Politik

100 Jahre Kalaschnikow: Russland feiert den Menschen und die Waffe

Lesezeit: 3 min
07.11.2019 15:13  Aktualisiert: 07.11.2019 15:13
Während die heimischen Rüstungsunternehmen in Deutschland schief angesehen werden, feiert Russland derzeit den 100. Geburtstag des Waffeningenieurs Michail Kalaschnikow als nationales Ereignis.
100 Jahre Kalaschnikow: Russland feiert den Menschen und die Waffe
Eine goldene AK-47. (Foto: dpa)
Foto: Arno Burgi

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Ulf Mauder von der dpa berichtet:

Den 100. Geburtstag erlebt die Legende Michail Kalaschnikow zwar nicht. Die gleichnamige Waffenschmiede aber feiert das Jubiläum groß – und hofft ungeachtet westlicher Sanktionen auf neue Kunden. Neben Sturmgewehren hat der Konzern einiges im Angebot.

Russland feiert die berühmteste Waffe der Welt – und ihren Erfinder Michail Kalaschnikow. 2013 starb der Konstrukteur des Sturmgewehrs mit dem gekrümmten Magazin - Awtomat Kalaschnikowa AK-47. Am 10. November wäre die schon zu Lebzeiten verehrte Legende 100 Jahre alt geworden. Zu Ehren Kalaschnikows gibt es viele Veranstaltungen und seit ein paar Jahren auch ein großes Denkmal in der Hauptstadt Moskau. Vor allem aber nutzt Russland das Jubiläum, um seine Erfolge im Waffenexport auf einem umkämpften Rüstungsmarkt zu feiern - trotz Sanktionen des Westens.

Vor gut fünf Jahren hatte der Kalaschnikow-Konzern schon die USA im Visier, um auf dem riesigen Waffenmarkt in Nordamerika Fuß zu fassen. Dann kam der Ukraine-Konflikt. Russland annektierte gegen internationalen Protest die ukrainische Schwarzmeer-Halbinsel Krim und unterstützte Separatisten im Osten der Ukraine. Die Folge waren Sanktionen der USA und der EU – und das vorläufige Ende der rosigen Verkaufsaussichten. Seither bemüht sich der größte russische Waffenbauer, auf den 95 Prozent der einheimischen Produktion entfallen, verstärkt um andere Kunden im Ausland.

Die Marke Kalaschnikow solle weiter expandieren – und das «Image Russlands international festigen», sagte Generaldirektor Dmitri Tarassow bei einer Präsentation Ende Oktober vor Diplomaten in Moskau. Mögliche Märkte seien Brasilien, Südafrika, Nigeria, Indonesien, die Philippinen und Thailand. Schon jetzt liefert die Unternehmensgruppe in 27 Staaten. Größtes Exportpotenzial habe dabei freilich die neue 200er Markenlinie AK mit den Typen AK-201, AK-202 und AK-204 sowie AK-15, sagte Tarassow.

Dabei wirbt der Konzern längst auch für andere Produkte – unter anderem für Drohnen und Boote sowie für Jagd- und Sportwaffen. Im Angebot sind auch Outdoor-Kleidung, Souvenirs in einer Boutique in Moskau und sogar Medizintechnik und Mikroelektronik. Der russische Präsident Wladimir Putin hatte noch zu Lebzeiten des Konstrukteurs den Kalaschnikow-Konzern gründen lassen, der aus den damals maroden Unternehmen Ischmasch und Ischmech hervorging. Nach dem Tod Kalaschnikows 2013 im Alter von 94 Jahren legte Putin zudem per Dekret fest, das Andenken an den Namensgeber besonders zu pflegen.

Durch die AK-Geschosse würden jedes Jahr rund eine Viertel Million Menschen sterben, heißt es in einem Behörden-Dokument zum Jubiläum. Dabei betonte Kalaschnikow stets, dass nicht die Konstrukteure, sondern die Politiker für den Einsatz von Waffen und Gewalt verantwortlich seien. «Ich habe nur eine Waffe zum Schutz der Heimat entwickelt», sagte der hochdekorierte Generalleutnant einmal. 1947 war das – daher der Name AK-47. Zwei Jahre später – vor 70 Jahren - nahm die Sowjetarmee 1949 die «Kalascha» in den Dienst.

Doch die wenigsten der rund 100 Millionen Kalaschnikows weltweit sind nach russischen Angaben Originale. Auf 90 Prozent schätzt Russland die Zahl der Nachbauten, die sich oft in den Händen von Terroristen, Gangstern, Rebellen und Piraten befänden. Dass es so viele sind, hängt damit zusammen, dass das Sturmgewehr zu Sowjetzeiten keinen internationalen Patentschutz hatte – und es so oft nachgebaut wurde.

Die robusten und leicht handhabbaren Sturmgewehre hätten sich vor allem bei den Kriegen im Irak und in Afghanistan sowie aktuell in Syrien bewährt, meinen russische Waffenexperten. Das US-Magazin «The National Interest» kürte das aus Sowjetzeiten stammende Sturmgewehr dieses Jahr zur Nummer 1 unter vergleichbaren Waffen. Die AK versage auch unter härtesten Bedingungen im afrikanischen Wüstensand oder in der Kälte der Arktis nicht, meinte der Waffenexperte Sergej Sajnullin im russischen Militär-TV-Kanal Swesda. Weder Schmutz noch Wasser könnten ihr etwas anhaben.

Die Kalaschnikow wird aber nicht nur als Handfeuerwaffe genutzt, sondern auch auf Panzer und andere Fahrzeuge montiert. Das große Geld verdient Russland allerdings längst mit anderen Rüstungsgütern – zum Beispiel mit Kampfflugzeugen vom Typ Suchoi oder dem Luftabwehrsystem S-400. Als erstes Nato-Land kaufte unlängst die Türkei das System - zum Ärger der USA.

Dabei schätzen die Abnehmer, dass die Waffen im Vergleich zu US-Modellen oft günstiger sind. Allein in diesem Jahr haben nach Angaben des staatlichen Rüstungsexporteurs Rosoboronexport Kunden in rund 43 Staaten russische Rüstungsgüter für elf Milliarden US-Dollar (9,9 Mrd. Euro) bestellt. Stark vertreten seien afrikanische Staaten.

Die Auftragsbücher seien auf Jahre gut gefüllt mit einem Gesamtumfang von 50 Milliarden US-Dollar (45 Mrd. Euro), teilte der Generaldirektor Alexander Michejew erst am vergangenen Freitag mit. Kampfjets vom Typ Su-57 und Militärhubschrauber der Typen Mi-28NE und Mi-171Sch seien darunter. Aber eben auch Kalaschnikows der 200er Serie – die es auch für Nato-Patronen gebe. Passend zum 100. Geburtstag des Erfinders teilte Michejew mit, dass es trotz der Sanktionen gelungen sei, nun in Indien die erste gemeinsame Produktionsstätte der AK-200er-Linie in Betrieb zu nehmen.

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  

DWN
Unternehmen
Unternehmen Weniger Administration, mehr Innovation: Digitale bAV-Verwaltung schafft Raum für Neues

Was macht einen Arbeitsplatz attraktiver als andere. Sicherlich mehr als nur das monatliche Gehalt. Langfristiges Denken kann sich für...

DWN
Finanzen
Finanzen „Größter Crash der Geschichte“: Experten empfehlen Anlegern schnell zu handeln, um Vermögenswerte zu schützen

Finanzexperten empfehlen Klein- und Großanlegern, dass sie ihre Anlagestrategien überdenken, bevor es zu spät ist. Denn auf die Welt...

DWN
Finanzen
Finanzen Wie die Superreichen ihr Geld sparen und dabei massiven Einfluss ausüben - und zwar ganz legal

Steuern sparen, Macht ausüben, und zwar völlig gesetzeskonform: Wie das geht, zeigt DWN-Kolumnist Ernst Wolff.

DWN
Finanzen
Finanzen EU will Bargeld-Obergrenze einführen: Was kommt als nächstes?

DWN-Gastautor Hansjörg Stützle analysiert, wie die Politik das Bargeld Schritt für Schritt abschafft. Der überzeugte...

DWN
Finanzen
Finanzen Wie globale Finanzkrisen entstehen – und wie man den drohenden Crash erkennt

Finanzkrisen treten immer wieder auf. Die Börsenkurse stürzen dann innerhalb kürzester Zeit ins Bodenlose. Doch was sind die Auslöser...

DWN
Politik
Politik Europas Konservative: Männer ohne Eigenschaften

Europas konservativen Parteien gehen die Ideen aus, schreibt Jan-Werner Müller. Sie laufen Gefahr, von skrupellosen Opportunisten...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Rente mit 70 - sonst kollabiert unser System!

DWN-Kolumnist Ronald Barazon liefert eine umfassende Analyse unseres Wirtschafts- und Sozialsystems nach Corona.

DWN
Technologie
Technologie Ab dem 1. November funktioniert WhatsApp nicht mehr auf insgesamt 45 Smartphones

Ab dem 1. November 2021 wird WhatsApp auf 45 Smartphones und iPhones nicht mehr funktionieren. Hier können Sie die vollständige Liste der...

DWN
Technologie
Technologie E-Auto-Brandgefahr: Was ist ein Thermal Runaway?

Die Brandgefahr bei E-Autos beschäftigt Fachleute und Automobil-Clubs. Was in diesem Zusammenhang ein „Thermal Runaway“ ist und wie...