Technologie

Weltraum: Ein perfekter Ort für Mythen und Propaganda

Die Gelehrten aller Zeiten haben sich mit dem Weltraum beschäftigt. Denn Mythen geben den Menschen Halt. Heute ist es ausgerechnet der technologische Fortschritt, der die Menschen zu den Mythen zurückführt - und sie gefügig macht.
05.12.2020 16:00
Lesezeit: 4 min
Weltraum: Ein perfekter Ort für Mythen und Propaganda
Die Eroberung des Weltraums bietet ein hohes Potenzial an Prestige. (Foto: dpa)

Der Himmel, den wir nachts über uns sehen können – vorausgesetzt, die Wolken nehmen uns nicht die Sicht und wir befinden uns in einer ausreichend dunklen Umgebung – unterscheidet sich kaum von dem Nachthimmel, den unsere Vorfahren vor Hunderten oder Tausenden oder Zehntausenden Jahren sahen, die den Gestirnen im Übrigen wohl mehr Aufmerksamkeit und mehr Bedeutsamkeit schenkten als wir.

Der auffälligste Unterschied dürften die Satelliten sein, die heute so zahlreich über den Sternenhimmel ziehen. Schon ein einfacher Blick in den Nachthimmel zeigt also, dass wir in einer Zeit des höchsten technologischen Fortschritts leben. Menschen haben eigene Himmelskörper geschaffen. Noch stärker zeigt sich das unglaubliche Ausmaß des technologischen Fortschritts in unserer Zeit daran, wozu diese Satelliten fähig sind und welche weiteren Technologien sie ermöglichen.

„Jede hinreichend weit fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden“, so das berühmte dritte Gesetz des britischen Science-Fiction-Schriftstellers und Physikers Arthur C. Clarke. Und vieles, was heute mithilfe von Satelliten möglich ist, würde den Menschen früherer Zeiten mit Sicherheit wie Zauberei erscheinen, darunter vor allem die Möglichkeiten der Navigation, der Telekommunikation und der militärischen Zerstörung.

Und auch unter uns heutigen kann kaum jemand all die unglaublichen Technologien, die uns auf Schritt und Tritt umgeben, erklären oder gar nachbauen. Es ist nicht etwa so, dass wir die Funktionsweise all dieser modernen Technologien verstehen würden. Vielmehr haben wir uns an die technologischen Möglichkeiten gewöhnt und gewöhnen uns weiter an das, was als Nächstes kommt. Wir glauben, dass es schon eine wissenschaftliche Erklärung für diese Dinge geben wird.

Doch der Weltraum dient den Menschen nicht nur zur Orientierung, zur Platzierung von Satelliten und künftig möglicherweise zum Rohstoffabbau. Bei seiner Eroberung im Verlauf der letzten grob hundert Jahre spielte auch Prestige eine wichtige Rolle. Während des Kalten Kriegs etwa setzten die Sowjetunion und die USA enorme Ressourcen ein, um zunächst Satelliten und später Menschen ins All zu schießen.

Doch Menschen ins All zu bringen, ist etwas, das an Magie grenzt, und im Übrigen spielt auch hier der Glaube eine wichtige Rolle. Denn zwar ist in den USA ein Großteil der Menschen davon überzeugt, dass amerikanische Astronauten in den Jahren 1969 bis 1972 im Rahmen von sechs bemannten Missionen auf dem Mond gelandet sind, doch in anderen Teilen der Welt betrachtet man die Berichte über das Apollo-Programm schlicht als einen Propaganda-Coup der NASA.

So glauben etwa 57 Prozent der Russen, dass die US-Regierung Videos, Fotos und andere Beweise bezüglich der Mondlandung von 1969 gefälscht hat, wie eine Umfrage des russischen Meinungsforschungszentrums VCIOM aus dem Jahr 2018 ergeben hat. Selbst in Großbritannien halten rund 52 Prozent der Menschen die Mondlandungen für eine Verschwörung, so eine Umfrage aus dem Jahr 2016.

Als Belege für eine vermeintliche Verschwörung werden Merkwürdigkeiten in den Filmaufnahmen und Fotos, mechanische Probleme, verlorene Daten, die technischen Grenzen der damaligen Zeit und mysteriöse vorzeitige Todesfälle bei einer Reihe von Astronauten und Mitgliedern des Apollo-Programms angeführt.

Der Wettlauf um eine Landung auf dem Mond fand auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges statt. Die Sowjetunion tätigte große Investitionen in ihr eigenes Mondprogramm. Im Jahr 1959 – also zehn Jahre vor der US-Landung auf dem Mond – schickte die Sowjetunion ein unbemanntes Raumschiff auf die Mondoberfläche und verfügte auch über erdgebundene Ortungseinrichtungen, welche auch die Aktivitäten der NASA beobachten konnten. Wenn die NASA also die Mondlandung nur vorgetäuscht hätten, so hätte die UdSSR dies bemerken müssen. Zudem lobten offizielle sowjetische Lehrbücher nicht nur die eigenen Leistungen im Weltraum, sondern auch das bemannte US-Mondprogramm.

Dennoch glaubt die Mehrheit der Russen nicht, dass die USA tatsächlich auf dem Mond gelandet sind, und auch in anderen Staaten – sogar in den USA selbst – hat dieser Glaube in den letzten Jahren abgenommen. Die bereits erwähnte Erkenntnis, dass jede hinreichend weit fortgeschrittene Technologie von Magie nicht mehr zu unterscheiden ist, hat zur Folge, dass Wissenschaftlichkeit bei der Erklärung der Welt an Bedeutung verliert, einfach weil sie bei derart komplexen Dingen für den einzelnen Menschen nicht mehr anwendbar ist. Zugleich wächst (nicht nur im Hinblick auf die Raumfahrt) die Bedeutung des Glaubens – oder sollte man sagen des Aberglaubens?

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