Bayer zittert: Das Trojanische Pferd namens „Monsanto“ steht kurz vor der Explosion

 

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08.03.2020 07:24
Keine zwei Jahre nach der Übernahme durch Bayer erschüttern die gefährlichen Altlasten von Monsanto den deutschen Konzern. In den USA wird neben den schwelenden Glyphosat-Prozessen nun eine zweite Klagewelle gegen die Leverkusener vorbereitet – diesmal wegen des Monsanto-Pestizids „Dicamba“. Bayers Finanzchef ist derweil überraschend zurückgetreten.
Bayer zittert: Das Trojanische Pferd namens „Monsanto“ steht kurz vor der Explosion
Werner Baumann, Vorstandsvorsitzender von Bayer, und Hugh Grant, Vorstandsvorsitzender von Monsanto. (Foto: dpa)

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Die im Juni 2018 abgeschlossene milliardenschwere Übernahme des Konkurrenten Monsanto durch Bayer entpuppt sich immer mehr als schwerwiegender Fehler. In den USA begann kurz nach der Übernahme des in großen Teilen der Öffentlichkeit unbeliebten Konzerns eine Klagewelle gegen Bayer – ausgelöst durch die möglicherweise krebserregende Wirkung des Pestizids Glyphosat in Monsantos Unkrautvernichtungsmittel „Roundup“ – der sich inzwischen fast 50.000 Einzelkläger angeschlossen haben.

Nun wird offenbar eine zweite Front eröffnet. Ende Februar verhängte ein amerikanisches Gericht in Zusammenhang mit Vorwürfen gegen das von Monsanto entwickelte Pestizid „Dicamba“ ein millionenschweres Schadenersatzurteil gegen Bayer und BASF. Eine Geschworenenjury hatte einem Pfirsich-Bauern aus Missouri 15 Millionen US-Dollar Schadenersatz im Zusammenhang mit angeblich durch „Dicamba“ verursachte Ernteschäden zugesprochen und darüber hinaus eine Strafe von 250 Millionen Dollar verhängt.

Zwar urteile ein Berufungsgericht dann eine Woche später, dass Bayer und BASF vorerst nicht für den Strafschadenersatz herangezogen werden könnten, doch das Verfahren ist damit nicht beendet, sondern nur verschoben. Die Unsicherheit über den endgültigen finanziellen Schaden weiterer Klagen besteht weiter, denn abgesehen vom Fall des Pfirsichbauern aus Missouri gibt es Analysten zufolge mehr als 100 weitere Klagen im Fall „Dicamba“.

„Der Missouri-Fall ist der erste, der als Teil eines Massenverfahrens gegen Bayer/BASF wegen Verwehungsschäden geführt wurde“, schrieb Analyst Jonas Oxgaard von Bernstein Research. Und da BASF und Bayer zu den Hauptproduzenten von „Dicamba“ zählten, könnten weitere erhebliche Strafzahlungen auf sie zukommen. „Wird diese erste Summe in Höhe von 265 Millionen US-Dollar, die die beiden Unternehmen zusammen an den Pfirsichbauer zahlen sollen, auf alle laut Medienberichten 140 Fälle angewandt, ergibt sich eine Gesamtschadensumme von umgerechnet rund 33,7 Milliarden Euro“, wird ein Commerzbank-Analyst von der dpa zitiert. Davon dürften etwa zwei Drittel auf BASF entfallen und ein Drittel des potenziellen Schadenrisikos auf Bayer, ergänzte er.

Zwar ist es noch zu früh, eine seriöse Zahl und Wahrscheinlichkeit mit Blick auf weitere Schadenersatzzahlungen zu nennen, doch der Zeitpunkt der „Dicamba“-Klagen kommt für Bayer äußerst ungünstig: Denn gegen den Konzern mit Sitz in Leverkusen sind in den USA ohnehin mehrere Klagen im Zusammenhang mit dem von Monsanto produzierten Unkrautvernichtungsmittel „Roundup“ anhängig, welches das möglicherweise krebserregende Pestizid Glyphosat enthält. Und diese Glyphosat-Klagen haben es in sich: Die Sammelklage gegen Bayer ist mittlerweile auf rund 48.600 Fälle angeschwollen. In drei Prozessen ist der Konzern bereits zu millionenschweren Strafzahlungen verurteilt worden.

Besonders bitter: Schon im Vorfeld der Übernahme 2018 warnten zahlreiche Beobachter Bayer, die Finger von Monsanto zu lassen. Schon seit Jahren gab es eine öffentliche Debatte um das möglicherweise krebserregende Glyphosat und Monsanto gehörte nicht zuletzt deswegen zu den Unternehmen mit dem schlechtesten Ruf weltweit – ein Grund, warum Bayer die Marke Monsanto nach der Übernahme und Integration der Strukturen nicht mehr weiterführte.

Während 2019 ein erfolgreiches Jahr gewesen sei, in dem man die Konzernziele erreicht habe, würden die drohenden exorbitanten Kosten der in den Vereinigten Staaten in Gang gekommenen Prozesslawine einen „Schatten“ über das laufende Jahr werfen, zitiert das Magazin German Foreign Policy die US-Tochter von Bayer. Das Unternehmen rechne mit erheblichen Strafzahlungen durch die Glyphosat-Verfahren. Um diese zu schultern, seien mehrere Optionen im Gespräch: Man könne „externe Schulden aufzunehmen“, eine Kapitalerhöhung vornehmen oder Teile des Konzerns veräußern - zu unvorteilhaften Bedingungen, hieß es in einer Erklärung Ende Februar. Zudem sei die „Reputation“ des Unternehmens angesichts des anhaltenden Rechtsstreits in Gefahr. Die deutsche Konzernzentrale hingegen schließt eine Kapitalerhöhung oder andere Maßnahmen derzeit kategorisch aus: „Wir werden das finanzieren können, sollte es bei außergerichtlichen Vergleichssummen bleiben,“ sagte Finanzvorstand Wolfgang Nickl vor Kurzem.

Bayer übernahm 2018 nicht nur eines der unbeliebtesten Unternehmen der Welt, dessen wichtigstes Produkt bereits ins Fadenkreuz von Umweltschützern und Verbraucherschützern geraten war – die 66 Milliarden Dollar schwere Übernahme wurde zudem durch massive Neuschulden finanziert. Das Handelsblatt bezifferte die Neuaufnahme von Verbindlichkeiten im Jahr 2018 mit etwa 35 Milliarden Euro: „Die Finanzverschuldung von Bayer wird laut Proforma-Abschluss insgesamt auf 43,3 Milliarden Euro steigen. Nach Abzug von liquiden Mitteln und kurzfristigem Finanzvermögen von zusammen 7,8 Milliarden Euro verbleibt eine Netto-Finanzverschuldung von 35,6 Milliarden Euro. Bayer wird damit zu einem der am höchsten verschuldeten Konzerne Deutschlands, neben der Deutschen Telekom und den Autokonzernen mit ihren Finanzierungssparten.“

Nachdem die Übernahmeabsichten Bayers im Jahr 2016 publik wurden, hatte der damalige Bayer-Finanzvorstand Johannes Dietsch Ende eine 57 Milliarden Dollar umfassende Brückenfinanzierung vereinbart, bei der es sich Dietschs Angaben zufolge um „die größte Transaktionsfinanzierung in Deutschland und die drittgrößte weltweit“ handelte. Teile des Brückenkredits wurden dann Mitte des Jahres 2018 von Bayer durch zwei Anleiheemissionen à 15 Milliarden Dollar in den USA und 5 Milliarden Euro in den Niederlanden sowie durch eine Kapitalerhöhung über 6 Milliarden Euro zurückgezahlt, berichtet das Portal Der Treasurer.

Ebenso erwähnt werden sollte, dass Bayer infolge der Übernahme im Gegenzug materielle und immaterielle Vermögenswerte von Monsanto erhielt, welche Bilanzgröße, Umsatz, Produkte, Patente, Geschäftsfelder und Goodwill des fusionierten Konzerns positiv beeinflussten. So stieg der Umsatz aufgrund des Beitrags von Monsanto im vergangenen Jahr konzernweit deutlich um 18,5 Prozent auf 43,5 Milliarden Euro. Der Gewinn vor Steuern stieg im Vergleich zum Jahr 2018 stark um 28 Prozent auf 11,5 Milliarden Euro; netto summierte sich der Gewinn auf über 4 Milliarden Euro.

Gesenkt wurden die hohen Verbindlichkeiten seitdem auch durch den Erlös aus dem Verkauf der Tierpflegesparte im Sommer 2019, welche 5,3 Milliarden Dollar in bar und 2,3 Milliarden Dollar in Aktien des Käufers Elanco in die Kassen spülte. Der Verkauf der Anteile am Chemieparkbetreiber Currenta brachte Bayer dann noch einmal etwa 1,35 Milliarden Euro ein.

Trotz des (auf Pump finanzierten) Wachstumskurses werden Beobachter aber den Eindruck nicht los, dass sich Bayer mit Monsanto unkalkulierbare Rechtsrisiken ins Haus geholt hat, welche das Unternehmen noch auf Jahre belasten könnten. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Schuldenaufnahme und gestiegener juristischer Risiken kündigte der Konzern Ende 2018 an, im Zuge eines Umstrukturierungsprogramms weltweit etwa 12.000 Arbeitsplätze zu streichen.

Ende Februar wurde dann überraschend verkündet, dass sich Aufsichtsratschef Werner Wenning von seinem Posten zurückziehen werde, obwohl er bis 2022 gewählt wurde. Ein sonderbarer Umstand, da Wenning zusammen mit Vorstandschef Werner Baumann als einer der führenden Architekten der Monsanto-Übernahme galt. Nach Ansicht kritischer Beobachter handelt es sich beim Wenning-Rückzug um eine erste personelle Konsequenz aus der teuren und folgenschweren Monsanto-Übernahme. Baumann, welcher im vergangenen Jahr als erster Bayer-Chef in der langen Unternehmensgeschichte von den Aktionären nicht entlastet wurde, verliere nun einen seiner wichtigsten Unterstützer, berichtet German Foreign Policy.

Die Rücktrittsankündigung von Wenning kam einen Tag vor der Veröffentlichung der Geschäftszahlen für 2019. Der wichtigere Termin in der Causa Glyphosat könnte aber die Hauptversammlung Ende April werden. Sollte Konzernchef Werner Baumann das Thema bis dahin nicht vom Tisch haben, könnte sein Stuhl angesichts einer womöglich erneut drohenden Nichtentlastung durch die Aktionärsversammlung wackeln. Für den Baader-Bank-Analysten Markus Mayer könnte der Rücktritt ein Zeichen sein, dass Wenning für das schlechte Abschneiden auf der Hauptversammlung 2019 die Verantwortung übernimmt, und so Druck von Baumann nehmen. Allerdings könnte der Rücktritt auch ein Hinweis auf weitere Veränderungen an der Spitze de Konzerns sein, schreibt Mayer. So verliere Werner Baumann einen seiner wichtigsten Unterstützer. Seine Zukunft könne nun stark von der Kursentwicklung der Aktie nach einem möglichen Glyphosat-Vergleich abhängen.

In den USA ist derweil am Freitag ein weiterer wichtiger Prozess im Glyphosat-Verfahren verschoben worden. Richter Vince Chhabria verschob den für den 23. März angesetzten Fall „Stevick gegen Monsanto“, ohne ein neues Datum zu nennen. „Dieser Gerichtsbeschluss wird es den Parteien ermöglichen, den Mediationsprozess zielorientiert unter der Aufsicht von Ken Feinberg fortzusetzen und Ablenkungen zu vermeiden, die sich aus Gerichtsverfahren ergeben können“, sagte ein Bayer-Sprecher am Freitag auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa. Bayer betonte, sich „konstruktiv“ an dem Mediationsprozess unter Aufsicht des hochkarätigen Experten in Entschädigungsfragen Feinberg zu beteiligen. Der Konzern machte zugleich weiter klar, dass es noch keinen Deal mit den Klägeranwälten und auch keine Gewissheit und keinen Zeitplan für eine Einigung gebe.

Die Leverkusener könnten die Sache zwar auch mit Berufungsverfahren durch die Instanzen bringen, am Ende vielleicht Recht bekommen und straffrei ausgehen. Allerdings wäre das riskant und langwierig. Auch daher rechnen viele Analysten mit einem milliardenschweren Vergleich - womöglich noch bis zur Hauptversammlung Ende April – der Schätzungen zufolge 8 bis 12 Milliarden Dollar umfassen könnte.

 


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