Politik

Die Politik beschließt Corona-Maßnahmen nach dem Mephisto-Prinzip

Lesezeit: 5 min
28.02.2021 11:00
DWN-Kolumnist Christian Kreiß wendet zur Beurteilung der Corona-Maßnahmen ein neues Verfahren an. Die Ergebnisse sind verblüffend.
Die Politik beschließt Corona-Maßnahmen nach dem Mephisto-Prinzip

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Im Zuge der Corona-Lockdowns kam es zu einer Fülle von gesundheitsabträglichen, der Seele schädlichen, Wirtschaft und Gesellschaft stark belastenden Maßnahmen, häufig voll von Widersprüchen und teilweise gar Absurditäten. Wir unterstellen den Verantwortlichen in Politik und Medien für gewöhnlich, dass mit den vielen Maßnahmen schon irgendwie gute Absichten verfolgt werden, dass die Politiker – bei aller Egozentrik - doch eigentlich das Beste für den größtmöglichen Teil der Menschen beabsichtigen.

Im Folgenden soll diese Unterstellung einmal aufgehoben und durch das Gegenteil ersetzt werden. Also eine Art Vorgehensweise nach dem Prinzip des Advocatus Diaboli. „Advocatus Diaboli“ steht in seiner ursprünglichen Bedeutung für einen katholischen Priester, der vor der Heiligsprechung eines Menschen dessen schlechte Eigenschaften benennen muss. Erst wenn alle negativen Einwände entkräftet sind, kann der Mensch durch die katholische Kirche heiliggesprochen werden. Es geht also nicht darum, einen Menschen schlecht zu machen, sondern alle möglichen Schlechtigkeiten zu entkräften (siehe: „Das Mephisto-Prinzip in unserer Wirtschaft“, hier das kostenlose komplette Buch als pdf-downlowad).

Kinder werden eingesperrt

Am besten erkennt man die aktiv schädigenden Auswirkungen der Lockdown-Politik vielleicht an der Politik in den Entwicklungsländern. In manchen Ländern nehmen die „Corona-Schutz-Maßnahmen“ geradezu grotesk menschenverachtende Züge an, vor allem gegenüber den Schwächsten. Auf den Philippinen dürfen 32 Millionen Kinder unter 15, das ist ein Drittel der Bevölkerung, seit elf Monaten nicht mehr ihr Haus verlassen: „Sie sind verpflichtet zu allen Zeiten in ihrer Wohnung zu bleiben.“ Mit anderen Worten: Kinder dürfen seit knapp einem Jahr nicht mehr in die Schule, nicht mehr zu Freunden, nicht mehr auf Bäume klettern, nicht mehr ins Freie, nicht mehr Sport treiben, etc. Welche Verheerungen das in der Seele und an der Gesundheit der Kinder und Jugendlichen anrichtet, ist kaum vorstellbar. Und das alles im Namen der Krankheitsbekämpfung. Ein Advocatus Diaboli könnte über dieses gewaltige Unglück für 32 Millionen weitgehend wehrlose Menschen jubilieren.

Die staatlichen Zwangs-Lockdown-Maßnahmen waren in den meisten Schwellen- und Entwicklungsländern deutlich härter als in den Industriestaaten. Die Kinder wurden dort sehr viel länger aus den Schulen ausgesperrt, und die Mobilität der Menschen wurde durch staatlichen Zwang stärker eingeschränkt. Dadurch wurden hunderte Millionen von Kindern monatelang von Bildung abgeschnitten und ihre Zukunftschancen stark und langfristig dezimiert. Das betrifft vor allem die ganz besonders Schwachen, Armen und Unterprivilegierten dieser Erde.

Durch die Lockdowns verloren hunderte Millionen von Menschen ihre Arbeit und wurden in Entbehrung und Hunger gestürzt. Die Zahl der in Armut lebenden Menschen hat sich dadurch seit März 2020 um 200 bis 500 Millionen erhöht, die Zahl der akut Hunger leidenden Menschen auf etwa 270 Millionen beinahe verdoppelt. Durch die Lockdown-Maßnahmen sterben derzeit etwa 6.000 bis 12.000 Kinder zusätzlich pro Tag an Hunger. Durch die staatlichen Zwangsgesetze werden in den Entwicklungsländern vermutlich zehn- bis 100mal so viele Lebensjahre vernichtet wie gerettet. Nicht etwa durch das Virus, sondern durch die staatlichen Reaktionen darauf. Wiederum hätte ein Advocatus Diaboli seine reine Freude daran.

Die allererste Gegenmaßnahme, die man gegen diese menschenverachtende Politik ergreifen müsste, wäre daher naheliegenderweise ein sofortiger Stopp der fatalen staatlichen Lockdown- und „Corona-Schutz-Maßnahmen“, die so viel mehr Leid, Elend und Tod in die Welt bringen als sie verhindern. Nochmal: Die politischen Zwangsmaßnahmen sind die Ursache dieser schlimmen Entwicklungen, nicht das Virus.

Bei der Berichterstattung über die bedrückenden Entwicklungen in der Dritten Welt wird aber genau diese notwendige Maßnahme – sofortiger Stopp der Lockdowns und Zwangsmaßnahmen – nicht thematisiert, oder um es noch deutlicher auszudrücken: bewusst verschwiegen. Sowohl internationale Organisationen wie Oxfam als auch die deutschen Medien und unsere Politiker mimen in heuchlerischer Art Betroffenheit, nur um von den wahren Ursachen der Misere, den Lockdowns, geschickt abzulenken. Ein Advocatus Diaboli hätte seine Freude daran, und zwar gleich auf zwei Ebenen: Erstens werden hier sehr viele Menschen – vor allem Kinder – dauerhaft ins Elend gestürzt, zweitens herrscht in den deutschen Medien und der deutschen Politik zu diesem Thema eine Kultur der Unehrlichkeit und Unaufrichtigkeit, die einen Lügengeist jubilieren ließe.

Leitmedien verfälschen den Diskurs

Schon ein flüchtiger Vergleich der deutschen Corona-Politik mit der schwedischen für das Gesamtjahr 2020 entlarvt die gravierenden Denkfehler, die hierzulande begangen werden. „Seit dem 1. Oktober, als die zweite Welle der Pandemie begann, sind in Deutschland (in dem Land mit einem der strengsten Lockdowns in Europa) 692 Menschen pro eine Million Einwohner an Covid-19 gestorben (Quelle: Worldometer, Deutschland und Schweden, Stand 17.2.2021). Im gleichen Zeitraum starben in Schweden (in einem Land, in dem es praktisch keinen Lockdown gibt) 668 Menschen pro eine Million Menschen an Covid-19.“

Diese Zahlen zeigen beeindruckend die Nutz- und Sinnlosigkeit der nicht enden wollenden Lockdown-Maßnahmen in Deutschland seit November 2019 bezogen auf die an oder mit Covid Verstorbenen. Aber nicht nur das. Auch die bevölkerungsbereinigte Gesamtmortalität war in Schweden 2020 nicht signifikant höher als in den Jahren 2015 bis 2018. Die durchschnittliche wöchentliche Mortalität pro eine Million Einwohner betrug 2015 177, 2016 175, 2017 176, 2018 175, 2019 167 und 2020 181. 2019 war ein Jahr mit starker Untersterblichkeit in Schweden, ein „Ausreißer“ nach unten. So war nach dem sogenannten „dry tinder-Ansatz“ zu erwarten, dass 2020 die Gesamtmortalität wieder etwas höher sein dürfte. Das war auch der Fall. Der Grund für den Wiederanstieg war daher meines Erachtens nicht Covid.

Möglicherweise noch schlimmer als die deutsche Corona-Politik im Vergleich mit Schweden ist der öffentliche Diskurs zu diesem Thema. Die deutschen Leitmedien arbeiten bei dieser Darstellung so irreführend und verzerrend, dass ein Advocatus Diaboli wieder einmal Grund zu großer Freude hätte.

In der Sonne sitzen verboten

Meine Familie und ich ruhten uns nach einer Bergwanderung Ende März am Walchensee in Obernbayern aus. Kommen zwei Polizisten, verlangen in scharfem Ton unsere Ausweise und beschimpfen uns: „Ja, spinnt´s ihr denn?“ Auf die Frage, was wohl die Rechtsgrundlage der Beschimpfung sei, kam die Antwort, wortwörtlich: „In der Sonne sitzen ist verboten.“

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: „In der Sonne sitzen ist verboten.“ In dem Moment war uns klar, dass im Zuge der Pandemie dem offiziellen Deutschland der gesunde Menschenverstand abhandengekommen ist. Was stärkt am Ende eines Winters die Widerstandskräfte, frage ich, was macht gesund? Richtig, Bewegung im Freien und ordentlich Sonne tanken. Doch genau das wurde verboten. Gleiches gilt für die Schließung von Sportvereinen, Fitnessstudios, Yogastudios, etc. Über Monate tat die bayerische Staatsregierung im Frühjahr alles - und tut es erneut seit Herbst -, um Gesundheit und Widerstandkraft zu schwächen, vor allem bei unseren Kindern. Ein Blick auf Schweden zeigt, dass das alles vollkommen unnötige und unsinnige Maßnahmen sind.

Aber dies öffentlich anzusprechen, sorgt dafür, dass man diffamiert wird. Es gibt leider praktisch keinen Diskurs, keine offene Diskussion mehr zum Thema Corona in Deutschland. Ein Advocatus Diaboli hätte an diesem Umgang mit Vernunft und Wissenschaft in unserem Land seit März 2020 seine Freude.

2020 wurden in Deutschland 20 Klinken geschlossen, darunter unter anderem auch eine Spezialklinik für Covid-Patienten. Wie kann die Politik im Pandemie-Jahr eine solche Politik verfolgen? Hat die deutsche Politik die reale Krankheitsbekämpfung aus den Augen verloren? Ein Advocatus Diaboli hätte wieder seine Freude – zum einen an dem Umstand, dass unsere Politiker mit ihren Entscheidungen die Gesundheit der Bürger schädigen, zum anderen an der großen Unehrlichkeit dieser Politiker.

Ein übler Sinn

Die Liste an Schädlichem, an Unvernunft, an Absurditäten und an Widersprüchen seit Auftreten des Corona-Virus könnte Bücherregale füllen. Ein Advocatus Diaboli könnte eine endlos lange Liste erstellen. Man kommt nicht umhin, zu konstatieren, dass – wenn man mit der Brille eines solchen Advocatus Diaboli die Entwicklungen in Politik und Medien seit 2020 betrachtet – viele der Maßnahmen plötzlich Sinn machen. Wenn auch einen sehr üblen Sinn.

                                                                            ***

Prof. Dr. Christian Kreiß, Jahrgang 1962: Studium und Promotion in Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftsgeschichte an der LMU München. Neun Jahre Berufstätigkeit als Bankier, davon sieben Jahre als Investment Banker. Seit 2002 Professor an der Hochschule Aalen für Finanzierung und Volkswirtschaftslehre. Autor von sieben Büchern: Gekaufte Wissenschaft (2020); Das Mephisto-Prinzip in unserer Wirtschaft (2019); BWL Blenden Wuchern Lamentieren (2019, zusammen mit Heinz Siebenbrock); Werbung nein danke (2016); Gekaufte Forschung (2015); Geplanter Verschleiß (2014); Profitwahn (2013). Drei Einladungen in den Deutschen Bundestag als unabhängiger Experte (Grüne, Linke, SPD), Gewerkschaftsmitglied bei ver.di. Zahlreiche Fernseh-, Rundfunk- und Zeitschriften-Interviews, öffentliche Vorträge und Veröffentlichungen. Homepage www.menschengerechtewirtschaft.de



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