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Früher leistete Amerika Unterstützung, wenn es wollte - heute leistet es nur noch Unterstützung, wenn es kann

Lesezeit: 4 min
21.03.2021 10:07  Aktualisiert: 21.03.2021 10:07
Im Machtkampf mit China erhoffen sich die Menschen in Myanmar und Hongkong Hilfe durch die USA. Doch auf sie wartet eine Enttäuschung - Amerika ist nicht mehr stark genug.
Früher leistete Amerika Unterstützung, wenn es wollte - heute leistet es nur noch Unterstützung, wenn es kann
Hongkong: Im Finanzdistrikt demonstrieren junge Bürger der Selbstverwaltungszone gegen China, indem sie ihre Stadt und die USA feiern. (Foto: dpa)
Foto: Kin Cheung

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Vor einem Monat zogen in Myanmars größter Stadt Rangun Demonstranten, die gegen den Militärputsch protestierten, vor die US-Botschaft. Sie forderten US-Präsident Joe Biden auf, die Generäle zu zwingen, in ihre Kasernen zurückzukehren und die abgesetzte Regierungs-Chefin Aung San Suu Kyi aus der Haft zu entlassen. Deren Partei, die „Nationale Liga für Demokratie“, hatte bei den Parlamentswahlen 2020 einen großen Sieg errungen, weshalb die Generäle aus Angst vor dem Verlust ihrer Privilegien die Macht ergriffen.

Doch ist die US-Botschaft der beste Ort für Proteste? Kann der US-Präsident hier irgendetwas Substanzielles tun, außer seine Missbilligung über den Putsch zu äußern? Die Hoffnung der Demonstranten auf eine US-Intervention zeigen, dass Amerikas Image als weltweiter Verfechter der Freiheit, selbst nach vier Jahren „America First“-Isolationismus unter Donald Trumps, noch nicht tot ist.

Die Demonstranten in Hongkong, die letztes Jahr gegen Chinas Angriff auf die Autonomie der Sonderverwaltungszone protestierten, sahen in Trump gar einen Verbündeten. Er stand China unberechenbar feindselig gegenüber; daher schwenkten die Demonstranten US-Fahnen in der Hoffnung, dass Amerika helfen würde, sie vor dem kommunistischen Autoritarismus Chinas zu bewahren.

Missionar Amerika

Amerikas selbsterklärte Mission der weltweiten Verbreitung der Freiheit hat eine lange Geschichte. Viele törichte Kriege wurden deswegen ausgefochten. Doch war der demokratische Idealismus der USA zugleich für viele eine Inspiration. Amerika betrachtete sich lange Zeit, in den Worten John F. Kennedys, als ein Land, dass sich „in einem weltweiten Kampf [befindet], in dem wir eine schwere Last tragen, um die Ideale zu bewahren und zu fördern, die wir mit der ganzen Menschheit teilen“.

Wie die Ungarn feststellen mussten, als sie sich 1956 gegen die Sowjetunion erhoben, erweisen sich Worte nur allzu oft als leer. Die von den USA ermutigte Revolution wurde nach 17 Tagen niedergeschlagen; die Vereinigten Staaten taten nichts, um denen, die sie selbst zum Aufstand aufgestachelt hatten, zu helfen.

Manchmal jedoch wurde mit amerikanischer Hilfe die Freiheit errungen, und das nicht nur gegen Hitlers Tyrannei in Westeuropa. In den 1980er Jahren rebellierten die Menschen auf den Philippinen und in Südkorea mit Massendemonstrationen – welche sich von jenen der beiden vergangenen Jahre in Hongkong, Thailand und Myanmar nicht grundlegend unterschieden – gegen die in ihren Ländern jeweils herrschenden Diktaturen. Und das Gleiche taten auch die Menschen in der Volksrepublik China, wo 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens eine zehn Meter hohe, der Freiheitsstatue nachempfundene „Göttin der Freiheit“ errichtet wurde.

Die chinesischen Demonstrationen endeten in einer blutigen Katastrophe, doch Ferdinand Marcos’ Diktatur auf den Philippinen und Südkoreas Militärregime wurden von demokratischen Kräften gestürzt. Die Unterstützung aus den USA war dabei jeweils ein wichtiger Faktor. Und auch in Taiwan wurde der Autoritarismus mit US-Unterstützung durch die Demokratie ersetzt.

„Unsere Diktatoren“

Doch was auf den Philippinen, in Südkorea und Taiwan funktioniert hat, dürfte in Thailand, Hongkong oder Myanmar nicht klappen. Der Hauptgrund hierfür ist, dass die drei erstgenannten Länder während des Kalten Krieges „Klientel-Staaten“ (so die Bezeichnung der Linken) waren. Ihre Diktatoren waren für die Amerikaner „unsere Diktatoren“ und wurden von den USA als antikommunistische Verbündete geschützt.

Gestützt auf amerikanisches Geld und die militärische Großzügigkeit der USA konnten sie ihre Bevölkerungen zu unterdrücken, solange die USA den Kommunismus als globale Bedrohung betrachteten. Als sich China dann wirtschaftlich öffnete und die sowjetische Macht schwand, waren sie plötzlich verletzlich. Marcos wurde im amerikanischen Fernsehen gedrängt, freie und gleiche Wahlen abzuhalten. Als er versuchte, das Wahlergebnis zu manipulieren, forderte ihn ein US-Senator auf, „sich davonmachen, und zwar sauber“. Marcos ergriff entsprechend per Helikopter die Flucht und endete schließlich im hawaiianischen Exil.

In ähnlicher Weise stellte sich Amerika, als südkoreanische Studenten mit Unterstützung großer Teile der Mittelschicht auf die Straßen gingen und ihrer Wut nicht nur über ihre Militärregierung, sondern auch über deren US-Unterstützer Luft machten, endlich auf die Seite der Demokratie. Die vom militärischen Schutz Amerikas abhängigen Generäle mussten folgen, als die USA sie zum Rücktritt drängten.

Die Generäle in Thailand und Myanmar haben jedoch keinen Grund, es ebenso zu machen. Biden kann zwar Sanktionen androhen und seiner Empörung Ausdruck verleihen. Doch da China bereit ist, sich als Myanmars Patron einzuschalten, hat die Junta keinen Grund, sich allzu große Sorgen zu machen (auch wenn das Militär gegenüber China bislang durchaus Argwohn hegte).

Auch Thailands Herrscher profitieren von dem chinesischen Einfluss, und das Land hat eine lange Geschichte in der Kunst, eine Großmacht gegen die andere auszuspielen. Und weil Hongkong offiziell Teil Chinas ist, gibt es kaum etwas, was eine außenstehende Macht tun kann, um die Freiheit der Sonderverwaltungszone zu schützen – egal, wie viele Menschen auf den Straßen US-Flaggen schwenken.

Ein neuer Kalter Krieg

Die Abhängigkeit von Europas und Asiens Staaten von den USA und der Einfluss, den die Amerikaner infolgedessen hatten, waren eine Folge des Kalten Krieges. Nun droht ein neuer Kalter Krieg, diesmal mit China. Doch hat die Macht der USA seit ihrem Höhepunkt im 20. Jahrhundert stark nachgelassen. Das Vertrauen in die amerikanische Demokratie wurde durch die Wahl eines Präsidenten untergraben, der die traditionellen Verbündeten des Landes drangsalierte, und China ist eine respekteinflößendere Macht als die Sowjetunion es je war. Es ist zudem um vieles reicher.

Die Länder Ost- und Südostasiens sind für ihre Sicherheit noch immer auf US-Unterstützung angewiesen. Solange Japan durch seine befleckte Vergangenheit und eine pazifistische Verfassung daran gehindert wird, eine führende militärische Rolle zu spielen, werden die USA auch weiterhin das Hauptgegengewicht gegen Chinas wachsende Dominanz bilden. Doch die Art, wie Thailand die Großmächte gekonnt gegeneinander ausspielt, zeigt, dass die US-Verbündeten kaum wieder zu „Klientel-Staaten“ werden dürften so wie in der Vergangenheit. Selbst die Südkoreaner hüten sich, China zu verärgern. Die USA sind weit; China ist nah.

Eins steht fest: Die Vorherrschaft der USA kann nicht ewig Bestand haben, und die asiatischen Länder – und auch die europäischen – sollten sich aus der totalen Abhängigkeit vom Schutz durch eine nicht immer verlässliche Macht lösen. Ein „Klientel-Staat“ zu sein, kann erniedrigend sein. Doch womöglich wird irgendwann der Tag kommen, wenn einige Menschen irgendwo die Pax Americana vermissen werden, die herrschte, als die USA noch mächtig genug waren, um unerwünschte Schurken zum Rückzug zu zwingen.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

                                                                            ***

Ian Buruma ist ein britisch-niederländischer Journalist und Buchautor mit dem Schwerpunkt "Asien" sowie "Europäische Geschichte". Bekannt wurde er vor allem durch sein 2013 erschienenes Werk "´45: Die Welt am Wendepunkt".


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