Wirtschaft

Russland will zum weltweit führenden Wasserstoff-Exporteur aufsteigen

Russland will der weltweit führende Wasserstoff-Exporteur werden. Ein im vergangenen Jahr diesbezüglich vorgestellter Plan muss auch als Vorstoß gegen den Konkurrenten Ukraine gesehen werden.
16.04.2021 11:49
Aktualisiert: 16.04.2021 11:49
Lesezeit: 2 min
Russland will zum weltweit führenden Wasserstoff-Exporteur aufsteigen
Messebesucher vor einer riesigen Russland-Karte. (Foto: dpa)

Die deutsch-ukrainische Energiepartnerschaft im Bereich des Wasserstoffs könnte eine Bedrohung für Russland als wichtigster Energielieferant Europas darstellen. Wasserstoff-Lieferungen aus der Ukraine in die EU könnten Erdgas zwar nicht vollständig ersetzen, doch sie würden die Marktanteile von Gazprom beschädigen. Die Deutsche Energieagentur (dena) berichtet: „Schwerpunktbereiche der Deutsch-Ukrainische Energiepartnerschaft sind die Steigerung der Energieeffizienz, die Modernisierung des Stromsektors, der Ausbau erneuerbarer Energien sowie die Reduzierung von CO2-Emissionen. Zukünftige Schwerpunkte können auf Themen wie Transformation von Kohleregionen, Integration erneuerbarer Energien, grünem Wasserstoff sowie Transformation von Fernwärmesystemen liegen.“

Der DWN-Redakteur Sebastian Becker führt in einer Analyse aus: „Hintergrund: Deutschland und die Ukraine haben bereits eine Kooperation gegründet, die Energielieferungen aus dem osteuropäischen Land sichern soll. Beide Partner haben zehn Pilotprojekte ausfindig gemacht, von denen einige im kommenden Jahr starten werden. Die deutsch-ukrainische Energiepartnerschaft sieht vor, dass im laufenden Jahr noch eine komplette Strategie ausgearbeitet wird. Gerade die Produktion von Grünem Wasserstoff ist für die Bundesregierung wichtig, weil dieser mit Hilfe von Erneuerbaren Energien hergestellt wird, die die Umwelt am wenigsten belasten.“

Im vergangenen Jahr hatte die Ukraine den „nationalen Wasserstoff-Rat“ gegründet. „Wir haben einen nationalen Wasserstoff-Rat aus Unternehmen, Wissenschaftlern und Vertretern von Bürgerorganisationen gegründet, um einen Binnenmarkt und günstige Exportbedingungen für Wasserstoff aufzubauen“, sagte der stellvertretende ukrainische Energieminister Yaroslav Demchenkov während des ersten „Deutsch-Ukrainischen Energietages“.

Dass die Ukraine Russland als Top-Energielieferanten Europas mit Wasserstoff-Lieferungen ersetzen wird, gilt als unwahrscheinlich. Trotzdem würde die Ukraine mit ihrer neuen Wasserstoff-Strategie ihre Verhandlungsposition gegenüber Russland stärken, was Kiew auf anderen Ebenen nutzen könnte. Moskau ist sich offenbar dieser Tatsache bewusst, weshalb der Kreml auch aktiv wurde.

Im Juni 2020 genehmigte die russische Regierung die neue Energiestrategie bis 2035, berichtet „Baker McKenzie“. Die Strategie erklärte ein wichtiges Ziel für Russland, weltweit führend in der Wasserstoffproduktion und im Wasserstoffexport zu werden. Außerdem wurden spezifische Exportziele von 0,2 Millionen Tonnen bis 2024 und 2 Millionen Tonnen bis 2030 festgelegt.

Konkrete Schritte zur Wasserstoff-Macht

Um diese Ziele zu erreichen, beabsichtigt die Regierung, Folgendes umzusetzen oder Anreize zu schaffen:

  • Investitionen in Produktion, Transport und Verbrauch von Wasserstoff und Energiemischungen auf Wasserstoffbasis;
  • Steigerung der Wasserstoffproduktion auf Erdgasbasis, einschließlich Nutzung erneuerbarer Energien und Kernenergie;
  • Entwicklung kohlenstoffarmer russischer Technologien zur Erzeugung von Wasserstoff durch Methanpyrolyse, Elektrolyse und andere Mittel, auch durch Lokalisierung fremder Technologien;
  • Binnenmarktnachfrage nach Wasserstoffbrennstoffzellen im Verkehr sowie Verwendung von Energiemischungen auf Wasserstoff- und Wasserstoffbasis als Energiespeicher und Umwandlungsinstrument zur Steigerung der Effizienz zentraler Stromversorgungssysteme;
  • internationale Partnerschaften im Wasserstoffbereich und Expansion in globale Märkte.

Im Oktober 2020 genehmigte die Regierung einen Aktionsplan (Roadmap) für die Wasserstoffentwicklung bis 2024. Neben verschiedenen organisatorischen und regulatorischen Maßnahmen sieht der Roadmap die Umsetzung von Wasserstoffprojekten mit hoher Priorität vor, die unter anderem Folgendes vorsehen:

  • Entwicklung, Produktion und Einsatz von Pilotgeräten zur Herstellung von kohlenstofffreiem Wasserstoff;
  • Entwicklung, Herstellung und Erprobung von Gasturbinen für Methan-Wasserstoff-Brennstoff;
  • Entwicklung eines wasserstoffbetriebenen Schienenverkehrsprototyps;
  • Entwicklung von Pilotstandorten für die kohlenstoffarme Wasserstoffproduktion in Kohlenwasserstoffverarbeitungsbetrieben oder Erdgasproduktionsanlagen;
  • Wasserstoffproduktion auf Kernbasis.

Laut Roadmap sollten im 1. Quartal 2021 mehrere Bundesministerien ein detaillierteres Wasserstoffentwicklungskonzept und Vorschläge für dessen Umsetzung entwickeln.

Russische Behörden, Großunternehmen und Experten erwägen die Einrichtung mehrerer regionaler Cluster, um die Wasserstoffentwicklung in Gang zu setzen:

  • Östlicher Cluster - in der Region Sachalin, einer Insel im Fernen Osten Russlands, um Wasserstoff in den asiatisch-pazifischen Raum zu exportieren und seine Verwendung auf den internen Transport-, Wohnungs- und Industriemärkten zu testen;
  • Nordwestlicher Cluster - in St. Petersburg und Leningrad an der russischen Ostseeküste, um Wasserstoff in die EU zu exportieren;
  • Arktischer Cluster - im autonomen Bezirk Yamalo-Nenzen im sibirischen Nordwesten zur Entwicklung autonomer Wasserstoffstromversorgungen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Politik
Politik Britischer Premier unter Druck: Verteidigungsminister tritt im Etatstreit zurück
12.06.2026

Der britische Regierungschef Keir Starmer steht vor den Trümmern seiner Kabinettsdisziplin: Verteidigungsminister John Healey hat im...

DWN
Finanzen
Finanzen Kryptowährungen gehören der Vergangenheit an – oder sind sie die Zukunft?
12.06.2026

Bitcoin hat massiv an Wert verloren, viele Privatanleger bleiben skeptisch. Doch ausgerechnet Zentralbanken und Finanzinstitute sehen in...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Wall Street schließt im Plus, während sich die Märkte auf das Rekord-Debüt von SpaceX vorbereiten
11.06.2026

Geopolitische Spannungen und gigantische Vorbereitungen sorgen für ein Wechselbad der Gefühle auf dem Börsenparkett – was Anleger...

DWN
Politik
Politik Eskalation am Golf: Iran erklärt Straße von Hormus für gesperrt
11.06.2026

Trotz einer offiziellen Waffenruhe eskaliert der Konflikt zwischen den USA und dem Iran massiv. Als Reaktion auf erneute US-Luftangriffe...

DWN
Politik
Politik Neues Heizgesetz: Chancen für die Wärmewende oder Kostenfalle?
11.06.2026

Die Debatte um das neue Heizgesetz spaltet die Politik. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sieht im...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Schwarz-Gruppe wächst: 300 neue Standorte für Lidl und Kaufland
11.06.2026

Die Schwarz-Gruppe treibt ihr Wachstum weiter voran. Im Geschäftsjahr 2025/26 vergrößerten Lidl und Kaufland ihr Filialnetz weltweit um...

DWN
Finanzen
Finanzen EZB reagiert auf Iran-Krieg: Erste Zinserhöhung seit fast drei Jahren
11.06.2026

Wegen des inflationstreibenden Ölpreisschocks infolge des Iran-Kriegs hebt die Europäische Zentralbank die Zinsen wieder an. Der wichtige...

DWN
Panorama
Panorama Fußball-WM 2026: Wer wird Weltmeister? Prognosen widersprechen sich deutlich
11.06.2026

Spanien, Frankreich, England, Argentinien, die Niederlande? Während die Wettmärkte auf die bewährten Favoriten setzen, erwarten einige...