Politik

Deutschland stottert: Wird Frankreich der neue Wirtschaftsmotor der EU?

Die marktliberalen Reformen in Frankreich haben mittlerweile zu höheren Investitionen und zu Wirtschaftswachstum geführt. Ob das ausreicht, um Deutschland als Wirtschaftsmotor der EU zu überholen ist fraglich.
09.11.2019 07:43
Lesezeit: 2 min
Deutschland stottert: Wird Frankreich der neue Wirtschaftsmotor der EU?
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. (Foto: dpa) Foto: Ina Fassbender

Das BIP Frankreichs ist im aktuellen Jahr um 1,3 Prozent gestiegen, während Deutschland ein Wachstum von nur 1,1 Prozent verzeichnen konnte. Doch die massiven Unternehmensinvestitionen nach Macrons Körperschaftsteuersenkungen und der Beschäftigungszuwachs nach Änderungen der Arbeitsgesetze belegen, dass offenbar mehr dahinter steckt als nur das Timing. Das Tempo bei der Schaffung von Arbeitsplätzen ist nach Angaben von Bloomberg so schnell, dass Ökonomen Schwierigkeiten haben, es zu erklären, und der Chefökonom der Bank of France, Olivier Garnier, hat es als “bemerkenswert” bezeichnet.

Das Erwachen der französischen Wirtschaft im Zuge der Rezession in Deutschland könnte weitreichende politische Auswirkungen auf Europa haben. Dazu gehören eine aktivere Industriepolitik und der Aufbau von “European Champions”, die mit den USA und China mithalten können, sowie eine stärkere Aufteilung der Ressourcen zwischen den Mitgliedstaaten.

Der französische Staatschef hat bereits einige Erfolge mit einer Einigung über ein Budget für die Eurozone verzeichnet, wenn auch weit unter den ursprünglichen Ambitionen. Aber das Selbstvertrauen der Franzosen ist so groß, dass sie nicht länger davor zurückschrecken, Deutschland über seine nationale Finanzpolitik zu belehren.

Im dritten Quartal verzeichnete die Wirtschaft ein über den Prognosen liegendes Wachstum von 0,3 Prozent, wobei die Inlandsnachfrage ein wesentlicher Treiber des Wachstums war. Frankreich zieht einen wachsenden Anteil an Auslandsinvestitionen an, und die bestehenden Unternehmen geben weiterhin Geld aus, da sie den Höhen und Tiefen des Welthandels weniger ausgesetzt sind als die deutschen Unternehmen.

Der Chefökonom von Axa, Gilles Moec, meint, dass die lockere Geldpolitik der EZB auch eine Rolle bei der relativen Stärke der französischen Investitionen spielen könnte. Diese werden im Gegensatz zu Deutschland größtenteils durch Kreditaufnahmen finanziert.

In einem Niedrigzins-Umfeld ist dies eine Strategie, die sich auch langfristig auszahlen könnte. “Abgesehen von der zyklischen Unterstützung trägt die Investitionsstabilität auch zu guten Wachstumsaussichten bei”, meint Moec.

Doch Frankreich kann noch nicht wirklich mit Deutschland mithalten. Ein riesiger und kostspieliger öffentlicher Sektor stört die Widerstandsfähigkeit Frankreichs. Die Regierung gibt an dieser Stelle 56 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus, während dieser Anteil in Deutschland nur bei 45 Prozent liegt. Infolgedessen bewegt sich die Staatsverschuldung Frankreichs in der Nähe von 100% des BIP. Während die Staatsverschuldung in Deutschland im vergangenen Jahr 60,9 Prozent am BIP lag, lag sie in Frankreich bei 98,4 Prozent.

Auch die Arbeitslosigkeit könnte sinken, ist aber immer noch mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland. Im August 2019 lag die Arbeitslosigkeit in Frankreich bei 8,5 Prozent, während sie in Deutschland bei 3,1 Prozent lag. Die französische Regierung weist auf die Qualität der Arbeitsplätze hin, als Zeichen dafür, dass Reformen greifen. Entscheidend ist, dass der Anteil neuer Jobs mit stabilen, unbefristeten Verträgen gestiegen ist, seit Macron die Gesetze geändert hat, von denen Unternehmen sagten, dass sie die Einstellung behinderten.

Darüber hinaus erwägt die Regierung weitere Steuersenkungen für in Frankreich produzierende Unternehmen und Änderungen in strategischen Sektoren, in die der Staat investiert. “Nichts wird uns davon abhalten, das Land zu verändern. Emmanuel Macron wurde dafür gewählt”, so der französische Finanzminister Bruno Le Maire.

Dabei hat Le Maire gar nicht mal so Unrecht. Macron hat das Land verändert, indem er die Unternehmen entlastet hat, während er die Rechte der Arbeitnehmer beschneiden ließ.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Russland übernimmt ausländische Markenrechte: Mehr als 300 Brands gefährdet
30.11.2025

Ausländische Marken geraten in Russland zunehmend unter Druck, seit viele Unternehmen ihre Aktivitäten im Land eingestellt haben. Wie...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europa im Schuldenstrudel: Warum die alten Mächte wanken und der Süden aufsteigt
29.11.2025

Europa war lange in zwei Gruppen geteilt. Es gab die Staaten mit fiskalischer Disziplin, angeführt von Deutschland, und die...

DWN
Finanzen
Finanzen Ölpreis und geopolitischer Druck: Serbiens Konflikt um den russischen Energiekonzern NIS
29.11.2025

Serbien steht inmitten einer energiepolitischen Zuspitzung, deren Ausgang weit über das Land hinaus Bedeutung hat. Welche Entscheidung...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Befristung von Arbeitsverträgen: Warum für Beschäftigte ab 52 Jahren Sonderregeln gelten
29.11.2025

Arbeitgeber sollen zusätzlich motiviert werden, älteren Menschen neue Beschäftigungsmöglichkeiten zu bieten und dabei selbst flexibel...

DWN
Finanzen
Finanzen KI-Crash: Michael Burry sieht Risiken einer KI-Aktien-Blase
29.11.2025

Michael Burry sorgt erneut für Aufsehen an den Finanzmärkten, diesmal im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Angesichts der rasant...

DWN
Panorama
Panorama Weihnachtsmarkt-Umfrage: Was für Besucher wirklich wichtig ist
29.11.2025

Eine aktuelle Weihnachtsmarkt-Umfrage offenbart deutliche Verunsicherung in der Bevölkerung: Trotz festlicher Stimmung bleiben Sorgen rund...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Energiekrise: Warum der Preissturz jetzt ganze Volkswirtschaften umkrempelt
29.11.2025

Der weltweite Gasmarkt kippt von Knappheit in Überfluss. Während Unternehmen jahrelang unter der Energiekrise litten, setzt eine massive...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Handelsstreit trifft große Volkswirtschaften: Zölle belasten Deutschland, China und die USA
29.11.2025

Der globale Handelskrieg belastet die größten Volkswirtschaften und sorgt für wachsende Unsicherheit bei Industrie und Konsum. Kann...