Politik

Die Feinde von Byzanz: Putin vergleicht NATO und USA mit Kreuzfahrern

Russlands Präsident Putin hat angesichts der jüngsten Spannungen mit der NATO einen historischen Vergleich gezogen. Es dürfe niemals vergessen werden, dass es die westlichen Kreuzfahrer waren, die Byzanz derart geschwächt hätten, dass nur der letzte Schlag aus dem Osten ausgeführt werden musste.
27.02.2021 14:53
Aktualisiert: 27.02.2021 14:53
Lesezeit: 3 min

Präsident Wladimir Putin verurteilt die Politik der Eindämmung des Westens gegenüber Russland. Am vergangenen Mittwoch sagte er nach Angaben des „Asia Times“: „Wir sind gegen die sogenannte Politik der Eindämmung Russlands. Hier geht es nicht um Wettbewerb, was für die internationalen Beziehungen selbstverständlich ist. Hier geht es um eine konsequente und recht aggressive Politik, die darauf abzielt, unsere Entwicklung zu stören, zu verlangsamen, Probleme entlang des Außenbereichs zu schaffen, innere Instabilität auszulösen, die Werte zu untergraben, die die russische Gesellschaft vereinen, und letztendlich Russland zu schwächen und unter externe Kontrolle zu bringen. Genau so, wie wir es erleben, geschieht dies in einigen Ländern des postsowjetischen Raums.“

Der Kreml ist sich den „Asia Times“ zufolge bewusst, dass sich die Politik der Eindämmung in erster Linie an die Randgebiete Russlands, also auf die Ukraine, Zentralasien und Georgien, konzentriert. Putins Bemerkungen können auch als indirekte Antwort auf einen Teil der Rede von Präsident Biden auf der Münchner Sicherheitskonferenz interpretiert werden.

The Hill“ zitiert Biden: „Putin versucht, das europäische Projekt und unser NATO-Bündnis zu schwächen. Er möchte die transatlantische Einheit und ihre Entschlossenheit untergraben, weil es für den Kreml so viel einfacher wäre, einzelne Staaten zu schikanieren und zu bedrohen, als mit einem starken und eng abgestimmten Transatlantik zu verhandeln Gemeinschaft.“

Der US-Präsident forderte die USA und ihre europäischen Verbündeten auf, zusammenzuarbeiten, um dem „aggressiven Verhalten Russlands, den wirtschaftlichen Missbräuchen und den antidemokratischen Praktiken Chinas entgegenzutreten.“

Moskau stuft die aktuelle US-Regierung als „nicht kompromissbereit“ ein, was die Spannungen in den kommenden Monaten erhöhen dürfte. Die „Asia Times“ argumentieren, dass Russland aus Sicht der USA noch vor China und dem Iran als wirkliche Bedrohung angesehen werde. Wobei zahlreiche Analysten und China als Hauptbedrohung ansehen. Jedenfalls argumentiert, das Blatt, dass Russland als orthodox-christliche Nation, als militärische Hyperschall-Macht, als eurasische Großmacht und als Macht mit diplomatischen Fähigkeiten, die im globalen Süden geschätzt werden, eine weitaus größere Bedrohung für den Westen darstelle – zumindest aus Sicht von Washington. Die Einflussmöglichkeiten Moskaus in Europa sind stärker ausgeprägt als die Einflussmöglichkeiten von China.

Entscheidende Fragen zur Souveränität und zur russischen Identität waren in den vergangenen Wochen in Moskau ein immer wiederkehrendes Thema. Am 17. Februar 2021 traf Putin mit den politischen Führungspersönlichkeiten der Duma zusammen. Er traf unter anderem mit Wladimir Schirinowski, Sergej Mironow und Wjacheslaw Wolodin zusammen. Dabei betonte Putin den „multiethnischen und multireligiösen“ Charakter Russlands, zumal zahlreiche muslimische Turkvölker und Kaukasier ein Teil der Russischen Föderation sind und der Islam als Staatsreligion geführt wird.

Putin sagte zunächst: „Für alle ethnischen Gruppen, auch für die kleinsten, ist es wichtig zu wissen, dass dies ihr Mutterland ist. Hier sind sie geschützt sind und sie sind bereit, ihr Leben zu opfern, um dieses Land zu schützen. Dies ist im Interesse von uns allen, unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit, einschließlich des russischen Volkes.“

Als der Ultranationalist Schirinowski bemerkte, dass „die Barbaren“ im Jahr 1453 „Konstantinopel“ erobert hätten, entgegnete Putin: „Barbaren kamen aus dem Osten und zerstörten das christlich-orthodoxe Reich. Aber vor den Barbaren aus dem Osten kamen, wie Sie wissen, die Kreuzfahrer aus dem Westen und schwächten dieses orthodoxe christliche Reich, und erst dann wurden die letzten Schläge ausgeführt, und es wurde erobert. Dies ist, was passiert ist (…) Wir müssen uns an diese historischen Ereignisse erinnern und sie niemals vergessen.“

Diese Worte Putins lassen tief blicken. Die Aussagen Putins sind bemerkenswert, zumal sich der russische Staatschef aus taktischen Gründen keine aggressiven Aussagen gegenüber den Türken, ihren verwandten Turkvölkern und den Muslimen erlauben kann. Russland ist politisch, kulturell, familiär und auch ethnisch zu sehr verschmolzen mit den Turkvölkern und Muslimen in der Region Eurasien.

Das Wort „Barbaren“ bezieht sich dabei eigentlich auf den Gegensatz von nomadisch-kriegerischen Turkvölkern jeglicher Couleur und russischen Bauern. Diesem historischen Gegensatz liegt eigentlich mehr eine soziale als eine ethnische Komponente zugrunde.

Putin könnte einen Nerv getroffen haben. Was er sagte, verweist auf die Idealisierung einer späteren Periode der russischen Geschichte vom Ende der 9. bis Anfang des 13. Jahrhundert: „Kiewer Rus“. Hinzu kommt die Romantik des 19. Jahrhunderts und der Nationalismus des 20. Jahrhunderts.

Doch die Informationen über das Großreich „Kiewer Rus“ gehen hauptsächlich auf Schriften von arabischen und persischen Gelehrten zurück, was wiederum belegt, wie sehr das russische Selbstverständnis der Identität von der muslimischen Welt geprägt wurde.

Dabei ist die russische Identität sehr komplex. Ein gutes Beispiel ist die Diskrepanz zwischen Nowgorod und Kiew. Nowgorod war näher an der Ostsee als am Schwarzen Meer und hatte eine engere Interaktion mit Skandinavien und den Hansestädten. Kiew, das näher an Steppennomaden und Byzanz lag, hatte mehr Interaktionen mit der islamischen Welt. Die „Asia Times“ wörtlich: „So sehr Byzanz - und später sogar das Osmanische Reich - Modelle für russische Institutionen lieferten, haben die Nomaden, beginnend mit den Skythen, die Wirtschaft, das Sozialsystem und vor allem den militärischen Ansatz beeinflusst.“

Bei den alten kriegerischen Nomaden handelt es sich um die Mongolen und diverse Turkvölker, die einen großen Einfluss auf die russische Gesellschaft und seine militärischen Strukturen ausgeübt haben. Daraus leitet die „Asia Times“ folgende Warnung ab: „Nun, wenn sich aus unserem kurzen Gleichnis eine Moral ableiten lässt, ist es für die ,zivilisierte‘ NATO nicht gerade eine gute Idee, einen Kampf mit den - seitlichen - Erben des Großen Khan zu führen.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Politik
Politik Nach Koalitionsbruch von SPD und BSW: Rot-schwarze Koalition in Brandenburg steht
16.03.2026

SPD und CDU können in Brandenburg loslegen – mit Ministerpräsident Dietmar Woidke an der Spitze. Der Sozialdemokrat, der seit 2013...

DWN
Politik
Politik Gegen Abzocke: Regierung bringt Spritpreis-Paket auf Weg - was geplant ist
16.03.2026

Die Spritpreise sind infolge des Iran-Kriegs gestiegen - zu stark? Politiker warfen Mineralölkonzernen "Abzocke" vor. Wie die...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Pleitewelle überrollt Deutschland: Immer mehr Insolvenzen – Standort zu teuer
16.03.2026

Immer mehr Betriebe wanken in die Pleite, wie der IWH-Insolvenztrend von Februar bestätigt. Und ein Ende der Entwicklung ist nicht...

DWN
Panorama
Panorama Forbes-Liste der reichsten Menschen: Elon Musk kann erster Billionär der Welt werden
15.03.2026

In der aktuellen Forbes-Liste der reichsten Menschen liegt Tesla-Chef Elon Musk quasi uneinholbar in Front. Bei einem erfolgreichen...

DWN
Politik
Politik Steuerrecht: Ehegattensplitting vorm Aus? Mehr Arbeitszeit für Frauen nicht lukrativ
15.03.2026

Für viele Frauen lohnt es sich finanziell nicht, in den Job zurückzukehren oder ihre Teilzeit auszubauen, das Ehegattensplitting entpuppt...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Industrial Accelerator Act: EU-Kommission stärkt Industriepolitik – Anteil am BIP soll auf 20 Prozent steigen
15.03.2026

Die Europäische Kommission will mit dem Industrial Accelerator Act die Industriepolitik der EU neu ausrichten und die Produktion in Europa...

DWN
Immobilien
Immobilien Immobilien-Prognose 2026: Bremst das Baukreditgeschäft alles aus?
15.03.2026

Nach einem hoffnungsvollen 2025 wird die Preisentwicklung für Immobilien laut Greis-Kaufpreisindex im laufenden Jahr 2026 wieder...

DWN
Finanzen
Finanzen Mazda 6e im Vergleich: Wie wettbewerbsfähig ist das Elektromodell?
15.03.2026

Die neue Mazda 6e entsteht auf chinesischer Plattform und markiert einen strategischen Neustart für die Baureihe Mazda6. Kann das...