Chaos in Nahost: Iran greift US-Stützpunkte im Irak an, Flugzeug stürzt nach Start in Teheran ab, Erdbeben an Irans einzigem Atomkraftwerk

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
 
Lesezeit: 4 min
08.01.2020 08:13  Aktualisiert: 08.01.2020 08:13
Eskalation im Nahen Osten: Die iranischen Revolutionsgarden haben offenbar zwei US-Stützpunkte im Irak angegriffen. Kurz nach dem Start in Teheran stürzte zudem eine ukrainische Maschine ab.
Chaos in Nahost: Iran greift US-Stützpunkte im Irak an, Flugzeug stürzt nach Start in Teheran ab, Erdbeben an Irans einzigem Atomkraftwerk
Beirut: Teilnehmer einer Kundgebung vom Hisbollah Generalsekretärs Nasrallah, die im Fernsehen übertragen wird, zu Ehren des iranischen Generals Soleimani halten Bilder des Generals. (Foto: dpa)
Foto: Marwan Naamani

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Nach einem iranischen Vergeltungsangriff auf die US-Truppen im Irak wächst die Angst vor einem neuen Krieg im Nahen Osten. Der Iran schoss in der Nacht zum Mittwoch Raketen auf die vom US-Militär genutzten Stützpunkte Ain al-Assad westlich von Bagdad und im nördlich gelegenen Erbil ab. Über Todesopfer war zunächst nichts bekannt. Teheran nannte die Angriffe einen "Akt der Selbstverteidigung" nach der Tötung des iranischen Top-Generals Ghassem Soleimani durch einen US-Luftschlag in der vergangenen Woche. Wie die USA reagieren werden, war zunächst unklar. US-Präsident Donald Trump kündigte eine Stellungnahme für diesen Mittwoch an.

Verstärkt wurde die Unsicherheit, als wenige Stunden nach den Raketenangriffen auf die Militärbasen aus bislang ungeklärter Ursache ein ukrainisches Passagierflugzeug in der Nähe von Teheran abstürzte. Alle 176 Menschen an Bord starben. Mehrere Fluggesellschaften setzten eine Nutzung des iranischen und irakischen Luftraums aus - darunter Lufthansa, KLM und Air France.

Dass der Iran und die USA bewusst auf einen Krieg zusteuern, gilt unter Experten als eher unwahrscheinlich. Denn die iranische Rache kam mit Vorwarnung. Iraks Regierung wurde nach eigenen Angaben kurz vor dem Angriff aus Teheran über den Militärschlag informiert. Iraks Regierungschef Adel Abdel Mahdi sagte, zur selben Zeiten hätten sich auch die Amerikaner gemeldet.

Neue Attacken kündigte der Iran nicht an. Der iranische Präsident Hassan Ruhani sagte: "Falls die Amerikaner weitere Angriffe und Verbrechen gegen den Iran planen sollten, werden wir eine Antwort geben, die noch härter ist als der heutige Angriff."

Trump schrieb nach den Raketenangriffen auf Twitter: "Alles ist gut!" Derzeit würden mögliche Opfer und Schäden bewertet, fügte er hinzu. Und: "Wir haben das stärkste und am besten ausgestattete Militär überall auf der Welt, bei weitem!". Zuvor hatte er seine wichtigsten Minister zu einer Krisensitzung im Weißen Haus empfangen.

Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn sah in dem iranischen Angriff eher eine deeskalierende Maßnahme. "Es scheint ja, wie wenn es eine dosierte Antwort des Irans gewesen wäre. Die Amerikaner haben auch nicht direkt zurückgeschlagen", sagte er im Deutschlandfunk. Vielleicht habe der Iran tatsächlich nicht Soldaten treffen, sondern zeigen wollen, "dass sie natürlich imstande sind, amerikanische Basen anzugreifen".

Da einer der iranischen Angriffe einem Ziel im bislang als relativ sicher geltenden Nordirak galt, prüft die Bundesregierung jetzt auch einen Teilrückzug der dort stationierten Bundeswehrsoldaten. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) sagte, im ARD-"Morgenmagazin": "Wir haben mit der internationalen Koalition sowieso vereinbart, dass alle Kräfte, die nicht benötigt werden, keinem unnötigen Risiko ausgesetzt werden." Deshalb seien die deutschen Soldaten am Montag aus dem Militärkomplex Tadschi im Zentralirak abgezogen worden. Nun sei man in der Planung auch für "mögliche Teilrückverlegungen" von Soldaten die aktuell in Erbil stationiert sind.

In dem Kurdengebiet sind über 100 deutsche Soldaten im Einsatz, die laut Verteidigungsministerium unverletzt blieben. Sie sind Teil der internationalen Koalition gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

Über mögliche Opfer unter den im Irak stationierten US-Soldaten wurde nichts bekannt. Sie waren einem Medienbericht zufolge vor dem iranischen Raketenangriff gewarnt worden. Dank eines frühzeitigen Alarms hätten diejenigen im Gefahrenbereich Zeit gehabt, sich in Schutzbunkern in Sicherheit zu bringen, berichtete der US-Sender CNN unter Berufung auf einen Angehörigen des US-Militärs.

Irans oberster Führer Ajatollah Ali Chamenei bezeichnete den Angriff gegen die US-Militärstützpunkte als "Ohrfeige gegen die Amerikaner". "Die Amerikaner haben in dieser Region nur Krieg und Zerstörung angerichtet", sagte der Ajatollah, der auch oberster Befehlshaber der iranischen Streikräfte ist. Iran verfolge keine Kriegsabsichten, habe aber auf die Tötung Soleimanis reagieren müssen, so Chamenei.

Auch unter den den irakischen Streitkräften gab es bei den iranischen Angriffen nach deren eigenen Angaben keine Toten. Es seien "keine Verluste" verzeichnet worden, meldete die Medieneinheit der irakischen Sicherheitskräfte. Den irakischen Streitkräften zufolge schlugen 17 iranische Raketen im Luftwaffenstützpunkt Ain al-Assad westlich von Bagdad und fünf in Erbil ein. Alle gingen demnach über Standorten der internationalen Anti-IS-Koalition nieder.

"Der Gebrauch von Waffen muss jetzt aufhören, um Raum für Dialog zu schaffen", appellierte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Mittwoch nach einer Sondersitzung der EU-Kommission. Alle seien dazu aufgerufen, Gespräche wieder aufleben zu lassen. "Und davon kann es nicht genug geben." Man habe bewährte Beziehungen zu vielen Akteuren in der Region und darüber hinaus, um zur Deeskalation beizutragen. "Die aktuelle Krise betrifft nicht nur die Region, sondern uns alle."

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) verurteilte die iranischen Raketenangriffe. "Wir fordern Iran auf, alle Schritte zu unterlassen, die zu einer weiteren Eskalation führen könnten."

In der Nähe des einzigen iranischen Atomkraftwerks Buschehr hatte es am Mittwochmorgen zudem ein Erdbeben der Stärke 4,5 gegeben. Das Zentrum des Erdstoßes mit einer Stärke von 4,5 lag weniger als 50 Kilometer von dem Atomkraftwerk Buschehr entfernt und ereignete sich in einer Tiefe von zehn Kilometern, wie die US-Erdbebenwarte USGS am Mittwoch mitteilte. Sieben Menschen wurden nach Behördenangaben verletzt. Ob es zu Schäden an dem Kraftwerk kam, blieb zunächst offen.

Die Erschütterung war laut der staatlichen iranischen Nachrichtenagentur Irna auch in Buschehr zu spüren. Nach USGS-Angaben befand sich das Zentrum des Bebens 17 Kilometer außerhalb der Stadt Borasdschan. Es ereignete sich demnach um 6.49 Uhr (Ortszeit, 4.49 MEZ).

Sieben Menschen seien bei dem Beben verletzt worden, erklärte der Leiter der Katastrophenschutzbehörde in der Provinz Buschehr, Dschahangir Dehghani, nach Angaben des iranischen Staatsfernsehens. Drei von ihnen konnten das Krankenhaus demnach bereits wieder verlassen.

An einigen Gebäuden in der Region bildeten sich nach Fernsehangaben "Risse" durch das Beben. Dehghani zufolge waren Mitarbeiter des Katastrophenschutzes vor Ort, um sich einen Überblick über die Schäden zu verschaffen. Buschehr ist der Standort des bislang einzigen iranischen Atomkraftwerks. Es wurde mit russischer Hilfe erbaut und im September 2011 in Betrieb genommen. Ende 2014 schlossen Moskau und Teheran einen Vertrag zum Ausbau der Anlage. Der Iran will seine Abhängigkeit von Öl und Gas reduzieren und in den kommenden Jahren noch 20 weitere Reaktoren bauen.


Mehr zum Thema:  

DWN
Unternehmen
Unternehmen Elektromobilität: In jedem Wandel stecken Chancen

Emissionen verringern, Kosten sparen und Imagegewinne erzielen – die Gründe für Unternehmen, in der Flotte auf Fahrzeuge mit...

DWN
Politik
Politik Die Abenteuer des Monsieur Macron, oder: Wie Frankreich sich einen neuen Napoleon wünschte - aber einen Don Quijote bekam

Emmanuel Macron war angetreten, Frankreich aus seiner lähmenden Erstarrung zu befreien. Doch daraus ist nichts geworden, wie DWN-Kolumnist...

DWN
Politik
Politik Deutschland hat bereits eine Reichensteuer: Sie beträgt 500 Milliarden Euro im Jahr

DWN-Kolumnist Christian Kreiß zeigt auf, wie der Neoliberalismus unsere Demokratie aushöhlt - und wir alle dabei mitmachen müssen. Ob...

DWN
Politik
Politik Duda gegen die deutschen Medien: Volle Attacke

Das neue und alte polnische Staatsoberhaupt Andrzej Duda greift Deutschland gerne mal frontal an – oft allerdings nur aus politischem...

DWN
Finanzen
Finanzen Weltleitwährung unter Druck: Der Euro verdrängt den Dollar im chinesisch-russischen Handel

Der Euro gräbt dem Dollar im bilateralen Handel zwischen China und Russland das Wasser ab, während beide Staaten ihre Zusammenarbeit auf...

DWN
Technologie
Technologie Erpresser-Software weltweit auf dem Vormarsch: Cyber-Kriminelle verursachen Schäden von 20 Milliarden Dollar

Erpresser richten mit Schad-Software immer mehr Schäden an. Opfer war dieses Jahr sogar die von der Bundesregierung zur Eindämmung von...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Diese 19 Autobauer machen weltweit den größten Umsatz

Wie lange braucht Tesla, um den Monatsumsatz von VW zu erreichen? Diese und viele andere Fragen beantwortet der folgende Artikel.

DWN
Politik
Politik Endkampf zwischen Nationalisten und Globalisten geht in entscheidende Runde

Weltweit stehen sich nicht Staaten, sondern die Lager der Nationalisten und Globalisten gegenüber. Trump und Putin befinden sich im Lager...

DWN
Finanzen
Finanzen Zentralbanken fürchten um ihre Macht: Gehört die Zukunft einer goldgedeckten Digitalwährung?

DWN-Kolumnist Ernst Wolff analysiert den Kampf um die Währung der Zukunft.

DWN
Politik
Politik FBI verhinderte Gift-Anschlag auf US-Präsident Trump

Das FBI hat Berichten zufolge einen Gift-Anschlag auf US-Präsident Trump vereitelt.

DWN
Politik
Politik 75 Jahre Vereinte Nationen: Kein Grund zum Feiern

Die UN verlieren zunehmend an Bedeutung - dafür ist nicht nur, aber vor allem, ihr Sicherheitsrat verantwortlich.

DWN
Politik
Politik Das große DWN-Interview mit dem echten Top Gun-Piloten

Im Interview mit den Deutschen Wirtschaftsnachrichten schildert Dave Baranek seine Erfahrungen als Kampfpilot und Ausbilder bei der...

DWN
Politik
Politik Russland-Affäre: Untersuchung des US-Senats entlastet Trump - belastet jedoch Putin

Inwiefern hat Donald Trump im Präsidentschaftswahlkampf 2016 Hilfe von Russland bekommen? Eine parteiübergreifende Untersuchung des...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Niedrige Lohnkosten, sichere Lieferketten: Wird Polen das neue China?

Die Pandemie hat gezeigt, dass China unberechenbar ist. Eine Analyse am Beispiel VW, warum Polen als Standort aufgewertet werden muss.

DWN
Technologie
Technologie Künstliche Intelligenz unterstützt Ärzte bei Krebs-Diagnose

Die Zahl der Krebsfälle steigt immer mehr. Eine neue Technologie soll Mediziner dabei unterstützen, die Krankheit zu diagnostizieren,

celtra_fin_Interscroller