Finanzen

BRD als größter Aktionär unterstützt massiven Stellenabbau bei Commerzbank

Zahlreiche Vollzeitjobs will die Commerzbank inmitten der Corona-Krise streichen. Die Bundesrepublik Deutschland ist nach der Rettung mit Steuermilliarden in der Finanzkrise 2008/2009 größter Aktionär der Commerzbank.
29.01.2021 13:25
Aktualisiert: 29.01.2021 13:25
Lesezeit: 2 min

Selbst nachdem die erhoffte Fusion der Commerzbank mit der Deutschen Bank teilweise aufgrund des Einspruchs der Gewerkschaftsführer zusammengebrochen ist, scheint der deutsche Privatkundenkreditgeber einen massiven Stellenabbau voranzutreiben. Ein Drittel der Stellen in Deutschland sollen gestrichen werden. Die „Financial Times“ beschrieb die Stellenstreichungen als einen letzten Versuch, den angeschlagenen Kreditgeber wieder in Ordnung zu bringen, dessen Aktien in den letzten zehn Jahren um 90 Prozent gefallen sind. Allein in Deutschland befürchtet Verdi den Wegfall von 7.000 Vollzeitjobs bei dem Institut. „Jetzt muss es darum gehen, die richtigen Instrumente auszuhandeln, damit Härten für die Belegschaft vermieden werden“, fordert Verdi-Gewerkschaftssekretär Stefan Wittmann. Betriebsbedingte Kündigungen müssten ausgeschlossen werden. Unverständnis äußerte Wittmann darüber, dass sich der Vorstand durch Medienberichte gezwungen sah, die Eckpunkte der künftigen Strategie am Donnerstag vorzeitig zu veröffentlichen. „Man hat den Eindruck, es ist diesem Vorstand völlig egal, was das mit den Beschäftigten macht“, kritisierte der Gewerkschaftsvertreter, der Mitglied des Commerzbank-Aufsichtsrates ist.

Am Donnerstag lehnte es die Commerzbank ab, sich dazu zu äußern, ob diese Stellen in einem anderen Stellenabbauziel enthalten waren oder ob sie neue unangekündigte Stellen abbauen. Der Frankfurter Kreditgeber bestätigte die Zahlen in einer Erklärung gegenüber den Aufsichtsbehörden, die veröffentlicht wurde, nachdem das „Handelsblatt“ die Geschichte ursprünglich veröffentlicht hatte. Der Vorstand legte dem Aufsichtsrat einen Entwurf der Pläne vor, die am 3. Februar 2021 ausdiskutiert werden sollen. „Im Rahmen einer umfassenden Digitalisierung wird die Bank ihr Filialnetz von derzeit 790 auf 450 erheblich reduzieren, so das „Wall Street Journal“. Im Vergleich zu den für 2020 erwarteten Zahlen werden die Kosten bis 2024 um 1,4 Milliarden Euro oder rund 20 Prozent gesenkt“, teilt die Bank mit.

Der Commerzbank-Vorstand mit dem seit Januar amtierenden Konzernchef Manfred Knof will von den zuletzt knapp 40.000 Vollzeitstellen (Stand Ende September) bis 2024 weltweit rund 10.000 streichen. Kurz nach Weihnachten hatten sich Management und Betriebsräte bereits auf den Abbau von 2.300 Vollzeitstellen geeinigt. In einigen Bereichen, etwa in der IT, könnte die Bank gleichzeitig Personal aufbauen, so dass der gesamte Abbau unter dem Strich geringer ausfallen könnte. Dazu machte der Vorstand aber bisher keine Angaben.



„Solch ein massiver Stellenabbau ist in dieser Kürze nicht akzeptabel und eine Gefahr für die Stabilität der Bank. Wir halten die in der neuen Strategie vorgesehene Zeitschiene für den Personalabbau bis Ende 2023 für viel zu kurz“, sagte Wittmann. Gemeinsam mit der Online-Tochter Comdirect, die gerade in den Konzern integriert wird, will die Commerzbank verstärkt auf digitale Angebote setzen.

Der Staat ist nach der Rettung mit Steuermilliarden in der Finanzkrise 2008/2009 größter Aktionär der Commerzbank. Über ihre Aktionärsstruktur berichtet die Commerzbank: „Auf unseren Großaktionär Bundesrepublik Deutschland entfallen über 15%. Cerberus und Capital halten jeweils über 5%. BlackRock und Norges Bank halten jeweils über 3%. Zusätzlich werden ca. weitere 48% der Aktien von institutionellen Investoren gehalten. Der Anteil der überwiegend in Deutschland ansässigen Privataktionäre beläuft sich auf ca. 20%.“

Aus Sicht von Linke-Parteichef Bernd Riexinger muss das Vorgehen der Commerzbank der Bundesregierung eine Lehre sein. „Die Weigerung der Regierung, für mit Steuergeld gerettete Unternehmen und ihre Beschäftigten auch Verantwortung zu übernehmen, rächt sich einmal wieder.“ Die Bundesregierung müsse aus solchen Erfahrungen Konsequenzen ziehen und Geld nur noch mit klaren Bedingungen zur Unternehmenspolitik oder in Form von stimmberechtigten Anteilen an gefährdete Unternehmen geben.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Wie Twitch, Kick & Co. die Unterhaltungsbranche prägen

Das Bild der Unterhaltungsbranche hat sich dramatisch gewandelt. Dabei wurde aus einer Einbahnstraße eine Autobahn mit unzähligen Spuren...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Märkte im Überblick: Aktien erholen sich auf Allzeithochs nach positiven Iran-Äußerungen von Trump und Tech-Boom
01.06.2026

Erfahren Sie, welche überraschenden Wendungen in der globalen Diplomatie und neue Trends in der Technologiebranche die Anleger derzeit in...

DWN
Politik
Politik Statistisches Bundesamt: Auswanderung von Deutschen auf Allzeithoch
01.06.2026

Deutschlands Nettozuwanderung ist 2025 stark gesunken: Statt 430.000 kamen noch 235.000 Menschen hinzu. Es gibt eine rückläufige...

DWN
Politik
Politik Ausreisegenehmigungen für wehrfähige Männer rechtswidrig? Verteidigungsministerium räumt Fehler ein
01.06.2026

Erst wird sie übersehen, dann eilig wieder ausgesetzt: Eine Regel zu Ausreisegenehmigungen für Männer im wehrfähigen Alter. Minister...

DWN
Politik
Politik EU-Schulden werden zur Kostenfalle für Deutschland
01.06.2026

Europa will mehr Rüstung, sichere Energie, starke Industrie und stabile Renten. Doch der IWF warnt, dass diese Rechnung kaum aufgeht,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Flugkraftstoff gerettet, Urlaub nicht. Europas Airlines sparen weiter
01.06.2026

Erst drohten Flugausfälle, leere Tanks und ein chaotischer Sommer über Europas Flughäfen. Nun scheint der akute Mangel an Flugkraftstoff...

DWN
Finanzen
Finanzen Trade Republic attackiert Europas Banken mit sechs Prozent Zinsen
01.06.2026

Sechs Prozent Zinsen, Brad Pitt im Werbespot und ein deutscher Anbieter, der in Polen plötzlich klassische Banken herausfordert. Trade...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Automobilchef: Mehrere europäische Automarken werden aussterben
01.06.2026

Jahrzehntelang lernten chinesische Hersteller von deutschen Autobauern. Nun reisen Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW nach China, um...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Hyundai Kona im Test: Futuristisch, mutig und anders
01.06.2026

Der Hyundai Kona sieht aus, als wolle er nicht jedem gefallen. Genau das macht ihn spannend, denn hinter der mutigen Form steckt ein...