Finanzen

Kein Agieren mehr, nur noch Reagieren: Börse treibt Politik und EZB vor sich her

Europas Politiker und Währungshüter reagieren nur noch auf die Börse. Vorausschauendes Handeln gibt es nicht mehr – nur noch panikgetriebenen, reaktiven Aktionismus.
14.03.2020 13:28
Lesezeit: 2 min
Kein Agieren mehr, nur noch Reagieren: Börse treibt Politik und EZB vor sich her
Werden von der Börse und den Märkten vor sich her getrieben: Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) und EZB-Präsidentin Christine Lagarde. (Foto: dpa) Foto: Francisco Seco

Am Mittwoch dieser Woche verabschiedete die Bundesregierung mit Blick auf einen möglichen Wirtschaftsabschwung ein mut- und perspektivloses Aktionspaket. Am Donnerstag legte der Dax, nachdem er in den Tagen vorher schon nachgegeben hatte, einen regelrechten Absturz hin. Jetzt musste die Politik doch noch reagieren, darum am Freitag der Dammbruch: Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) gaben bekannt, dass nun mit der großen Kelle angerichtet werde, dass von den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise betroffene Unternehmen großzügige Hilfe erwarten dürften – genug Geld sei da. Insgesamt räumte die Regierung den Unternehmen umfassendste Garantien ein.

Am Donnerstag war die EZB gleichermaßen gefordert. Die Märkte erwarteten von der Sitzung der Währungshüter, dass diese drastische Maßnahmen treffen würden. Diese müssten mindestens so weitreichend ausfallen, wie diejenigen der Bank of England und der amerikanischen Federal Reserve. Darüber hinaus wurde erwartet, dass die EZB ein hohes Maß an Handlungsbereitschaft signalisieren würde, um den Sorgen vor einem Konjunktureinbruch und einer eskalierenden Schuldenkrise zu begegnen. Denn die Ausbreitung des Coronavirus gefährdet insbesondere die Schuldentragfähigkeit Italiens, aber auch die von Portugal und Spanien. Besonders Italiens Wirtschaft ist zum Stillstand gekommen, hat quasi einen Herzinfarkt erlitten – Bankrotte drohen, ebenso Massenarbeitslosigkeit sowie eine Zunahme von Krediten, die niemals zurückgezahlt werden können.

Den in sie gesteckten Erwartungen kam die EZB jedoch nur begrenzt nach. Zwar bot sie den Banken ausreichend liquide Mittel an – auch zu günstigeren Konditionen. Aber die Währungshüter beschlossen keine Zinssenkung (was im Übrigen die richtige Entscheidung war). Maßnahmen, die eine expansive Fiskalpolitik oder einen weit größeren Kreditbedarf der Realwirtschaft direkt unterstützen, wurden nicht angekündigt.

Damit nahmen (und nehmen) die Sorgen über die Schuldentragfähigkeit mancher Euro-Länder weiter zu. Die neue EZB-Präsidentin Christine Lagarde war dabei mit einer Schwierigkeit konfrontiert: Die neue EU-Kommission hatte Italien zwar Spielraum für antizyklische Budgetmaßnahmen und die Abkehr von den vereinbarten Fiskalzielen eingeräumt, aber kein entsprechendes Rahmenpaket für die gesamte EU vorbereitet. Damit war der Spielraum der EZB begrenzt.

Lagarde beging darüber hinaus einen Fehler: Auf die Ausweitung der Zinsaufschläge italienischer gegenüber deutschen Anleihen angesprochen, sagte sie, es sei nicht Aufgabe der EZB, diese Risikoprämie einzuebnen. Was für ein Unterschied zu Mario Draghi’s „whatever it takes“. Die europäischen Börsen gingen darauf hin zum freien Fall über. Am Freitag dann die – unumgängliche – Kehrtwende: Die Kommission will die Fiskalregeln für alle Länder außer Kraft setzen, und EZB-Chefökonom Philipp Lane korrigierte die Ausdrucksweise von Notenbankchefin Lagarde kunst- und salbungsvoll. Die EZB werde sich um die Risikoaufschläge kümmern, sofern dies die Wirkungsweise (Transmission) der Geldpolitik berühre – was es in der Regel tut.

Wie viele Marktteilnehmer auch, werden die Währungshüter und die Spitzenpolitiker in Europa von der Geschwindigkeit des Markteinbruchs auf Trab gehalten – und in vielerlei Hinsicht überfordert. Es werden noch manche Pläne, Konzepte, Kommentare und Meinungsäußerungen umgebogen und ins Gegenteil verkehrt werden. Wie gesagt: Agieren tun die Akteure kaum noch – sie sind nur noch Getriebene. Immerhin: Die Reise geht in die richtige Richtung – bis vor kurzem herrschte noch stures Ausharren in der Bunkermentalität, und das war ganz gewiss nicht das richtige Rezept.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Gold als strategischer Anker: Warum physische Substanz zählt

Wo sich die wirtschaftlichen Gewichte grundlegend verschieben, suchen Unternehmen sowie Privatanlegerinnen und Privatanleger nach...

 

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Continental-Aktie steigt: Conti hebt nach starkem Quartal Gewinnprognose an
04.11.2026

Große Reifen für E-Autos sorgen bei Continental für Rückenwind, teurere Rohstoffe bremsen. Nun hat der Hersteller im dritten Quartal...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ifo: Stimmung in der Autoindustrie springt nach oben
04.11.2026

Der Index springt um fast 30 Punkte. Zum ersten Mal seit mehr als zwei Jahren dreht die Einschätzung der aktuellen Lage ins Plus. Grund...

DWN
Politik
Politik Neue Angriffe auf Iran: Europas Rechnung ist bereits um 127 Milliarden Euro höher
04.11.2026

Die geschlossene Straße von Hormus wird für Europa immer teurer. Nach Angaben von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen haben...

DWN
Finanzen
Finanzen 21 Millionen Rentner: Gesetzliche Rente steigt 2027 um mehr als vier Prozent?
04.11.2026

Eine Erhöhung von mehr als vier Prozent steht voraussichtlich für Deutschlands Rentner an. Von 2028 an müssen sich Arbeitnehmer und...

DWN
Politik
Politik Wachsende Defizite: Krankenhäuser fürchten neue Milliardenlöcher und Pleiten
04.11.2026

Die Finanzlöcher deutscher Krankenhäuser werden immer tiefer: Eine Welle von Klinik-Insolvenzen wird erwartet. Um gegenzusteuern, wollen...

DWN
Politik
Politik Auch ohne Zuckersteuer: Industrie produziert weniger Zuckergetränke
04.11.2026

Weniger zuckerhaltige Cola und Limonade, mehr Light-Getränke: Die Produktion verschiebt sich. Was die Zahlen über den Durst der Menschen...

DWN
Politik
Politik Schweden bestätigt Taurus-Lieferung: Marschflugkörper erreicht mehr als 500 Kilometer
04.11.2026

Schweden hat erstmals bestätigt, bereits Taurus-Marschflugkörper erhalten zu haben. Die Waffe kann Ziele in mehr als 500 Kilometern...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Erholung bei Chip-Aktien stützt Nasdaq – Anleger warten auf Midterm-Ergebnisse
03.11.2026

Blick auf die Wall Street: Welche Dynamiken jetzt bei Tech-Riesen und Leitindizes die Richtung vorgeben.