Politik

Demos in Weißrussland: Für die EU spielen Corona-Regeln plötzlich keine Rolle mehr

Die EU und Kanzlerin Merkel machen keinen Hehl aus ihrer Unterstützung für die Demos in Weißrussland. Doch die Massendemos verlaufen ohne Corona-Regeln. Hat das Corona-Virus vor Weißrussland Halt gemacht? Sind die Demonstranten in Weißrussland für SPD-Chefin Esken denn keine „Covidioten“?
29.09.2020 13:40
Aktualisiert: 29.09.2020 13:40
Lesezeit: 2 min
Demos in Weißrussland: Für die EU spielen Corona-Regeln plötzlich keine Rolle mehr
27.09.2020, Belarus, Minsk: Demonstranten protestieren mit historischen weißrussischen Flaggen gegen die von der Regierung bekannt gegebenen Wahlergebnisse. (Foto: dpa)

Die Widersprüche im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie nehmen nicht ab. In Weißrussland finden seit geraumer Zeit Proteste gegen Machthaber Alexander Lukaschenko statt. Menschen laufen dicht zusammengedrängt durch die Straßen von Minsk, um den Rücktritt von Lukaschenko, dem Wahlfälschung vorgeworfen wird, zu erzwingen.

Die Menschen tragen keine Corona-Masken und halten nicht die Abstandsregeln ein (wobei anzumerken ist, dass die Regierung in Minsk sich immer dagegen verwahrt hat, Corona-Maßnahmen einzuführen).

Trotzdem ist die Haltung der EU-Regierungen und Politiker widersprüchlich. Wenn wir in Zeiten einer tödlichen Jahrhundert-Pandemie leben, wie dies immer wieder behauptet wird, müsste die EU doch darauf pochen, dass die Demonstranten in Weißrussland, die für Freiheit und Demokratie auf die Straßen gehen, sich schützen. Oder macht das Corona-Virus vor den Grenzen Weißrusslands Halt?

Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron will einen friedlichen Machtwechsel in Weißrussland voranbringen. „Wir erkennen die Wahl des Präsidenten Lukaschenko nicht an“, sagte Macron mit Blick auf den Machthaber in Minsk. Er ermutigt die friedlichen Demonstranten, ohne die - angeblich - lebensbedrohlichen Gefahren der Pandemie zu erwähnen. „Was in Belarus passiert, ist eine Krise der Macht, eine autoritäre Macht, die die Logik der Demokratie nicht akzeptieren kann und die sich mit Gewalt an die Macht klammert“, so Macron. Sicherlich stimmen die Aussagen von Macron. Doch wir haben eben nicht nur eine „Krise der Macht“, sondern auch eine Corona-Krise. Oder etwa doch nicht?

Die Bundesregierung hatte zuvor die anhaltende Gewalt des Regimes gegen die Demonstranten erneut scharf verurteilt. Das fünfte Wochenende hintereinander seit den Präsidentschaftswahlen seien Hunderttausende friedlich auf die Straßen gegangen, um für einen demokratischen Wandel einzutreten, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag.

Der anhaltende Protest sei Ausdruck der Unzufriedenheit, aber auch der Wut und Verzweiflung vieler Bürgerinnen und Bürger angesichts der Wahlfälschung, der Brutalität der Sicherheitskräfte gegen Frauen, Männer und sogar Schulkinder sowie der Unnachgiebigkeit von Lukaschenko. Jeder Tag bringe neue Beweise dafür, dass Lukaschenkos Herrschaft mit Angst und Repressionen aufrechterhalten werden solle, sagte Seibert und lobte erneut den Mut der Demonstrantinnen.

Die Brutalität, mit der die Sicherheitskräfte gegen Demonstranten vorgehen, ist eine erwiesene Tatsache. Doch was ist denn nun mit der „Brutalität“, mit der das Corona-Virus voranschreitet? Warum erwähnen Paris, Berlin, Brüssel und Moskau nicht, dass die Massenproteste dazu führen könnten, dass sich das tödliche Corona-Virus rasant ausbreitet?

War das denn nicht das Hauptargument dafür, die Anti-Corona-Demos in Deutschland einzudämmen? Wurden die Deutschen, die an diesen Kundgebungen teilnahmen, nicht als „Covidioten“ diffamiert? Sind denn die Demonstranten in Weißrussland keine „Covidioten“?

Die SPD-Chefin, die die Urheberin des Begriffs „Covidioten“ ist, äußert sich ganz anders über die Demonstranten in Weißrussland, die ebenfalls keine Corona-Regeln befolgen.

Sie sagt über die Kundgebungen in Minsk: „Die Wahlen in #Belarus sind erneut eine Farce. Viele mutige Menschen nehmen das nicht mehr hin. Sie fordern Freiheit und Demokratie. Lukaschenko antwortet mit brutaler Gewalt auf den Straßen. #Solidarität mit der demokratischen Opposition in #Weißrussland.“

Zuvor äußerte sie sich über die Demonstranten in Berlin: „Tausende #Covidioten feiern sich in #Berlin als „die zweite Welle“, ohne Abstand, ohne Maske. Sie gefährden damit nicht nur unsere Gesundheit, sie gefährden unsere Erfolge gegen die Pandemie und für die Belebung von Wirtschaft, Bildung und Gesellschaft. Unverantwortlich!“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Brady TwinLead: Wenn das Etikett plötzlich mitdenkt

Ein Etikett bleibt am Produkt, doch die Informationen dahinter können sich verändern. Mit TwinLead verbindet Brady physische...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutschland baut neue Bahnstrecke von Hamburg nach Hannover – aber erst 2050
13.10.2026

Überlastete Strecke: Zwischen Hamburg und Hannover fahren täglich rund 200 Güterzüge, dazu ICE- und Regionalzüge. Staus und...

DWN
Politik
Politik Iran-Krieg: Hat Trump den größten Fehler der USA begangen?
13.10.2026

Donald Trump wollte Iran in die Knie zwingen. Stattdessen gerät die amerikanische Supermacht selbst unter Druck. Der Krieg verschlingt...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Präsentismus: Wenn Mitarbeiter trotz Krankheit arbeiten 
13.10.2026

Mit Halskratzen aufgewacht und dennoch zur Arbeit gegangen, „weil es ja nicht so schlimm ist“. Viele Beschäftigte neigen dazu, trotz...

DWN
Finanzen
Finanzen Nel ASA-Aktie hebt ab: Kooperation mit Rheinmetall bei E-Fuels treibt Pennystock nach oben
13.10.2026

Nel ASA und Rheinmetall wollen bei dezentraler Produktion synthetischer Kraftstoffe zusammenarbeiten. Die norwegische Wasserstoff-Aktie...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Stellenabbau in Deutschland: Angebot an Zeitarbeit schrumpft
13.10.2026

Früher war Zeitarbeit ein boomendes Geschäft: 2017 arbeiteten noch mehr als eine Million Deutsche als Zeitarbeiter. Heute kämpft...

DWN
Finanzen
Finanzen Inflation steigt auf über 3 Prozent
13.10.2026

Die Energiepreise treiben die Inflation in Deutschland auf den höchsten Stand seit fast drei Jahren: Im September verteuerten sich Waren...

DWN
Politik
Politik Strategische Ölreserven schrumpfen: Wie viel noch verfügbar ist
13.10.2026

Die Freigabe strategischer Reserven sorgt zunehmend für Sorgen. Die Bestände schrumpfen, da sie zur Dämpfung des Preisdrucks eingesetzt...

DWN
Finanzen
Finanzen Trade Republic lockt Sparer mit kostenlosem Altersvorsorgedepot
13.10.2026

Keine Depotgebühren, kostenlose ETFs und staatliche Zuschüsse: Trade Republic will das Altersvorsorgedepot besonders günstig machen....