Technologie

Radikale Energiewende: Die Bundesregierung macht Deutschland zum Versuchskaninchen der Welt

Deutschlands wohl einflussreichster Ökonom, Hans-Werner Sinn, liefert eine scharfsinnige Analyse der deutschen Klimapolitik.
30.05.2021 09:57
Lesezeit: 3 min
Radikale Energiewende: Die Bundesregierung macht Deutschland zum Versuchskaninchen der Welt
Hans-Werner Sinn ist mit der Klima-Politik der Bundesregierung gar nicht zufrieden. (Foto: dpa) Foto: Nicolas Armer

Deutschland hat bereits eines der ambitioniertesten Klimaprogramme der ganzen Welt, und nun will es sich mit verschärften Zielvorgaben an die Spitze setzen. Dazu hat die Regierung gerade einen Gesetzesentwurf vorgelegt, demgemäß der CO2-Ausstoß gegenüber dem Referenzjahr des Pariser Klimaabkommens, also dem Jahr 1990, bis zum Jahr 2030 um 65 Prozent und bis zum Jahr 2040 um 88 Prozent reduziert werden soll. Die vollständige Klima-Neutralität soll bis zum Jahr 2045 erreicht werden.

Dieses Programm bettet sich in den Green Deal der EU ein, der bis 2030 eine Reduktion um 55 Prozent und bis 2050 die vollständige Klima-Neutralität vorsieht, denn Deutschland hatte sich auch in den vergangenen Jahren stets bereit erklärt, einen überproportionalen Anteil an den Reduktionsbemühungen zu tragen. Deutschlands Entscheidung ist aus einer Verantwortung für die Stabilität des Weltklimas entstanden und wird getragen von der grünen Bewegung, die hierzulande ihren politischen Ursprung hatte und weitaus stärker ist als irgendwo sonst auf der Welt.

Auslöser war ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts vor wenigen Tagen, das von grünen Umweltaktivisten erstritten worden war. Das Gericht übernahm sowohl die Theorie vom maximal zulässigen Kohlenstoffbudget als auch das Klimaziel von maximal 1,5 Grad Erderwärmung gegenüber der vorindustriellen Zeit, die zulässig seien, um größere Klimaschäden zu verhindern. Es argumentierte, das restliche Kohlenstoffbudget für zukünftige Generationen sei zu klein, wenn Deutschland jetzt schon so viel verbrauche wie bislang geplant.

Angesichts des Umstands, dass die Grünen Meinungsumfragen zufolge im September die stärkste Fraktion im deutschen Bundestag sein könnten, hat die Regierung von Angela Merkel nun die Flucht nach vorn ergriffen und erneut die Strategie der „asymmetrischen Demobilisierung“ gewählt, mit der die Kanzlerin seinerzeit die sozialdemokratische Partei dezimiert und an den linken Rand gedrückt hatte. Die Idee ist: Indem man das Programm des politischen Gegners übernimmt, beraubt man ihn seines Wahlkampfthemas und reduziert seine Sieges-Chancen.

Allerdings hatte diese Strategie bereits im Jahr 2011 beim Versuch, die Grünen in Schach zu halten, nicht funktioniert. Damals hatte die Kanzlerin nach dem Unglück von Fukushima innerhalb weniger Tage den Atomausstieg durchgesetzt, um dadurch die Wahlchancen ihrer Partei im Bundesland Baden-Württemberg zu erhöhen. Tatsächlich wurde aber bei dieser Wahl der erste grüne Ministerpräsident Deutschlands fest etabliert, weil die Wähler das Original der Kopie vorzogen. Ähnliches könnte im September wieder passieren.

Das Problem bei solchen hastig aus dem momentanen Zeitgeist getroffenen Beschlüssen über politische Ziele ist, dass die Frage, ob sie überhaupt wirken und was sie kosten, nicht sorgfältig durchdacht werden kann. Allenfalls verlässt man sich auf euphorische Klimamodelle, in denen ökonomische Betrachtungen zur Wettbewerbsfähigkeit der Industrie und zu den Reaktionen der weltweiten Brennstoffmärkte überhaupt nicht vorkommen.

Deutschland setzt auf den Strom, der aus Wind- und Sonnenenergie gewonnen wird, um ihn direkt oder auf dem Umweg über die Wasserstoffproduktion zu verbrauchen. Dessen Anteil am Endenergieverbrauch inklusive solcher Bereiche wie Heizung, Verkehr und Prozesswärme liegt derzeit aber noch unter sieben Prozent, und das, obwohl das Land schon weitflächig mit Windanlagen und Solardächern übersprenkelt ist. An der Stromproduktion macht der Anteil zwar schon ein Drittel aus, doch der Strom ist ja selbst nur ein Fünftel des Ganzen.

Schon heute hat Deutschland die höchsten Stromkosten der gesamten westlichen Welt, weil der grüne Strom aus Wind- und Sonnenkraft sehr volatil ist und zur Kompensation der extremen Fluktuationen und häufigen Dunkelflauten den gesamten konventionellen Kraftwerkspark oder gleichwertigen Ersatz durch Gaskraftwerke benötigt. Die doppelten Fixkosten erklären den Spitzenpreis. Es kommt hinzu: Wenn der Marktanteil des Wind- und Sonnenstroms steigen soll, dann gibt es immer häufiger den Verbrauch überschreitende Stromspitzen, für deren Nutzung man zwangsläufig Speicher braucht. Dann hat man dreifache Fixkosten.

Es ist offenkundig, dass Deutschland mit seiner Strategie, bei der Energieversorgung des Landes fast nur noch auf den grünen Flatterstrom zu setzen und zugleich die Kernkraftwerke abzuschalten, Gefahr läuft, seine Industrie zu ruinieren. Allein die Chemie-Industrie würde bei einem Verzicht auf die derzeit genutzten fossilen Brennstoffe so viel Strom verbrauchen, wie heute insgesamt in Deutschland produziert wird, und der Verkehr, der zur Gänze elektrisch werden soll – direkt oder indirekt über den Wasserstoff –, würde selbst auch noch einmal so viel Strom oder gar mehr benötigen.

Die deutsche und auch europäische Rechnung ist im Übrigen naiv, weil sie auf einer semantischen Definition der Klima-Neutralität basiert. Man berücksichtigt dabei nämlich nur den auf dem Territorium der EU realisierten CO2-Ausstoß und nicht von der EU im Rest der Welt verursachten CO2-Ausstoß. Wenn die EU ihre technischen Ambitionen realisieren will, muss sie nicht nur aus der Kohle aussteigen, über deren Bestände sie selbst die Kontrolle hat, sondern auch aus den international handelbaren Brennstoffen Öl und Gas. Der Verzicht auf diese Brennstoffe bedeutet eine Subventionierung des Verbrauchs von Öl und Gas in anderen Teilen der Welt, weil die Nachfragesenkung, die er bedeutet, unmittelbar und zwangsläufig eine Senkung der Weltmarktpreise für handelbare fossile Brennstoffe verursacht. Das ließe sich nur verhindern, wenn die EU die nicht mehr konsumierten Brennstoffe in großen Tanks einlagern würde. Tut sie das nicht, wird anderswo das CO2 in die Luft geblasen, das Europa bei den importierten Brennstoffen einspart. Auch Zölle auf den Import CO2-intensiver Produkte würden daran nicht das Geringste ändern, weil andere Länder die frei gewordenen Brennstoffe auch für die Produktion nicht exportierter Waren verwenden können.

Das Pariser Abkommen wurde zwar von 200 Regierungen unterschrieben, doch nur 30 von ihnen haben bindende Mengenbeschränkungen für den CO2-Ausstoß akzeptiert. Die 85 Prozent, die keine Beschränkungen akzeptiert haben, werden bei fallenden Weltmarktpreisen für die Brennstoffe noch weniger geneigt sein mitzumachen, weil der Protest der vom Preisverfall profitierenden Bürger noch größer wäre.

Das Klimaproblem ist ein ernsthaftes Problem für die Menschheit, doch unilaterale Aktionen führen zu einer Selbstkasteiung, die wenig bewirken wird. Ohne bindende internationale Vereinbarungen drohen Deutschland und die EU die Versuchskaninchen der Welt zu werden, deren Schicksal andere von einer Nachahmung abhält.

Copyright: Project Syndicate, 2021.

www.project-syndicate.org

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Gold erlebt ein Comeback: Wie das MTS Money Transfer System Sicherheit und digitale Freiheit verbindet

Steigende Staatsverschuldung, Inflation und geopolitische Spannungen stärken die Bedeutung von Gold als Vermögenswert. Das MTS Money...

Hans-Werner Sinn

Hans-Werner Sinn war von 1999 bis 2016 Präsident des Münchener "ifo Instituts für Wirtschaftsforschung" sowie Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 

 

DWN
Technologie
Technologie Enthüllt: Diese US-Techkonzerne wollten den Stromverbrauch ihrer Rechenzentren geheim halten
29.10.2026

Google und Microsoft wollten zentrale Angaben zum Stromverbrauch ihrer irischen Rechenzentren unter Verschluss halten. Die Umweltbehörde...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Wall Street gibt nach – Alphabet, Amazon und Intel belasten Aktienmärkte
29.10.2026

Spannende Wende an der Wall Street: Erfahren Sie, welche überraschenden Faktoren die Kurse der Tech-Riesen ins Wanken bringen.

DWN
Politik
Politik Haushaltskrise der Länder: Kommunale Schulden steigen um fast zehn Prozent
29.10.2026

4.907 Euro je Einwohner: Die Verschuldung der Kommunen ist im vergangenen Jahr weiter gewachsen. Dabei fällt die Belastung regional sehr...

DWN
Politik
Politik „Gen Z regelt“ mobilisiert: Das ist für Samstag geplant
29.10.2026

In knapp 30 Städten sind Proteste angekündigt, organisiert von einer noch jungen Gruppierung. Nach den Ausschreitungen in Frankreich...

DWN
Politik
Politik Verteidigung des Baltikums: Heereschef Freuding fordert mehr Tempo
29.10.2026

Mehr als 70 Generale und führende Offiziere aus Deutschland und den Niederlanden haben mögliche Brennpunkte im Baltikum erkundet....

DWN
Politik
Politik Umfrage: Deutsche sehen USA ähnlich kritisch wie China
29.10.2026

Kurz vor den US-Zwischenwahlen fällt das Bild der Vereinigten Staaten in Deutschland überwiegend negativ aus. In einer aktuellen...

DWN
Technologie
Technologie Testbericht: Apples erstes faltbares iPhone ist ein kostspieliges, aber überzeugendes Debüt
29.10.2026

Ich erinnere mich noch gut an die Reue, die ich beim Kauf des iPhone 3GS im Jahr 2009 empfand. Bis dahin hatte ich ein BlackBerry Pearl...

DWN
Finanzen
Finanzen EZB-Zinsentscheid: Notenbanker belassen Leitzins der Eurozone bei 2,5 Prozent
29.10.2026

Die Europäische Zentralbank lässt die Leitzinsen am 29. Oktober 2026 unverändert. Der Einlagenzins bleibt bei 2,50 Prozent. Zugleich...