Politik

Ronald Barazon: Wir brauchen den Great Reset

Lesezeit: 6 min
17.07.2021 10:08  Aktualisiert: 17.07.2021 10:08
DWN-Kolumnist Ronald Barazon hält ein flammendes Plädoyer.
Ronald Barazon: Wir brauchen den Great Reset
Eine junge Linde reckt sich stolz in den Abendhimmel von Frankfurt - die Art von Great Reset, die Roland Barazon außerordentlich gut gefällt. (Foto: dpa)

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Immer lauter und immer öfter ertönt der Ruf nach einer neuen Weltordnung, nach einem „Great Reset“. Da stellen sich doch ein paar Fragen. Welche Weltordnung soll ausgerufen werden? Und: Wer ist es, der die Welt neu ordnen und anschließend regieren soll? An und für sich wäre eine neue Ordnung angesichts der chaotischen Zustände auf dem Globus ja eine positive Entwicklung. Doch sind mit dem – ziemlich vagen - Begriff „neue Weltordnung“ die absurdesten Vorstellungen verbunden. Skepsis ist also angebracht. Zumal in den westlichen Gesellschaften laut Umfragen die Unzufriedenheit weit verbreitet ist. Laut dieser Umfragen kann man davon ausgehen, dass in den Demokratien 30 Prozent der Bevölkerung bereit sind, jeder Parole zu glauben, die eine wie auch immer geartete Besserung der Lage verspricht. Nicht übersehen darf man in diesem Zusammenhang, dass die seit einiger Zeit allgemein betriebene Grünpolitik bereits eine problematische neue Weltordnung zu schaffen versucht.

Wer die Aufgabe erhält, die Welt zu ordnen, wird unweigerlich zum Diktator

Der Begriff „Weltordnung“ impliziert, dass irgendjemand die Welt „geordnet“ hat. Bereits dieser erste Hinweis ist beunruhigend. Wer ist in der Lage, die lebendige Vielfalt, die den Globus bestimmt, zu ordnen? Der Versuch muss unweigerlich in einer Diktatur enden, die alle unterdrückt, die eine andere Vorstellung von der Welt haben als der gerade bestimmende „Ordner.“ Man muss sich nur umsehen und die Zustände beobachten, die in autoritären Regimen herrschen, und es wird klar, dass der „Ordner“ anderen seien Willen aufzwingen will. Aber: An dieser Stelle ertönt unweigerlich der Protest seitens der „Ordner“ beziehungsweise derjenigen, die „Ordner“ werden wollen, dass sie es doch nur gut meinen, dass sie doch mit ihrer neuen Weltordnung keine undemokratische Welt anstreben, im Gegenteil.

Die Stammtische der Milliardäre

Womit sich die Frage stellt, wer ist „man“? Nun, die Künder der Notwendigkeit eines „Great Reset“ sind in erster Linie Milliardäre, die viel Zeit haben, weil ihre Unternehmen entweder von Managern geführt werden oder längst gegen viel Geld verkauft wurden. Mit Freunden und vermeintlichen Experten bilden sie einen Klub, in dem über die Welt räsoniert wird. Es handelt sich im Grund um eine Einrichtung, die dem Stammtisch in einem Dorfgasthof gleicht, nur, dass das der Wein in den für die Treffen gewählten Lokalen viel teurer ist. Die Teilnehmer sind von ihrer überragenden Bedeutung überzeugt, schließlich zeige der berufliche Erfolg, messbar in Milliarden, dass man außergewöhnliche Fähigkeiten habe. Und dieses Können müsse doch auch für die Lenkung der Welt taugen.

Die Installierung einer Politmarionette endet meist in einer Katastrophe

Diese Annahme ist jedoch ein Irrtum. Das erfolgreiche Verkaufen von Öl, Computern oder Getränkedosen süßlichen Inhalts; das Geschick, an den Börsen gewinnbringend zu spekulieren; oder gar die hohe Geburt sind kein Ausweis für politische Kompetenz. Es gibt genug eindrucksvolle Beispiele dafür, wie in der Vergangenheit Superreiche als Politiker versagten.

  • Ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit: Die russischen Oligarchen wollten um 2000 eine – in ihrem Sinne - funktionierende Demokratie errichten. Für diese Aufgabe suchten sie eine Person, die sie gut steuern könnten, die ihre Vorstellungen umsetzen würde. Sie kamen auf Wladimir Putin – also auf den Mann, der mittlerweile alle Oligarchen entmachtet und sich als autoritärer Herrscher etabliert hat.
  • Ein etwas älteres Beispiel. Viele Industrielle und Großgrundbesitzer haben den Nationalsozialismus unterstützt, weil sie meinten, Hitler würde nach ihrer Pfeife tanzen. Das Ergebnis, wir wissen es nur zu gut, war die Errichtung einer „Ordnung“, die die Welt ins Chaos stürzte.
  • Ein altes Beispiel: 1273 konnten sich die reichen Fürsten des Heiligen Römischen Reichs nicht einigen, wer von ihnen König werden sollte, und wählten schließlich – als Kompromiss – den vermeintlich unbedeutenden Rudolf von Habsburg. In der Folge zwangen die Habsburger als absolutistische Herrscher großen Teilen Europas ihre „Ordnung“ auf.

Mit anderen Worten: Die kapitalstarken Weltverbesserer haben in aller Regel nicht die besten Rezepte für die Welt. Ja, die Manie, unbedingt als „ordnende Hand“ agieren zu müssen, die eine Politmarionette steuert, die alle Befehle ihres Herrn untertänigst befolgt und alle Vorgaben umsetzt, ist brandgefährlich. Man muss also dem „Club of Rome“, den „Bilderbergern“, dem „World Economic Forum“ und wie die zahlreichen anderen Stammtische heißen mögen, mit größter Skepsis begegnen.

Wer an die Macht kommt, entscheidet in erster Linie der Zufall

Die Tatsache, dass sich die Welt derzeit in keinem guten Zustand befindet, bleibt aber bestehen. Die Feststellung dieses Umstands durch die „Ordner“, also diejenigen, die meinen, die wahren Mächtigen zu sein, ist legitim. Aber: Die Politik wird von den Politikern gemacht, nicht von geheimnisvollen Akteuren im Hintergrund. Und wenn das politische Personal, wie dies derzeit der Fall ist, den aktuellen Herausforderungen nicht gewachsen ist, dann stolpert die Welt durch eine schwierige Zeit. Dieses Phänomen ist keine alleinige Erscheinung der Demokratie. Auch in der Monarchie wechselten unfähige und tüchtige Herrscher. Wer an die Macht kommt, ist sehr stark vom Zufall abhängig, und dieser Umstand ist leider nicht zu ändern.

Die Unterwerfung unter eine Obrigkeit dominiert auch in der Demokratie

Zu ändern ist aber etwas anderes: Es gibt ein Korrektiv, nämlich die Demokratie, die Herrschaft des Volkes, aber dieses Korrektiv funktioniert nicht gut, wie wir gleich sehen werden. Zunächst einmal dies: Selbstverständlich können nicht Millionen von Bürgern herrschen, dieses Geschäft müssen schon die Politiker besorgen. Es ist aber auch nicht damit getan, dass das Volk einfach nur Abgeordnete wählt und diese anschließend den exekutiven Herrscher. Denn auch bei diesem System kommt es letztlich zur Schaffung einer Autorität, die dominiert. Die Möglichkeit der Abwahl nach einigen Jahren ist zwar besser als eine absolutistische Herrschaft auf Lebenszeit, verhindert aber nicht das Entstehen einer gewaltigen Machtfülle. Diese muss eingedämmt, eingehegt, korrigiert werden.

Doch dies geschieht nicht, oder zumindest nur sehr selten, wie wir oben bereits festgestellt haben. Und zwar deshalb nicht, weil in der Bevölkerung die Akzeptanz einer Obrigkeit breit verbreitet und bei Vielen tief verwurzelt ist. Mit anderen Worten: Die Bürger nützt die in der Demokratie gegebenen Möglichkeiten kaum. Da, genau an dieser Stelle, würde sich ein „Great Reset“ empfehlen. Allerdings kein Great Reset, der eine neue Weltordnung einläutet, sondern ein Great Reset, der gleichbedeutend ist mit einem neuen, verstärkten Engagement der Bürgerinnen und Bürger.

Gute Gründe oder billige Ausreden für den Mangel an Engagement?

  • Wer macht sich die Mühe, sich in einer Partei oder in der Berufsvertretung zu engagieren, für den lokalen Gemeinderat zu kandidieren, Elternsprecher zu werden?
  • Wer tut es sich an, im Betrieb den Vorgesetzten zu widersprechen, an der Universität der offiziellen Lehrmeinung kontra zu geben oder einer gerade in der Öffentlichkeit allgemein vertretenen Meinung lautstark zu widersprechen?
  • Vor allem: Wer macht sich die Arbeit, konkrete Vorschläge auszuarbeiten und diese gegen den Widerstand anderer zu vertreten?

Die Antwort auf diese Fragen: Wenige, sehr wenige!

Staaten, die heute Demokratien sind, haben eine Bevölkerung, die Jahrhunderte lang an Unterwerfung gewöhnt war. Die Erinnerung an Protestbewegungen, die blutig niedergeschlagen wurden, ist noch frisch. Selbständige haben kaum Zeit, politisches Engagement zu zeigen – viel zu leicht führt es zur Vernachlässigung des Betriebs. Und Arbeitnehmer, die politisch tätig sind, fallen oft in ihren Unternehmen unangenehm auf.

Gute Gründe? Vielleicht. Vielleicht aber auch nur Ausreden, die dazu führen, dass keine lebendige Demokratie zustande kommt! Die wenigen Tapferen, die sich dem Dienst für die Allgemeinheit, für die res publica widmen, verdienen den größten Respekt, doch wird ihr Einsatz oft nicht anerkannt, manchmal sogar selbst von jenen als lästig empfunden, deren Interessen sie vertreten.

Kurzum, die Möglichkeiten der Demokratie werden viel zu wenig genutzt, die Arbeit der Politiker wird nicht genügend in Frage gestellt, und so kann sich immer wieder eine politische Unkultur entwickeln, die an autoritäre Regime erinnert. In einer funktionierenden Demokratie, in der sich viele kritisch und konstruktiv einbringen, besteht die Chance, dass die Probleme gelöst werden. Nicht im Rahmen einer alles in ein Korsett zwingenden „Ordnung“, sondern in einem praxisbezogenen, kontinuierlichen Prozess – im Bewusstsein, dass dabei auch Rückschläge und Fehlentwicklungen auftreten, die immer wieder zu korrigieren sind.

Die frustrierten Verlierer sind anfällig für die Verlockungen eines „Weltordners“

Die mangelnde Kompetenz der meisten derzeit agierenden Politiker und das Fehlen einer aktiven, kritischen und konstruktiven Bürgerschaft ruft nicht nur die Klubs der Milliardäre auf den Plan. Auch jener Teil der Bevölkerung, der unter den aktuellen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verwerfungen besonders leidet und sich als verratener Verlierer fühlt, reagiert. Diese Gruppe dürfte in den westlichen Demokratien derzeit etwa 30 Prozent der Bevölkerung umfassen. Diese Menschen sind anfällig für das Versprechen einer neuen Ordnung und hoffen, durch eine fundamentale Wende zu den Gewinnern zu gehören. Sollte es also den Vorreitern eines „Great Reset“ gelingen, mit Hilfe einer Politmarionette zu herrschen, so können sie mit dem Applaus der Frustrierten rechnen. Derzeit ist diese Personengruppe das Reservoir, in dem Extremisten der verschiedensten Richtungen Gefolgsleute finden.

Die von allen Gruppierungen übernommene Grünbewegung etabliert bereits eine neue Weltordnung

Unabhängig von den – oben beschriebenen – Initiativen der Klubs der Reichen findet derzeit bereits die Umsetzung einer neuen Weltordnung statt: Nämlich die mittlerweile von fast allen Parteien und allen Regierungen übernommene Grünbewegung. Unter anderem schlägt sie sich darin nieder, dass ein Bereich nach dem anderen außerordentlich problematischen Nachhaltigkeitsregeln unterworfen wird. Kaum jemand wagt es noch, diese neue Politik auch nur zu diskutieren, und ihre wenigen Kritiker werden als Verräter an den künftigen Generationen gemobbt, wenn sie die Sinnhaftigkeit einiger Maßnahmen bezweifeln.

Nur ein Beispiel: Dass eine Stromversorgung, die nur auf Sonne und Wind basiert, nicht funktionieren kann, wird geleugnet. Dass E-Autos, Cloud-Computer-Zentralen und Bitcoin-Minen den Stromverbrauch explodieren lassen, wird einfach ausgeblendet.

Wie reagiert die Bevölkerung? Sie leistet der Grünbewegung Gefolgschaft und demonstriert gegen den Klimawandel. Das meist am Freitag, da ist es am bequemsten. Die grünbewegten Bürger und Politiker nehmen eifrig an Tagungen teil, bei denen über die Veränderung des Klimas diskutiert wird und immer neue unrealistische Ziele für die Erreichung der Klimaneutralität formuliert werden. Aber kein Teilnehmer pflanzt einen Baum, um einen echten Beitrag zur Reduktion des CO2 zu leisten, genau wie die Regierungen keine Aufforstungsprogramme umsetzen und auch keine Dämme gegen die steigenden Meere bauen. Hauptsache, man protestiert gegen den Klimawandel, ein Verhalten wie das „Pfeifen gegen die Angst“, ein Verhalten, das dazu führt, dass die Demonstranten sich gut und edel dünken können.

An der Grünpolitik kann man ablesen, was geschieht, wenn eine neue Weltordnung ausgerufen wird. Es werden viele Parolen verkündet, unüberlegte Maßnahmen ergriffen und jede kritische Anmerkung als blasphemisch erstickt. Echte Verbesserungen werden allerdings nur bedingt erreicht, lieber wird diskutiert, werden lauthals Forderungen erhoben, werden „Andersgläubige“ zu Ketzern erklärt. Seit vierzig Jahren reiht sich eine Analyse an die andere, die dringend das Pflanzen von Bäumen zur Korrektur des Klimawandels empfiehl. Dennoch wird die Waldfläche der Erde kontinuierlich verringert. Da, ja genau da, müsste die Grünpolitik ansetzen, riesige Aufforstungsprogramme sind notwendig. Doch dabei macht man sich ja die Finger schmutzig, lieber diskutiert und demonstriert man.

So sieht eine „Neue Weltordnung“ aus.

                                                                            ***

Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.


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