Unternehmen

Wasserstoff für Deutschland: Ukraine profiliert sich gegenüber Russland – und das mit Milliarden-Projekten

Deutschland ist bei der Umsetzung seiner Nationalen Wasserstoff-Strategie auf die Zulieferung aus anderen Ländern angewiesen, weil es zuhause keine eigene Produktion hat. Jetzt schiebt sich ein osteuropäisches Land als neues Energie-Zentrum in den Vordergrund, das bisher nur eine untergeordnete Rolle gespielt hat.
22.03.2021 17:17
Lesezeit: 2 min

Die Bundesregierung schwärmt seit der Verkündung der Nationalen Wasserstoffstrategie Mitte 2020 in nahezu alle Richtungen aus, um sich die notwendigen Zulieferungen zu sichern. Beispielsweise hat sie in der zweiten März-Woche eine Absichtserklärung zur Zusammenarbeit mit Saudi-Arabien unterzeichnet – also mit einem altem Energie-Partner, der Deutschland schon immer versorgt hat.

Darüber hinaus ist mit Russland ständig ein alter Verbündeter im Gespräch, über den sich Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier auf unterschiedlichen Veranstaltungen immer wieder positiv äußert.

Doch schiebt sich nun verstärkt ein Land aus Osteuropa in den Vordergrund, das bisher keine größere Rolle für Deutschland gespielt hat, wenn es um Energie geht. So soll künftig die Ukraine einen wichtigen Part bei der Versorgung mit Wasserstoff übernehmen.

„Unser Markt für Grüne Energien ist gut entwickelt und verfügt über ein riesiges Potenzial für die weitere Entwicklung“, sagte Sergiy Tsivkach, der CEO der Wirtschaftsförderungsgesellschaft UkraineInvest, im Gespräch mit den Deutschen Wirtschaftsnachrichten.

Hintergrund: Deutschland und die Ukraine haben bereits eine Kooperation gegründet, die Energielieferungen aus dem osteuropäischen Land sichern soll. Beide Partner haben zehn Pilotprojekte ausfindig gemacht, von denen einige im kommenden Jahr starten werden. Die deutsch-ukrainische Energiepartnerschaft sieht vor, dass im laufenden Jahr noch eine komplette Strategie ausgearbeitet wird.

Gerade die Produktion von Grünem Wasserstoff ist für die Bundesregierung wichtig, weil dieser mit Hilfe von Erneuerbaren Energien hergestellt wird, die die Umwelt am wenigsten belasten.

Grundsätzlich sind in den kommenden Jahren in der Ukraine fünf Groß-Projekte für Produktionsstätten geplant, deren Investitionsvolumina zwischen 125 und 14 Milliarden Euro liegen – also maximal im zweistelligen Milliarden-Euro-Bereich.

Der Großteil der Herstellung ist für den Export bestimmt. Bei einem Projekt sitzt Siemens im Konsortium. Darüber hinaus haben ThyssenKrupp und Linde ihr Interesse bekundet, bei einem anderen Vorhaben im Führungsgremium vertreten zu sein.

Die Ukraine – das neue europäische Energiezentrum

Die Kosten für die Herstellung, die derzeit von der ukrainischen Regierung ins Auge gefasst werden, liegen bei sechs Dollar je Kilogramm – also etwa fünf Euro. Zum Vergleich: Die EU geht in ihrem Strategie-Papier 2020 davon aus, dass die Kosten zwischen 2,5 bis 5,5 Euro je Kilogramm liegen müssen, damit sich die Projekte rechnen. Brüssel sieht bis 2030 Investitionen in ganz Europa zwischen 24 und 42 Milliarden Euro vor.

Die Ukraine würde somit mit ihren Vorhaben, die Gesamtvolumina von mehr als 14 Milliarden Euro ausweisen, einen Anteil an den Gesamtinvestitionen von einem bis zwei Drittel beisteuern. Das osteuropäische Land avanciert auf diese Weise zum neuen Energiezentrum Europas, da Wasserstoff für den Kontinent bei der künftigen Energiepolitik eine Schlüsselrolle spielt.

Beim direkten Rivalen aus der Region, Russland, kommt hingegen der Ausbau der Erneuerbaren Energien nur sehr zögerlich voran. Denn die russische Regierung hat das Thema nicht nachdrücklich verfolgt. So beträgt der Anteil von Wind- und Solarenergie am Strommix bisher nicht einmal zwei Prozent. Der Plan der Regierung sieht zwar vor, dass sich der Beitrag der Grünen Energie bis 2024 zwar auf 4,5 Prozent vergrößert. Doch ist das Wachstumstempo nicht gerade groß.

Russland stellt zwar pro Jahr bereits zwei Millionen Tonnen Wasserstoff her. Doch stützt sich die Produktion überwiegend auf andere Methoden, die als weniger umweltfreundlich gelten - beispielweise auf Erdgas ("türkiser Wasserstoff"). Die Bundesregierung hat deshalb noch keine so konkreten Schritte zur Zusammenarbeit mit Moskau vorangetrieben wie mit der Ukraine. Bis auf allgemeine Aussagen ist in dieser Hinsicht noch nicht viel passiert.

„Außerdem liegen wir im Vergleich zu Russland näher an Deutschland,“ nannte Tsivkach, der CEO von UkraineInvest, einen weiteren Grund, warum sein Land aus seiner Sicht besser als der große Nachbar für eine Kooperation geeignet ist. Tatsächlich beträgt die Strecke, die zwischen beiden Ländern liegt, etwa 700 Kilometer. Wenn die Deutschen den Wasserstoff aus Russland importieren wollen, dann müssten sie ihn noch einmal zusätzlich durch Weißrussland transportieren – also über weitere 700 Kilometer – ein Fakt, der durchaus noch einmal höhere Kosten verursachen und die Planungen verkomplizieren könnte.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen US-Regulierungspläne lösen Turbulenzen am Kryptomarkt aus: XRP legt kräftig zu – Investoren suchen neue Anlagestrategien

Frankfurt/London, Februar 2026 – Der Kryptomarkt befindet sich erneut in einer Phase erhöhter Schwankungen. Makroökonomische...

 

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Zugang zum Bargeld wird schwieriger – Verbände stemmen sich dagegen
01.03.2026

Die Hürden für Barzahler wachsen: Ob an SB-Kassen, beim Ticketkauf oder im Schwimmbad – wer bar zahlen will, steht oft vor...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Dollar, Macht, Abhängigkeiten – Weltordnung vor dem Umbruch?
01.03.2026

Die bestehende Weltordnung gerät ins Wanken. Doch für viele Länder des Globalen Südens hat sie nie funktioniert. Der Ökonom Dr....

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin kaufen oder weiter abwarten? Zwischen Korrektur und Stabilisierung
01.03.2026

Der Bitcoin steht nach deutlichen Kursverlusten erneut im Fokus der Finanzmärkte, während mehrere Indikatoren gegensätzliche Signale...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Volvo ES90 im Vergleich: Wie behauptet sich die E-Limousine gegen deutsche Hersteller?
01.03.2026

Der Volvo ES90 tritt als neue Elektro-Limousine in der Oberklasse an und verbindet hohe Ladeleistung und Komfort mit konstruktiven...

DWN
Politik
Politik EU beschränkt CSRD und CSDDD: Was Unternehmen zu Nachhaltigkeitsberichten und Due Diligence wissen müssen
01.03.2026

Die Europäische Union grenzt mit der Reform von CSRD und CSDDD die Nachhaltigkeitsberichtspflichten und Sorgfaltspflichten stärker auf...

DWN
Politik
Politik Selenskyj drängt auf Sicherheitsgarantien: Stehen am Anfang vom Ende des Ukraine-Kriegs
01.03.2026

Vier Jahre nach Beginn des Ukraine-Kriegs fordert Präsident Wolodomir Selenskyj verbindliche Sicherheitsgarantien und einen klaren...

DWN
Politik
Politik Rente mit 70? Was die Regierung diskutiert und wer betroffen wäre
28.02.2026

Rente mit 70 – dieser Plan könnte schon bald Realität werden. Die Rentenkommission und verschiedene Experten legen seit einigen Tagen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Glasfaser-Internet: Telekom peilt bei Glasfaser-Ausbau 25 Millionen Haushalte an
28.02.2026

Die Bagger der Telekom kommen gut voran, doch die Resonanz der Kunden in puncto Glasfaser-Internet ist noch ausbaufähig. Der Konzern legt...