Wirtschaft

Das sind die unbekannten Rohstoff-Giganten der Welt – Teil 1

Ein Großteil unseres Wohlstandes wird von einem Dutzend Unternehmen garantiert, deren Namen in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt sind.
16.06.2021 10:23
Aktualisiert: 16.06.2021 10:23
Lesezeit: 5 min

Der hoch entwickelte Wohlstand und die Leistungsfähigkeit unserer Volkswirtschaften basieren auf einer verlässlichen Versorgung mit Rohstoffen. Ob es sich um die energetische, logistische oder technologische Infrastruktur, die verlässliche Versorgung mit Nahrungsmitteln durch global aufgestellte und hochgradig arbeitsteilig organisierte Just in Time-Lieferketten oder um die Konsumgüter und Geräte des täglichen Bedarfs handelt – das alles existiert nur, weil Rohstoffe irgendwo auf der Welt an- beziehungsweise abgebaut, verarbeitet und zum Endkunden geliefert werden.

Interessant ist, dass diesen (roh)stofflichen Grundlagen unseres Lebens und ihrer Zerbrechlichkeit nur wenig Beachtung geschenkt wird. In der kollektiven Wahrnehmung dominiert ein oberflächliches Verständnis, demzufolge Supermärkte stets mit Waren versorgt oder dass Video-Anrufe mithilfe eines batteriebetriebenen Smartphones eine Selbstverständlichkeit sind.

Noch weniger Beachtung als der Rohstoffbasis selbst wird meist deren Fragilität beigemessen. Nur vereinzelt – zuletzt etwa in Form leerer Supermarktregale während der Corona-Pandemie oder am Beispiel des seit Monaten grassierenden Mangels an Halbleiterprodukten in der Weltwirtschaft – werden uns die fein aufeinander abgestimmten Mechanismen in den Produktions- und Handelsbeziehungen ins Bewusstsein gerufen, die unsichtbar und meist reibungslos das Funktionieren unserer Gesellschaft und Wirtschaft ermöglichen.

Da passt es ins Bild, dass auch die Namen jener Unternehmen weitgehend unbekannt sind, die den internationalen Rohstoffhandel organisieren und ausführen. Im Folgenden sollen die größten und wichtigsten ihrer Art deshalb kurz vorgestellt werden. Diese Konzerne verfügen über große Macht und ihre „Systemrelevanz“ für das Funktionieren der öffentlichen Ordnung übersteigt wohl jene des Finanzsektors bei Weitem.

Bei diesen Rohstoffgiganten handelt es sich um Mittler zwischen Produzenten und Konsumenten. Sie übernehmen damit die sehr wichtigen Aufgaben des Transports und der Preisfindung – vergessen werden darf darüber aber nicht, dass Millionen Landwirte, Farmer, Bauern, Züchter, Fischer, Minenbetreiber sowie Öl- und Gasförderer auf allen Kontinenten in ihrer Gesamtheit die unverzichtbare Basis für die Versorgung der Welt mit Grundnahrungsmitteln und Rohstoffen darstellen.

Reibungslose, verschwiegene Geschäfte

Wer sind die großen Unbekannten, die den Welthandel mit Grundnahrungsmitteln wie Sojabohnen, Industriemetallen wie Kupfer oder Treibstoffen wie Benzin dominieren?

Bei ihnen handelt es sich um etwa zehn bis 15 Konzerne, die bestimmte Charakteristika und Merkmale aufweisen. Fast allen gemein ist, dass sie sich im Privatbesitz ihrer Gründer oder leitenden Angestellten befinden. Dieser Umstand entbindet sie von Transparenzpflichten wie etwa der regelmäßigen Offenlegung von Geschäftsberichten und schirmt sie vor Mitbestimmungsansprüchen externer Investoren ab, denen die Aktiengesellschaften unterliegen.

Der Rohstoffhandel wird aus diesem Grund nach wie vor durch ein hohes Maß an Intransparenz und persönliche Hinterzimmer-Absprachen geprägt, staatliche Behörden haben aufgrund der zwischen den Kontinenten aufgespannten Firmenstrukturen der Unternehmen – gekennzeichnet von mehreren Filialen, Tochterfirmen, unterschiedlichen Steuer- und Firmensitzen – häufig Mühe, einen genaueren Einblick zu erhalten. Hinzu kommt, dass sich Frachtschiffe und Tanker die meiste Zeit auf hoher See und damit außerhalb des Einflussbereiches von Staaten oder Jurisdiktionen befinden.

„Es war eine Überraschung zu hören, dass die Leute recht offen über Bestechung sprachen, so, als ob es sich dabei um einen ganz normalen Geschäftsvorgang handelt. Das ist nicht nur etwas, dass vor vielen Jahren geschah – die größte Ölhandelsgesellschaft der Welt, Vitol, gab noch im Juli 2020 zu, Bestechungsgelder in Südamerika gezahlt zu haben. Und wir waren zutiefst geschockt zu erfahren, dass es in der Schweiz bis zum Jahr 2016 nicht nur legal war, ausländische Firmen zu bestechen, sondern dass man die Gelder auch noch von der Steuer absetzen konnte“, antwortete der Bloomberg-Journalist Jack Farchy auf die Frage, welche Erkenntnis sie im Zuge ihrer Recherchen zu großen Rohstoffkonzernen am meisten überrascht habe.

Dem darf entgegengehalten werden, dass es möglicherweise gerade diese Unabhängigkeit der Händler ist, die den Welthandel mit Roh- und Grundstoffen so effizient und reibungslos macht – ein Umstand, von dem auch die Endkunden letztendlich profitieren. „Sie machen die Märkte effizienter, was sich in niedrigeren Güterpreisen für uns alle niederschlägt. Ein Beispiel: Als im vergangenen Jahr die Corona-Pandemie ausbrach und die Rohölpreise kollabierten, waren es die Rohstoffhändler, die sofort einsprangen und Öl praktisch kostenlos erwarben und es einlagerten, bis die Preise wieder stiegen und die Welt wieder Öl benötigte. Als Folge davon hielt der Ölpreisabsturz nur kurz an. Wenn sie das nicht getan hätten, dann wäre der Ölpreis viel länger und viel tiefer gesunken, mehr Ölkonzerne wären Bankrott gegangen und es wäre jetzt, wo die Welt wieder viel Öl braucht, paradoxerweise nicht mehr erhältlich gewesen“, sagt Farchy.

Wie läuft ein typisches Handelsgeschäft ab?

Der Welthandel wird zu etwa 90 Prozent über das Meer abgewickelt. Der Überseehandel mit Rohstoffen teilt sich in vier Untergruppen – den Handel mit Energieprodukten (etwa Rohöl, Erdgas, Mineralöle oder deren Derivate), mit Metallen und Halbmetallen, mit landwirtschaftlichen Grundnahrungsmitteln und mit Fleischprodukten oder lebenden Tieren.

Ähnlich wie Aktien wird die Mehrheit der Rohstoffe an Börsen gehandelt. Dort versuchen Investoren und Rohstoffexperten unter Ausnutzung der fluktuierenden Marktpreise Margen-Gewinne zu erzielen.

Zum Rohstoffhandel selbst gehören die Beschaffung, der An- und Verkauf, der Transport, die Lagerhaltung und/oder Weiterverarbeitung der Rohstoffe sowie Qualitätsprüfungen und Zertifizierungen. Unterstützt wird dieses Kerngeschäft von der Handelsfinanzierung, dem Handel mit Finanzinstrumenten und finanziellen Rohstoff-Derivaten sowie dem Risikomanagement und strategischen Hebel- und Termingeschäften. Die Handelsfinanzierung wird meist mithilfe kurzfristiger Kredite zwischen den Banken der Geschäftspartner abgewickelt, bei welchen die gehandelten Rohstoffe oft als Pfand für den Geldgeber fungieren.

Den spezifischen Charakteristika des Rohstoffhandels mit sehr geringen Margen, aber sehr umfangreichen Quantitäten ist es geschuldet, dass die Händler häufig hochgradig verschuldet sind – wenn auch oft nur zeitweise im Zuge der Abwicklung großer, kreditfinanzierter Geschäfte. In der Regel arbeiten Händler und Finanziers eng zusammen, um die temporären Kapitalbedürfnisse möglichst optimal zu überbrücken. Die Waren werden dann auf firmeneigenen Frachtern und Tankern oder in Zusammenarbeit mit Reedereien verschifft.

LESEN SIE AM WOCHENENDE DEN ZWEITEN TEIL:

  • Wer die großen Player im Rohstoffhandel sind
  • Wie Arbitrage-Geschäfte funktionieren
  • Welche Episode aus dem Jahr 2011 die Macht der Rohstoffhandels-Konzerne illustriert

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