Deutschland

Wasserstoff-Import aus Afrika: Deutschland irritiert mit astronomischer Berechnung

Die Bundesregierung kann zuhause nicht den notwendigen Grünen Wasserstoff herstellen und ist deswegen auf den Import aus anderen Ländern angewiesen. Eine wichtige Partner-Region soll West-Afrika werden. Das Potenzial, das die Bundesregierung dort errechnet hat, wirkt aber schon fast wahnsinnig.
25.07.2021 13:52
Aktualisiert: 25.07.2021 13:52
Lesezeit: 6 min
Wasserstoff-Import aus Afrika: Deutschland irritiert mit astronomischer Berechnung
Ein verlassenes Auto in einer Wüste in Nigeria. Ausgerechnet hier, wo der Wassermangel so groß ist, will Deutschland Wasserstoff produzieren lassen. (Foto: dpa) Foto: Jerome Delay

„Mit Wasserstoff-Partnerschaften in Afrika eröffnen wir den Menschen vor Ort den Weg in globale Energiemärkte und zu mehr Wohlstand. Wir wollen gemeinsam mit den Menschen in Namibia, Südafrika oder im westlichen Afrika zunächst die nötige Wertschöpfung aufbauen“, sagt Stefan Kaufmann, der Innovationsbeauftragte für „Grünen Wasserstoff“ der Bundesregierung.

Hintergrund: Die Wasserstoff-Partnerschaften, die Kaufmann hier nennt, sind ein wichtiger Baustein der Nationalen Wasserstoff-Strategie der Bundesregierung. Denn das Land verfügt nicht über genügend eigene Produktionsstätten, um den künftigen Bedarf decken zu können. Deshalb schwärmt die Bundesregierung derzeit auf dem gesamten Erdball in alle Richtungen aus, um Lieferpartner zu finden.

Ein sehr wichtiger Erdteil ist das westliche Afrika, das in der deutschen Strategie eine besondere Rolle übernehmen soll. So hat das Bundeswissenschaftsministerium gerade einen Zwischenbericht über das Projekt „H2-Atlas-Africa“ veröffentlicht, das die Zusammenarbeit mit diesem Teil des Kontinents fördern soll. Die Publikation spricht von „guten Chancen für Grünen Wasserstoff aus Afrika“.

Die Bundesregierung strebt eine Kooperation mit den 15 Staaten der westafrikanischen Wirtschaftsunion ECOWAS an, die insgesamt eine wirtschaftliche Leistung von 615 Milliarden Dollar generieren – also rund das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Polens. Sie liegen auf einer Fläche, die etwa ein Fünftel größer als die EU ist. Das Bundesministerium für Wissenschaft stützt sich auf eine Partnerschaft mit der Wirtschaftsgemeinschaft, die ungefähr zehn Jahre alt ist.

Fast irrsinnig: West-Afrika soll deutschen Bedarf rund 1.500mal decken

„Es eignen sich 33 Prozent der Landfläche für Photovoltaikanlagen, bei den Onshore-Windkraftanlagen – also den Anlagen auf Land – sind es sogar 76 Prozent“, geht aus dem Bericht hervor. „Theoretisch liegt das gesamte Potenzial der Wasserstoffproduktion in den ECOWAS-Staaten bei rund 165.000 Terrawattstunden (TWh, eine Milliarde Kilowattstunden), die sich daraus gewinnen lassen“, so Solomon Agbo, ein Wasserstoff-Experte aus Jülich, mit dem die Bundesregierung eng zusammenarbeitet.

Hintergrund: Sollte der Wissenschaftler mit seinen Berechnungen Recht behalten, dann wäre West-Afrika in der Lage, den deutschen Bedarf rund 1.500mal zu decken – eine schier unglaubliche Zahl. Dies hört sich an, als wollte die Bundesregierung nach den Sternen greifen. Denn der Nationale Wasserstoffplan sieht vor, dass Deutschland bis 2030 90 bis 110 Terrawattstunden aus Wasserstoff produziert.

„Die Durchschnittskosten für die Kilowattstunde Strom aus Photovoltaik werden mit zwei bis vier Cent beziffert, bei Windkraft sind es zwei bis 15 Cent. Der errechnete Preis für das Gros der Produktion von Wasserstoff in Westafrika liegt unter 2,50 Euro pro Kilogramm“, schreibt das Ministerium weiter in seinem Bericht und weist dabei daraufhin, dass in diesem Preis noch nicht die Transportkosten nach Europa berücksichtigt sind.

Zur Einordnung: Damit würde der Rohstoff sehr wahrscheinlich auch nach europäischen Kriterien rentabel produziert werden. Denn die EU geht in ihrem Strategie-Papier 2020 davon aus, dass die Kosten zwischen 2,5 bis 5,5 Euro je Kilogramm liegen müssen, damit sich die Projekte für Grünen Wasserstoff rechnen.

Das große Potenzial von West-Afrika kommt nicht zuletzt deswegen zustande, weil rund 50 Prozent der Gesamtfläche theoretisch mit Anlagen für Erneuerbare Energien bebaut werden kann. Zum Vergleich: In der EU sind des derzeit gerade einmal fünf Prozent, weshalb die Bundesregierung auf anderen Kontinenten nach Lieferpartnern Ausschau halten muss.

Ein Problem ist allerdings, dass das Bundesministerium für Wissenschaft seine Berechnungen auf der Grundlage der aktuellen Daten gemacht hat, die sich sehr schnell ändern. Denn in den westafrikanischen Ländern wird sehr schnell Land bebaut, weil die Menschen zunehmend in die Städte fliehen. Darüber hinaus hat man noch nicht die Schwierigkeit gelöst, wie man den Rohstoff nach Deutschland transportieren soll.

Drohende Wasserknappheit und politische Instabilität als Risikofaktoren

Und das sind noch nicht alle Hürden, die man überwinden muss: In West-Afrika droht in absehbarer Zeit eine Knappheit von Wasser, das für die Produktion des grünen Wasserstoffs notwendig ist. Darüber hinaus haben große Teile der Bevölkerung noch gar keinen Zugang zu Strom. Beispielsweise in Ghana wird immer noch sehr viel Energie mit importiertem Diesel erzeugt.

Die Industrie, die auf diese Weise den Strom generiert, dürfte sich dagegen aussprechen, dass die Politiker auf einmal die Erneuerbaren Energien fördern. Manche Länder sind dort schon politisch entwickelt, andere wiederum nur sehr wenig. Das bedeutet, dass es in der Region erhebliche politische und organisatorische Hürden zu überwinden sind.

Der Bau und Betrieb von Anlagen für den H2-Export könnten in einem solchen Kontext zu starken Konflikten führen. Die Erfahrungen des Kolonialismus sind in Afrika nirgends vergessen und können jederzeit für politische Mobilisierung genutzt werden. Möglicherweise mischt sich hier auch China ein. Damit rechnet jedenfalls der geopolitische Analyst der DWN, Cüneyt Yilmaz.

„Westafrika ist aufgrund seines Rohstoffreichtums seit den 1960er Jahren ein begehrtes geopolitisches Ziel Pekings“, sagt der Fachmann. „Wo immer die Chinesen wirtschaftlich und schlussendlich politisch aktiv werden wollen, investieren sie immer zuerst in die Infrastruktur, was für die Zielländer durchaus attraktiv ist. Das gilt nicht nur für die zentral- und osteuropäischen Länder der ,16+1-Initiative‘ der Chinesen, sondern auch für Westafrika. Ob sich die westafrikanischen und weitere afrikanischen Staaten für Kohle oder die Wasser-Elektrolyse entscheiden werden, um Wasserstoff herzustellen, bleibt abzuwarten“, erklärt Yilmaz.

„Entscheiden sie sich für die Wasser-Elektrolyse, gewinnt Deutschland. Entscheiden sie sich für die kostengünstige Kohle-Alternative, gewinnt China. Welche weiteren externen Mächte die Entscheidungsfindung in den Ländern Westafrikas beeinflussen könnten, sollte genauestens erörtert werden, um mögliche störende Aktionen zu vereiteln. Das wäre mein Rat an die Bundesregierung“, sagt der Analyst.

Auch Saudi-Arabien, Australien und die Ukraine werden Partner Deutschlands

Doch nicht nur West-Afrika, sondern auch andere Standorte bieten sich an, um für Deutschland zu produzieren. Dazu gehört Saudi-Arabien, mit dem die Bundesregierung in der zweite März-Hälfte eine Absichtserklärung zur Zusammenarbeit unterschrieben hat. Das arabische Land gilt bisher als bedeutender Produzent von Grauem Wasserstoff, der aus fossilen Brennstoffen gewonnen wird und als weniger umweltfreundlich gilt.

Die Erneuerbaren Energien spielen bisher allerdings kaum eine Rolle, so dass die saudische Regierung viel in deren Entwicklung investieren muss. Berechnungen der internationalen Energieagentur IRENA zufolge lag ihr Anteil an der Gesamtproduktion bei 0,5 Prozent oder 0,41 Gigawatt. Der Nationale Plan für Erneuerbare Energie (NREP) sieht jetzt vor, dass bis 2023 27,3 Gigawatt an Kapazitäten geschaffen werden. Bis 2030 sollen es sogar 58,7 Gigawatt werden. Die Preise, die die Regierung anstrebt, liegen bis drei und vier Euro pro Kilogramm, also weit unter dem, was die EU eingeplant hat. Die Experten der deutschen Wirtschaftsförderungsgesellschaft GTAI halten diese Pläne allerdings für „wenig realistisch“.

Ein weiteres Land, mit dem die Bundesregierung zusammenarbeitet, ist Australien. Beide Partner haben Mitte Juni eine Absichtserklärung unterzeichnet. „Unser Ziel ist es, den billigsten sauberen Wasserstoff der Welt zu produzieren, der den Verkehrssektor, den Bergbau und die Rohstoffgewinnung in Australien und Übersee verändern wird“, erklärte der australische Premierminister Scott Morrison.

Fünf Großprojekte in der Ukraine mit deutscher Beteiligung

Zusätzlich soll die Ukraine künftig einen wichtigen Part bei der Versorgung mit Wasserstoff übernehmen. „Unser Markt für Grüne Energien ist gut entwickelt und verfügt über ein riesiges Potenzial für die weitere Entwicklung“, sagte Sergiy Tsivkach, der CEO der Wirtschaftsförderungsgesellschaft UkraineInvest, im Gespräch mit den Deutschen Wirtschaftsnachrichten. Denn auch sein Land verfügt aufgrund seiner großen Fläche über viele Standorte, die sich für Windkraft-Anlagen anbieten.

Hintergrund: Deutschland und die Ukraine haben bereits eine Kooperation gegründet, die Energielieferungen aus dem osteuropäischen Land sichern soll. Beide Partner haben zehn Pilotprojekte ausfindig gemacht, von denen einige im kommenden Jahr starten werden.

Grundsätzlich sind in den kommenden Jahren in der Ukraine fünf Großprojekte für Produktionsstätten geplant, deren Investitionsvolumina zwischen 125 Millionen Euro und 14 Milliarden Euro liegen – also maximal im zweistelligen Milliarden-Euro-Bereich.

Der Großteil der Herstellung ist für den Export bestimmt. Bei einem Projekt sitzt Siemens im Konsortium. Darüber hinaus haben ThyssenKrupp und Linde ihr Interesse bekundet, bei einem anderen Vorhaben im Führungsgremium vertreten zu sein.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Neue Ära im Welthandel: Bain-Chef sieht strukturellen Umbruch
21.02.2026

Geopolitische Spannungen und technologische Umbrüche erzwingen eine strategische Neuausrichtung in der Weltwirtschaft. Wie lässt sich...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Künstliche Intelligenz verdrängt Influencer: Generation Z trifft Kaufentscheidungen mit KI
21.02.2026

Künstliche Intelligenz beeinflusst zunehmend, wie junge Konsumenten Informationen bewerten und Kaufentscheidungen treffen. Welche Folgen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Tarifjahr 2026: Lohnrunden unter wachsendem Druck
21.02.2026

Rund zehn Millionen Beschäftigte verhandeln 2026 neue Tarifverträge, denn in zahlreichen Schlüsselbranchen laufen Entgelttarifverträge...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Gehaltsverhandlungen: Welche Faktoren entscheiden über den Erfolg?
21.02.2026

Der Spielraum für Gehaltsverhandlungen schrumpft in einem sich beruhigenden Arbeitsmarkt, während die Erwartungen an Vergütung und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Leapmotor C10 im Praxistest: Günstiger Elektro-SUV im Tesla-Vergleich
21.02.2026

Der elektrische Leapmotor C10 ist rund sechstausend Euro günstiger als ein Tesla Model Y, die Hybridvariante C10 REEV liegt preislich...

DWN
Politik
Politik Cum-Ex-Skandal: Kronzeuge Steck im DWN-Interview – wie Banken deutsche Gesetze mitschrieben
21.02.2026

Cum-Ex gilt als größter Steuerskandal der deutschen Geschichte. Doch wie konnte es passieren, dass ausgerechnet Banken beim Schreiben der...

DWN
Politik
Politik Cum-Ex-Skandal: Kronzeuge Steck im DWN-Interview – der Betrug, den Politik und Banken gemeinsam möglich machten
21.02.2026

Zehn Milliarden Euro Schaden, tausende Beschuldigte – und bis heute keine politische Verantwortung. Der Cum-Ex-Kronzeuge und Autor Dr....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europa reformiert Lkw-Maut 2026: Höhere Tarife und neue CO2-Regeln
21.02.2026

Europas Lkw-Maut wird 2026 umfassend reformiert, viele Staaten erhöhen Tarife und stellen auf CO2-basierte Kilometerabrechnung um. Welche...