.000-Einwohner-Stadt an der philippinischen Küste hinzu. „Denn die Chinesen sind ja jetzt dort, auch wenn das Scarborough Riff eigentlich uns gehört“, zitiert die lokale Online-Publikation „BenarNews“, Fischer Geruela. „Seitdem sie die Inseln kontrollieren, gibt es überhaupt keinen Fang mehr für uns“, ärgerte sich der 49jährige.

Hintergrund: Das Scarborough-Riff gehört zu den Klippen im südchinesischen Meer, die in den vergangenen Jahren besonders hart umkämpft gewesen sind. So erheben sowohl die Philippinen als auch China und Taiwan Ansprüche auf die zwei unbewohnten Inseln, die über reiche Fischgründe verfügen – unter anderem für Riesenmuscheln, die in China als besonders teure Delikatesse gelten.

Deswegen versuchen chinesische Boote regelmäßig, die philippinische Konkurrenz zu vertreiben. Sie ignorieren damit ein Urteil des internationalen Schiedsgerichtes in Den Haag vom Juli 2016, das den Philippinen die Rechte zubilligt. Die Gerichte haben sich auch schon längst mit den Inseln beschäftigt, weil das Riff nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich sehr wichtig ist. Da China und die Philippinen zu den wichtigsten Fischproduzenten der Welt gehören, sind die Auseinandersetzungen um das Eiland auch vom internationalen Interesse.

Auseinandersetzung um Fischgründe Teil des politischen Streits

Der Streit um die Fischgründe gehört zu den politischen und militärischen Konflikten, die es seit Jahren um das süd-chinesische Meer gibt, das eine Fläche einnimmt, die etwa zehn Mal so groß ist wie Deutschland. In der Seeregion werden Waren gehandelt, deren Umsätze pro Jahr bei fast fünf Billionen Euro liegen – also ein Drittel der Wirtschaftsleistung der EU. Grundsätzlich beansprucht China, die größte Fischnation der Welt, 80 bis 90 Prozent des gesamten Seegebietes für sich.

Doch auch die Philippinen, Indonesien, Taiwan, Malaysia, Brunei und Vietnam, die als Anrainerstaaten das Meer bewirtschaften, wollen hier unbedingt ihre Interessen durchsetzen. Dabei ist das Scarborough Riff in diesem Meer von strategisch besonderer Bedeutung: Es liegt 250 Kilometer von den Philippinen und 800 Kilometer von China entfernt und erstreckt sich über insgesamt 150 Quadratkilometer. Dabei verfügt es nur über eine Landfläche von gerade einmal zwei Hektar – also vielleicht gerade einmal so groß wie zwei Fußballfelder.

Die Felsen sind zwar nicht sonderlich groß, doch sind sie insbesondere für die Philippinen aus wirtschaftlichen Gründen wichtig. Denn die Fischerei ist eine tragende Säule der Gesamtwirtschaft und trägt pro Jahr etwa ein Zehntel zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei, das ungefähr so groß ist wie die Wirtschaftsleistung von Österreich.

Aber auch die Chinesen, wo die Fischindustrie einen ähnlich hohen Stellenwert hat, haben in den vergangenen Jahren immer mehr Gefallen an den kleinen Inseln gefunden. Und zwar nicht zuletzt deswegen, weil hier auf dem Meeresgrund Riesenmuscheln zu finden sind, die sich im Reich der Mitte als Delikatessen zu Höchstpreisen verkaufen lassen. Allein in der südchinesischen Provinzstadt Tanmen, die als Umschlagplatz für diese Spezialität gilt, gibt es 460 Firmen, die nur damit handeln.

400-Kilogramm-Riesenmuscheln kosten bis zu 1.800 Dollar je Stück

Wie lukrativ der Fang der Riesenmuscheln ist, wird auch an folgenden Zahlen deutlich: So sind die Preise in den vergangenen zehn Jahren regelrecht explodiert: und zwar von 200 auf 1.800 Dollar je Muschel. Wie viel die Käufer auf den Tisch legen müssen, hängt davon ab, wie groß ein Exemplar ist und welche Farbe es hat. Es kann bis zu 1,40 Meter lang werden und bis zu 400 Kilogramm auf die Waage bringen – also schwerer als beispielsweise ein modernes BMW-Motorrad mit 160 PS. Egal, wie die Maße ausfallen, handelt es sich jedenfalls um ein millionenschweres Geschäft, das hohe Renditen verspricht.

Deswegen haben die Chinesen versucht, die Muscheln mit aller Macht vom Meeresboden zu fischen, der sich rund um die Felsen befindet. Dabei seien sie angeblich nicht zimperlich umgegangen, haben Untiefen herausgebaggert und Umweltschäden angerichtet.. Sollten die philippinischen Fischer einmal zurückkehren, werden sie wohl Fischgründe vorfinden, die weitgehend zerstört sind.

„Sie löschen unsere traditionellen Fischgründe aus“, ärgerte sich auch Fischer Guerilla. „Die Zeit wird kommen, in der alle unsere Fangplätze verschwunden sind“, sagte der Philippine. „Dann werden wir alle die Verlierer sein – auch die chinesischen Kollegen“, warnte er.

Wie fatal die schleichende Zerstörung ist, wird auch an Zahlen deutlich, die das wissenschaftliche Institut Center for Strategic and International Studies (CSIS) veröffentlicht hat: So senken sich die Korallenriffe, wo die Fischgründe besonders reichhaltig sind, in diesem Meer durchschnittlich pro Jahrzehnt um 16 Prozent herab, und drohen damit ganz im Wasser zu verschwinden. Bisher wurden 160 Quadratkilometer Riff verwüstet, mahnen die Experten.

Viermal höhere Fisch-Erlöse als in der EU

Das ist auch für die internationale Fischindustrie von wesentlicher Bedeutung. Denn in diesem Meer werden pro Jahr rund 20 Millionen Tonnen gefangen. Das entspricht etwa zwölf Prozent aller Fische, die weltweit aus freien Gewässern herausgezogen werden. Zum Vergleich: Die Weltproduktion liegt bei etwa 95 Millionen Tonnen, mit denen die Händler weltweit Gesamtumsätze von rund 70 Milliarden Euro erzielen. Die Verkäufer, die Fisch aus dem südchinesischen Meer fangen, generieren somit jährliche Erlöse von circa acht Milliarden Euro. Diese Volumina sind vier Mal höher als in der EU.

Doch das ist noch nicht alles: Die Fischindustrie ist in dieser Region ein sehr wichtiger Arbeitgeber. So beschäftigen die Unternehmen, die mit diesem Gewässer wirtschaften, insgesamt 3,7 Millionen Menschen – inoffiziell sind es sogar noch mehr.

Fischbestände dramatisch geschrumpft

Die Fischer haben in den vergangenen Jahrzehnten so viele Fische aus dem Meer gezogen, dass sogar eine Ausrottung der Tiere droht. „Die Überfischung hat schon gefährliche Ausmaße angenommen“, warnen die Fachleute von CSIS. Ihren Statistiken zufolge haben sich die Fischbestände seit 1950 um 70 bis sogar 95 Prozent verringert. Die Fangproduktion ist in den vergangenen 20 Jahren um 66 bis 75 Prozent zurückgegangen.

Doch das dürfte noch lange nicht das Ende der Fahnenstange gewesen sein. Denn der Konflikt um das Meer spitzt sich weiter zu. So hat China gerade im August ein neues größeres Transportschiff namens „Sansha No. 2“ vorgestellt, das die Ansprüche Pekings auf diese Region unterstreichen soll. Es verfügt über eine Kapazität von 8.000 TEU und ist in der Lage, 6.000 Kilometer zurückzulegen. Das ist zwar nicht das größte der Welt, doch zeigt allein die Tatsache, dass die chinesische Regierung das Schiff gekauft hat, wie wenig Peking willens ist, sich aus der Region zurückzuziehen.

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