Deutschland

Corona-Zwangstests für Reisende: Die Bundesregierung ist feige

DWN-Chefredakteur Hauke Rudolph argumentiert, dass die Bundesregierung in Sachen Zwangstests für Reise-Heimkehrer endlich aufhören muss, zu lavieren.
29.07.2020 11:00
Lesezeit: 2 min
Corona-Zwangstests für Reisende: Die Bundesregierung ist feige
Ein Arzt nimmt im Corona-Testzentrum im Flughafen Düsseldorf einen Abstrich bei einem Reise-Rückkehrer. (Foto: dpa)

Was ist eigentlich mit unserer Bundesregierung los? In der Corona-Pandemie fährt sie einen Zickzackkurs, der einfach nicht mehr nachvollziehbar ist. Vor noch gar nicht langer Zeit ächzte Deutschland noch unter einem Lockdown, dessen ökonomische Folgen Hunderttausende in den Ruin treibt und unser Land hunderte von Milliarden Euro kostet. Und heute? Heute lässt sie Zehntausende ans Mittelmeer reisen, nach Italien und Spanien, also in die Länder, die in der Rangliste der von der Pandemie betroffenen europäischen Länder ganz weit vorne zu finden sind. Gleichzeitig steigen die Fallzahlen in Deutschland wieder. Schuld, so heißt es, könnten Rückkehrer sein, die sich im Urlaub infiziert haben und nun in Deutschland munter Verwandte, Freunde, Arbeitskollegen und ihnen zufällig über den Weg laufende Passanten anstecken. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will deshalb am Flughafen verpflichtende Tests vornehmen lassen.

Wie bitte?

Was ist denn das für ein Eiertanz? Entweder die Reisen sind eine große Gefahr. Dann sollte es keine verpflichtenden Tests geben. Sondern Reiseverbote. Es kann doch nicht sein, dass das Verlangen, sich mal wieder auf Mallorca in der Sonne zu aalen, dazu führt, dass die Pandemie in Deutschland wieder verstärkt ausbricht.

Oder die Reisen sind keine Gefahr. Was bedeuten würde, dass es selbstverständlich keine verpflichtenden Tests für Reisende geben darf. Überhaupt müsste man dann fragen, ob nicht auch hierzulande weitere Restriktionen aufgehoben werden sollten.

Mir kommt ein Verdacht: Nämlich, dass die Aufhebung der Reisewarnung für die meisten europäischen Länder politisch motiviert war. Es sind natürlich die klassischen Reiseziele Italien und Spanien, die davon am meisten profitieren. Die Volkswirtschaften dieser Länder liegen am Boden (weshalb sie ja auch letzte Woche seitens der EU mit gewaltigen Milliarden-Zuwendungen bedacht wurden), und die Bundesregierung wollte ihren EU-Partnerländern da nicht auch noch das Tourismus-Geschäft verhageln. Man werfe einen Blick auf die Türkei: Dort sind die Infizierten-Zahlen in absoluter und vor allem in relativer Hinsicht (Türkei: 80 Millionen Einwohner, Italien: 60 Millionen, Spanien: 47 Millionen) viel geringer. Aber für dort besteht noch immer eine Reisewarnung.

Ich glaube, die Bundesregierung fürchtet sich. Sie hat Angst, dass Verbote Proteste nach sich ziehen. Gleichzeitig will sie es vermeiden, bei einem erneuten Aufflammen des Virus´ zur Verantwortung gezogen zu werden.

Das ist nicht gut. Eine Bundesregierung muss, vor allem in einer Lage wie der jetzigen, Stärke zeigen. Ihre Mitglieder müssen Entscheidungen treffen – so oder so. Dass diese – sollte es sich in Nachhinein herausstellen, dass sie falsch waren – den betreffenden Entscheidungsträgern voraussichtlich den politischen Kopf kosten, ist das berufsinhärente Risiko eines Politikers. Seine Aufgabe ist es, das umzusetzen, was das Beste ist (beziehungsweise das Beste zu sein scheint) für die Gemeinschaft, nicht das, was seiner Karriere förderlich ist.

Also: Erhöhen Urlaubsreisen nach Südeuropa die Corona-Gefahr hierzulande? Dann diese Reisen rigoros verbieten. Oder tun sie es nicht? Dann bitte auch keine Zwangstests für Heimkehrer – und weitere Lockerungen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: AMD-Aktien steigen kräftig, während Tech-Sektor Wall Street beflügelt
06.07.2026

Ein spektakulärer Wochenauftakt an den US-Märkten sorgt für Aufsehen – erfahren Sie, welche Entwicklungen die Kurse jetzt antreiben.

DWN
Finanzen
Finanzen Fiskalischer Spitzenreiter: Wie Deutschland seinen Bürgern am meisten abknöpft
06.07.2026

Eine Analyse zur Steuerbelastung in Europa zeigt für das Jahr 2026 eine bittere Wahrheit für deutsche Steuerzahler: Die Bundesrepublik...

DWN
Finanzen
Finanzen Steuererhöhungen 2027: Steuer auf Spirituosen steigt um 20 Prozent - Zuckersteuer kommt auch
06.07.2026

Hochprozentige alkoholische Getränke sollen zum 1. Januar 2027 höher besteuert werden. "Was krank macht, wird teurer" - Finanzminister...

DWN
Politik
Politik Haushalt 2027: Klingbeil plant 200 Milliarden Euro neue Schulden für Deutschland
06.07.2026

Mehr Milliarden vor allem für Verteidigung, höhere Schulden - das prägt den Haushaltsentwurf von Finanzminister Klingbeil für...

DWN
Finanzen
Finanzen KI-Inflation: Warum der KI-Boom Ihr Erspartes entwerten könnte
06.07.2026

Künstliche Intelligenz soll die Wirtschaft produktiver machen, Prozesse beschleunigen und Wohlstand schaffen. Doch bevor dieser Effekt...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europäische ChatGPT-Alternative: Warum ein 79-jähriger Unternehmer Big Tech herausfordert
06.07.2026

Ein dänischer Unternehmer und ein selbst ernannter KI-Guru wollen zeigen, dass Europa nicht länger auf amerikanische Tech-Giganten...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Billiganbieter: Temu, Shein und Co. steigern Marktanteil auf Rekordwert
06.07.2026

Die Verbraucher in Deutschland geben online immer mehr Geld bei Shoppingplattformen wie Temu oder Shein aus. Während die asiatischen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Stellenabbau bei Porsche: Konzern streicht weitere 4.000 Jobs
06.07.2026

Wegen der Absatzkrise fallen beim Sportwagenhersteller Porsche bereits mehr als 4.000 Stellen weg. Diese Zahl könnte einem Bericht zufolge...