DIE GROSSEN IMPERIEN SCHEITERN Teil eins: Die "Globale Energie-Dominanz" der USA läuft auf Grund

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
 
Lesezeit: 10 min
23.05.2020 12:17
Die USA waren angetreten, den weltweiten Erdöl- und Erdgas-Markt zu beherrschen. Wie die Strategie der "Globalen Energie-Dominanz" scheiterte - das zeigt DWN-Kolumnist Michael Bernegger in einer faszinierenden Analyse auf.
DIE GROSSEN IMPERIEN SCHEITERN Teil eins: Die
Die USA haben unglaubliche Hoffnung aufs Fracking gesetzt - und sind in großem Stil gescheitert. (Foto: dpa)

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Die Öl- und Gas-Förderung, beides zentrale Industrien des 20. Jahrhunderts, waren bis in die 1970er Jahre die Domäne der Vereinigten Staaten – und sollten es durch die Fracking-Revolution wieder werden. Doch das Projekt der „globalen Energie-Dominanz“ der Trump-Administration hat durch innere Widersprüchlichkeit, neue ambitionierte Klimaziele in den als Abnehmern vorgesehenen Ländern sowie durch die Coronavirus-Pandemie schwere, möglicherweise vernichtende Schläge hinnehmen müssen. Die US-Regierung und die amerikanische Notenbank FED versuchen zu retten, was zu retten ist – schließlich ist die Öl- und Gas-Industrie die mit Abstand bedeutendste produzierende Industrie des Landes. Dass sie erfolgreich sein werden, ist eher unwahrscheinlich. Darüber hinaus dürften diese Rettungsversuche zu einer Ausweitung der globalen Rezession führen, weil sie die weltweiten Erdöl- und Erdgaspreise enorm drücken, und dadurch die Produzenten(Länder) dieser Rohstoffe schwer getroffen werden.

Die Fracking-Revolution in den USA

Die letzten zehn Jahre haben auf der Angebotsseite der globalen Erdöl- und generell der Energie-Produktion eine tiefgreifende Umwälzung hervorgebracht, die auf einen einzigen Faktor reduziert werden kann: Den Vormarsch der amerikanischen Öl- und Gasförderung durch das „Fracking“. Fracking ist ein technologisches Verfahren, welches die Ausbeutung bisher unerschlossener, viel tiefer liegender Gesteinsschichten (bis zu fünf Kilometer unter der Erdoberfläche) zur Erdöl- beziehungsweise Erdgas-Förderung erlaubt. Es handelt sich um eine anspruchsvolle Technologie. Sie umfasst eine tiefe vertikale Bohrung, und von dort aus ein horizontales Aufbrechen von umliegenden Gesteinsschichten durch das Einspritzen von sehr großen Mengen von Wasser. Angereichert mit Sand und Chemikalien, wird diese sogenannte Frack-Flüssigkeit mit sehr hohem Druck von mehreren Hundert bar zum Aufbrechen (engl. „fracture“) der Gesteine und zur Erschließung darin enthaltener Gase und Flüssigkeiten verwendet.

Das Fracking ist eine schon früher verwendete Technik. Ihre breite Durchsetzung in tiefen Gesteinsschichten hat aber erst 2003 eingesetzt und nach der Großen Rezession von 2009 den Durchbruch geschafft. Seither sind die Produktionsmengen von Erdgas und Erdöl in den Vereinigten Staaten steil angestiegen. Sie haben den jahrzehntelangen Trend abnehmender Förderung in den USA durchbrochen und die Vereinigten Staaten zum weltgrößten Produzenten von Erdöl vor Saudi-Arabien und von Erdgas vor Russland gemacht. Die Ausdehnung der globalen Erdölproduktion in den letzten zehn Jahren geht fast ausschließlich auf die US-Produktion zurück. Auch beim Erdgas hat die Zunahme der amerikanischen Förderung andere Länder weit in den Schatten gestellt.

Graphiken: Produktionsmengen von Öl (‚tight oil‘) und Erdgas (‚shale gas‘) durch Fracking in den Vereinigten Staaten









Porträt der amerikanischen Öl- und Gas-Industrie

Die amerikanische Erdöl- und Erdgas-Industrie ist – gemessen am physischen Ausstoß – die größte der Welt. Parallel dazu wurden die Erdöl- und Gasverarbeitung durch die Raffinerie-Industrie – wo die USA ohnehin schon eine Vormacht-Stellung innehatten – stark ausgeweitet. Eine absolut dominante Stellung haben die Vereinigten Staaten darüber hinaus bei den Erdöl-Ausrüstungs- und Service-Unternehmen, welche die Kapitalgüter herstellen und die Erdöl- und Gas-Produzenten bei deren Einsatz unterstützen.

Dies ist ein integrierter Energie-Komplex, der seinesgleichen sucht. Allein in den letzten zehn Jahren nahm die amerikanische Erdöl- und Erdgasförderung beinahe im Umfang der gesamten Produktionsleistung Russlands zu. Hinzu kommt, dass sie eine sehr große Chemie- und Kunststoff-Industrie bedient, weil die USA die besten Voraussetzungen dafür haben: Die Verfügbarkeit von spezifischen Flüssigkeiten aus der Erdöl- und Erdgasgewinnung, niedrige Energiepreise und Kapitalkosten sowie scheinbar unbegrenzt verfügbare Kapitalmengen. Dieser Komplex ist ein Kern der amerikanischen Industrie. Er beruht auf gigantischen Investitionen, ist extrem kapitalintensiv und erfordert spezialisierte und hoch bezahlte Arbeitskräfte. Das Fracking ist sehr komplex, und die Bohrlöcher können im Unterschied zur konventionellen Gewinnung nur für kurze Zeit ausgebeutet werden. Nach zwei bis drei Jahren sind 80 Prozent oder mehr der Bohrlöcher ausgeschöpft.

Anomalien: Preise / Mengen und Margen / Cash-flow

Liest man die Berichte der vergangenen Jahre über die Entwicklung der Erdöl- und Erdgas-Produktion durch das Fracking, so wird diese Entwicklung als eine uneingeschränkte Erfolgsgeschichte dargestellt. Doch dem ist nicht so. Es gibt eine Reihe von ganz markanten Anomalien.

  • Die amerikanische Erdöl- und Gasexploration hat praktisch die niedrigsten Erlöse der Welt, und gleichzeitig mit die höchsten Produktionskosten. Letzteres ist bedingt durch die Komplexität der zur Anwendung gelangenden Technologie sowie durch die hohen Transportkosten für Wasser und Material zu den Bohrlöchern. Die Erlöse der amerikanischen Öl- und Gas-Produzenten waren jahrelang viel niedriger als die Erlöse anderer Anbieter, weil es keine günstigen Transport-Möglichkeit zu Raffinerien und Terminals an den Küsten gab, weder für Erdöl noch für Erdgas, und der Transport teilweise sogar mit Lastwagen durchgeführt wurde.
  • Die Fracking-Gebiete liegen verstreut über das Land verteilt, und konnten dadurch – anders als die konventionellen Felder – keine bereits existierenden Pipelines und Verlade-Stationen für den Transport von Wasser und Material zu den Bohrlöchern oder von den produzierten Mengen ins Ausland nutzen. Sie mussten im Gegenteil auf sehr rudimentäre Transportmittel zurückgreifen: Den Transport durch Lastwagen über teils hunderte von Kilometern in teils unerschlossenen Regionen. Das bedeutete zusätzliche Kosten sowie einen zusätzlichen Abschlag zu den Standardpreisen wie für West Texas Intermediate (WTI). Erdgas konnte bis vor kurzem mangels Pipelines und Verladestationen zu den Küsten überhaupt nicht exportiert werden.
  • Besonders kostenintensiv ist der Transport von Wasser zu den immer neuen Bohrlöchern. Denn der technologische Fortschritt im Fracking findet hauptsächlich über die drastisch erhöhte Einspritzdrücke für die Frackflüssigkeit statt. Infolgedessen sind die verwendeten Wassermengen immens angewachsen, weit stärker als die Produktionsvolumina. Auch die Betonschächte für die Endlagerung des Wassers nach dem Produktionsvorgang mussten immer mehr vergrößert werden.

Jetzt sind immerhin eine ganze Reihe von Pipelines, Raffinerien und Verladestationen für Erdöl und LNG (Light Natural Gas = verflüssigtes Erdgas) gebaut worden. Verschiedene Projekte sind immer noch im Gang und werden in Kürze abgeschlossen werden.

  • Niedrige Margen und hohe Investitionen bedeuteten einen ständigen Verlust. Das ist sehr ungewöhnlich für eine Wachstumsbranche. Normalerweise erzielt diese sehr hohe Gewinne durch technische Innovation und Marktdominanz, nicht extrem hohe und praktisch bei jeder Konjunkturlage anhaltende Verluste.
  • In Kürze: Permanente Überproduktion bei stark komprimierten Margen, ständig negativem Cash-flow und hohen Verlusten und eine daraus resultierende Schuldenexplosion waren und sind bis heute die Kennzeichen der Exploration bei Erdöl und Erdgas.
  • Die Konsequenz daraus ist eine zunehmende Verschuldung und abnehmende Gewinndynamik im ganzen amerikanischen Energie-Sektor. Denn integrierte Großunternehmen wie Exxon oder Chevron sowie Ölservice-Unternehmen wie Schlumberger oder Halliburton sind über Töchter und Beteiligungen ebenfalls stark im Fracking engagiert. Dabei haben sie teilweise extrem hohe Preise für Übernahmen bezahlt. Und sie sind direkt und indirekt über Zulieferungen und die Verarbeitung vom Wohl und Wehe der Exploration abhängig.
  • Diese Dynamik wird zusätzlich noch verstärkt, weil sowohl die spezialisierten Fracking-Unternehmen als auch die Großunternehmen teilweise hohe Dividenden ausschütteten, eigene Aktien zurückkauften und sich dafür zusätzlich verschuldeten.

Bedeutung für den Konjunkturzyklus der USA in den vergangenen zehn Jahren

Die Entwicklung im amerikanischen Energiesektor ist insofern prototypisch für die Entwicklung der gesamten amerikanischen Wirtschaft in den vergangenen zehn Jahren: Hohes Produktionswachstum bei geringer ökonomischer Produktivität und explodierender Verschuldung.

Der Energie-Sektor ist darüber hinaus eine Schlüsselindustrie für das Verständnis des amerikanischen Konjunkturzyklus der letzten zehn Jahrwe. Er hat eine enorme Bedeutung für die Investitionen der Unternehmen in den USA selber, für die Beschäftigung und Einkommens-Entwicklung in Zulieferindustrien, für die Bautätigkeit in den neuen Wachstumsregionen, für die Zinsen und für den primär konsumgetriebenen Aufschwung.

  • Die Explorations-Unternahmen tätigen ständig extrem hohe Investitionen in immer neue Bohrlöcher und Felder, weil diese nur für kurze Zeiträume genutzt werden können. Der jahrelange Bau einer hochmodernen Basis-Infrastruktur – von Pipelines zu den Küsten, zu Raffinerien und zu Elektrizitätswerken sowie von neuen Raffinerien, Terminals und Verladestationen für den Export – wurde begleitet von einem archaischen Transport durch lange Kolonnen von Lastwagen. Diese brachten die explosiv ansteigenden Mengen von Wasser und Material zu den Bohrlöchern und von Erdöl zu den Raffinerien, die vor allem an den Küsten gelegen sind. Der Neu- und Ausbau von Straßen sowie von Infrastrukturen für die Mannschaften ermöglichte erst diesen Straßentransport. Daran schloss sich der Ausbau der Raffinerien sowie der Chemie- und Kunststoff-Fabriken an.
  • Vor allem hat die Fracking-Revolution durch die Verbilligung der Energiekosten die von der Zentralbank seit 2011 als Indikator genommene Inflation stark gedämpft und der Zentralbank erlaubt, die Zinsen sehr lange bei null zu halten und nur sehr langsam und in lange im Voraus angekündigten Schritten anzupassen. Darum ist der Boom so lange, und nicht wie üblich durch rasche und unerwartete Zinsanpassungen abrupt gestoppt worden, wie es zu anderen Boom-Zeiten in der Vergangenheit geschah.
  • Eine wichtige Industrie, die von den niedrigen Erdölpreisen besonders profitierte, war die Autoindustrie. In den vergangenen zehn Jahren hat sie, noch durch tiefe Zinsen verstärkt, über den explosiv ansteigenden Bau von Lastwagen hinaus sehr große, luxuriöse und teure SUVs, Pick-ups und Crossovers auf breiter Front verkaufen können und die viel billigeren traditionellen Limousinen fast vollständig abgelöst, für die viel restriktivere Emissionswerte gelten. Sie hat erstmals seit Jahrzehnten ihre durchschnittlichen Verkaufspreise weit über die Einkommensentwicklung der privaten Haushalte hinaus steigern können. Charakteristisch und ursächlich für den amerikanischen Konjunkturzyklus der vergangenen zehn Jahre sind also zwei klassische Industrien des 20. Jahrhunderts – Erdöl und Auto.

Die gescheiterte Agenda der „globalen Energie-Dominanz“

Die Fracking-Revolution hatte von Beginn an einen nationalistischen Unterton. Ursprünglich wurde sie propagiert, um eine sogenannte Energie-Unabhängigkeit oder Selbstversorgung zu erreichen. Ziel war es also, die Importe von Erdöl zu reduzieren und die Abhängigkeit von Entwicklungen im Mittleren Osten zu lösen.

Auch wenn die Produktionszahlen im Erdölbereich enorm angestiegen sind, so ist dieses Ziel nicht erreicht worden. Durch Fracking gewonnenes Öl ist ein sehr leichtes und süßes Erdöl, das für die Produktion von Benzin, aber nicht von Diesel geeignet ist. Deshalb müssen immer noch bedeutende Mengen von schwererem und saurerem Erdöl für die Versorgung des Binnenmarktes importiert werden.

Die explosionsartige Zunahme der amerikanischen Öl- und Gas-Förderung hat darüber hinaus die Prioritäten verschoben: Es gilt, neue Absatzmärkte im Export zu erobern, vor allem in Asien. Doch die Fracking-Industrie kämpft dabei mit einem wesentlichen Nachteil: Ihre Produktionskosten liegen viel höher als diejenigen der Produzentenländer im Mittleren Osten, Russlands oder anderer großer Produzentenländer. In der Amtszeit von Präsident Trump ist deshalb eine neue Politik formuliert worden – die Agenda der globalen Energie-Dominanz.

Ziel ist es, wichtige potentielle Konkurrenten zu schädigen, das heißt, ihre Öl- und Gas-Produktion und ihren Export zu verhindern. Die Mittel dafür sind primär Sanktionen, welche diesen Produzentenländern und deren Kunden auferlegt werden. Es wird zum einen der Technologietransfer und der Verkauf von Kapitalgütern und Service-Dienstleistungen durch westliche Firmen an die Produzentenländer verboten (US-Firmen) beziehungsweise durch die Androhung von Sanktionen verhindert (nicht-US-Firmen). Die Produktion für den Export sowie der Bau von Export-Pipelines wird dadurch verhindert, dass man den Abnehmerländern sowie den Ausrüstungsfirmen Sanktionen androht (im Falle von US-Firmen ergeht wieder ein Verbot). Und schließlich werden generelle Sanktionen gegen die Produzentenländern verhängt, um die Regimes in die Knie zu zwingen – so geschehen beispielsweise im Falle des Irans, Venezuelas und Russlands. Explizites Ziel ist der „Regime Change“. Sind diese Konkurrenten einmal ausgeschaltet, soll die US-Industrie die Preise auf dem Weltmarkt diktieren. Im Charakter ist es ein imperiales Projekt. Die amerikanische Energieproduktion soll den Weltmarkt dominieren, der Rest der Welt soll überhöhte Preise zahlen.

Die Wirkung allerdings ist teilweise anders als beabsichtigt: Russland hat sich mit China verbündet. Der Iran und Venezuela wehren sich ebenfalls nach Kräften, teilweise auch im Verbund mit China und Russland.

Und es sind noch andere, weit stärkere Kräfte, welche dieser Agenda viel einschneidender entgegenwirken:

  • Klimawandel und Umweltverschmutzung haben China und Europa veranlasst, mittel- und längerfristig eine Abkehr vom Verbrenner als Autoantrieb anzustreben. Weltweit wird eine CO2-emissionsarme oder -neutrale Produktion angestrebt.
  • Der Handelskrieg mit China hat die Stimmung verdorben und den mit Abstand größten Energie-Nachfrager China dazu gebracht, strategisch auf andere Produzentenländer auszuweichen.
  • Wegen des Klimawandels wollen wachsende Gruppen großer Anleger nicht mehr wie bisher in die Förderung und den Verbrauch fossiler Brennstoffe investieren. Viele Produzenten finden praktisch keine Möglichkeit mehr vor, ihr defizitäres Geschäftsmodell wie bislang durch Zustrom frischer externer Mittel vom Kapitalmarkt zu finanzieren.
  • In dieser angespannten Lage hat die Coronavirus-Pandemie wie Zunder gewirkt. Die einheimische und die globale Nachfrage nach Energie ist drastisch eingebrochen. Die Ölpreise sind dramatisch gefallen, von durchschnittlich rund 60 auf unter 30 Dollar per Barrel.

Die Ursachen für den Zusammenbruch der Ölpreise sollen hier kurz zusammengefasst werden:

  • Die Nachfrage ist zusammengebrochen wegen der globalen Coronavirus-Pandemie. Globale Produktions-Einstellungen, Ausgangsbeschränkungen, Grenz-Schließungen und Stilllegungen der Flugzeug-Flotten haben den Verbrauch von Erdöl von rund 100 Millionen auf 65 bis 70 Millionen Barrel einbrechen lassen.
  • Gleichzeitig ist das Angebot seit Jahren zu hoch, und infolge eines von Russland und Saudi-Arabien im März 2020 ausgelösten Preiskrieges nochmals drastisch angestiegen. Die vor Wochen angekündigten Produktionskürzungen der OPEC+ sind zu gering angesichts des Corona-bedingten rapiden Nachfrage-Rückgangs.
  • Die Lager sind voll bis zum Anschlag. Es betrifft dies nicht nur die klassischen Öltanks und andere Lagerstätten zu Land, sondern auch zur See. Ein erheblicher Teil der Hochsee-Tankerflotte der Welt dient als schwimmendes Lager. Das Öl wird nicht mehr transportiert, sondern nur stationär gelagert.

Die Wirkung des Ölpreis-Zerfalls geht weit über die reine Ölförderung hinaus. Sie betrifft erstens auch die Erdgas-Preise. Denn in den meisten Regionen der Welt sind durch Verträge die Erdgas-Preise fest an die Entwicklung der Ölpreise – meist der Sorte Brent – gebunden. In den Vereinigten Staaten ist der Zusammenhang weniger eng, aber die Preise folgen denselben Trends. Ferner sind auch Kohlepreise (Kohle ist ein Substitut in Wärmekraftwerken) korreliert mit dem Erdölpreis. Nicht nur die Erdöl-Förderung, sondern auch die Erdöl-Raffinerien und die Erdöl-verarbeitende Industrie ist mit einem Produktionsrückgang, fallenden Margen und rekordhohen Lagern konfrontiert. Auch dort ist ein starker Nachfrage-Rückgang mit dem Überangebot an Rohöl kombiniert. Es betrifft somit den ganzen Energie-, Öl- und Gas-Komplex auf allen Produktionsstufen, und dies auf globaler Ebene – aber eben ganz spezifisch in den USA.

Die durch die Fracking-Industrie in diesem Jahr vorgenommene erhebliche Einschränkung ihrer Förderleistung war die erste ihrer Geschichte. Viele Unternehmen kämpfen derzeit ums Überleben. Bankrotte auf breiter Front werden unvermeidlich sein. Hinzu kommt, dass die Förderung der insolvent gegangenen Unternehmen später von anderen Produzenten wieder aufgenommen werden kann, so dass das Überangebot langfristig wahrscheinlich nicht verschwinden wird.

Die geplanten Unterstützungs-Maßnahmen der Regierung und der Fed verlängern die Agonie

US-Präsident Trump hat Unterstützungs-Zahlungen aus dem CARES-Act für die Erdöl- und Erdgas-Industrie angekündigt. Auch die amerikanische Notenbank wird Kredite an beide Industrien gewähren. Die Details befinden sich zur Zeit in der Ausarbeitung und sind noch nicht bekannt.

Den Hintergrund dafür bildet einerseits die prekäre Wirtschaftslage, aber auch die politische Situation. Präsident Trump ist angeschlagen. Es sind seine Geldgeber und seine Kernwählerschaft, in wichtigen Bundesstaaten wie Texas, welche massiv betroffen sind. Nicht nur die Beschäftigten in der Industrie selbst, sondern auch das Heer von Lastwagen-Fahrern, Bauarbeitern, Beschäftigten im Einzelhandel und die vielen Beschäftigten, die indirekt betroffen sind. Aus wahlpolitischen Gründen wird Strukturkonservierung betrieben werden, mit dem unvermeidlichen Ergebnis, dass die Angebots-Kapazität mittel- und langfristig zu hoch bleiben wird.

Die Fed darf nach den Angaben des „Federal Reserve Bank of Dallas“-Präsidenten Robert S. Kaplan nur Kredite an bislang solvente Unternehmen gewähren, was immer das auch heißen mag in Zusammenhang mit einer Industrie, die als ganze immer nur Verluste und Schulden produziert hat.

Die kombinierte Wirkung wird sein, dass zu viele Anbieter und eine zu hohe Produktionskapazität erhalten bleiben, was mittel- und langfristig weiter auf die Preise drücken wird. Gemäß den auf Umfragen bei den Produzenten basierenden Angaben der „Federal Reserve Bank of Dallas“ für den Bundesstaat Texas werden bei Rohöl-Preisen von 30 Dollar viele Unternehmen die Produktion in bereits eröffneten, aber noch nicht fertig ausgebeuteten Bohrlöchern wieder hochfahren, was beim Fracking sehr schnell passieren kann. Bei Preisen von 50 Dollar werden auf breiter Basis neue Bohrlöcher in Betrieb genommen. Dieses latente Angebot verhindert eine nachhaltige Erholung der Erdölpreise.

Weil die Erdgas-Preise auf dem Weltmarkt meist an die Brent-Preise für das Erdöl gekoppelt sind, bleibt dadurch auch die auf Fracking beruhende Erdgas-Förderung in den Vereinigten in einer hoch defizitären Konstellation.

In der Situation eines wohl strukturellen, sicher aber mehrjährigen Nachfrageeinbruchs führt kein Mittel an einer drastischen permanenten Angebotsreduktion vorbei. Und das betrifft nun mal die unproduktivsten und teuersten Produzenten für den Weltmarkt – die überschuldeten amerikanischen Fracking-Unternehmen. Die künstlich verlängerte Agonie der Fracking-Unternehmen dürfte im Übrigen die großen integrierten Unternehmen auf denselben Weg wie vorher GE und Boeing führen – immer weiter in die Verlustzone und in die Verschuldung.

Lesen Sie am morgen, welche andere Supermacht mit der Schaffung eines Imperiums scheitert!


Mehr zum Thema:  

DWN
Unternehmen
Unternehmen Elektromobilität: In jedem Wandel stecken Chancen

Emissionen verringern, Kosten sparen und Imagegewinne erzielen – die Gründe für Unternehmen, in der Flotte auf Fahrzeuge mit...

DWN
Politik
Politik Die Abenteuer des Monsieur Macron, oder: Wie Frankreich sich einen neuen Napoleon wünschte - aber einen Don Quijote bekam

Emmanuel Macron war angetreten, Frankreich aus seiner lähmenden Erstarrung zu befreien. Doch daraus ist nichts geworden, wie DWN-Kolumnist...

DWN
Politik
Politik Deutschland hat bereits eine Reichensteuer: Sie beträgt 500 Milliarden Euro im Jahr

DWN-Kolumnist Christian Kreiß zeigt auf, wie der Neoliberalismus unsere Demokratie aushöhlt - und wir alle dabei mitmachen müssen. Ob...

DWN
Politik
Politik Duda gegen die deutschen Medien: Volle Attacke

Das neue und alte polnische Staatsoberhaupt Andrzej Duda greift Deutschland gerne mal frontal an – oft allerdings nur aus politischem...

DWN
Finanzen
Finanzen Weltleitwährung unter Druck: Der Euro verdrängt den Dollar im chinesisch-russischen Handel

Der Euro gräbt dem Dollar im bilateralen Handel zwischen China und Russland das Wasser ab, während beide Staaten ihre Zusammenarbeit auf...

DWN
Technologie
Technologie Erpresser-Software weltweit auf dem Vormarsch: Cyber-Kriminelle verursachen Schäden von 20 Milliarden Dollar

Erpresser richten mit Schad-Software immer mehr Schäden an. Opfer war dieses Jahr sogar die von der Bundesregierung zur Eindämmung von...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Diese 19 Autobauer machen weltweit den größten Umsatz

Wie lange braucht Tesla, um den Monatsumsatz von VW zu erreichen? Diese und viele andere Fragen beantwortet der folgende Artikel.

DWN
Politik
Politik Endkampf zwischen Nationalisten und Globalisten geht in entscheidende Runde

Weltweit stehen sich nicht Staaten, sondern die Lager der Nationalisten und Globalisten gegenüber. Trump und Putin befinden sich im Lager...

DWN
Finanzen
Finanzen Zentralbanken fürchten um ihre Macht: Gehört die Zukunft einer goldgedeckten Digitalwährung?

DWN-Kolumnist Ernst Wolff analysiert den Kampf um die Währung der Zukunft.

DWN
Politik
Politik FBI verhinderte Gift-Anschlag auf US-Präsident Trump

Das FBI hat Berichten zufolge einen Gift-Anschlag auf US-Präsident Trump vereitelt.

DWN
Politik
Politik 75 Jahre Vereinte Nationen: Kein Grund zum Feiern

Die UN verlieren zunehmend an Bedeutung - dafür ist nicht nur, aber vor allem, ihr Sicherheitsrat verantwortlich.

DWN
Politik
Politik Das große DWN-Interview mit dem echten Top Gun-Piloten

Im Interview mit den Deutschen Wirtschaftsnachrichten schildert Dave Baranek seine Erfahrungen als Kampfpilot und Ausbilder bei der...

DWN
Politik
Politik Russland-Affäre: Untersuchung des US-Senats entlastet Trump - belastet jedoch Putin

Inwiefern hat Donald Trump im Präsidentschaftswahlkampf 2016 Hilfe von Russland bekommen? Eine parteiübergreifende Untersuchung des...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Niedrige Lohnkosten, sichere Lieferketten: Wird Polen das neue China?

Die Pandemie hat gezeigt, dass China unberechenbar ist. Eine Analyse am Beispiel VW, warum Polen als Standort aufgewertet werden muss.

DWN
Technologie
Technologie Künstliche Intelligenz unterstützt Ärzte bei Krebs-Diagnose

Die Zahl der Krebsfälle steigt immer mehr. Eine neue Technologie soll Mediziner dabei unterstützen, die Krankheit zu diagnostizieren,

celtra_fin_Interscroller