Wirtschaft

Das sind die unbekannten Rohstoff-Giganten der Welt - Teil 2

Weil sie die Weltwirtschaft am Laufen halten, verfügen die großen Handelshäuser über bedeutende wirtschaftliche und politische Macht.
20.06.2021 11:00
Lesezeit: 5 min
Das sind die unbekannten Rohstoff-Giganten der Welt - Teil 2
Das geschickte Ausnutzen von Preisunterschieden macht Rohstoffhändler langfristig reich. (Foto: dpa) Foto: George Esiri

Diejenigen, welche die dringend benötigte Versorgung mit Rohstoffen sicherstellen können, sind systemrelevant. Die Macht der Handelshäuser gründet zudem auf dem Umstand, dass sie im Gegensatz zu vielen anderen Branchen auch dann Gewinne erwirtschaften können, wenn Preise sinken oder sich ein überraschender Umschwung im Geschäftsklima anbahnt. Die Lösung sind Arbitrage-Geschäfte – also das geschickte Ausnutzen von Preisunterschieden und -entwicklungen in verschiedenen Ländern oder Erdteilen oder zu unterschiedlichen Zeitpunkten, zwischen unterschiedlichen Lieferdaten von Termingeschäften oder zwischen verschiedenen Qualitätsstufen der Waren und deren je nach Region entgegengebrachter Wertschätzung.

Solche Arbitrage-Geschäfte sind ein Grund, warum viele der großen Handelshäuser überall auf der Welt strategische Lagerstätten unterhalten oder sich in Minen und andere Produktionsbetriebe eingekauft haben. „Die meisten Käufer von Rohstoffen auf der Welt sind Preisnehmer. Die Top-Handelshäuser sind Preismacher“, zitierte Reuters einen Journalisten in einer Reportage aus dem Jahr 2011.

Zu den Arbitragegeschäften gehört auch eine im Ölsektor geläufige Marktsituation namens „Contango“. Diese herrscht vor, wenn Kunden bereit sind, für Öl zu späterer Lieferung im Zuge von Termingeschäften mehr zu bezahlen als den aktuellen Kassapreis für Sofortlieferungen. Herrscht „Contango“ vor, können die Handelshäuser beispielsweise hunderttausende Barrel Rohöl auf ihren Tankern als schwimmendes Reservoir einbuchen, um die Lieferung des in der Zukunft deutlich teureren Öls zu garantieren und verglichen mit dem aktuellen Marktpreis höhere Margen einzustreichen. Das Gegenstück zum „Contagngo“ bezeichnet man als „Backwardation“.

Eine Episode aus dem Jahr 2011 illustriert die politische Macht der Rohstoffhändler besonders gut: Damals schaffte es Vitol, sowohl die bereits in einen überregionalen Stellvertreterkrieg verwickelte Regierung Syriens mit Benzin und anderen Mineralölen zu versorgen als auch gleichzeitig mit der US-Regierung Geschäfte zu machen. Daneben versorgte der Händler die im Osten Libyens erstarkten Söldnertruppen gegen Machthaber Gaddafi mit Treibstoff, damit diese ihren Feldzug gegen die Hauptstadt Tripolis überhaupt erst durchführen konnten, welcher letztendlich zu Gaddafis Sturz führen sollte.

„Ihr Einfluss weitet sich aus. Große Handelsunternehmen besitzen inzwischen vermehrt jene Minen, die viele unserer Rohstoffe fördern, die Schiffe und Pipelines, welche diese transportieren und die Lager, Silos und Häfen, in denen sie gelagert werden. Aufgrund ihrer Verbindungen und ihrem Insiderwissen – die Rohstoffmärkte kennen so gut wie keine Restriktionen gegen Insiderhandel – sind sie zu Entscheidern über Macht oder Ohnmacht geworden, insbesondere in den schnell wachsenden Volkswirtschaften Asiens, Lateinamerikas und Afrikas. Sie sind Teil der Nahrungsketten, gestalten diese darüber hinaus aber auch selbst mit und die dabei lockenden Gewinne können riesig sein“, schreibt Reuters.

Die unbekannten Rohstoffgiganten

Wie bereits beschrieben liegt ein beträchtlicher Teil des Welthandels mit Rohstoffen in den Händen vergleichsweise weniger Konzerne. Schätzungen zufolge kontrollieren die zehn größten Gesellschaften in etwa die Hälfte des tagtäglichen Handelsumsatzes von Rohstoffen und Grundnahrungsmitteln auf dem Globus.

Als größter der großen „Unbekannten“ gilt die Vitol Group. Die im Jahr 1966 von Ian Taylor gegründete und in Privatbesitz befindliche Gesellschaft sitzt im Schweizer Genf und im niederländischen Rotterdam. Vitol handelt in erster Linie mit Rohöl und Öl- sowie Gasprodukten und ist mit über 8 Millionen (Stand 2019) täglich bewegter Barrel (ein Barrel entspricht einem Faß von 159 Litern) einer der größten Ölhändler der Welt. Mit seinen rund 250 Tankern und Frachtschiffen handelt Vitol darüber hinaus auch Nahrungsmittel wie Getreide und Weizen und in geringerem Umfang Metalle und erwirtschaftete 2019 einen Umsatz von rund 230 Milliarden US-Dollar. Das Unternehmen besitzt zudem Explorationsrechte in Erkundungsgebieten sowie Anteile an Minen und Raffinerien auf der ganzen Welt.

Bedeutend ist auch der im Jahr 1974 von einem schillernden Geschäftsmann namens Marc Rich als Marc Rich & Co. gegründete Konzern Glencore. Der im Schweizerischen Baar sowie auf der Kanalinsel Jersey ansässige Player erwirtschaftete im Jahr 2019 Umsätze von 215 Milliarden Dollar. Während Vitols Geschäftsfokus auf Erdöl und dessen Derivateprodukten liegt, handelt Glencore vornehmlich mit Aluminium, Kupfer, Zink und Kohle, verfügt aber auch über ein Standbein im Bereich der Mineralöle. Zudem besitzt die Gruppe zahlreiche Anteile an Minenprojekten weltweit. Glencore nimmt innerhalb der Riege der Rohstoffgiganten eine Sonderstellung ein, weil es eine der wenigen Aktiengesellschaften (Börsengang 2011 in London) ist.

Im Jahr 1993 von ehemaligen Managern des Marc Rich-Firmenimperiums gegründet, hat sich das in Amsterdam, Singapur, London und der Schweiz registrierte Handelshaus Trafigura einen Namen gemacht. Mit Umsätzen in der Größenordnung von 180 Milliarden Dollar im Jahr 2018 gilt Trafigura – das vornehmlich im Erdölsektor und im Markt für Nichteisenmetalle aktiv ist – heute als eines der größten Handelshäuser der Welt. 2019 wurden täglich durchschnittlich mehr als 6 Millionen Barrel Öl oder Erdölprodukte gehandelt.

Die im Jahr 2004 gegründete Mercuria Energy Group mit Sitz in der Schweiz (Genf) handelt vornehmlich mit Rohöl, Öldestillaten wie Benzin und Heizöl sowie mit Kohle, Erdgas und Bio-Diesel und erwirtschaftete 2019 mit ihren Aktivitäten Umsätze in der Größenordnung von 120 Milliarden US-Dollar.

Das auf Getreide- und sonstige Agrarprodukte spezialisierte Cargill mit Sitz in Minnetonka, Minnesota, ist vermutlich der größte US-amerikanische Rohstoffhändler der Welt und erwirtschaftete 2018 etwa 115 Milliarden Dollar Umsatz. Das bereits 1865 gegründete Unternehmen handelt neben allerlei Grundnahrungsmitteln auch mit Salz, Biodiesel, Stahl und Energieprodukten.

Das in Witchita, Kansas, ansässige multinationale Unternehmen Koch Industries deckt eine breite Palette von Märkten mit seinen Handelsaktivitäten ab. Geschäfte mit Kohle, Ölderivaten, Petroleum, Petrochemie, Papier, Forstwirtschaft, Mineralien, Dünger, Polymeren und Viehwirtschaft generierten 2019 einen Umsatz von etwa 115 Milliarden Dollar.

Die auf Zypern registrierte Gunvor Group unterhält Niederlassungen in Genf, Singapur, Dubai und auf den Bahamas und handelt in erster Linie mit raffinierten Ölprodukten wie Benzin, Kerosin oder Flüssiggas, Rohöl, Kohle, Biotreibstoffen, Kohlenstoffdioxid-Emissionsrechten und verschiedenen Getreidesorten und generierte damit im Jahr 2019 einen Umsatz von 75 Milliarden Dollar.

Archer Daniels Midland mit Sitz in Minneapolis, Minnesota, handelt mit Ölsaaten, Mais, Kakao und bietet eine Reihe von Dienstleistungen für den Agrarsektor wie beispielsweise Lagerhaltung, Mühlenbetrieb und Verarbeitung und Transport an und erwirtschaftete damit im Jahr 2018 einen Umsatz von etwa 65 Milliarden Dollar.

Weitere bedeutende Rohstoffhändler sind Bunge, Louis Dreyfus Company, Noble Group, Wilmar International Limited, Arcadia Petroleum Limited, Mabanaft, Olam International und Hin Leong Trading.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Technologie
Technologie E-Auto: Gebrauchte Elektroautos könnten bald deutlich attraktiver werden
06.06.2026

Der Markt für gebrauchte Elektroautos wächst, bleibt aber deutlich hinter klassischen Verbrennern zurück. Gründe dafür sind hohe...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Deutsche Wirtschaftspolitik unter Beschuss: Mittelstand und Traditionsunternehmen in Existenznot
06.06.2026

Insolvenzrekorde, verzweifelte Unternehmer und eine stagnierende Wirtschaft. Die Existenznot in deutschen Firmen geht um, die Lage war noch...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Selbstzweifel im Job: Wie Schwächen zu Stärken werden
06.06.2026

Im Arbeitsalltag verläuft nicht immer alles reibungslos. Weshalb Selbstzweifel ganz normal sind und welche Fragen jetzt besonders wichtig...

DWN
Panorama
Panorama Mercedes CLA im Test: Ungewöhnlich, sparsam und besser denn je
06.06.2026

Der neue Mercedes CLA sieht nicht sofort nach Liebe auf den ersten Blick aus. Doch unter der auffälligen Hülle steckt ein überraschend...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft KI-Logistik fordert Frachtgiganten heraus
06.06.2026

Die Frachtbranche galt lange als Geschäft aus Stahl, Schiffen und Terminals. Nun dringt KI in die Buchungen ein, automatisiert Dokumente...

DWN
Politik
Politik EZB warnt vor Risiken für die Finanzstabilität bei längerem Iran-Krieg
06.06.2026

Die Banken wirken stabil, die Märkte aber nicht. Der Iran-Krieg trifft auf hohe Bewertungen, nervöse Anleger und Staaten mit knappen...

DWN
Politik
Politik Atomabkommen mit dem Iran: Warum Trump Obamas Iran-Deal zu Fall brachte
06.06.2026

Donald Trump macht keinen Hehl daraus, dass er Barack Obamas Iran-Politik für einen Fehler hält. Der Ausstieg der USA aus dem...

DWN
Technologie
Technologie Der neue Fachkräftemangel: Jetzt fehlen Mitarbeiter mit KI-Kompetenz
06.06.2026

KI-Kompetenz wird zum neuen Engpass am Arbeitsmarkt. Unternehmen brauchen Mitarbeiter, die Künstliche Intelligenz produktiv einsetzen,...