Italien fürchtet durch die Viruskrise Sturz in die Rezession

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
 
Lesezeit: 2 min
26.02.2020 07:21  Aktualisiert: 26.02.2020 07:21
Die Krise um den Ausbruch des Coronavirus in der Lombardei könnte die gesamte italienische Wirtschaft anstecken.
Italien fürchtet durch die Viruskrise Sturz in die Rezession
Matteo Dall'Osso, Abgeordneter der Partei «Forza Italia» und Maria Teresa Baldini, Abgeordnete der Partei «Fratelli d’Italia» tragen während einer Sitzung im Plenarsaal am Dienstag in Rom Mundschutzmasken. (Foto: dpa)
Foto: Cosimo Martemucci

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Mailand ist stolz auf seinen Status als Italiens Wirtschafts- und Modemetropole. Doch die Krise um den Ausbruch des Coronavirus in der Region Lombardei bremst nicht nur die Stadt aus, sondern könnte die gesamte Wirtschaft des Landes anstecken. Und um die ist es sowieso seit Jahren nicht gut bestellt. Im letzten Quartal 2019 sank das Bruttoinlandsprodukt um 0,3 Prozent - der größte Rückgang im Vergleich zum Vorquartal seit fast sieben Jahren.

"Uns geht es sowieso schon nicht sehr gut, und wir riskieren nun ernsthaft eine Rezession", sagte der Ökonom Andrea Giuricin von der Mailänder Bicocca-Universität. Die Behörden kämpfen mit drastischen Maßnahmen gegen eine Ausbreitung des Virus. Mehrere Gemeinden in der Provinz Lodi rund 60 Kilometer von Mailand entfernt wurden isoliert.

Auch Mailand mit seinen rund 1,3 Millionen Einwohnern ist lahmgelegt. "Die Stadt, die nie still steht, steht nun still", sagte der Wirtschaftsprofessor Francesco Daveri von der Bocconi-Universität. Viele Geschäfte haben geschlossen, viele Unternehmen haben ihren Mitarbeitern die Arbeit daheim verordnet. Schulen und Universitäten sind zu, Fußballspiele wurden abgesagt.

Die Deutsche Post DHL setzte die Zustellung von Paketen in den besonders betroffenen Regionen aus. Der Dienstleister transportiert in Italien wie in vielen anderen Staaten Pakete von und zu Kunden. Unternehmen wie Lidl sagten Dienstreisen von und nach Italien ab. Auch die Deutsche Bank rät von Reisen in die betroffenen Gebiete ab.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag hatte sich bereits am Dienstag besorgt gezeigt. "Die rasche Ausbreitung des Virus insbesondere im Norden trifft das Wirtschaftszentrum Italiens und sorgt aktuell für zusätzliche Verunsicherung der deutschen Exportwirtschaft", sagte DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier. Das Handelsvolumen Deutschlands mit der Lombardei sei fast so groß wie jenes mit Japan.

Drakonische Vorkehrungen gelten derzeit auch in der Region Venetien um Venedig herum, die wie die Lombardei als Wirtschaftsmotor des Landes gilt. Zusammen bilden die beiden Regionen ein Drittel der Wirtschaftskraft des Landes. Stehen sie still, hat das einen Effekt auf das ganze Land.

"Die wirtschaftlichen Auswirkungen könnten riesig sein", räumte Regierungschef Giuseppe Conte ein. Es sei aber zu früh, konkrete Schätzungen über das Ausmaß zu machen.

Die Maßnahmen der Behörden könnten einerseits schwere Folgen verhindern, aber auch den kurzfristigen Schaden der Wirtschaft erhöhen, erklärte der Analyst Jack Allen-Reynolds von Capital Economics. Die Behörden hätten mit aller Kraft reagiert, "und diese Reaktion hat mehr Auswirkungen auf die Wirtschaft als die Krankheit selbst".

Absehbar ist schon jetzt, dass der Tourismus schwer leiden wird. Viele Leute schrecken davor zurück, eine Reise nach Italien zu buchen. Hoteliers klagen über Einbußen. Mehrere Länder warnen vor Reisen nach Italien. Einige Fluggesellschaften setzten schon Verbindungen nach Mailand aus. Auch die Luxus- und die Unterhaltungsbranche leiden. Kinos und Theater sind zu. Modeunternehmen wie Gucci, Prada oder Versace bangten schon vor dem Ausbruch in Italien um zahlungskräftige Kunden aus China.

Anders als in China gab es bisher aber keine Werkschließungen im großen Stil. Die Nachfrage nach nicht unmittelbar notwendigen Waren könnte einbrechen. "Wer sich einen schönen neuen Pullover oder ein Kleid oder auch ein neues Auto kaufen will, wird es vielleicht nicht unbedingt jetzt tun", sagte Wirtschaftsprofessor Daveri.

Aber es müsse auch nicht nur Nachteile geben. "Es stimmt nicht, dass jeder in einer Krise verliert. Es gibt Gewinner und Verlierer", sagte er. Zum Beispiel seien die Absätze in Supermärkten extrem angestiegen- während die in Bars und Restaurants gesunken seien. "Die Menschen geben weniger für auswärts Essen aus dafür mehr fürs Kochen zu Hause." Die Regierung arbeitet nun an Erleichterungen für betroffene Unternehmen und Haushalte: zum Beispiel verschobene Fristen für Steuerzahlungen oder Hypotheken.


Mehr zum Thema:  

DWN
Politik
Politik Weltordnung nach Corona: Erdogan kündigt Ende der Globalisierung an

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat am Montag die Gründung einer neuen Weltordnung angekündigt. Das Zeitalter des...

DWN
Finanzen
Finanzen Dunkelziffern im Steuerparadies: Der Westen hat viel mehr Geld in Schwellenländern im Feuer, als bekannt ist

Finanz-Aufsichtsbehörden auf der ganzen Welt kalkulieren mit falschem Risiko, weil sie mit mangelhaften Daten zu den weltweiten...

DWN
Politik
Politik Damit Ölpreis wieder steigt: Saudi-Arabien und Russland hoffen auf Spannungen zwischen Iran und USA

Eine Erholung der Ölpreise ist möglich, wenn die Spannungen zwischen den USA und dem Iran zunehmen. Daran müssten vor allem Russland und...

DWN
Deutschland
Deutschland Zinssatz von drei Prozent für Mittelstands-Kredite mit 100 Prozent Staatshaftung

Mittelständler sollen trotz Corona-Krise bei den neuen Hilfskrediten der Regierung einen Zinssatz von drei Prozent pro Jahr zahlen.

DWN
Finanzen
Finanzen Eines der besten Quartale seit der Finanzkrise 2008 bei Grundstücks-Auktionen

Das Augsburger Investmenthaus GBC AG hat angesichts der Frühjahrsauktionen 2020 ein Interview Michael Plettner, Vorstandsvorsitzender der...

DWN
Politik
Politik Bisher 40 Rücktritte und Entlassungen unter US-Präsident Trump

Innerhalb von nur drei Jahren haben 40 hochrangige Personen der US-Regierung ihren Rücktritt erklärt oder wurden entlassen.

DWN
Finanzen
Finanzen Ausländische Zentralbanken verkaufen US-Staatsanleihen wie nie zuvor

Im März haben ausländische Zentralbanken so viel US-Staatsanleihen verkauft wie niemals zuvor. Doch auch die Gegenmaßnahmen der Federal...

DWN
Politik
Politik Kommentar: Kremlchef Putin und die Corona-Krise

In der Corona-Krise zeigt sich Kremlchef Putin als Helfer fürs Ausland. In Russland delegiert er den Kampf an andere. Der sonst so...

DWN
Finanzen
Finanzen Wechselkursschwankungen bedrohen deutsche Mittelständler

Unvorhersehbare Wechselkursschwankungen sind für kleine Unternehmen in Deutschland eine massive Belastung und können im Extremfall sogar...

DWN
Politik
Politik Boris Johnson will Großbritannien aus dem Krankenhaus regieren

Der britische Premierminister Boris Johnson wurde wegen seiner Corona-Infektion ins Krankenhaus eingeliefert. Doch er will die...

DWN
Deutschland
Deutschland Lebensmittel-Lieferketten brechen: Erste Länder geraten in Bedrängnis, Preise steigen

Die ersten wichtigen Produzenten für Grundnahrungsmittel wie Weizen und Reis haben den Export eingeschränkt. Obwohl auf der Welt...

DWN
Deutschland
Deutschland Wir sollten Bürger sein und keine Untertanen: Eine Replik auf Hauke Rudolph

Vor einigen Tagen hat Hauke Rudolph einen Kommentar mit dem Titel „Deutschland – ein Nachtwächterstaat" veröffentlicht. In diesem...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Unternehmen: Die wichtigsten Meldungen zum Wochenstart

Angesichts der Corona-Krise gibt es mehrere wichtige Entwicklungen bei zahlreichen Unternehmen. Wir liefern Ihnen einen Überblick über...

DWN
Politik
Politik Corona: Das Meisterstück der Massen-Manipulation

Mit ihrem Appell, das Corona-Virus müsse unter allen Umständen bekämpft werden, appelliert die Politik an die Urängste der Menschen. Es...

celtra_fin_Interscroller