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Richard Bransons Flug ins All: Es geht nicht um Weltraum-Tourismus - sondern um die Kontrolle der globalen Kommunikation

DWN-Kolumnist Ernst Wolff deckt auf, worum es beim Wettlauf der Superreichen im All wirklich geht. Eins steht fest: Staatliche Akteure spielen überhaupt keine Rolle mehr.
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avtor
18.07.2021 10:00
Lesezeit: 5 min
Richard Bransons Flug ins All: Es geht nicht um Weltraum-Tourismus - sondern um die Kontrolle der globalen Kommunikation
Mit dieser Kapsel sollen Touristen ins All gebracht werden. Doch das ist nur ein Zusatzgeschäft. An das ganz große Geld und die ganz große Macht wollen die Super-Milliardäre auf anderem Weg gelangen. (Foto: picture alliance/dpa/Blue Origin/AP)

Vor genau einer Woche, am 11. Juli 2021, hat der britische Milliardär Richard Branson das Rennen gegen Amazon-Gründer Jeff Bezos und Tesla-Gründer Elon Musk für sich entschieden: Vor den Augen von achthunderttausend Internet-Usern kam er seinen Konkurrenten zuvor und flog mit dem Raumschiff „VSS Unity“ seines Unternehmers „Virgin Galactics“ ins All.

Was bei oberflächlicher Betrachtung wie das Kräftemessen ultrareicher und etwas kindischer Unternehmer wirkt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als knallhartes Ringen um Wettbewerbsvorteile auf einem brandneuen und äußerst profitträchtigen Markt. Alle drei Männer betreiben nämlich seit Jahren die kommerzielle Erschließung des Weltraums zum Zwecke seiner touristischen Nutzung.

Ihr Ziel ist es, Superreichen aus aller Welt Reisen ins All zu ermöglichen, die zwischen zehn Minuten und drei Tagen dauern und zwischen einer Viertelmillion und knapp sechzig Millionen Dollar kosten sollen. Als potentielle Klienten kommen etwa eine Million zahlungskräftige Interessenten weltweit in Frage.

Das aber ist bei weitem nicht das einzige Ziel der drei: Sowohl Branson als auch Bezos und Musk arbeiten fieberhaft an einem Projekt, das nicht nur sie und ihre wohlhabende Klientel, sondern die gesamte Menschheit betrifft: Sie wollen das All mit Satelliten ausstatten, über die in naher Zukunft weltweit das Breitband-Internet laufen soll.

Offiziell lautet das Ziel ihrer Mission „Inklusion“. Nach eigenen Angaben wollen sie Millionen von Menschen in Afrika, Asien und Südamerika, die bisher nicht digital kommunizieren können, den Zugang zum Netz ermöglichen.

Das aber ist nur eine Seite der Medaille, denn das Vorhaben hat auch eine Schattenseite, die uns alle betrifft: Die Platzierung von tausenden Satelliten im Weltall ist nicht nur gefährlich, sie gibt vor allem einer Handvoll Individuen die Möglichkeit, den Rest der Menschheit zu beherrschen – und zwar ohne die Anwendung von Gewalt oder Repressalien, sondern nur durch die Nutzung historisch einmaliger technischer Manipulationsmöglichkeiten im Bereich der Telekommunikation.

Wie alles begann

Der Wettlauf der drei Männer um die kommerzielle Erschließung des Weltalls hat vor etwa zwanzig Jahren begonnen. Erster milliardenschwerer Einsteiger in das Geschäft privater Raumfahrtunternehmen war Jeff Bezos, der im September 2000 „Blue Origin“ (englisch für „Blauer Ursprung“) gründete. Es konzentrierte sich zunächst auf suborbitale, später dann auch auf orbitale Flüge und entwickelt seit einiger Zeit auch das Mondlandegerät „Blue Moon“.

Im Juni 2002 stieg Elon Musk in das Geschäft ein und gründete Space X (Space Exploration Technologies Corporation). Das Unternehmen für Technologien zur Erforschung des Weltalls soll es ermöglichen, den Mars zu kolonisieren und menschliches Leben auf anderen Planeten zu verbreiten. Musks erklärtes Ziel ist es, die Menschheit "multiplanetar" machen.

2017 löste SpaceX das bereits 1980 gegründete „Arianespace“ mit Sitz in Frankreich als weltweiter Marktführer für Satellitenstarts ab. Arianespace ist für den Betrieb und die Vermarktung der europäischen Startsysteme Ariane und Vega zuständig und führt seit 2007 auch Starts der russischen Sojus-Rakete durch.

Im September 2004 stieß Richard Branson zum Kreis der milliardenschweren Weltraumeroberer hinzu und gründete Virgin Galactics mit dem Ziel, zunächst sub-orbitale und später orbitale Raumflüge für Weltraumtouristen anzubieten. Im Juli 2005 gründete er als Joint Venture das Unternehmen „The Spaceship Company“, das seit 2012 eine 100prozentige Tochtergesellschaft von Virgin Galactics ist.

Branson erhielt im Juni 2021 von der US-Luftfahrtbehörde FAA die Lizenz für Passagierflüge, die es ihm ermöglichte, zusammen mit zwei Piloten und einer fünfköpfigen Crew noch vor Jeff Bezos, dessen Jungfernflug für den 20. Juli geplant ist, ins All aufzusteigen.

Tourismus für Millionäre ist nur der Einstieg

Mit dem Weltraum-Tourismus für Ultrareiche wird die Tür für wesentlich weitreichendere Aktivitäten im All aufgestoßen. Zum einen geht es dabei um die Einführung eines für eine größere Zielgruppe erschwinglichen Weltall-Massentourismus, zum anderen um die Möglichkeit, einen Teil der irdischen Warenproduktion ins Weltall zu verlegen.

Im Rahmen ihrer Öffentlichkeitsarbeit versäumen die drei Milliardäre nicht, ihre Pläne ganz im Stil unserer Zeit als nachhaltig, umweltschonend und wegweisend anzupreisen. Während Musk das Problem der Überbevölkerung durch das Ausweichen auf andere Planeten lösen will, stellen Bezos und Branson die Verlagerung von Produktionskapazitäten ins All gern als ihren Beitrag zur Verminderung der Luftverschmutzung auf der Erde dar.

Auch das in der Öffentlichkeit am wenigsten bekannte Projekt, nämlich die Bestückung des Alls mit tausenden von Satelliten, wird mit der „Inklusion“ als eine Art humanitäre Aktion verkauft. Doch alle beschönigenden Worte können nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir es hier mit einem der gefährlichsten und für die gesamte Menschheit überaus bedrohlichen Unterfangen zu tun haben.

Das Großprojekt, von dem kaum jemand spricht

Von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, hat Amazon im April 2019 das „Project Kuiper“ (benannt nach dem US-Astronomen Gerard Peter Kuiper) gestartet. Es umfasst Hochleistungssatelliten, terrestrische Gateways, Internetworking-Technologien und eine Reihe von Kundenterminals. In den kommenden Jahren sollen 3.236 Satelliten auf drei Umlaufbahnen in einer Orbitalhöhe von circa 600 Kilometern geschickt werden, um die Vereinigten Staaten und den größten Teil der restlichen Welt mit Satelliten-Internet zu versorgen.

Im Juli 2020 kündigte Amazon an, mehr als zehn Milliarden Dollar in das Vorhaben zu investieren, im April 2021 gab das Unternehmen bekannt, dass eine Reihe von Satellitenstarts von der Cape Canaveral Space Force Station in Florida erfolgen werde.

Präsident von Kuiper Systems ist Rajeev Badyal, ehemaliger Vizepräsident des Konkurrenten „Starlink“, dem von Elon Musks Firma SpaceX betriebenen Satellitennetzwerk. Badyal soll für eine rasante Aufholjagd sorgen, denn Starlink liegt im Rennen um die Vorherrschaft im All zurzeit ganz eindeutig vorn. Mit gegenwärtig 1.660 Satelliten im Erdorbit ist Starlink der mit Abstand größte Satellitenbetreiber weltweit.

Wer bereits angesichts der Zahl von etwas mehr als 1.600 Satelliten, die die Erde umkreisen, zusammenzuckt, sollte nicht weiterlesen. Denn insgesamt bestehen bis zum Jahr 2027 befristete Genehmigungen für den Start von fast 12.000 Satelliten sowie Anträge von SpaceX für nochmals bis zu 30.000 Satelliten. Das entspricht dem Fünffachen aller von 1957 bis 2019 gestarteten Satelliten.

Die Katastrophe ist vorprogrammiert

Dass Branson durch seine Publicity-trächtige Aktion vorgeprescht ist, hat primär Image-Gründe. Virgin Galactic ist nämlich beim Rennen um die Internet-Vorherrschaft im All erheblich zurückgefallen. Das liegt vor allem an den Problemen des Partners OneWeb, der Insolvenz anmelden musste und mit dem Virgin Galactic nun einen teuren Rechtsstreit austrägt.

Wie weit das Rennen zwischen Bezos und Musk bereits vorangeschritten ist, zeigt eine Bemerkung von Elon Musk auf dem „Mobile World Congress“ in Barcelona vor etwa zwei Wochen: Dort kündigte er an, dass Starlink schon im kommenden Monat mit Ausnahme des Nord- und des Südpols weltweit verfügbar sein werde.

Sollte sich seine Prognose als zutreffend erweisen, dürfte Musk als der große Gewinner aus dem Rennen hervorgehen. Freuen sollte sich darüber jedoch niemand, denn auf die ohnehin krisengeschüttelte Menschheit kommen damit zwei ganz neue Probleme zu.

Zum einen ist die Bestückung des Alls mit immer mehr Satelliten alles andere als ungefährlich. Sie alle müssen mit einer Ausweichtechnik ausgerüstet sein, und es kommt angesichts der aktuellen Zahl von circa zweitausend Satelliten bereits zu drei Ausweichmanövern pro Tag. Wenn Musks und Bezos‘ Pläne Wirklichkeit werden, wird sich die Zahl der Ausweichmanöver auf acht pro Stunde erhöhen.

Zu dem Risiko von Kollisionen mit Kettenreaktionen und unabsehbaren Folgen kommen auch noch die Verdunkelung durch die Abdeckung der Sonnenstrahlung und die Veränderung des Nachthimmels. Nicht einmal erwähnt wird in allen Plänen die Entsorgung von Weltraumschrott, obwohl das Problem schon bald dazu führen könnte, dass ganze Umlaufbahnen auf Dauer nicht mehr zu nutzen sind.

Das mit Abstand größte Problem jedoch dürfte die Tatsache sein, dass die weltweite Kommunikation durch die Satellitentechnik von einer winzigen Zahl von Menschen beherrscht werden wird, die niemand gewählt hat, die aber mehr Macht in Händen halten werden als jede Regierung der Welt.

Es wird ihnen möglich sein, sämtliche globale Finanz- und Datenflüsse in einer Weise zu steuern und zu lenken, wie es bisher niemand vermocht hat, und so eine Abhängigkeit zu schaffen, wie sie die Welt in ihrer Geschichte noch nicht gesehen hat.

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Ernst Wolff, 69, befasst sich mit der Wechselbeziehung zwischen internationaler Politik und globaler Finanzwirtschaft.

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