Politik

Flüchtlinge: Türkei öffnet Grenze, ein neuer Exodus nach Europa beginnt

Die Türkei hat die Grenze zur EU geöffnet. Ein neuer Flüchtlings-Exodus hat begonnen, doch die EU reagiert nicht. Währenddessen kommt es auf Lesbos zu heftigen Zusammenstößen zwischen der Polizei und Gegnern der griechischen Flüchtlingspolitik.
28.02.2020 11:40
Aktualisiert: 28.02.2020 11:40
Lesezeit: 3 min
Flüchtlinge: Türkei öffnet Grenze, ein neuer Exodus nach Europa beginnt
Die aktuellen Migrationsrouten nach Europa. (Grafik: Stratfor)

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag haben sich eine unbekannte Anzahl von Migranten und Flüchtlingen aus der Türkei in Richtung Griechenland aufgemacht. Die türkische Regierung hatte zuvor angekündigt, die Grenzen in Richtung nach Europa zu öffnen, um den Menschen freies Geleit zu gewähren. Die erste Gruppe von Migranten und Flüchtlingen soll aus etwa 300 Personen bestanden haben. Es handelte sich dabei nach Angaben von The Daily Sabah um Menschen aus Syrien, dem Iran und dem Irak.

Die türkische Polizei, die Küstenwache und Grenzschutzbeamte wurden angewiesen, nichts zu unternehmen. Die Türkei hat den europäischen und anderen Ländern mitgeteilt, dass sie nicht in der Lage sein wird, eine weitere Migrantenwelle aus der syrischen Provinz Idlib zu bewältigen, da sie bereits mehr als 3,7 Millionen Menschen beherbergt. Zuvor hatte ein türkischer Regierungsbeamter dem englischsprachigen Dienst von Reuters mitgeteilt, dass Ankara die Flüchtlinge nicht mehr aufhalten wird.

Der Bürgermeister der Stadt bolu, Tanju Özcan, hat angekündigt, Migranten und Flüchtlinge kostenlos mit Bussen des öffentlichen Verkehrs in die türkische Grenzstadt Edirne transportieren lassen zu wollen.

“Nach diesem hinterhältigen Angriff (in Idlib, Anm. d. Red.), hat die Regierung verkündet, die Grenze zu öffnen. Wir werden in Bolu Busse organisieren, mit denen die Flüchtlinge kostenlos nach Edirne gelangen können. Die Flüchtlinge, die nach Edirne wollen, können sich an die Gemeinde wenden. Es ist völlig egal, wie viele Flüchtlinge nach Edirne wollen - wir werden ihren Transport organisieren”, zitiert die Nachrichtenagentur Ihlas Özcan.

Eine Reporterin des Senders CNN Türk hat an der Grenze Gespräche mit den Migranten und Flüchtlingen geführt. Ein Flüchtling sagte der Reporterin, dass seine Familie und er nach Griechenland ziehen. “Ein Freund hat mich benachrichtigt. Wir werden nach Griechenland gehen. Wir sind eine 19-köpfige Familie."

Der türkischsprachige Dienst von euronews bestätigt, dass die Türkei die Grenze nach Europa geöffnet hat. Auf Twitter veröffentlichte euronews ein Video, das den anstehenden Exodus nach Europa nachweist. Aus dem Video geht hervor, dass die Menschen sich darüber freuen, ihren miserablen Umständen zu entkommen.

Die Reporterin Ioanna Kleftogianni vom türkischsprachigen Dienst der britischen Zeitung The Independent berichtet, dass auf der Insel Lesbos Unruhen ausgebrochen sind. Es kommt derzeit zu Zusammenstößen zwischen den Einwohnern und der Polizei. “Nur über unsere Leichen werden wir es der Regierung erlauben, neue Flüchtlingslager zu errichten. Es wird Blut fließen”, sagte ein Lesbos-Einwohner namens Nikos der Independent. Besonders interessant ist, dass dem Bericht zufolge die Menschen "zu den Waffen gegriffen" haben sollen, um einen "Mini-Guerilla-Krieg" zu führen.

Die Aktivistin Katerina Voltsiou wörtlich: “Die Lage ist außer Kontrolle (...) Es handelt sich um eine Mobilisierung der Wähler von Syriza, Nea Dimokratia und der Goldenen Morgenröte. Die Polizei attackiert die Bürger in einer rücksichtslosen Art und Weise. Die Bürger antworten mit Steinen. Es herrscht totales Chaos (...) Dieses Problem wird auch dann nicht gelöst werden, wenn man 7.000 Flüchtlinge unterbringt. Das Lager wird sich bis zum Sommer füllen. Aufgrund des Konflikts in Idlib wird es nicht zu einem Rückgang des Flüchtlingsstroms kommen.”

Die dpa meldet: “Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete, dass sich Migranten in den Städten Izmir, Mugla and Canakkale sammelten für die Reise Richtung EU. In Mugla hätten einige Gummiboote mitgebracht. Flüchtlinge versuchen regelmäßig, mit Booten aus der Türkei nach Griechenland überzusetzen. In Istanbul kamen Menschen Medien zufolge unter anderem im Stadtteil Zeytinburnu zusammen, um in Sammeltaxis und Bussen nach Edirne oder in Küstenorte zu fahren. Auf CNN Türk war ein Mann einer Transportfirma zu hören, der Menschen anlockte mit dem Slogan ,Hier ist die Tür zu Europa'. Der Sender TRT zeigte Szenen von Migranten, die im Morgengrauen an einem Strand standen, oder über Felder liefen.”

Der Guardian berichtet: "Hunderte syrischer Flüchtlinge in der Türkei haben begonnen, sich darauf vorzubereiten, in Richtung der Grenzen des Landes zu Griechenland und Bulgarien zu reisen, nachdem Ankara plötzlich beschlossen hatte, ihren Weg nach Europa nicht länger zu behindern."

Die regierungskritische türkische Zeitung T24 bestätigt ebenfalls, dass die türkische Grenze nach Griechenland geöffnet wurde. “Es wird beobachtet, dass sich die Anzahl der Flüchtlinge, die sich in Richtung türkisch-griechischer Grenze bewegt, permanent ansteigt”, so das Blatt.

Weiteren Berichten zufolge werden die Migranten und Flüchtlinge aus den umliegenden Regionen Istanbuls mit Bussen an die türkisch-griechische Grenze transportiert. Die regierungsnahe Zeitung Yeni Şafak berichtet: “Die Flüchtlinge, die sich im Bereich des Migrationsmanagements Aydın befinden, wurden um Mitternacht mit Bussen abgeholt, um sie an die Grenze zu fahren.”

Der linksliberalen Zeitung Gazete Duvar zufolge sind zahlreiche Flüchtlinge in Richtung der Dörfer Yeşil Liman, Babakale ve Kadırga Koyu, die sich allesamt in Çanakkale befinden, transportiert worden. Von dort aus können sie auf die griechischen Inseln übersetzen.

Ein Flüchtling sagte der regierungskritischen türkischen Zeitung Sözcü: “Wir sind froh, dass die Grenze geöffnet wurde (...) Alle befinden sich in Festtagsstimmung.”

Der Zeitung Takvim zufolge sollen sich mittlerweile auch am Strand von Izmir/Dikili Flüchtlinge und Migranten versammelt haben, um auf die griechischen Inseln zu gelangen.

Trotz dieser neuen Entwicklung, ist völlig unklar, warum die EU und die europäische Öffentlichkeit keine Reaktion zeigt.

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