Tech-Giganten im Gesundheitswesen: Bessere Vorsorge oder Totalüberwachung?

Lesezeit: 5 min
16.11.2019 09:08
Die großen Technologiekonzerne dringen mit ihren Anwendungen in das Gesundheitswesen vor. Neben großen Vorteilen zur Vorbeugung von Krankheiten stehen große Risiken hinsichtlich der Totalüberwachung des Menschen.
Tech-Giganten im Gesundheitswesen: Bessere Vorsorge oder Totalüberwachung?

Für Aufregung sorgt derzeit der Umstand, dass Google mit der großen US-Gesundheitsorganisation Ascension einen Vertrag über den Zugriff auf Millionen Daten geschlossen hat. Dazu kommt, dass Google Fitbit, den führenden Anbieter von Gesundheits-Apps gekauft hat und somit auch weiß, wann wer wieviel Fitness betreibt oder isst oder Herzrhythmusstörungen hat. Apple ist in diesem Bereich ebenfalls heftig aktiv und außer den beiden Tech-Giganten arbeiten auch zahlreiche Unternehmen und Institutionen weltweit mit Gesundheitsdaten.

Alle Initiativen treffen auf den erbitterten Widerstand der Datenschützer, die vor dem Missbrauch der Daten und dem Eingriff in die Privatsphäre warnen. Allerdings ist nicht eindeutig zu klären, ob tatsächlich die Missbrauchsbekämpfung im Vordergrund stehen soll. Die Auswertung von Millionen Gesundheitsdaten ermöglicht Behandlungen, die genau auf die Beschwerden der einzelnen Patientin, des einzelnen Patienten abgestimmt sind. Big Data kann einen wichtigen Beitrag zur personalisierten Medizin leisten. Somit stellt sich die Frage: Datenschutz oder bessere Medizin?

Die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten von Big-Data

Die großen Datenbanken sind auf verschiedene Weise einsetzbar:

- Die Diagnose des einzelnen Patienten wird in den Computer eingegeben und mit Millionen Fällen verglichen, die die gleichen Symptome aufweisen. Daraus ergeben sich wichtige Hinweise für die Therapie. Besonders bei Auffälligkeiten sind die Informationen aus der Datenbank wertvoll.

- Kritiker meinen, dass der Computer die Arbeit des Arztes übernimmt. Genau das Gegenteil ist der Fall. Die Entscheidung über die Therapie nimmt dem Behandler niemand ab, aber die Qualität der Medizin wird besser.

- Eine wichtige Rolle spielt die Nutzung der großen Datenmengen in der Forschung. Ohne Einsatz von Big Data müssen die Studien auf eine verhältnismäßig geringe Anzahl von Personen beschränkt werden. Über die Datenbanken können Millionen einbezogen und die Resultate extrem verbessert werden.

- Die Analyse einer bestimmten Anzahl von Personen wird durch Big Data nicht ersetzt. Die Erkenntnisse aus dieser Arbeit können aber mit Hilfe der Datenbanken verlässlicher abgesichert werden. Viel ist die Rede von „evidenzbasierter“ Behandlung, die Evidenz, also die Richtigkeit der Ergebnisse ist durch den Einsatz von Big Data eher gegeben.

- Die Daten sind anonymisiert und ermöglichen folglich keine Auskünfte über einzelne Personen. Nachdem die Datenschützer die Sicherheit immer wieder bezweifeln, wird laufend an der Verbesserung gearbeitet.

- Allerdings: Beim Vergleich von Millionen Daten durch ein Computerprogramm werden Auffälligkeiten sichtbar. Wenn die Forscher sich an Personen mit diesen besonderen Merkmalen wenden und in die Studien einbeziehen können, haben Patienten mit gleichen Diagnosen den Vorteil, dass an der Heilung der speziellen Krankheit gearbeitet wird.

Wird der Datenschutz überbewertet? Viele wollen ihre Daten weitergeben.

In der öffentlichen Diskussion wird möglicherweise der Datenschutz überbewertet. In der Praxis zeigt sich, dass die meisten Menschen die Daten problemlos zur Verfügung stellen. Nur wenige machen von dem Recht Gebrauch, die Löschung ihrer Daten zu verlangen.

Zu beobachten ist vielmehr eine Gegenbewegung. Viele Menschen wollen ihre Daten aus mehreren Gründen bekanntgeben.

- Gerne werden die Gesundheits-Apps auf den Smartphones mit Arztpraxen, Labors oder Spitälern aus einem guten Grund verbunden: Die zentralen Stellen registrieren die Werte und beobachten den Verlauf. Tritt eine Unregelmäßigkeit auf, wird ein Arzt alarmiert, der bei Bedarf eingreifen kann. Der Patient hat möglicherweise die Gefahr noch nicht erkannt, aber die Kontrollstelle hat bereits einen Krankenwagen geschickt. In weniger dramatischen Fällen bekommt der Patient ein SMS auf sein Handy oder wird angerufen.

- Eine besonders in der USA zu beobachtende Tendenz läuft unter dem Motto „Pay as you live“, zahle wie Du lebst. Wer nicht raucht, sich gesund ernährt, viel Fitness betreibt soll weniger Beiträge zahlen.

- In diesem Bereich geht es um die Verbindung der eigenen Gesundheits-App mit einem zentralen Computer, dem Computer der HMO. HMO steht für Health Maintenance Organization und bezeichnet in den USA die Unternehmen, die mit Krankenkassen und Krankenversicherungen in Europa vergleichbar sind, aber auch selbst Spitäler und andere medizinischen Einrichtungen betreiben oder mit entsprechenden Partnern verbunden sind. Eine HMO ist gleichsam ein umfassender Gesundheits-Versorger.

- Diese Bewegung, die im Gegensatz zum Datenschutz, an Bedeutung gewinnt, stößt allerdings bei den HMO und den Kranken- und Lebensversicherungen nicht nur auf positive Reaktionen.

o Niedrigere Prämien für Fitness-Fans lösen höhere Prämien bei den anderen Versicherten aus.

o Was geschieht, wenn der Trainingseifer nachlässt oder die gesunde Ernährung nicht mehr so gesund ist. Da müssen wohl die Prämien angehoben werden.

o Die Daten sind schwer zu kontrollieren. Wird das Gerät manipuliert? Läuft ein anderer Marathon, während der Versicherte große Mengen Burger konsumiert? Schließlich kann man nicht hinter jeden Kunden einen Aufpasser stellen.

Das Kernproblem lautet: Die meisten Daten sind nicht vergleichbar. Weltweit.

Das tatsächliche Kernproblem des Umgangs mit Gesundheitsdaten liegt allerdings weder in der Frage nach dem Schutz vor Missbrauch oder der willigen Weitergabe an Zentralstellen. Datenbanken sind nur nützlich, wenn die Daten tatsächlich vergleichbar sind. Diese Voraussetzung ist aber nur gegeben, wenn alle Teilnehmer am Gesundheitswesen einheitliche Formulare verwenden und in diesen ausführliche, klar an Codes erkennbare Informationen eintragen. Diese Voraussetzung ist aber in der Regel nicht gegeben und daran scheitern fast alle Big-Data-Aktivitäten im Gesundheitswesen.

Ein bezeichnendes Beispiel liefert Österreich. Das Land ist bei der Einführung der elektronischen Gesundheitsakte europaweit Vorreiter. Die Politik wollte diesen Umstand nützen und hat vor kurzem ein Gesetz beschlossen, dass die Nutzung der Daten anonymisiert für Forschungszwecke freigibt. Nur mussten die Experten der ELGA darauf verweisen, dass die Umsetzung nicht möglich ist. Die Daten liegen bei den verschiedenen Anbietern von Gesundheitsdienstleistungen, also bei den Spitälern, Ärzten und so weiter. ELGA sorgt nur über Schnittstellen, dass ein Arzt bei einer Behandlung über ELGA aus all diesen Stellen Informationen über den jeweils behandelten Patienten abrufen kann. Computerprogramme, die Millionen Daten auswerten, sind nicht einsetzbar, weil zahllose, unterschiedliche Systeme und Datenerfassungen im Einsatz sind.

So sieht die Umsetzung des 2004 beschlossenen Aktionsplans der EU-Kommission „für einen europäischen Raum der elektronischen Gesundheitsdienste“ aus. Es ist ein schwacher Trost, wenn man berücksichtigt, dass auch die 2015 von Präsident Barack Obama gestartete „Precision Medicine Initiative“ an der Zersplitterung des amerikanischen Gesundheitswesens gescheitert ist. Solange sich nicht alle Teilnehmer am Gesundheitswesen an ein Schema halten, werden auch Google und die anderen Anbieter keinen Erfolg haben. Allerdings ist man bei Google überzeugt, den ultimativen Algorithmus zu entwickeln, der sich in allen elektronischen Systemen aller Spitäler, Ärzte, Labors und Apotheken zurecht findet.

Als einziges Land verfügt Israel über Millionen vergleichbarer Daten

Weltweit hat nur ein einziges Land das Problem der Vergleichbarkeit nicht: In Israel werden seit 1990 alle Gesundheitsdaten von allen Health Maintenance Organizations nach einem einheitlichen Schema elektronisch erfasst. Somit stehen Informationen zur Verfügung, die sich über einen Zeitraum von bald dreißig Jahren erstrecken und die Situation von knapp neun Millionen Einwohnern in vergleichbarer Weise abbilden. Für die Forschung sind diese Daten von unschätzbarem Wert und daher weltweit gefragt. Nicht zuletzt weiß man auch in der führenden Universität, in Harvard, die Informationen aus den israelischen Datenbanken zu schätzen. Die Regierung in Jerusalem hat kürzlich die Regeln für die internationale Nutzung gelockert.

Auch in Israel findet eine Datenschutz-Debatte statt. Allerdings verteidigen die Politik und die Verantwortlichen des Gesundheitswesens die seit 1990 stattfindende Erfassung. Laufend verbessert wird jedoch der Schutz der persönlichen Daten um eine Verletzung der Privatsphäre zu verhindern. Wie überall zweifeln die Kritiker an der Verlässlichkeit dieser Maßnahmen. Und wie überall haben nur wenige ein Problem mit der Verwendung ihrer Daten.

In diesem Zusammenhang wieder ein Blick nach Österreich: Nur 2,7 Prozent haben sich von ELGA abgemeldet. Oder nach Deutschland, wo kürzlich eine Umfrage ergeben hat, dass 90 Prozent kein Problem mit der Nutzung der elektronischen Gesundheitsakten haben.

Der Datenschutz verteidigt ernste, wichtige Anliegen. Und schützt den Missbrauch des Gesundheitswesens.

Die großen Themen, die vom Datenschutz betont werden, verunsichern nur eine Minderheit, deren Interessen aber nicht vernachlässigt werden dürfen.

- Thema Nummer ein: Ein Arbeitgeber weiß vom Gesundheitsproblem einer Person und stellt diese in der Folge nicht an, obwohl der oder die Betreffende den Job problemlos ausführen könnte.

- Thema Nummer zwei: Eine Versicherung verweigert den Abschluss einer Lebens- oder Krankenversicherung mit Hinblick auf Gesundheitsdaten. Das Problem stellt sich bei Risiken, die nur aufgrund der Daten erkennbar sind, also bei Krankheiten, die auftreten können, aber nicht müssen. Bei schon vorhandenen Krankheiten kann kein oder nur ein eingeschränkter Versicherungsschutz gewährt werden.

- Thema Nummer drei: Personen des öffentlichen Lebens können diskriminiert werden, wenn die Publikation eines gesundheitlichen Problems erfolgt.

Weit weniger schützenswert sind aber Anliegen, die nicht selten hinter dem Wunsch stehen, die eigenen Gesundheitsdaten geheim zu halten.

- Zahlreiche, nicht begründbare Arztbesuche sind problematisch und nur selten durch das Bemühen um eine zweite Expertenmeinung zu rechtfertigen. Öffentliche wie private Versicherungen bekämpfen derartige Verhaltensweisen. Die betroffenen Personen befürchten durch die Teilnahme an Datenbanken leichter erkannt zu werden.

- Gleich gelagert ist auch das zweite Motiv, die Sammlung von nicht notwendigen Medikamenten. Nicht wenige horten Arzneimittel und verursachen auf diese Weise beträchtliche Kosten. Eine Datenbank würde leicht aufzeigen, dass man in mehreren Apotheken das gleiche Mittel gekauft hat.

- In diesen Fällen schützt der Datenschutz, der den Datenmissbrauch verhindern soll, den Missbrauch des Gesundheitswesens.

Fazit: Angesichts der Vor- und Nachteile von Big Data empfiehlt sich ein differenzierter Umgang mit dem Thema. Der in der öffentlichen Diskussion dominante Datenschutz soll ohne Zweifel nicht vernachlässigt werden, darf aber nicht die Entwicklung der Medizin behindern.

                                                                            ***

Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.


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