Panorama

Kein „Frauen“ und „Männer“ mehr: Technische Universität Hamburg führt neue Toiletten-Regelungen ein, um Diskriminierungen zu vermeiden

Die Technische Universität Hamburg (TUHH) ändert die Benutzer-Regelung für ihre Toiletten. Statt „Männer“ und „Frauen“ gibt es jetzt eine Toilette für alle Geschlechter sowie eine für Frauen und Diverse.
14.02.2020 10:01
Lesezeit: 2 min
Kein „Frauen“ und „Männer“ mehr: Technische Universität Hamburg führt neue Toiletten-Regelungen ein, um Diskriminierungen zu vermeiden
Davos, Schweiz, 50. Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums: Ein Schild auf einer Toilettentür weist auf die Geschlechter-neutrale Nutzung der Räumlichkeit hin. (Foto: dpa) Foto: Alessandro Della Valle

Auf Initiative des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) und der Queer AG hat die Technische Universität Hamburg (TUHH) neue Benutzerregelungen für ihre Toiletten aufgestellt. Die Männer-Toilette wird mit einer „All-Gender“-Toilette ersetzt, die alle benutzen dürfen. An Stelle der Frauen-Toilette tritt – laut einer Pressemitteilung des AStA – eine Toilette für: [Frauen Inter Nichtbinär Trans]*. Zur Erläuterung: Mit „Inter“ werden Menschen bezeichnet, deren körperliche Geschlechtsmerkmale nicht eindeutig dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zuzuordnen sind. „Nichtbinär“ steht für Menschen, die sich nicht ins Raster „Mann – Frau“ einordnen lassen. Das „*“ hinter der Klammer bedeutet, dass zwischen den einzelnen Kategorien Abstufungen bestehen, es also noch weitaus mehr unterschiedliche Kategorien gibt, als die aufgeführten.

Der AStA schreibt: „Die binäre Aufteilung von Toilettenräumlichkeiten (weiblich/männlich) übt auf Menschen den Druck aus, sich einer dieser beiden Bezeichnungen unterzuordnen. Um diese Art von Zwang und Diskriminierung zu vermeiden und nachhaltig zu überwinden, soll mithilfe des Prinzips von All-Gender-Toiletten ein Raum geschaffen werden, in dem keine Unterteilung in Geschlechtsidentitäten und -rollen stattfindet.“

Auf Nachfrage der Deutschen Wirtschaftsnachrichten sagte die Gleichstellungsreferentin des AStA, Theresia Hachmöller: „Die neue Regelung dient auch dazu, unangenehme Situationen zu vermeiden. Wenn beispielsweise ein Mensch, der wie ein Mann aussieht, sich aber nicht wie ein Mann fühlt, auf die Frauen-Toilette geht, ist er dort wahrscheinlich nicht willkommen. Solche Situationen werden durch die neue Regelung in Zukunft vermieden.“ Hachmöller weist auf eine weitere Funktion der Frauen-Inter-Nichtbinär-Trans-Toilettenräume hin: „Sie sollen als Rückzugsorte dienen, beispielsweise nach einem sexuellen Übergriff.“

Die TUHH begrüßt die neue Toiletten-Regelung. Prof. Kerstin Kuchta, Vizepräsidentin für den Bereich „Lehre“: Die Umwandlung von Toilettenanlagen in All-Gender- und [Frauen Inter Nichtbinär Trans]* WCs zeigt, dass die TUHH eine weltoffene und tolerante Universität ist, die die Diversität ihrer Mitglieder schätzt und ernst nimmt. Im Umsetzungsprozess für diese wichtige Neuerung wurde deutlich, dass durch die konstruktive und lösungsorientierte Zusammenarbeit aller Statusgruppen schnell viel bewegt werden kann.“

Im Vorfeld der Entscheidung zur Regeländerung bei den Toiletten hatte der AStA eine offene Gesprächsrunde veranstaltet, aus der auf der AStA-Seite im Netz Auszüge dokumentiert sind. Die DWN zitieren: „Warum ist schwul nicht im FLINT*-Begriff enthalten? Die FLINT*-Toilette soll ein Rückzugsort für FLINT*-Menschen vor cis-Männern sein, Schwule sind nicht enthalten, da dann eine Gruppe cis-Männer Zugang zum Rückzugsort hätten. Der Begriff FLINT* ist zurückzuführen auf die Emanzipationsbewegung und historisch entstanden.“

An der 1978 gegründeten TUHH unterrichten knapp 100 Professoren circa 7.850 Studenten. Die Hochschule gilt nicht als Spitzen-Einrichtung, gehört jedoch laut „World University Ranking 2019“ immerhin zu den besten 500 Universitäten der Welt. In der Kategorie „Drittmittel aus der Industrie“ gehört sie laut Ranking zu den 100 erfolgreichsten.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Investmentchancen: Korea, Luxus, Wasser – wo jetzt Rendite lockt
20.09.2026

Die Börsen stehen nahe ihren Rekorden, doch einige Anleger suchen ihre Chancen ausgerechnet dort, wo es zuletzt besonders wehgetan hat....

DWN
Panorama
Panorama KI-Kunst: Kreative Revolution oder seelenlose Kopie?
20.09.2026

Zurzeit gibt es viel Kritik an KI-generierter Kunst. Die Argumente klingen vertraut: „seelenlos“, „bloße Reproduktion des...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Arbeiten im Alter: Was Senioren wirklich im Job hält
20.09.2026

Ältere Beschäftigte werden auf dem Arbeitsmarkt plötzlich dringend gebraucht. Doch wer Senioren länger im Job halten will, kommt mit...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Arktis-Korridor: Wird Russlands Nordroute zur Gefahr für europäische Häfen?
20.09.2026

Der Chef von Rosatom sagt: Russland müsste etwa 100 Milliarden Euro investieren, wenn es die Arktisroute in einen echten Logistikkorridor...

DWN
Politik
Politik Merz unter Druck: Öffnet sich für Söder das Kanzleramt?
20.09.2026

Markus Söder hat Kanzlerambitionen mehrfach ausgeschlossen. Doch nach dem CDU-Debakel in Sachsen-Anhalt und wachsendem Druck auf Friedrich...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Preiskrieg in der Autoindustrie: Warum Rabatte die Zukunft gefährden
20.09.2026

Europas Autobauer liefern sich einen Preiskampf ausgerechnet in einer Phase, in der sie Milliarden für ihre technologische Zukunft...

DWN
Immobilien
Immobilien Schlafen überm Edeka: Wie das Baurecht Wohnen im Gewerbegebiet blockiert
20.09.2026

Obwohl bundesweit 1,4 Millionen Wohnungen fehlen und Millionen Quadratmeter Gewerbefläche leer stehen, verbietet die Baunutzungsverordnung...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Rhein Group: Draghi versammelt Europas Machtelite
19.09.2026

Mario Draghi hat Europas wirtschaftliche Schwächen analysiert. Jetzt will er handeln: Mit der Rhein Group versammelt der frühere...