Finanzen

Währungskrise reloaded: Türkische Lira stürzt auf Allzeittief, Federal Reserve lehnt Hilfe ab

Der Kurs der türkischen Lira hat am Donnerstag das Allzeittief zum Euro nach unten durchbrochen, zum Dollar steht die Währung schon seit Wochen so schwach wie nie zuvor. Im Land bahnt sich eine neue Währungskrise an. Inzwischen hat die Regierung Handelsverbot gegen einige ausländische Banken erlassen.
07.05.2020 10:28
Aktualisiert: 07.05.2020 10:28
Lesezeit: 3 min
Währungskrise reloaded: Türkische Lira stürzt auf Allzeittief, Federal Reserve lehnt Hilfe ab
Präsident Erdogan vor der türkischen Flagge. (Foto: dpa) Foto: Mustafa Kaya

 

 

Die türkische Lira steht nach zahlreichen Zinssenkungen der Notenbank des Landes weiter unter extremem Druck. Am Donnerstag wurde für einen Euro zeitweise bis zu 7,81 Lira gezahlt. Damit wurde das bisherige Allzeittief bei 7,81 Lira aus dem August 2018 erreicht. Der Lira-Kurs zum US-Dollar brach auf bis zu 7,25 Lira ein. Er markiert schon seit geraumer Zeit täglich neue Allzeittiefs zum Dollar.

Marktteilnehmer reagierten nervös auf ablehnende Äußerungen eines US-Notenbank-Mitgliedes bezüglich finanzieller Rückendeckung. Die Türkei, die auf ihre zweite Rezession innerhalb von weniger als zwei Jahren zusteuert, hat die US-Notenbank und andere Zentralbanken um Zugang zu Finanzmitteln gebeten, da ihre eigenen Nettowährungsreserven von 40 Milliarden Dollar im bisherigen Jahresverlauf auf fast 25 Milliarden Dollar gesunken sind. Doch angesprochen auf die Erweiterung von Swap-Kreditlinien, die klammen Staaten wie der Türkei Zugang zu Dollar-Bargeld ermöglichen würde, machte Fed-Miglied Thomas Barkin wenig Hoffnung. Das werde nicht für alle Länder möglich sein, sagte er am Mittwoch am Rande einer Online-Podiumsdiskussion. Die Mittel der US-Zentralbank seien dazu gedacht, die Märkte zu stabilisieren und nicht dazu, Finanzmittel zur Verfügung zu stellen. Diese Aussagen hätten die Talfahrt der Lira beschleunigt, sagte ein Devisenhändler. "Wir denken, der Druck auf die Lira wird auf kurze Sicht anhalten."

Marktbeobachter verwiesen auf eine angespannte Haushaltslage des Landes, die der Regierung Grenzen im Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise setze. Erschwert werden die Umstände durch eine hohe Inflation und eine steigende Arbeitslosigkeit. Außerdem hatte die türkische Notenbank auf Veranlassung von Präsident Erdogan Ende April erneut die Leitzinsen auf 8,75 Prozent gesenkt. Es war bereits die achte Zinssenkung seit dem vergangenen Sommer, als der Leitzins noch bei 24,0 Prozent lag. Generell ziehen derzeit Investoren in großem Umfang liquide Mittel aus der ganzen Welt ab, um diese in als relativ sicher geltenden Investitionsformen wie US-Staatsanleihen oder Gold zu investieren.

CNBC berichtet, dass der jüngste Abverkauf auf das Konto der Bankenaufsichtsbehörde des Landes gehe, welche ausländischen Investoren den Zugang zu in Lira notierten Wertpapieren zunehmend erschwere. Zudem hatte die Zentralbank alleine im März rund 22 Prozent ihrer Dollar-Devisenreserven verkaufen (und Lira kaufen) müssen, um den Kursverfall der Lira zu stoppen. „Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bevor die Marke von 7,25 nach unten durchbrochen wird“, zitiert CNBC einen Devisenanalysten von Jefferies LLC. „Die Politiker geben sich zuversichtlich, aber die Märkte beginnen zu denken, dass der Kaiser keine Kleider anhat.“

Analysten sehen bei der derzeitigen Abwertungsgeschwindigkeit eine steigende Gefahr, dass eine Abwärtsspirale entsteht und Devisenverbindlichkeiten unter Druck geraten. "Wir sind bereits mit einem Fuß in einer Währungskrise", sagte Schwellenland-Experte Cristian Maggio vom Handelshaus TD Securities. Mit der sinkenden Lira wird es für die Türkei deutlich teurer, ihre in harten Währungen wie US-Dollar und Euro begebenen Anleihen zurückzuzahlen. Die Nervosität der Anleger spiegelte sich auch am Anleihemarkt wider. Staatsanleihen des Landes wurden verkauft, das trieb die Rendite der bis 2030 laufenden Dollar-Bonds auf 8,406 von zuvor 8,031 Prozent.

Finanzminister Berat Albayrak hatte am Mittwoch in einer Telefonkonferenz noch versucht, die Investoren zu beruhigen und die türkischen Währungsreserven als "mehr als ausreichend" bezeichnet. Die Regierung nahm angesichts des anhaltenden Kursverfalls der Lira die Devisentransaktionen ausländischer Banken ins Visier und verhängte strengere Regeln gegen Marktmanipulation.

Der staatlichen Agentur Anadolu zufolge stehen einige ausländische Banken im Verdacht, Fremdwährungen im großen Stil gekauft und daraus folgende Lira-Verpflichtungen nicht bedient zu haben, um die Währung gezielt zu schwächen. Die Finanzaufsicht untersagte den Banken BNP Paribas, Citi und UBS den Handel mit Lira. Generell will Ankara gegen Institutionen vorgehen, die "falsche oder missverständliche Informationen" an den Börsen verbreiteten. Die Wettbewerbsbehörden teilten mit, Ermittlungen gegen 29 Unternehmen wegen ungewöhnlicher Preisbewegungen in der Pandemie-Zeit eingeleitet zu haben. 

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