Politik

Türkisch-griechischer Konflikt im Mittelmeer: Nato-Staaten schweigen beredt - keiner will sich positionieren

Wird es im Gas-Streit zwischen den Nato-Mitgliedern Türkei und Griechenland zum Krieg kommen? Während die beiden Kontrahenten das Feuer weiter anfachen, üben die Nato und ihre einzelnen Mitglieder auf merkwürdige Weise Zurückhaltung.
24.09.2020 10:27
Lesezeit: 4 min
Türkisch-griechischer Konflikt im Mittelmeer: Nato-Staaten schweigen beredt - keiner will sich positionieren
NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg. (Foto: dpa) Foto: Simela Pantzartzi

Der Streit um die Gas-Ressourcen im östlichen Mittelmeer zwischen der Türkei und Griechenland setzt sich fort. Wie ist es um die militärische Schlagkraft der beiden Kontrahenten bestellt?

Die Türkei verfügt über zwölf U-Boote, 20 Fregatten und zehn Korvetten. Griechenland verfügt über jeweils elf Korvetten und U-Boote und sieben Fregatten. Im direkten militärischen Vergleich ist Griechenland der Türkei also unterlegen.

Griechenland wird von Frankreich militärisch unterstützt. Frankreichs Präsident Macron will die Türkei im östlichen Mittelmeer isolieren, um Konzessionen für französische Ölkonzerne zu ergattern. Auf Nachfrage der Deutschen Wirtschaftsnachrichten, welche Seite Frankreich im Kriegsfall zwischen Ankara und Athen unterstützen würde, wollte das französische Verteidigungsministerium keine Aussage treffen. Es beantworte lediglich Fragen zu aktuellen Einsätzen.

Auch das Pentagon positionierte sich nicht deutlich. Colonel Thomas Campbell teilte den Deutschen Wirtschaftsnachrichten mit: „Das Verteidigungsministerium ist nach wie vor besorgt über die jüngsten Spannungen im östlichen Mittelmeerraum. Wir ermutigen unsere NATO-Verbündeten Griechenland und die Türkei, die Situation zu deeskalieren, einen Dialog zu führen und zusammenzuarbeiten, um Frieden und Sicherheit in der Region zu gewährleisten. Das Verteidigungsministerium unterstützt die Bemühungen der US-Regierung, eng mit unseren NATO-Verbündeten und Partnern in der Region zusammenzuarbeiten, um zur Lösung des Problems beizutragen.“

Das Bundesverteidigungsministerium war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Deutschland warnte im vergangenen Monat, dass Griechenland und die Türkei „mit dem Feuer spielen“ und dass „der kleinste Funke eine Katastrophe verursachen könnte".

Im Erdgasstreit mit der Türkei hatte Griechenland von der NATO vorgeschlagene Gespräche zur Vermeidung militärischer Zwischenfälle im östlichen Mittelmeer blockiert. NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte nach Angaben der griechischen Zeitung Kathimerini: „Ich versuche nicht, die zugrunde liegenden Probleme anzugehen, sondern Konflikte zu lösen (…) Solange wir so viele Schiffe im östlichen Mittelmeer haben, glauben wir, dass Gespräche über die Entwicklung verbesserter Mechanismen erforderlich sind, um den Konflikt zu lösen.“

„Die Türkei wird ihren gerechten Anteil am Mittelmeer, an der Ägäis und am Schwarzen Meer erhalten“, sagte Erdogan in einer Rede am 26. August, um an die erste Niederlage der seldschukischen Türken gegen das griechische Byzantinische Reich in der Schlacht von Manzikert im Jahr 1071 zu erinnern. „Wenn wir sagen, dass wir etwas tun werden, werden wir etwas tun. Und wir sind bereit, den Preis dafür zu bezahlen“, so der türkische Präsident.

Der Sprecher des türkischen Präsidialamts, İbrahim Kalın, sagte im Interview mit Bloomberg, das die türkischen Interessen im Mittelmeer zu lange missachtet wurden. Deshalb wolle Ankara Druck „auf seine Partner“ im Mittelmeerraum ausüben, um seine Interessen durchzusetzen.

Der griechische Generalstabschef Konstantinos Floros nahm im Juni höchstpersönlich an einer Fallschirmsprungübung in der Gegend von Nea Peramos, die unweit der türkisch-griechischen Grenze liegt, teil. Er wurde vom Kommandeur des interdisziplinären Spezialeinsatzkommandos des Generalstabs begleitet und über die operativen Aktivitäten der Militäreinheiten informiert.

Greek City Times schreibt, dass Floros damit eine Botschaft an die Türkei senden wollte. Diese verhältnismäßig kleine militärische Übung fand statt, kurz nachdem der griechische Verteidigungsminister Nikos Panayotopoulos der Türkei mit Waffengewalt gedroht hatte. „Wir sind bereit für militärische Maßnahmen und machen deutlich, dass wir Maßnahmen zum Schutz der souveränen Rechte Griechenlands ergreifen werden“, hatte er gesagt. Am 5. Juni 2020 hatte Floros News.gr zufolge das Hauptquartier der griechischen Marine besucht, um die Truppen zu inspizieren.

Der private US-Informationsdienst Stratfor führte bereits 2018 in einer Analyse aus: “Die Gewässer im östlichen Mittelmeerraum haben sich infolge der Streitigkeiten zwischen den vielen in der Region aktiven Ländern aufgeheizt. Am 11. Februar gab Zypern bekannt, dass das türkische Militär Übungen durchführt, die ein Schiff der italienischen Öl- und Gasgesellschaft Eni blockieren. Zypern hatte das Unternehmen beauftragt, in jenen Gewässern zu bohren, die auch von der Türkei beansprucht wird. Am 12. Februar rammte dann ein türkisches Patrouillenboot ein griechisches Küstenwachschiff, das vor den Inseln Imia / Kardak ankerte, die sowohl von Griechenland als auch von der Türkei beansprucht werden. Als Reaktion auf beide Ereignisse hat die Europäische Union eine Erklärung abgegeben, in der die Türkei aufgefordert wird, ,jegliche Maßnahmen zu unterlassen, die den gutnachbarschaftlichen Beziehungen schaden könnten’. Dann gab es neue Fortschritte. Um der Bitte der EU nachzukommen, zogen sowohl Griechenland als auch die Türkei am 14. Februar ihre Schiffe aus der Region (...) zurück, um die Spannungen herunterzufahren. Aber der Streit zwischen Zypern und der Türkei über die Bohrblöcke bleibt weiter bestehen. Zypern erforscht mehrere Öl-Blöcke im östlichen Mittelmeerraum in einem Gebiet, das von der internationalen Gemeinschaft als Ausschließliche Wirtschaftszone Zyperns angesehen wird. Die Türkei hingegen sagt, dass die Blöcke Teil ihres Territoriums sind, weshalb sie die Militärübungen in der Region ankündigten (...) Sowohl die zyprische als auch die türkische Marine sind in den umstrittenen Gewässern präsent, während die Bohrschiffe immer noch nicht in der Lage sind, die Blöcke zu erreichen, die sie erkunden wollen. Diese Vorfälle sind Teil eines seit langem andauernden Kampfes im Mittelmeerraum, der durch den Erfolg Zyperns bei der Suche nach Öl und Erdgas in den umstrittenen Gewässern noch verschärft wurde. Der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu sagte, dass die Türkei bereit sei, ,alle notwendigen Maßnahmen’ zu ergreifen, um das türkische (und türkisch-zypriotische) Eigentum am Kontinentalschelf in der östlichen Ägäis zu schützen.”

Nach einem Bericht der türkischen Zeitung Birgün gibt es direkt vor den südlichen Gewässern von Zypern zwölf Gas-Blöcke, die ausgebeutet werden können. Die Gas-Blöcke 2, 3, 8, 9, 13 und 12 seien komplett umstritten. Die Gas-Blöcke 1, 7 und 11 seien teilweise umstritten. Obwohl der Gas-Block 12 umstritten ist, betreibt dort der US-Energiekonzern Noble Energy bereits Bohrarbeiten. Noble Energy bohrt auch gemeinsam mit der israelischen Energie-Firma Delek Energy am Gas-Feld Leviathan nach Gas. Weitere potenzielle Gas-Felder befinden sich direkt vor der türkischen Küste, auf die die Türkei ein Anrecht hat.

Birgün argumentiert, dass der aktuelle Streit zwischen der Türkei auf der einen Seite und Zypern und Griechenland auf der anderen Seite eine internationale Dimension habe. Der eigentliche Kampf tobe zwischen internationalen Energie-Konzernen: “Die Energiekartelle aus Italien, Frankreich und Russland haben ein großes Interesse daran, die Gas-Ressourcen im östlichen Mittelmeer auszubeuten. Der internationale Verteilungskampf lässt sich daran sehen, dass Eni, Total, Novatek und Noble Energy jeweils verschiedene Verträge mit Zypern, dem Libanon, Israel und Ägypten geschlossen haben. Neben der EU seien auch die USA und Russland an den Ressourcen im östlichen Mittelmeer interessiert. Es gibt zwar viele Diskussionen darüber, wie die Ressourcen ausgebeutet und exportiert werden sollen. Doch die verschiedenen Seiten sind bisher noch zu keiner Einigung gekommen. Die EU hat bereits begonnen, einen Energiekorridor vom östlichen Mittelmeer nach Südosteuropa zu schaffen. Die EU hat mit der Aufnahme Süd-Zyperns in die EU einen erheblichen Einfluss im östlichen Mittelmeer gewonnen und ist zu einem Akteur geworden. Da die EU ihre Energieabhängigkeit von Russland reduzieren möchte, unterstützen sie die Regierung in Nikosia (...) Die Türkei beharrt darauf, dass die südzypriotische Regierung keine Bohrungen vornehmen könne, ohne das Einverständnis der Regierung der Türkischen Republik Nordzypern einzuholen."

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